3-D-Drucker und Co. Revolution der Nippesfiguren

3-D-Drucker, Lötkolben und Lasercutter: Mit ein paar Werkzeugen und dem Open-Source-Prinzip schicken sich sogenannte Maker an, die Welt zu verändern. Schaffen sie die nächste industrielle Revolution oder ist das Ganze nur ein Hype?

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Durchbruch mit 3-D-Druckern: Technik für Nischen
MakerBot Industries

Durchbruch mit 3-D-Druckern: Technik für Nischen


Hamburg - 3-D-Drucker sind ein seltsames Phänomen. Sie kehren die Digitalisierung der vergangenen Jahrzehnte um, wandeln eine Datei in ein physisches Objekt, machen aus Bits Atome. Wenn Hersteller von 3-D-Druckern zeigen wollen, was ihre Wundermaschinen können, dann zeigen sie allerdings viel Nippes: Figürchen, Vasen, Trillerpfeifen, Kämme. Und trotzdem sehen manche, wie der US-Starökonom Jeremy Rifkin, diese Geräte als Vorboten der nächsten industriellen Revolution.

Der Hype begann im vergangenen Jahr, als die Firma MakerBot ihren neuesten 3-D-Drucker vorstellte, den "Replicator 2". Dabei handelt es sich - wie bei allen diesen Geräten für den Hausgebrauch, im Grunde um eine geführte Heißklebepistole, die einen Plastikdraht erhitzt und in hauchdünnen Schichten zu einem Objekt wieder zusammenklebt. Erfinder Bre Pettis schaffte es auf Titelblätter großer Magazine und über den "Replicator 2" wurde auch in Massenmedien in einem Umfang berichtet, als handle es sich um das neueste Apple-Produkt. Prompt wurde die vor fünf Jahren gegründete Firma nach nur rund 20.000 verkauften 3-D-Druckern vom Branchenführer Stratasys übernommen - für stolze 400 Millionen Dollar.

Dabei nutzen Flugzeugbauer, Medizintechnikunternehmen, Autohersteller, Konsumgüterkonzerne und das Militär 3-D-Druck schon seit langem: So können sie Prototypen schneller und billiger produzieren, als mit herkömmlicher Technik. Jetzt aber gibt es brauchbare Geräte schon für weniger als 1500 Euro und die Qualität der Ausdrucke wird immer besser. Setzen sich die Geräte bei Privatleuten durch, könnte das ganze Branchen dramatisch verändern.

Einerseits müssten Firmen keine Teile mehr produzieren, auf Lager halten und verschicken, sondern sie könnten eine Datei ins Internet stellen - der Kunde druckt sich das Produkt dann selbst zu Hause aus.

Kostenloskultur gegen Profitorientierung

Andererseits droht neue Konkurrenz: Die Maker, wie sich die Tüftler nennen, entwickeln Baupläne und Software und stellen die Anleitungen kostenlos ins Internet. Open Hardware nennen sie es, wie Open Software. Die Idee: Alles kann verbessert werden, und je mehr Leute mitarbeiten und das Produkt nachbauen, desto besser wird es.

Ob sich mit dieser Herangehensweise Geld verdienen lässt, ist umstritten. Ausgerechnet MakerBot kehrte sich mit der Präsentation des "Replicator 2" von der Gemeinschaft ab, die geholfen hatte, die ersten 3-D-Drucker zu entwickeln. Die Baupläne der aktuellsten Geräte werden nicht mehr veröffentlicht. Mitgründer Zach Smith stieg aus und bezeichnete die Entscheidung als "ultimativen Vertrauensbruch".

Der frühere "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson dagegen sieht keinen Widerspruch zwischen offenen Systemen und Gewinnorientierung: Der Hersteller müsse seine Community ernst nehmen und an der Entwicklung beteiligen. Sie müssten also die Ingenieure, Programmierer, Designer oder interessierte Laien einbinden, die in ihrer Freizeit online bei der Entwicklung von Produkten mithelfen, schreibt Anderson in seinem Buch "Makers", denn deren Ratschläge führten immer zu besseren Produkten.

Anderson hält die wachsende Bewegung für fähig, die Wirtschaftswelt grundsätzlich zu verändern: Mit Hilfe von Maschinen wie 3-D-Druckern, Lasercuttern und CNC-Fräsen, die immer häufiger in Gemeinschaftswerkstätten wie FabLabs oder Hackerspaces stehen, kann grundsätzlich jeder zum Produzenten, zum Maker werden.

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Maker Faire in Hannover: 3-D-Drucker und Computerköche
Die deutsche Industrie ist aber vorsichtig. Unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" beschäftigt sich der IT-Branchenverband Bitkom mit dem Thema Internet und Vernetzung von Maschinen. "3-D-Drucker werden neue Märkte und neue Geschäftsmodelle erzeugen - die Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie darauf reagieren wollen", sagt Bitkom-Experte Wolfgang Dorst.

Die Technik werde aber nur Nischen besetzen und keine Industriebetriebe komplett überflüssig machen. Zudem halte die IT-Branche einen Trumpf im Ärmel, sagt Dorst: "Selbst wenn sich die Maker unabhängig machen von produzierenden Konzernen, brauchen sie immer noch Handelsplattformen, Server und Software-Anwendungen und diese stellen unsere Mitgliedsfirmen bereit."

Auch Wolfgang Wopperer glaubt nicht daran, dass Maker die nächste Revolution anführen. Wopperer ist Gründer des Hamburger Betahauses, einer Art Gemeinschaftsbüro auf Zeit. Er ist wochenlang durch die Welt gereist, um sich FabLabs und andere Makerspaces anzusehen.

Geräte wie der 3-D-Drucker veränderten Produktionsstrukturen, machten Fabriken und sogar hierarchische Strukturen überflüssig, sagt Wopperer. Das Problem seien die Produkte: Es seien vor allem Accessoires, die die Maker herstellten und verkauften, "für eine Revolution reicht das nicht".

Die Skepsis also überwiegt, auch wenn der Ex-Chefredakteur von "Wired", Chris Anderson, schon eine neue Wirtschaftsordnung sieht, in der viele kleine unabhängige Unternehmen den Konzernen Konkurrenz machen.

Es wäre leichter, Anderson als Phantasten abzutun, hätte er nicht selbst 2009 die Drohnenfirma 3D-Robotics gegründet: Bei der Entwicklung der Fluggefährte half die Netzgemeinde, die Software ist Open Source, jeder darf sie nutzen und verändern. Gewinne erzielte das Unternehmen trotzdem - schon vom ersten Jahr an.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
wschwarz 07.08.2013
1.
Zitat von sysopMakerBot Industries 3D-Drucker, Lötkolben und Lasercutter: Mit ein paar Werkzeugen und dem Open-Source-Prinzip schicken sich sogenannte Maker an, die Welt zu verändern. Schaffen sie die nächste industrielle Revolution oder ist das ganze nur ein Hype? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/3d-drucker-und-co-industrielle-revolution-oder-hype-a-914937.html
Wenn das Problem der Rohstoff-und Energieverknappung-und Verteuerung gelöst ist, werden diese Drucker erfolgreich werden.
fiutare 07.08.2013
2.
Zitat von sysopMakerBot Industries 3D-Drucker, Lötkolben und Lasercutter: Mit ein paar Werkzeugen und dem Open-Source-Prinzip schicken sich sogenannte Maker an, die Welt zu verändern. Schaffen sie die nächste industrielle Revolution oder ist das ganze nur ein Hype? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/3d-drucker-und-co-industrielle-revolution-oder-hype-a-914937.html
Es ist ein Hype. Aber ein lustiger.
wollexxxx 07.08.2013
3.
Zitat von sysopMakerBot Industries 3D-Drucker, Lötkolben und Lasercutter: Mit ein paar Werkzeugen und dem Open-Source-Prinzip schicken sich sogenannte Maker an, die Welt zu verändern. Schaffen sie die nächste industrielle Revolution oder ist das ganze nur ein Hype? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/3d-drucker-und-co-industrielle-revolution-oder-hype-a-914937.html
und noch mehr Plastikmüll auf dieser Welt. Bitte bitte nicht !!!
wschwarz 07.08.2013
4. omnipotent
Aber die Energiekosten. Sind die bei hochfliegenden Träumen unwichtig?
plagiatejäger 07.08.2013
5. Material-Problem
So toll und zukunftsfähig 3D-Drucker sein werden, nicht jedes Material kann damit "gedruck" werden. Viele unserer Weich- und Hartkunststoffe, oder gar Naturkautschuk, können garnicht gedruckt werden. Manchmal braucht man bei Metallen eine Legierung, um eine bestimmte Materialbeschaffenheit zu erreichen. Form ist eine Sache, Funktion bzw. Materialeigenschaften eine andere. Oder kann man einen Automotor so einfach "drucken"? Naja, vielleicht fängt man einmal mit einfacheren Plastikmotoren an, die die Verbrennungstemperatur überstehen...
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