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19.08.2010
 

Debatte um Internet-Tod

Die Matrix des Kapitalismus

Ein Essay von Stefan Schultz

Szene aus "The Matrix": Ist das Web, wie wir es kennen, dem Tode geweiht?Zur Großansicht
Warner Bros. / ddp images

Szene aus "The Matrix": Ist das Web, wie wir es kennen, dem Tode geweiht?

Das Internet-Zentralorgan "Wired" erklärt das offene Netz für tot - und definiert Kapitalismus als eine Art Naturgesetz, das jede Infrastruktur unweigerlich in eine Matrix zwängt. Doch frisst die Wirtschaft wirklich das Web? Oder demokratisiert das Web die Wirtschaft?

In der Debatte über die Zukunft des Internets gibt es zwei konkurrierende Denkschulen: auf der einen Seite die der Freiheit, auf der anderen die des Kapitalismus. Die Verfechter der Freiheit kämpfen für etwas. Für die Offenheit des World Wide Web. Für die bedingungslose Gleichberechtigung aller Angebote und Informationen. Für die Selbstbestimmung des Individuums. Sie kämpfen dafür, dass wir uns nach vorne lehnen, Informationen suchen, Neues entdecken und selbst Neues erschaffen. Das Symbol der Freiheit ist der Browser, ein einzelnes Programm, mit dem wir - teils unbequem, aber kostenlos - durch die offene Weite des Cyberspace gleiten.

Die Verfechter des Kapitalismus kämpfen um etwas. Um die Kontrolle über das World Wide Web. Um die Hierarchisierung der Angebote und Informationen, darum, dass ihre eigenen Produkte denen der Konkurrenz preislich oder qualitativ überlegen sind. Um Macht über die Aufmerksamkeit des Individuums. Sie kämpfen darum, dass wir uns zurücklehnen, Antworten erhalten, Neues empfohlen bekommen. Darum, dass wir konsumieren. Das Symbol des Kapitalismus sind die Apps, Millionen Mini-Programme, mit denen wir uns - bequem, aber teils gegen Geld - in geschlossene, genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Mini-Räume teleportieren.

Der Streit dieser beiden Denkschulen hat in dieser Woche einen neuen Höhepunkt erreicht, durch einen Artikel in der Zeitschrift "Wired". Geschrieben haben ihn der Autor Michael Wolff und Chris Anderson, der Chefredakteur des zentralen Nerd-Organs persönlich. Titel der Geschichte: "Das Web ist tot. Lang lebe das Internet!" Zentrale These: Die Apps werden den Browser ablösen, der Kapitalismus die Freiheit besiegen.

Kapitalismus als Naturgesetz

Die Autoren setzen mit ihrem Text unfraglich auf einen Knalleffekt. Denn sie nehmen in der Internet-Zukunftsdebatte die Gegenposition ein. Viele Experten glauben derzeit eher, dass Apps ein Übergangsphänomen sind - und der offene Browser sich auch auf neuen, mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablet-PC letztlich durchsetzt. Es wäre nicht das erste Mal, dass "Wired" mit seinen Internet-Prophezeiungen zwar für Aufregung sorgt, letztlich aber danebenliegt.

Bemerkenswert ist der Text trotzdem, denn er hat einen Kern, über den es sich nachzudenken lohnt. Die Autoren definieren Kapitalismus als eine Art Naturgesetz, als universale Kraft, die unweigerlich all unsere Lebensbereiche durchdringt. "Wired" entwirft eine Welt, in der Finanzfürsten und Konzernbosse über jede offene Infrastruktur letztlich die Kontrolle übernehmen. Über Autobahnen, Stromleitungen, das Internet.

"Wired" entwirft eine Art Matrix des Kapitalismus, die alles durchdringt, alles kontrolliert, die unser Seelenleben kolonisiert. Manches in dem Text erinnert stark an den Cyberpunkfilm "The Matrix" aus dem Jahr 1999. So benutzt "Wired" dieselben Reizwörter, die auch "The Matrix" verwendet, Wörter wie choice (Wahl), inevitable (unvermeidlich) und wake up (aufwachen).

Sowohl "Wired" als auch "The Matrix" bedienen sich aus dem Gedankengut von Theodor Adorno, genauer gesagt aus dessen Konzept der Kulturindustrie und seinen Überlegungen zur Rolle des Fernsehens. Der Fernseher wird in Adornos Überlegungen zum Machtzentrum eines alles durchdringenden Mediendispositivs. Aus seinem Monitor heraus reicht uns die Kulturindustrie ihre Produkte mit dem Löffel, eingeteilt in kleine, wohlgeformte Portionen, die so leicht verdaulich sind, dass wir sie kritiklos herunterschlucken und uns der Kontrolle der Kulturindustrie gern unterwerfen.

Erobert die Kulturindustrie nach dem Fernsehen jetzt auch das Web?

"The Matrix" stellt Adornos Löffel bildlich dar. Im ersten Teil der Trilogie gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur Neo (Keanu Reeves) einen Jungen trifft, der mit Gedankenkraft Löffel verbiegen kann. Dieser sagt: "Versuche nicht, den Löffel zu verbiegen. Das ist unmöglich. Versuche nur, die Wahrheit zu begreifen. Es gibt keinen Löffel. Dann wirst du begreifen, dass es nicht der Löffel ist, der sich biegt, sondern du selbst."

Die "Wired"-Autoren glauben offenbar, dass die Kulturindustrie nach dem Fernsehen nun auch das Web erobert - egal über welche Geräte wir darauf zugreifen.

Auf mobilen Geräten wie Smartphones und Tablet-PC ist es bequemer, Apps zu benutzen. Wir befinden uns daher größtenteils in engen, abgeschotteten Räumen und nicht mehr im offenen Web. Wir lassen uns Informationen in leicht verdaulichen Häppchen servieren, lassen uns mit dem Löffel füttern, anstatt selbst aktiv zu werden und etwas in unsere Browser einzutippen. Kontrolliert wird dieses Konstrukt von Konzernen wie Apple, die bestimmen, welche Apps man kaufen kann und welche nicht. Und von Unternehmen wie Amazon, die Bücher von Lesegeräten löschen, obwohl Kunden sie längst gekauft und bezahlt haben.

Auch auf stationären Geräten (PC) oder nomadischen Geräten (Laptop, Netbook) regiert laut den "Wired"-Autoren mehr und mehr die Kulturindustrie. Auf diesen Geräten verbringen wir ebenfalls mehr und mehr Zeit in geschlossenen Bereichen: in Online-Spielen wie "World of Warcraft" oder in sozialen Netzwerken wie Facebook. In diesen sind wir zwar selbst aktiv, doch gleichzeitig werden wir beherrscht - von "nach Macht strebenden Größenwahnsinnigen" wie Facebook-Chef Marc Zuckerberg.

Konsumenten, die ihre Freiheit gerne opfern

"All das war unvermeidlich", schreibt Anderson. Denn die Kräfte des Kapitalismus wirkten von zwei Seiten auf das Internet ein: Unternehmen wünschten sich Unfreiheit und Hierarchisierung. Und der Konsument selbst sei nur allzu gern bereit, seine persönliche Freiheit der Bequemlichkeit zu opfern.

Richtig ist, dass das offene Internet mehreren Industrien die Geschäftsgrundlage entzieht. Diese Industrien begrüßen geschlossene Räume. Die Werbeindustrie glaubt, ihre Zielgruppen auf Facebook besser zu greifen zu bekommen. Die Medien erhoffen sich über Apps einen Einnahmenschub für ihre Produkte. Und Apple verdient an jedem verkauften Mini-Programm mit.

Mehrere Branchen versuchen also aus geschäftlichen Motiven heraus, das freie Internet zu kontrollieren. Die Frage ist, ob die Web-Gemeinde mitzieht. Oder ob das Internet die erste Infrastruktur sein wird, bei der die Kräfte des Kapitalismus sich nur bedingt durchsetzen.

Kaum vorstellbar, dass Nutzer nur noch empfangen

Bislang haben sich im Web offene Systeme durchgesetzt. In den neunziger Jahren hatten geschlossene Portale wie AOL gegen Suchmaschinen wie Google keine Chance. Der an einen einzigen Computer gefesselte Desktop wird zusehends durch den geräteunabhängigen Browser ersetzt, über den immer mehr Nutzer persönliche Daten wie Bilder, Songs oder Texte, Textbearbeitungsprogramme oder Tabellenkalkulationen aufrufen.

Auch jetzt, in der "App Economy", kann man es sich kaum vorstellen, dass sich Nutzer künftig nur noch übers iPad von der Kulturindustrie berieseln lassen, dass sie nur noch empfangen, statt selbst zu suchen und zu senden.

Jenseits der Apps ist das Web ebenfalls etwas demokratischer, als Anderson und Wolff es darstellen. Internet-Größen wie Facebook-Chef Marc Zuckerberg verfügen zwar über ein Cyber-Königreich, in dem sich mehr Menschen tummeln, als die USA Einwohner haben. Von einer Willkürherrschaft aber sind solche Räume noch ein Stück entfernt. Zwar ändert König Zuckerberg bisweilen von heute auf morgen die Geschäftsbedingungen - doch schon mehrfach hat er sich dem Willen seiner Nutzer beugen müssen und bestimmte Änderungen nach Protesten revidiert.

Deshalb stellt sich umgekehrt noch eine andere Frage: Demokratisiert vielleicht das Web den Kapitalismus? Schließlich definieren die sozialen Medien das Verhältnis zwischen Kunden und Unternehmen neu. Der klassische top-down-Ansatz wird zusehends durch Zuhören ersetzt. Statt dem Kunden vorzuschreiben, was er gut zu finden hat, treten Unternehmen mit ihren Zielgruppen in den Dialog. Oder sie organisieren über das Internet Gruppen, die einzelne Produkte vorab testen und an Freunde weiterempfehlen können.

All das hilft, auf Kundenbedürfnisse besser einzugehen. Unternehmen, die dabei mitmachen, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil. Ganz nebenbei verändert sich dadurch die Definition von Marken. Die Marke wird zu einer Art Allgemeingut, zu etwas, das jeder mitformt und das Unternehmen nur verwalten.

Versagt also die Matrix des Kapitalismus im Internet? Das steht noch nicht fest. Eines ist aber klar: Sie muss sich dem freien Web anpassen.

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21.08.2010 von LegionDiscordia: ...

@May "(...)Autonomie des Willens setzt die Freiheit, die Selbständigkeit des Menschen voraus; denn wer abhängig, zumal ökonomisch abhängig ist, ist nicht frei." -Prof. Karl Albrecht Schachtschneider- Für den [...] mehr...

21.08.2010 von May: Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!

So, nun muss auch ich etwas verspätet meinen Senf dazu geben. Ich muss zugeben den Wired Artikel nicht gelesen zu haben, darum beziehe ich mich ausschließlich auf den SpOn Artikel und der ist leider von Grund auf daneben, denn er [...] mehr...

21.08.2010 von dreamtimer: Diskursanimation

---Zitat--- Ich glaube deshalb nicht, dass die Redaktion des SPON oder Wired von Gewissensbissen geplagt ist. Vielmehr glaube ich, dass solche Antithesen bewusst aus der Sicht des advocatus diaboli formuliert werden, um den [...] mehr...

21.08.2010 von bibpus: Äpfel mit Birnen

Also ich habe wirklich selten einen so dämlichen Artikel hier bei Spiegel gelesen! Seit wann ist denn der Browser das Tor zur Freiheit und Weisheit??? Wie kann man denn Apps mit dem Browser vergleichen? Soll ich z.B. meine Fotos [...] mehr...

21.08.2010 von alphaniner: .

Weil sie nie die Chance dazu bekamen oder dies immer Machtverlust für die Herrscher bedeutet. Da gibts nix zu streiten. Das Internet ist Feiheit und diese braucht keine Regeln, bzw. schafft diese durch common sense selbst. [...] mehr...

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Zur Person

Chris Anderson schrieb für den „Economist“, „Nature“ und „Science“, bevor er 2001 Chefredakteur von „Wired“ wurde. Das 1993 gegründete Internet-Magazin hatte mit dem Zusammenbruch der New Economy an Bedeutung verloren. Anderson entwickelte es zum Kultblatt für Hightech weiter und steigerte die Auflage um 32 Prozent auf über 700.000 Hefte.

Doch die in den USA tobende Pressekrise, die selbst die „New York Times“ in die roten Zahlen stürzte, erwischte auch „Wired“: Mit Anzeigenverlusten von 40 Prozent ist das Blatt härter getroffen als die meisten anderen US-Monatsmagazine. Dennoch gilt Anderson seit seinem Bestseller „The Long Tail“ als eine Art Guru der neuen Medien – und professioneller Provokateur. In seinem neuen Buch „Free“ fordert er, Inhalte im Web grundsätzlich zu verschenken – sein eigenes Buch allerdings kostet etwa bei Amazon 26,99 Dollar. Für seine Vortragsauftritte muss man angeblich bis zu 50.000 Dollar zahlen.

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