Riskante belgische Reaktoren In der Region Aachen werden Jodtabletten wegen Atomangst verteilt

Die Angst vor einer Atomwolke ist rund um Aachen groß. Experten zweifeln an der Sicherheit belgischer Atommeiler bei einem Störfall. Die Behörden im Grenzgebiet haben nun reagiert.

Kernkraftwerk in Tihange
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Kernkraftwerk in Tihange


Nur knapp 70 Kilometer liegen zwischen Aachen und dem wegen Sicherheitsbedenken umstrittenen belgischen Kernkraftwerk Tihange: Seit Langem herrscht an der Grenze Angst vor einem Atomunfall. Auf deutscher Seite haben die Behörden deshalb nun reagiert - und beginnen diese Woche vorsorglich mit der Verteilung von Jodtabletten. Mit ihnen soll verhindert werden, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Eine Maßnahme, die bisher bundesweit nur in Ausnahmefällen und in sehr begrenzten Bereichen zugelassen wurde.

Wegen der Nähe zum umstrittenen Kernkraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung bereits vor einem etwaigen Unfall mit den Tabletten zu versorgen. Ende 2015 hatten die Aachener Behörden zudem bereits eine atomare Verseuchung in einer Notfallübung durchgespielt. "Die Ausgabe dieser Tabletten ist eine reine Vorsichtsmaßnahme", heißt es in einer Broschüre der Behörden. Politik und Verwaltung halten sie dennoch für nötig.

"Je nachdem wie das genaue Szenario aussieht, haben wir ganz große Zweifel, dass wir es schaffen, Jodtabletten rechtzeitig zu verteilen", sagte Markus Kremer, der in Aachen für die Verteilung zuständig ist. Sofort müssten sie über die ganze Stadt verteilt und an fußläufig zu erreichenden Punkten Ausgabestellen eingerichtet werden, "und das in einer Zeit, wo nicht nur geringe Unruhe entsteht", sagte er zu der Herausforderung.

Alle Menschen bis zu 45 Jahren, Schwangere und Stillende in der Region haben ein Anrecht auf die kostenlosen Tabletten, die Schilddrüsenkrebs verhindern sollen. Sie können Bezugsscheine im Internet beantragen, die sie in beteiligten Apotheken einlösen. Die Behörden rechnen damit, dass mehr als jeder Dritte das Angebot wahrnimmt. Es gebe eine hohe Sensibilität.

In anderen Gegenden des Bundesgebiets werden die Tabletten zentral gelagert - und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass die Tabletten zu früh eingenommen werden und nicht wirken.

Die Aachener Familie Vitr hat sich bereits mit den Tabletten eingedeckt. Die Eltern Mirco und Anika tragen die Tabletten immer im Portemonnaie bei sich - auch für ihre fünf und zwei Jahre alten Kinder. Sie sollen nur nach einer entsprechenden Information der Behörden eingenommen werden.

Auch sonst ist die Sorge vor einem Atomunfall bei Familie Vitr groß: "Man hat eine Immobilie, zahlt ab. Was ist, wenn man alles verlassen muss?" fragt sich Mirco Vitr. Der 38-Jährige erinnert sich an seine Kindheit, als er nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht mehr im Sandkasten seines Onkels spielen durfte. Auch im Bekanntenkreis sei ein drohender Atomunfall Thema. Ende Juni hatten rund 50.000 Menschen mit einer knapp 90 Kilometer langen Menschenkette für die Abschaltung von Tihange und dem ebenfalls nahegelegenen Doel 3 bei Antwerpen demonstriert.

In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten
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In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten

Durch die Verteilung der Tabletten ändert sich laut dem Heidelberger Psychologen Joachim Funke auch das Empfinden der Menschen: "Mit der Verteilung von Jodtabletten erhöht sich die Risikowahrnehmung, weil die Behörden ja offensichtlich den Eindruck haben, dass sie ihre Strategie ändern müssen."

Je nach Typ reagierten Menschen ganz unterschiedlich auf die Situation: Die einen würden mehr grübeln, die anderen meinten, sie hätten mit den Jodtabletten alles unter Kontrolle. "Aber das ist nur eine Scheinkontrolle. Denn mit den Jodtabletten habe ich ja nicht wirklich Kontrolle über das Geschehene", sagt Funke.

apr/dpa



insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
freekmason 31.08.2017
1.
tihange ist völlig sicher. wenn er ausnahmsweise mal laufen kann, gibt es ja quasi wöchentlich einen störfall und es ist noch nie was passiert. q.e.d.
J. Hotzenplotz 31.08.2017
2. Lächerlich...
...als wenn Schilddrüsenkrebs das einzige Übel wäre... Reine Geldverschwendung. Bis zu Abschaltung gibt es nur zwei Alternativen: abwarten & Tee trinken oder wegziehen, alles andere ist Augenwischerei...
merlin 2 31.08.2017
3. Placebo!
Super oder doch nicht? Eher nicht. Die Behörden haben offensichtlich vor dem Problem kapituliert und verteilen jetzt als Beruhigungsmaßnahme Jodtabletten. Wenn das Ding auf belgischer Seite hochgeht, dann kann man halb NRW abschreiben inkl. der dortigen Industrie etc. Diese Kosten müßte man mal mit einrechnen und dann würde sich eine subventionierte Stilllegung ganz fix rechnen. Aber nein, wir glauben lieber der Statistik, die auch Fukushima sicher ausgeschlossen hatte und vertrauen weiter der belgischen Armseligkeit. Eine Region mit Perspektive ...
AndyH 31.08.2017
4. Das ist kein Vorsorge
Das ist schlicht verbreiten von sinnlosen Ängsten mit bösen propagandistischen Hintergedanken. Längst ist bekannt, dass Jodüberschuss schädlich ist. Jod essen wir heute schon zu viel durch jodiertes Salz oder Meersalz. Die Tabletten sind hochgefährlich in Hand von Laien und verängstige Menschen. Die Verteilung könnte sogar als fahrlässige Körperverletzung gelten. Längst und ausreichehnd bekannt!! http://www.t-online.de/leben/id_45005740/jodtabletten-bloss-keine-jodtabletten-einnehmen.html http://www.onmeda.de/naehrstoffe/jod-ueberdosierung-und-vergiftung-2280-7.html Wenn durch das ständige (grundlose) Angstmacherei der Anti-Atom Fraktion Menschen die Tabletten "prophylaktisch" schlucken, wird genau das Gegenteil erreicht was beabsichtigt werden sollte. Kernkraftwerke sind mehr als hinreichend sicher, das haben die letzten 60 Jahren bewiesen. Mehr Wissen und physikalisch - chemische Kenntnisse sind dringender notwendig als Gift in der Hausapotheke.
stollm 31.08.2017
5. Was ist wenn man alles verlassen muss?
Man bezieht mit millionen anderen Betroffenen eine Massenunterkunft in einem nicht verseuchten Landesteil. Die Schulden für eine unbewohnbare Wohnung bleiben. Der Arbeitsplatz ist weg. Das Einkommen auch. Man weiß nicht wann man wieder zurückkann. Die Kinder gehen in fremde Schulen die auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitet sind. Kurzum: Das Leben ist vorbei, das vegetieren beginnt. Ich begreifen nicht warum die Bevölkerung diese Werke nicht stürmen und dem Spuk ein Ende setzen. Die Verantwortungslosigkeit der Wirtschaftsmanager und Politiker hat Ihre Ursache in der persönliche Folgenlosigkeit für ihre Handlungsweise . Im Ernstfall kommen die nicht mal ins Gefängnis
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