Abgasdebatte Warum VW-Chef Diess kein Recht hat zu jammern - obwohl er recht hat

Mit flammenden Worten hat Volkswagen-Boss Herbert Diess die zunehmende Autoskepsis in Deutschland beklagt. In einigen Punkten hat er sogar recht - den Anteil der Branche an der Misere verschweigt er jedoch.

Volkswagen-Chef Herbert Diess
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Volkswagen-Chef Herbert Diess

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Wer erfahren möchte, wie es um die Autoindustrie in Deutschland steht, sollte den Gesprächen an den Stammtischen oder in den Kaffeeküchen lauschen. Es ist noch gar nicht lange her, dass man nur andeuten musste, man denke über den Kauf eines neuen Autos nach, um intensive Diskussionen über diese und jene technische Raffinesse auszulösen.

Heute schwingt immer seltener Stolz im Unterton mit, wenn man die Wahl für den stärkeren Motor oder die nächstgrößere Wagenklasse erwähnt. "Der Verbrauch ist viel niedriger!" lautet vielmehr ein gängiges Argument. Und es klingt fast wie eine Entschuldigung. Keine Frage: Das Image des Autos in der Gesellschaft hat sich gewandelt.

Wie schmerzhaft die Entwicklung in den Chefetagen der Autokonzerne wahrgenommen wird, lässt sich an der Rede von VW-Chef Herbert Diess auf der Internationalen Zuliefererbörse am Dienstag in Wolfsburg erkennen. "Der Feldzug gegen die individuelle Mobilität und damit gegen das Auto nimmt existenzbedrohende Ausmaße an", schimpfte der Manager - um dann ins Drohen zu verfallen.

"Wer sich ehemalige Autohochburgen wie Detroit (GM, Ford, Chrysler) Oxford-Cowley (Mini) oder Turin (Fiat) anschaut, der weiß, was mit Städten passiert, in denen einst starke Konzerne und Leitindustrien schwächeln", sagte Diess. Vor ein paar Tagen hatte er bereits gewarnt, hunderttausend deutsche Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel.

Die Wutrede von Diess ist bemerkenswert. Szenarien vom drohenden Zusammenbruch gehören normalerweise nicht zum Repertoire des als nüchtern und abgeklärt geltenden Managers.

Diess hat in einigen Punkten durchaus recht: Der Strukturwandel, der der Branche mit der Hinwendung zum Elektroantrieb bevorsteht, birgt für sich genommen schon so viele Unsicherheiten und Verwerfungen, dass kaum Raum bleibt für andere Probleme.

Und er dürfte kaum zu schaffen sein, wenn das Geld für die notwendige Entwicklungsarbeit fehlt - die im Übrigen weit über das einzelne Auto hinausreicht. Als Stichworte wären hier die Batterien, die Stromversorgung und die Ladeinfrastruktur zu nennen.

Das Geld für solche Neuerungen muss in den nächsten Jahren noch mit den Autos verdient werden, die mit herkömmlichen Benzin- und Dieselantrieben unterwegs sind. Außerdem braucht es Zeit, bis ein System aufgebaut ist, das den hohen Ansprüchen unserer auf Mobilität ausgerichteten Gesellschaft genügt.

Strenge Grenzwerte

Nun hat eben diese Gesellschaft aber eine Ungeduld entwickelt, die die Industrie zur Verzweiflung bringt. Zwischen 2021 und 2030, so haben es die Umweltminister der EU bestimmt, soll der Kohlendioxidausstoß von Autos noch einmal um 35 Prozent gesenkt werden. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze macht keinen Hehl daraus, dass sie sogar noch strengeren Grenzwerten zugestimmt hätte.

Hinzu kommt die Sache mit dem Stickoxid, das seit der Aufdeckung des Dieselskandals durch US-Umweltschützer als Bedrohung in ganz neuer Dimension wahrgenommen wird. Und obwohl die NO2-Belastung seit 1995 stetig abgenommen hat (siehe Grafik) dürfen Umweltaktivisten Dieselfahrer als "Giftgasmörder" bezeichnen, ohne dass sich groß öffentlicher Widerspruch regt.

Stickoxide 1990 - 2015 UBA
Umweltbundesamt

Stickoxide 1990 - 2015 UBA

Eine nüchterne, an der Sachlage orientierte Diskussion über das Thema ist längst nicht mehr möglich, das zeigt auch die Debatte über Nachrüstung von älteren Dieselfahrzeugen auf Kosten der Autoindustrie und über Umtauschprämien als Anreiz für die Anschaffung von Fahrzeugen mit der neuesten Technik.

Dass die älteren Euro-5-Autos regulär zugelassen sind, spielt in der öffentlichen Debatte keine Rolle. Ebenso wenig das Argument, dass man die alten Autos wohl durchaus noch aufbrauchen könnte, wenn genügend moderne Diesel für die entsprechende Absenkung des NO2-Gesamtausstoßes sorgen würden.

Der schlechte Ruf der Dieselfahrzeuge ist aber noch aus einem weiteren Grund problematisch. Ohne den sparsamen, aber NO2-emittierenden Selbstzünder lässt sich das neue CO2-Ziel erst recht nicht erreichen. Es sei denn, den Herstellern würde es gelingen, bald ein Drittel ihrer Flotte mit Elektromotoren auszuliefern - was utopisch erscheint.

Skandale machen unglaubwürdig

Dabei würde auch das das CO2-Problem - auch in diesem Punkt hat Diess recht - immer noch nicht lösen. Ein hoher E-Fahrzeug-Anteil würde die Umweltbilanz zunächst eher verschlechtern, weil Strom derzeit noch zu wesentlichen Teilen aus Kohle erzeugt wird. Erst wenn der Anteil der erneuerbaren Energien weiter steigt, werden E-Autos sauberer.

Dass Diess und seine Kollegen mit solchen Argumenten nicht durchdringen, können sie nicht den Autokritikern anlasten. Denn es sind die Autohersteller, die Schuld an dem Imageverlust tragen, allen voran Volkswagen. Sie haben sich selbst unglaubwürdig gemacht - durch Betrug und Manipulation bei der Abgasreinigung, durch gemeinsame Verabredungen, dass niemand mit besonders sauberen Autos vorprescht, durch Hinhaltetaktik bei der Aufklärung der ganzen Vorgänge und durch die knickrige Behandlung vieler Opfer der Dieselaffäre.

Und die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Erst am Montag durchsuchten Ermittler die Büros und Entwicklungsabteilungen von Opel wegen des Verdachts auf Abgasmanipulation bei 95.000 Autos. Verschiedene Staatsanwaltschaften ermitteln noch immer gegen Daimler, VW, Porsche, Audi und BMW.

Eine Branche, die in so großer Zahl schlechte Schlagzeilen macht, darf sich nicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft eher als Bedrohung wahrgenommen wird, denn als Wohlstandsbewahrer.

Und die Konzernmanager dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Argumente regelmäßig als Lügen gebrandmarkt werden, obwohl sich eine Auseinandersetzung mit ihnen durchaus lohnen würde.

insgesamt 271 Beiträge
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GoranBaranac 17.10.2018
1. SPON-Kommentar mal ohne Moralkeule?
Ich musste zweimal lesen: ja, tatsächlich. Nur die kleine Bissigkeit mit den Giftgas-Mördern, die konnte man sich wohl nicht verkneifen. Wobei es hier leicht gewesen wäre darauf zu verzichten: die anhängende Grafik zeigt ja anschaulich wie sauber die Fahrzeuge seit über 20 Jahren geworden sind (und man - nebenbei festgestellt - auch 1995 keine Stickoxidtoten neben den Straßen auflesen musste, also scheint Giftgas-Mörder doch arg polemisch). Ansonsten ein guter Kommentar.
siryanow 17.10.2018
2. Vauuu ...wehhh...
Wenn dieser Diess in seiner Wutrede die Schuld der Krise der Autoindustrie an dem Trend zum sauberen Auto sieht, heißt dass nichts anderes als dass er weiterhin auf Profit durch dreckige Autos setzt. Welch Arroganz, solche Leute gehören samt ihren korrupten Helfern in der Politik zum Teufel.
swarf 17.10.2018
3. An wen möchte Herr Diess denn nach 2030 noch seine Autos verkaufen?
Vielleicht an die Amerikaner, die nicht daran glauben, dass der Mensch einen Anteil zur Klimaveränderung beiträgt. Allerdings hat Amerika dann die Grenzen für ausländische Produkte hochgezogen. Norwegen, Schweden, Dänemark, ... wer weß denn schon, wer noch alles Verbrenner bis dahin verbietet. Fakt ist doch auch, dass es sich die Automobilindustrie zu einfach gemacht hat. Es gab immer mal wieder halbherzige Versuche, Alternativen zu entwickeln. Aber anstatt selbst Innovationsträger zu sein, haben sie sich die Butter von Tesla vom Brot nehmen lassen. Es gab auch mal Batterieforschung in D. Jetzt sich auf einmal alle aufgeschreckt. Und komisch finde ich, dass es im hochpreisigen Segment doch e-Autos gibt. Nur nicht für den Massenmarkt normale, bezahlbare Modelle.
fue#rth 17.10.2018
4. herr diess ein bischen mehr demut
wäre angesagt. ihr Konzern hat weltweit Hunderttausende Kunden regelrecht beschissen. Wenn jwtzt 100.000tsd Arbeitsplätze in Gefahr sind, dann haben Sie das zu verantworten. bauen Sie Autos die nur 80mg meditieren und dann brauchen sie auch keine e-auto fürchten.
mickymesser 17.10.2018
5. Inzwischen
traut man sich nicht einmal mehr ein Audi oder VW zu kaufen auch wenn das Angebot gut ist. Mann muss sich ständig rechtfertigen warum man ausgerechnet ein Fahrzeug von diesen Betrügerfirmen kauft und ob man gar keine Moral hat.
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