Dieselaffäre und Kartellvorwürfe Audi-Chef Stadler droht schnellerer Jobverlust

Kartellvorwürfe könnten Firmenchef Rupert Stadler noch früher als gedacht den Job kosten. Werden die Absprachen bewiesen, sehen Aufsichtsräte seinen sofortigen Abgang. Verhandlungen für seine Nachfolge laufen.

Audis Chefaufseher und VW-Chef Matthias Müller (links) und Audi-Chef Rupert Stadler
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Audis Chefaufseher und VW-Chef Matthias Müller (links) und Audi-Chef Rupert Stadler

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Rupert Stadler besitzt ein Gespür für den falschen Moment. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Zeit der neue Luxus ist", formulierte der Audi-Chef vor zwei Wochen im Style-Magazin "GQ Gentlemen's Quarterly" - während die Volkswagen-Tochter durch den Dieselskandal mit der größten Krise ihrer Firmengeschichte ringt. Die neuen Enthüllungen über geheime Absprachen von Audi mit anderen Autokonzernen dürften Stadler bald mehr Zeit verschaffen, als ihm lieb ist. Audi-Aufsichtsräte sehen Stadlers sofortigen Abgang, sobald die Beweise ihnen vorliegen. Mit potenziellen Nachfolgern wird nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen bereits verhandelt.

Der Zorn der Kontrolleure ist groß. "Das Thema bekommt jetzt eine ganz andere Dimension. Da kann sich der Vorstand nicht mehr mit Nichtwissen herauslavieren, wenn sich Kartellvorwürfe bestätigen", sagt ein Aufseher. Ein anderer zürnt: "Verdichten sich die Hinweise auf ein Kartell, ist Stadler per sofort nicht mehr zu halten. Dann muss er gleich an die Luft gesetzt werden."

Die Tage des 54-Jährigen sind gezählt, das ist klar. Ursprünglich sollte Stadler aus Sicht der Kontrolleure noch so lange bleiben, dass er den durch manipulierte Diesel-Modelle entfachten Sturm abfängt und ein Nachfolger unbeschadet an den Start gehen kann. Die Kritik am Umgang des Audi-Chefs mit der Dieselkrise und zugleich am Rückstand des Herstellers zur Konkurrenz haben aber dazu geführt, dass Aufseher einen schnelleren Abgang Stadlers wollen - angesichts der Kartellvorwürfe umso mehr. (Lesen Sie hier, gegen welche deutschen Autokonzerne bereits ermittelt wird.)

Verhandlungen mit Ex-Opel-Chef Neumann

Gespräche mit potenziellen Nachfolgern sind nach Informationen aus Konzernkreisen bereits angelaufen. Unter Managern heißt es, VW habe schon im Frühjahr mit dem im Juni als Opel-Chef zurückgetretenen früheren VW-Manager Karl-Thomas Neumann Verhandlungen über ein neues Amt im Wolfsburger Konzern aufgenommen.

Neumann wäre ein Wunschkandidat auch von Audi-Aufsehern. Er hat sich aus Sicht von Konzernkennern bei Opel in einer heiklen Zeit und im schwierigen Zusammenspiel mit der Konzernmutter General Motors gut geschlagen. Neumann sei nah bei den Menschen, ein kenntnisreicher und zugleich taktisch geschickter Manager, sagt ein Audi-Kontrolleur. Zudem steht Neumann für eine in der jetzigen Zeit in der Autoindustrie besonders wichtige Eigenschaft: Er zeigt Haltung.

Die Führung von Audi wäre für Neumann sehr attraktiv, sagt ein sehr guter Kenner des Managers. Er müsste sich dann allerdings auch erneut im stets schwierigen Gerangel der VW-Konzernmarken behaupten.

Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann
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Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann

Gerade das könnte ihn als Kandidaten für die Stadler-Nachfolge schwächen: In seiner Zeit als China-Chef von VW hatte er vor Jahren nicht in das enge Geflecht der Wolfsburger Manager eindringen können. Auf dem verminten Terrain war er an den Widerständen im Konzern gescheitert und hatte VW daraufhin verlassen. Noch immer hat Neumann einige Widersacher im Konzern. Gerade das könnte ihm den Weg zu Audi nun versperren.

Es werde auch noch mit dem Gedanken gespielt, ob der frühere Skoda-Chef Winfried Vahland Audis Führung übernehmen sollte, berichten Insider. Der bei VW hoch angesehene Manager hatte vor zwei Jahren hingeschmissen, weil er nach Nordamerika versetzt werden sollte. Das hatte Vahland nicht gepasst. Ob Vahland als Audi-Chef passe, sei aber noch unklar. Denn VW-Chef Müller müsse dafür seinen Groll beiseiteschieben. Er habe Vahland den damaligen plötzlichen Abtritt sehr übel genommen.

Personalthemen wollte ein Konzernsprecher nicht kommentieren.

VW-Führung stellt sich Armutszeugnis aus

Ein radikaler Vorstandsumbau steht der VW-Premiummarke sowieso schon in Kürze bevor. Vier Vorstände sollen Audi verlassen, Produktionschef Hubert Waltl, Vertriebsvorstand Dietmar Voggenreiter, Finanzvorstand Axel Strotbek und Personalvorstand Thomas Sigi. Es gebe noch keinen formalen Beschluss über den Vorstandsumbau, berichtete das "Manager Magazin".

Die Umbaupläne sind ein Armutszeugnis auch für die VW-Konzernführung. Schon 2012 hatte VW als Audi-Eigentümer bei der Konzerntochter die Reißleine gezogen und drei Vorstände ausgewechselt - denn schon damals hatte sich der Ingolstädter Hersteller in eine schwierige Lage manövriert. Statt seinen Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" zu erfüllen, fuhr Rivale BMW technologisch davon, das Design neuer Audis wurde immer langweiliger.

Allerdings sieht die Situation heute für Audi auch nicht rosig aus. Die VW-Tochter fährt im Vergleich zu BMW und Mercedes-Benz weniger Rendite ein, macht pro Auto weniger Gewinn, die Entwicklungskosten sind weit über die der Konkurrenten gezogen. Audi fällt immer mehr zurück - ist doch aber der wichtigste Ertragsmotor des Wolfsburger Mutterkonzerns.

Schwere Managementfehler

Die Manager, die nun ausgewechselt werden sollen, tragen an der Misere große Schuld. Besonders stieß die Leistung von Produktionschef Waltl zuletzt negativ bei Aufsichtsräten auf. Er kümmere sich in Gutsherrenmanier mehr um persönliche Bande und seine Karriere als um die Produktivität von Audi, wird Waltl kritisiert.

Der Produktionsstart in Mexiko, wo der Geländewagen Q5 entsteht, sei zu spät angelaufen und mit zu hohen Kosten. "Eine Luxusfabrik hat man da hingestellt", zürnt ein Insider. Das Werk in Neckarsulm verzeichne steigende Produktionskosten, sagen informierte Personen - obwohl Waltl sie hätte senken sollen. Das Werk in Ingolstadt ist nicht ausgelastet.

Audi-Chef Rupert Stadler präsentiert den neuen A8
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Audi-Chef Rupert Stadler präsentiert den neuen A8

Extra belastet vor allem Stadler jetzt, dass auch die Konzernschwester Porsche durch Audis manipulierte Dieselmotoren in Bedrängnis gerät. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat nach einer SPIEGEL-Enthüllung über ein Abschaltsystem beim Porsche Cayenne Diesel mit 3-Liter-Motor ein Zulassungsverbot erlassen. Porsche muss 21.500 Fahrzeuge zurückrufen. Die Motoren des Fahrzeugs stammen von der Konzernschwester, von Audi.

Gerade musste Audi selbst 24.000 ältere Dieselmodelle wegen Abschalteinrichtungen zurückrufen. Bei Tests war bei Audi eine unzulässige Abgaseinrichtung aufgefallen, die die Abgasreinigung für die Vermeidung von Stickoxiden auf den Prüfständen senkte, in der Realität auf der Straße aber nicht derart. Auch ein aktuelles A8-Modell war Umweltschützern jüngst durch sehr hohe Stickoxidwerte aufgefallen.

Inwiefern die Abschaltsysteme Stadler tangieren, lässt der Manager trotz der sich nun enorm ausweitenden Krise, die schon einen Großteil der deutschen Autoindustrie trifft, offen. Die nötige Sensibilität für das Ausmaß des Problems scheint Stadler zu fehlen. Zum Thema Abschaltung gibt es von ihm bislang nur seine Aussage vor einigen Wochen im GQ-Magazin. "Ich selbst kann beim Mountainbiken am besten abschalten." Und den einzigen Schmerz, den er dort offenbart, dürfte er wohl längst deutlich spüren: "Erfolge", sagte Stadler, "Erfolge sind durch nichts zu ersetzen."

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echoanswer 30.07.2017
1. Aber ...
kein Verdienstverlust. Was soll dann diese Meldung über einen Manager, der mit und ohne Job, mit und ohne (vorzugsweise ohne) know how Millionen scheffelt? Das ist ein schlechter Witz am Sonntag.
landei23 30.07.2017
2. Yep.
So wie die zur Schau gestellte Kultur der Herren ist, hat sich die Kultur bei Audi intern auch entwickelt: nicht wirklich viel auf die Reihe bringen, aber überheblich und elitär bis zum Abwinken. Wenn Kunden genau wüssten, wie es intern bei Audi zugeht würden viele Kunden auf die Produkte des Hauses verzichten.
alfredov 30.07.2017
3. Kein Wunder, Zeit ist ein Luxus
Der Manager hat ja noch nie Zeit für eine anständige Sache gehabt, sonst wäre er nicht dort wo er jetzt angekommen ist. Diese Situation ist erdrückend für ihn. Und das nicht zu Unrecht. Wer solche grobe Fehler als Chef macht, also wirklich, da braucht man nur eins und eins zusammen zu zählen. Das ist haarsträubend.
isar56 30.07.2017
4.
Zitat von alfredovDer Manager hat ja noch nie Zeit für eine anständige Sache gehabt, sonst wäre er nicht dort wo er jetzt angekommen ist. Diese Situation ist erdrückend für ihn. Und das nicht zu Unrecht. Wer solche grobe Fehler als Chef macht, also wirklich, da braucht man nur eins und eins zusammen zu zählen. Das ist haarsträubend.
Das war kein Fehler, sondern handfester Betrug zum Schaden der Kunden und Umwelt. Die gesamte Spitze dieser Mafia gehört hinter Gitter. Man stelle sich vor Karl und Frida Müller kippen absichtlich oder fahrlässig giftige Stoffe in zu produzierende Lebensmittel oder Klamotten.......
KingTut 30.07.2017
5. Compliance
ist in jedem Unternehmen heutzutage ein Kernthema, für das jeder Mitarbeiter bis in die untersten Ränge unterschreiben muss. Also eine schriftliche Bestätigung gegen keinerlei Gesetze oder Firmenrichtlinien verstoßen zu haben. Jeder gewöhnliche Mitarbeiter, der in diesem Bereich Falschangaben bei einer Größenordnung von 5 bis 10 Euro macht, riskiert eine Abmahnung und bei Wiederholungen eine Entlassung. Ich erinnere auch an die Köchin, die wegen ein paar Maultaschen gekündigt wurde. Da frage man sich, welchen Regeln die Herren Stadler, Müller, Zetsche usw. unterliegen, wo es doch hier um Milliardensummen geht, die den jeweiligen Unternehmen verloren gehen. Wofür werden diese Manager eigentlich bezahlt, wenn sie in großem Stil für Betrügereien verantwortlich sind, durch die Millionen Menschen in unserem Land gesundheitlich geschädigt wurden? Einen golden Handshake dürfte es für diese Krücken nicht geben. Sie sollten mit Schimpf und Schande aus ihren Jobs gejagt werden, ohne Aussicht auf Pensionen in Millionenhöhe. Solange das nicht der Fall ist muss man annehmen, dass in unserem Land etwas gewaltig faul ist.
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