VW und der Abgasskandal Unwissenheit zieht nicht mehr als Ausrede

Die SPIEGEL-Enthüllungen über die Abgasmanipulationen von Porsche rücken die Abgasaffäre beim VW-Konzern in eine neue Dimension. Jetzt kann wohl nicht mehr nur von Managementversagen die Rede sein. Es geht um mögliche Absicht.

Porsche Cayenne vor der Auslieferung
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Porsche Cayenne vor der Auslieferung

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Die jüngere Geschichte des Volkswagen-Konzerns lässt sich in zwei Kapitel einteilen: Die Zeit des ungestümen Wachstums, in der alle im Unternehmen gleichermaßen dem Ziel verpflichtet waren, die Weltkrone im Automobilbau zu erobern. Zwölf Marken unter einem Konzerndach, die Autos gespickt mit technischen Kabinettstückchen, ganz gleich, ob es sich um ein Fahrzeug der Luxusklasse handelt oder um einen Kleinwagen. "Wir bauen Autos, die Maßstäbe setzen", beschrieb der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn sein Selbstverständnis. Und das nicht nur bei Qualität, Komfort und Performance, sondern auch, wenn es um das Thema Umweltschutz gehe.

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Heft 24/2017
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Dieses Kapitel endete am 18. September 2015. An diesem Tag musste Volkswagen öffentlich eingestehen, seine Diesel-Autos mit einer speziellen Software ausgestattet zu haben, die sofort reagiert, wenn der Wagen einen Abgastest absolviert. Dann aktiviert die Software einen Modus, der ein optimales Abgasverhalten garantiert. US-Umweltbehörden waren den Ingenieuren auf die Schliche gekommen. Seitdem blieb im Konzern kein Stein auf dem anderen.

Doch geändert hat sich offensichtlich wenig. Denn jetzt deckte ein Rechercheteam des SPIEGEL auf, dass man im VW-Konzern offenbar munter weiter Karten zinkt - diesmal geht es um die noble Sportwagentochter Porsche. Ein Porsche Cayenne pustete auf einem Prüfstand auffällig weniger Abgase in die Luft als im Normalbetrieb auf der Straße. Wie kann das sein?

Die Entwickler gingen anscheinend noch einmal gerissener vor als bei den Autos, die die US-Umweltschützer entlarvt hatten. Motor und Getriebe finden übrigens auch bei der Konzernschwester Audi Verwendung - in jenen Modellen, die seit einiger Zeit im Verdacht stehen, eine illegale Abschalteinrichtung zu nutzen.

Die Führung kannte das Problem

Was den Fall so brisant macht, ist die Tatsache, dass der geprüfte Cayenne nicht etwa ein altes Auto ist, für das sich bislang noch kein Termin für eine Nachrüstung finden ließ. Vielmehr ist der 2,2 Tonnen schwere Gelände-Sportwagen erst sieben Monate alt. Erstzulassung Ende November 2016. Porsche hätte seinen Kunden damit in vollem Bewusstsein ein Auto verkauft, das nach geltendem Recht wohl gar nicht zugelassen werden dürfte.

Und diesmal gibt es auch keine Entschuldigung, mit der sich die Konzernoberen herausreden könnten, so wie dies Martin Winterkorn und seine Kollegen noch versucht hatten. Unwissenheit zählt nicht mehr als Argument in einem Konzern, der monatelang die Mechanismen und Hintergründe der Manipulationen recherchieren ließ.

Wobei die Abgasspezialisten der Firma reichlich Gelegenheit hatten, zu erklären, dass ein bärenstarker Dieselmotor wie der Drei-Liter-Sechszylinder eben Abgase produziert, die man reinigen muss. Die Technologie dafür ist sogar vorhanden - es würde nur ein wenig Platz im Kofferraum und Mühe vom Fahrzeugbesitzer verlangen, sie einzusetzen. Die Vertriebsleute mochten den Kunden nur nicht zumuten.

Die Konzernführung kannte das Problem, sie kannte die im Verdacht stehenden Autos, sie kannte die Punkte, die man genauer unter die Lupe nehmen sollte. Die Manager mussten also wissen, was sie da verkaufen. Wenn der Verdacht sich bestätigt, dürfen sich die Cayenne-Käufer deshalb mit Recht übers Ohr gehauen fühlen. Ob möglicherweise auch der Tatbestand des Betruges im strafrechtlichen Sinne erfüllt ist, müssen jetzt Staatsanwälte herausfinden.

Derzeit verweist Porsche darauf, dass eigene Messungen die Vorwürfe nicht bestätigt hätten, demnach die fraglichen Grenzwerte vielmehr auch im normalen Fahrmodus eingehalten würden. Man lässt mitteilen, dass der Cayenne "gemäß unseren vorliegenden Informationen keine unzulässigen Abschalt- oder Umschalteinrichtungen" beinhalte. Für den Fall, dass sich diese Verteidigung nicht aufrechterhalten lassen sollte, dürfte die Öffentlichkeit gespannt sein, welche Erklärung die Vorstände zu ihrer Verteidigung anführen. Eigentlich gibt es keine.

Totengräber eines Weltkonzerns

Doch auch in ihrer Eigenschaft als Konzernlenker, die für das Wohlergehen ihrer Belegschaft verantwortlich sind, haben sich VW-Boss Matthias Müller (übrigens zu der Zeit Porsche-Chef, als der inkriminierte Cayenne auf den Markt kam) und seine Kollegen einiges vorzuwerfen. Nicht nur, dass die Aufklärung immer noch allzu schleppend verläuft - die neuen Verdachtsfälle sind auch geeignet, das ohnehin schon angeknackste Vertrauen in den Konzern weiter zu ramponieren. Wenn die Verkaufszahlen zurückgehen, sind es die Mitarbeiter, die Sparmaßnahmen als Erste zu spüren bekommen - im Ernstfall bis hin zu Entlassungen. Direkt dafür verantwortlich sind die Bosse, die weiterhin Millionengehälter einstreichen.

Die Zäsur, die der 3. September 2015 markiert, könnte also noch viel tiefgreifender sein, als dies selbst Pessimisten bisher befürchtet haben. Dem rasanten Aufstieg folgt ein tiefer Fall, dessen Ende zurzeit kaum abzusehen ist. Die Nachfolger von Winterkorn und Co. drohen zu Totengräbern eines Weltkonzerns zu werden.



insgesamt 106 Beiträge
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rainer_daeschler 10.06.2017
1. Die Politik macht das schon ...
"Porsche hätte seinen Kunden damit in vollem Bewusstsein ein Auto verkauft, das nach geltendem Recht wohl gar nicht zugelassen werden dürfte." Offensichtlich gingen sie davon aus, dass ihr Einfluss auf die Politik, dem Verkehrsministerium und dem Kraftfahrzeugbundesamt so groß ist, dass es ihnen egal sein konnte.
dragon75 10.06.2017
2. Unser tolles System
"[...] die Mitarbeiter, die Sparmaßnahmen als Erste zu spüren bekommen - im Ernstfall bis hin zu Entlassungen. Direkt dafür verantwortlich sind die Bosse, die weiterhin Millionengehälter einstreichen." Das ist leider ganz normal heutzutage, wann wird sich da etwas tun?
tom196800 10.06.2017
3. ist schon Sommerloch?
Die Abgasaffähre bei VW interessiert vielleicht noch ein paar Rentner, und solche die glauben Sie könnten ein paar Euro herausschlagen aus dem Mist. Seit klar ist, dass alle manipuliert haben, auch die Amis interessiert das keinen mehr. Ich kauf mir wieder einen Diesel, auch wenn der Spiegel immer wieder neues "enthüllt".
apfeldroid 10.06.2017
4.
Die streichen Jahr für Jahr Rekordumsätze ein... Auch dieses Jahr
gerritinho 10.06.2017
5. unnützes Auto
ich wüsste gerne, wie viele von solchen Modellen überhaupt an Privatpersonen verkauft werden. Wahrscheinlich krin einziges. Werden alle schön als Firmenwagen von der Gemeinschaft finanziert. Die ganze Automobilbranche & ihre Verstrickungen mit der Politik erinnert doch sehr stark an mafiöse Strukturen
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