Abgastests an Menschen und Affen "Absurd und unentschuldbar"

Nach den Abgasexperimenten mit Affen will VW-Aufsichtsrat Althusmann die verantwortlichen Manager zur Rechenschaft ziehen. Auch Versuche an Menschen sollen deutsche Autokonzerne mitfinanziert haben.

Auspuffrohr eines VW Golf 7 Diesel
DPA

Auspuffrohr eines VW Golf 7 Diesel


Nicht nur Affen, sondern auch Menschen wurden laut Zeitungsberichten bei Abgasversuchen dem Reizgas Stickstoffdioxid (NO2) ausgesetzt. Hinter den Tests soll die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT) stehen. Sie war 2007 von den Konzernen Daimler, VW, BMW und dem Autozulieferer Bosch gegründet worden.

Der niedersächsische Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Bernd Althusmann bezeichnete die Tierversuche beim Test von Dieselabgasen als "absurd und unentschuldbar". Er erwarte neben einer vollständigen Aufklärung und einem umfassenden Bericht an den Aufsichtsrat "harte personelle Konsequenzen" für diejenigen, die für diese Tierversuche verantwortlich seien, sagte der CDU-Politiker. Die Verantwortlichen sollten umgehend ermittelt werden. "Wer mit anderen Autobauern auf solche Ideen kommt, sollte zur Rechenschaft gezogen werden." Althusmann sagte, er sei sicher, dass Vorstand und Aufsichtsrat von Volkswagen in dieser Frage eng kooperierten.

VW hat sich bereits für die in den USA durchgeführten Versuche entschuldigt, bei denen Affen gezielt Schadstoffen ausgesetzt worden waren. Diese Tests waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen habe. Stickstoffdioxid (NO2) ist der Schadstoff, dessen Messwerte von VW in den USA jahrelang manipuliert worden waren, um die gesetzlichen Grenzwerte für Dieselfahrzeuge offiziell einzuhalten.

"Wir sind der Überzeugung, dass die damals gewählte wissenschaftliche Methodik falsch war. Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten", teilte VW mit. Der Konzern distanziere sich klar von allen Formen der Tierquälerei. "Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner."

Auch 25 Menschen sollen bei Versuch Abgase eingeatmet haben

Laut Berichten der "Stuttgarter Zeitung" und der "Süddeutschen Zeitung" förderte die EUGT auch ein Experiment, bei dem sich menschliche Probanden dem Reizgas Stickstoffdioxid aussetzten. Es schädigt laut Umweltbundesamt das Schleimhautgewebe im gesamten Atemtrakt und reizt die Augen. Autoabgase gelten als wichtigste Quelle des Reizgases.

Den Berichten zufolge soll die EUGT eine "Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffdioxid bei gesunden Menschen gefördert" haben. Dies stehe in einem als Tätigkeitsbericht für die Jahre 2012 bis 2015 herausgegebenen Report.

Demnach wurden an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 25 Personen untersucht, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden NO2 in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hatten. Die EUGT stellte demnach keine Wirkung fest. Der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus sagte der "Stuttgarter Zeitung" jedoch, die 2016 veröffentlichte Studie sei nur eingeschränkt aussagekräftig. Zum einen ließen sich die Befunde nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragen, zum anderen sei Stickstoffdioxid nur ein Teil der gesamten Luftbelastung. Die EUGT wurde 2017 aufgelöst.

Der Stuttgarter Daimler-Konzern distanzierte sich am Sonntag sowohl von den Untersuchungen an den Affen als auch von der Aachener Studie mit menschlichen Probanden. Man verurteile die Versuche "auf das Schärfste", sagte ein Sprecher der "Stuttgarter Zeitung". Das Vorgehen der EUGT "widerspricht unseren Werten und ethischen Prinzipien". Der Konzern setze sich für eine "umfassende Untersuchung" ein.

"Widerlich und absurd"

Auch der VW-Betriebsrat forderte Aufklärung. "Wenn das so stimmt, dann hat das mit einwandfreiem ethisch-moralischen Verhalten nichts, aber auch gar nichts zu tun", sagte Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh angesichts der Tierversuche. Sollten damalige Verantwortliche noch an Bord sein, "dann müssen personelle Konsequenzen geprüft werden", verlangte er in der "Welt".

Die Experimente mit den Affen waren durch eine Recherche der "New York Times" öffentlich geworden. Die Zeitung berichtete, 2014 seien die Tiere vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines - mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten - VW Beetle eingesperrt gewesen.

"Zehn Affen stundenlang mutwillig Autoabgase einatmen zu lassen, um zu beweisen, dass die Schadstoffbelastung angeblich abgenommen habe, ist widerlich und absurd", sagte Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD). Das Land Niedersachsen ist VW-Großaktionär.

mmq/dpa



insgesamt 377 Beiträge
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Seite 1
kuddemuddel 29.01.2018
1. Warum auf einmal die gespielte Empörung,
indem die Autokonzerne die Abgaseinrichtungen im realen Betrieb abschalteten, haben sie uns alle auf der Straße zu Versuchskaninchen gemacht, die die Abgase einatmen mussten.
funny-smartie 29.01.2018
2. Welches VW Modell war ....
.... 2014 nicht manipuliert gewesen? Gute Frage! Die Liste wird wohl kurz ausfallen. Auszug aus dem Artikel: "Die Zeitung berichtete, 2014 seien die Tiere vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines - mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten - VW Beetle eingesperrt gewesen."
fatherted98 29.01.2018
3. man fragt sich...
....was die Manager in der Chefetage überhaupt wissen...was in ihrem Konzern vorgeht....vom Abgas haben sie nichts gewusst, von der Versuchen haben sie nichts gewusst....hoffentlich wissen sie überhaupt das ihre Firma Autos baut....bei einem bin ich mir ganz sicher....wie viel Bonus und Gehalt sie bekommen...das wissen die ganzen Herren aus der Vorstandsetage ganz genau.
spon-41d-frm9 29.01.2018
4. Find ich gut
Hoffentlich haben sie dafür auch die klassischen SUV Fahrer hergenommen die mit ihrer Riesenkiste durch die Stadt fahren müssen. Die sollen ruhig den Gestank auch hochkonzentriert einatmen den sie verbreiten. Warum sollen Affen für des Menschen Luxus herhalten.
m.w.r. 29.01.2018
5.
"VW entschuldigt sich für Versuche an Affen" , "....Dafür hat Volkswagen nun um Entschuldigung gebeten. "im vorherigen Spiegel online Artikel zu dem Thema.Ja was nun? Das sind 2 ganz verschiedene Sachverhalte oder? Die erste Aussage hat für mich die Bedeutung, dass VW meint sich damit aller weiteren Konsequenzen aus dem Verhalten entziehen zu können und das damit wieder alles gut ist. Die Zweite Aussage heißt für mich, dass es sich um eine Bitte handelt mit der Konsequenz, dass einem diese nicht unbedingt gewährt wird.
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