Abschiedsmail des Roland-Berger-Chefs Außen hart, innen ganz weich

Es ist der seltene Einblick in das Innenleben eines Topmanagers: Burkhard Schwenker, bis vor kurzem Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, zeigt in seiner Abschiedsmail an die Mitarbeiter Selbstkritik und Emotionen - und schreibt sich den Frust von der Seele.

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Burkhard Schwenker: Auch ein Tabubruch der weniger feinen Art
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Burkhard Schwenker: Auch ein Tabubruch der weniger feinen Art


Hamburg - Das Bild, das die meisten Menschen von Unternehmensberatern haben, sieht in etwa so aus: Junge Schnösel, die keine Ahnung von der Praxis haben, dafür aber umso mehr Geld verdienen, in Luxus-Hotels übernachten und in der Business Class fleißig Meilen sammeln, erzählen den erfahrenen Mitarbeitern einer Firma, wie man's richtig macht.

Je nach Saison verkünden die aalglatten Jünglinge dann die Fokussierung auf Kernkompetenzen - oder genau das Gegenteil. Schließlich muss ja ständig Geld verdient werden. Und damit die ganzen Banalitäten, die die Berater auf unschuldigen Powerpoint-Charts verewigen, wenigstens nach ein bisschen Substanz klingen, besteht das Lexikon "Beratersprech" zu mindestens zwei Dritteln aus englischen Begriffen. So gibt es keine Probleme, sondern nur "challenges". Und so weiter.

Mit der Realität hat dieses Bild nicht viel zu tun - zumindest nicht mehr sehr viel. Denn die Zeiten, in denen Konzerne für unsinniges "Bullshit-Bingo-Spielen", Kick-off-Meetings, Projekt-Meilensteine und Powerpoint-Paraden Zehn- oder gar Hunderttausende Euro locker machten, sind zumeist vorbei.

Und dennoch: Die Beraterbranche - allen voran die großen Spieler wie McKinsey, BCG und Roland Berger - leben von der Aura der Exklusivität. Und von dem Ruf, nur die besten Nachwuchstalente anzulocken und den Firmen stets "State of the art"-Management-Wissen zu vermitteln. Nur so sind Tagessätze von mehreren Tausend Euro ansatzweise vermittelbar.

Deshalb ist die mit Testosteron gedopte Branche ständig auf Perfektion ausgerichtet, verbringen Berater ganze Nachtschichten in dunklen Projekträumen und zieht der 60- bis 70-Stunden-Job vor allem Alphatiere an - und natürlich solche, die es werden wollen.

Mail an 2000 Kollegen weltweit

Selbstkritik, Verzicht auf ständige Superlative, Emotionen - all das sind, um es im Beratersprech zu sagen, "No gos". Ständig kommunizieren die Branchenvertreter, sie hätten die besten "High Potentials", die tollsten Konzepte, würden schneller wachsen als die Konkurrenten und eh die coolsten Konzerne des Landes beraten.

Umso überraschender ist die E-Mail, die der langjährige Chef von Roland Berger Strategy Consultants, Burkhard Schwenker, in dieser Woche zum Abschied an seine rund 2000 Kollegen weltweit verschickt hat. Seit Anfang August ist Martin Wittig Chef der (nach McKinsey) Nummer zwei in Deutschland, die weltweit einen Umsatz von mehr als 600 Millionen Euro erzielt. Schwenker steht künftig dem Aufsichtsrat vor. Damit wird er eine Art Berater der Berater.

Schwenker, der seit 2003 der Spitzenmann von Roland Berger Strategy Consultants war, hatte keinen wirklich leichten Job: Er war der erste Chef nach Roland Berger, dem Firmengründer und Alles-und-Jeden-Berater. Somit musste er die Firma in die Unabhängigkeit vom Übervater führen - einen Weg, den letzterer anfangs nicht gerade, wie man so sagt, proaktiv mitging. Außerdem musste der 52-Jährige die Finanzen des Unternehmens in Ordnung bringen und es durch die schwerste Wirtschaftskrise seit langem steuern.

Kurzum: Es war ein echter 24/7-Job, inklusive ständigem Kontinente-Hopping. Menschen, die dem Kettenraucher Schwenker nahe stehen, sagen, die Jahre seien für seine Gesundheit nicht gerade förderlich gewesen.

Zwei Dinge fallen in Schwenkers Mail, die fast drei DIN-A-4-Seiten umfasst (siehe PDF-Dokument oben), auf: Er benutzt verhältnismäßig wenig Beratersprech. Und das Schreiben hat in vielen Teilen einen für Topmanager eher nachdenklichen und selbstkritischen Ton.

"Ich war nicht immer erfolgreich"

Bereits im dritten Satz schreibt der Autor, er habe immer versucht, Dinge positiv anzugehen. Auch betont er am Anfang, er sei stets bemüht gewesen, sich nicht in den Vordergrund zu spielen. Bemüht! Und der Erfolg der Firma sei nicht allein sein Verdienst, sondern von allen: "It's US, not me!" Überhaupt scheint Schwenker sich all den Frust und die Freude der vergangenen Jahre von der Seele getippt zu haben. Zumindest gefühlt ist das Ausrufezeichen das am häufigsten gebrauchte Satzzeichen.

Auch schreibt Schwenker, die DNA von Roland Berger habe etwas Besonderes, das er aber nicht genau benennen könne. Für einen Vorstandsvorsitzenden ist dies eine eher ungewöhnliche Äußerung. Man stelle sich einmal Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor, der sagt: "Unser Institut ist schon toll, auch wenn ich nicht ganz genau weiß, warum." Undenkbar.

Schwenker erzählt außerdem, er habe immer versucht (!), den Prinzipien guter Führung zu folgen - und ergänzt: "Ich war damit nicht immer erfolgreich." Brav bedankt er sich aber bei allen Kollegen, die seine Schwächen ausgeglichen hätten. In Teilen klingt die Mail fast so, als entschuldige sich ein durchschnittlicher Praktikant am Ende bei den Leuten, die an ihm verzweifelt sind.

Tabubruch der weniger feinen Art

Schwenkers Sätze darf man wohl durchaus beachtlich nennen, denn er ist so etwas wie der Tabubrecher: "Schaut her, auch Topmanager machen Fehler". Zumal der Ex-Chef auch sehr offen ist, was die eigene Firma angeht: So sei er sich bei seinem Amtsantritt nicht sicher gewesen, ob die Führungsriege des Unternehmens wirklich hinter ihm gestanden habe. Genau das dürften sich viele andere Mitglieder der Wirtschaftselite auch öfters fragen. Nur würde es wohl kaum einer offen sagen und stattdessen lieber klammheimlich die ärgsten Konkurrenten entsorgen.

Und trotzdem: Schwenker traut sich auch einen Tabubruch der weniger feinen Art. In der Branche wird zwar mit aller Härte um Aufträge gekämpft, aber sich über Wettbewerber lustig zu machen, ist unüblich. Doch der langjährige Berger-Chef schreibt von US-Beratungen, die noch vor wenigen Jahren ankündigten, die Branche auch in Deutschland zu revolutionieren. Bis heute habe man nichts von ihnen gehört. Auch Wettbewerbern wie Arthur D. Little stünden schwere Zeiten bevor. Und der Rivale A.T. Kearney sei nur noch unwesentlich größer als Roland Berger.

Somit ist Schwenkers Mail eine Mischung aus "Ein bisschen aus dem Inneren preisgeben, ein kleinwenig nach außen treten". Bei der Belegschaft kam das Schreiben wohl gerade deswegen gut an: "Es zeigt, dass Schwenker ein integrer Mensch ist, der vor allem honorige Selbstkritik übt", heißt es von einem Mitarbeiter.

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