Absturz in Indonesien: Rückschlag für den Superjet

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Das Prestigeprojekt der russischen Flugzeugindustrie - zerschellt an einem Vulkan. Für den Hersteller Suchoi bedeutet das Unglück einen schweren Rückschlag. Dabei hat die Firma jetzt schon Schwierigkeiten, den Typ auf dem Markt durchzusetzen.

DPA/Sergey Dolya

Hamburg - Ein größerer Imageschaden lässt sich kaum vorstellen: Beim Demonstrationsflug mit potentiellen Käufern an Bord zerschellt das Vorzeigemodell Superjet 100 des russischen Herstellers Suchoi an einem indonesischen Vulkan. Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt vermutet einen Pilotenfehler. Absturzursache sei die geringe Flughöhe gewesen: "Es gibt keinen Grund, der rechtfertigen würde, dass ein Pilot so niedrig fliegen sollte. Das war ein Sightseeing-Flug, wo den Passagieren an Bord, den Einkäufern der Fluggesellschaften, etwas besonders geboten werden sollte." Man habe wohl auch zeigen wollen, was das Flugzeug kann.

Denn Russland braucht dringend Käufer für seine Neuentwicklung. Der Superjet 100 ist der Hoffnungsträger der einst großen russischen Luftfahrtindustrie - das Flugzeug, dessen Steuersystem aus Deutschland kommt, soll nach langem postsowjetischem Siechtum endlich den Neustart markieren. Die Regierung in Moskau subventioniert den Bau im Suchoi-Werk, 7000 Kilometer östlich von Moskau, mit Milliarden und will mit der staatlichen Flugzeugbau-Holding OAK die industrielle Basis des Landes wiederbeleben. Am Ende der Expansion soll Suchoi zehn Prozent des Weltmarktes erobert haben und den Marktführern Airbus und Boeing als gleichberechtigter Player gegenüberstehen.

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Russlands Superjet: Absturz über Indonesien
Der Absturz in Indonesien sei zwar ein herber Schlag für das Image des Herstellers, sagt Großbongardt, weil das Unglück den Eindruck erwecke, Suchoi habe Probleme mit der Sicherheit seines Jets. Dieser Eindruck sei aber falsch: "Das Flugzeug fliegt ja schon im Liniendienst, das Modell dürfte weitgehend ausgereift sein." Eine wirklich gute Maschine werde durch solch ein Unglück nicht in Verruf geraten, wie Airbus in den achtziger Jahren bewiesen hat.

Airbus A320 bei ähnlichem Flug abgestürzt

Als der heutige Airbus-Bestseller A320 frisch auf dem Markt war, stürzte ein Exemplar bei einer ähnlichen Gelegenheit ab: Am 26. Juni 1988 startete eine A320 der Fluggesellschaft Air France zu einem Demonstrationsflug, einer "Lufttaufe" über der Stadt Mülhausen. Wenige Minuten später donnerte der Jet über die Köpfe der staunenden Zuschauermenge, streifte die Bäume und stürzte ab - vier Menschen kamen ums Leben, mehr als zwanzig wurden verletzt. Als Absturzursache gilt ein Pilotenfehler, auch wenn das von einigen bezweifelt wurde. Airbus jedenfalls hatte auch nach dem Unglück keine Probleme, die A320 zu verkaufen - bis heute ist die Modellreihe mit mehr als 8000 verkauften Exemplaren ein Kassenschlager.

Dass der russische Hersteller Suchoi mit seinem Jet ähnlich erfolgreich sein wird, bezweifelt Großbongardt. Das größte Verkaufshindernis sei nicht der tragische Absturz eines einzelnen Flugzeugs: "Problematisch ist, dass Aeroflot als einer der Erstkunden sagt, sie seien mit der Zuverlässigkeit des Jets nicht zufrieden."

Tatsächlich hat Suchoi bisher gerade einmal 170 Bestellungen für den gemeinsam mit Boeing entwickelten Superjet 100. Gerade einmal acht Maschinen sind bei der armenischen Fluggesellschaft Armavia und der russischen Aeroflot in Betrieb. Das Flugzeug, dessen Katalogpreis bei rund 23 Millionen Euro liegt, wurde im Februar von der Europäischen Luftsicherheitsbehörde EASA auch für den Luftraum der EU zugelassen. Allerdings musste der Hersteller kurz darauf alle Maschinen wegen einer Fahrwerkspanne zu einer technischen Überprüfung zurückrufen.

Russische Regierung wird weiter subventionieren

Die Maschine mit 75 bis 100 Sitzplätzen steht in Konkurrenz zu den Modellen des brasilianischen Konzerns Embraer und des kanadischen Unternehmens Bombardier, die den Markt für Regionalflugzeuge weitgehend unter sich aufgeteilt haben. Mit dem Superjet 100 will Russland langfristig in den großen Markt für Mittelstreckenjets vordringen. Dort dominieren Airbus und Boeing. Wer es schafft, dieses Duopol zu knacken, dem winkt eine lukrative Zukunft.

Bevor Suchoi sich auf dem Markt als ernstzunehmender Konkurrent für die etablierten Konzerne wie Airbus, Boeing Chart zeigen, Bombardier Chart zeigen oder Embraer wirklich etablieren kann, muss der russische Hersteller aber erst einmal etwas anderes beweisen, sagt Heinrich Großbongardt. Suchoi und sein westlicher Partner, das italienische Luft- und Raumfahrtunternehmen Alenia, müssten dafür sorgen, "dass der technische Support läuft und die Ersatzteilversorgung weltweit in der Geschwindigkeit funktioniert, die moderne Fluggesellschaften heute benötigen".

Außerdem musste der russische Konzern schon bei der Entwicklung Rückschläge verkraften: Der Superjet 100 wurde mit einer Verspätung von zweieinhalb Jahren ausgeliefert, zudem war er deutlich schwerer als versprochen. Die Kunden handelten großzügige Rabatte aus. Die Gewinnzone rückt immer weiter in die Ferne. Branchenkenner sehen das allerdings als kleinstes Problem - der Kreml werde so lange Geld nachschießen, bis sich das Flugzeug gut verkauft. Nach dem Absturz in Indonesien dürfte das noch deutlich länger dauern.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Frage
Steinwald 10.05.2012
Kann mir jemand erklären, warum Boeing mit einem potentiellen Konkurrenten zusammen ein Flugzeug baut? Bzw. hilft, ein solches zu bauen? Als Laie würd ich jetzt erst mal denken, dass Boeing vielmehr versuchen würde, mit eigenen Produkten dort in den Markt zu drängen. Oder haben die in dem Segment gar keins? Ansonsten stimme ich dem Luftfahrtexperten zu, klingt für mich als Laien schlüssig. Was aber keine Rolle spielt. Ich hab ja in echt keinen Schimmer. Aber immerhin ein gewisses ehrliches Interesse.
2. Der Experte vermutet.......
juergw. 10.05.2012
Zitat von sysopDas Prestigeprojekt der russischen Flugzeugindustrie - zerschellt an einem Vulkan. Für den Hersteller Suchoi bedeutet das Unglück einen schweren Rückschlag. Dabei hat die Firma jetzt schon Schwierigkeiten, den Typ auf dem Markt durchzusetzen. Absturz von Superjet 100 ist Rückschlag für russische Luftfahrtindustrie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,832488,00.html)
warten wir doch einmal den Untersuchungsbericht ab.Der Airbus wurde Dnk F.J.Strauß anfänglich auch kräftig subvensioniert.Der Superjet wird schon seine Käufer finden.Warten wir mal ab wann der erste 380 vom Himmel fällt.Irgendwann ist immer das erste Mal....!
3.
thorkhan 10.05.2012
Zitat von sysopDas Prestigeprojekt der russischen Flugzeugindustrie - zerschellt an einem Vulkan. Für den Hersteller Suchoi bedeutet das Unglück einen schweren Rückschlag. Dabei hat die Firma jetzt schon Schwierigkeiten, den Typ auf dem Markt durchzusetzen. Absturz von Superjet 100 ist Rückschlag für russische Luftfahrtindustrie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,832488,00.html)
So etwas Ähnliches gab es aus russischer Sicht vor 39 Jahren doch schon einmal in Paris: Tupolew Tu-144 (http://de.wikipedia.org/wiki/Tupolew_Tu-144#Absturz_von_Le_Bourget_.281973.29)
4. Brasilianer
hman2 10.05.2012
Zitat von SteinwaldKann mir jemand erklären, warum Boeing mit einem potentiellen Konkurrenten zusammen ein Flugzeug baut?
Boeing ist kein wirklicher Konkurrent. Die Großen tun sich schwer mit so kleinen Fliegern, da machen Embraer und Bombardier Geld. Vielleicht gefällt es Boeing grade ein bisschen Geld vom russischen Staat zu bekommen (über Umwege) und gleichzeitig Embraer weh zu tun? Schließlich möchte Embraer schon länger auch mal größeres Gerät bauen als bisher.
5. Titellos
UnitedEurope 10.05.2012
Zitat von SteinwaldKann mir jemand erklären, warum Boeing mit einem potentiellen Konkurrenten zusammen ein Flugzeug baut? Bzw. hilft, ein solches zu bauen? Als Laie würd ich jetzt erst mal denken, dass Boeing vielmehr versuchen würde, mit eigenen Produkten dort in den Markt zu drängen. Oder haben die in dem Segment gar keins? Ansonsten stimme ich dem Luftfahrtexperten zu, klingt für mich als Laien schlüssig. Was aber keine Rolle spielt. Ich hab ja in echt keinen Schimmer. Aber immerhin ein gewisses ehrliches Interesse.
Kann viele Gründe haben: - besseren Zugang zum russischen Markt - bessere Kontakte zur russischen Politik - Man rechnet damit, dass es mehr auf die Kosten Airbus' geht als auf Boeings - Der Feind meines Feindes ist mein Freund - Eigene Erkenntnisse für ein eigenes Projekt - Vielleicht hat Boeing eine Gewinnbeteiligung Da kanns vieles geben. Wirtschaft wird schließlich wie Politik hinter verschlossenen Türen gemacht. Da aber Airbus seit Jahren die Nase vor Boeing hat, sucht Boeing wohl nach Verbündeten.
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