Hamburg - Ein größerer Imageschaden lässt sich kaum vorstellen: Beim Demonstrationsflug mit potentiellen Käufern an Bord zerschellt das Vorzeigemodell Superjet 100 des russischen Herstellers Suchoi an einem indonesischen Vulkan. Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt vermutet einen Pilotenfehler. Absturzursache sei die geringe Flughöhe gewesen: "Es gibt keinen Grund, der rechtfertigen würde, dass ein Pilot so niedrig fliegen sollte. Das war ein Sightseeing-Flug, wo den Passagieren an Bord, den Einkäufern der Fluggesellschaften, etwas besonders geboten werden sollte." Man habe wohl auch zeigen wollen, was das Flugzeug kann.
Denn Russland braucht dringend Käufer für seine Neuentwicklung. Der Superjet 100 ist der Hoffnungsträger der einst großen russischen Luftfahrtindustrie - das Flugzeug, dessen Steuersystem aus Deutschland kommt, soll nach langem postsowjetischem Siechtum endlich den Neustart markieren. Die Regierung in Moskau subventioniert den Bau im Suchoi-Werk, 7000 Kilometer östlich von Moskau, mit Milliarden und will mit der staatlichen Flugzeugbau-Holding OAK die industrielle Basis des Landes wiederbeleben. Am Ende der Expansion soll Suchoi zehn Prozent des Weltmarktes erobert haben und den Marktführern Airbus und Boeing als gleichberechtigter Player gegenüberstehen.
Airbus A320 bei ähnlichem Flug abgestürzt
Als der heutige Airbus-Bestseller A320 frisch auf dem Markt war, stürzte ein Exemplar bei einer ähnlichen Gelegenheit ab: Am 26. Juni 1988 startete eine A320 der Fluggesellschaft Air France zu einem Demonstrationsflug, einer "Lufttaufe" über der Stadt Mülhausen. Wenige Minuten später donnerte der Jet über die Köpfe der staunenden Zuschauermenge, streifte die Bäume und stürzte ab - vier Menschen kamen ums Leben, mehr als zwanzig wurden verletzt. Als Absturzursache gilt ein Pilotenfehler, auch wenn das von einigen bezweifelt wurde. Airbus jedenfalls hatte auch nach dem Unglück keine Probleme, die A320 zu verkaufen - bis heute ist die Modellreihe mit mehr als 8000 verkauften Exemplaren ein Kassenschlager.
Dass der russische Hersteller Suchoi mit seinem Jet ähnlich erfolgreich sein wird, bezweifelt Großbongardt. Das größte Verkaufshindernis sei nicht der tragische Absturz eines einzelnen Flugzeugs: "Problematisch ist, dass Aeroflot als einer der Erstkunden sagt, sie seien mit der Zuverlässigkeit des Jets nicht zufrieden."
Tatsächlich hat Suchoi bisher gerade einmal 170 Bestellungen für den gemeinsam mit Boeing entwickelten Superjet 100. Gerade einmal acht Maschinen sind bei der armenischen Fluggesellschaft Armavia und der russischen Aeroflot in Betrieb. Das Flugzeug, dessen Katalogpreis bei rund 23 Millionen Euro liegt, wurde im Februar von der Europäischen Luftsicherheitsbehörde EASA auch für den Luftraum der EU zugelassen. Allerdings musste der Hersteller kurz darauf alle Maschinen wegen einer Fahrwerkspanne zu einer technischen Überprüfung zurückrufen.
Russische Regierung wird weiter subventionieren
Die Maschine mit 75 bis 100 Sitzplätzen steht in Konkurrenz zu den Modellen des brasilianischen Konzerns Embraer und des kanadischen Unternehmens Bombardier, die den Markt für Regionalflugzeuge weitgehend unter sich aufgeteilt haben. Mit dem Superjet 100 will Russland langfristig in den großen Markt für Mittelstreckenjets vordringen. Dort dominieren Airbus und Boeing. Wer es schafft, dieses Duopol zu knacken, dem winkt eine lukrative Zukunft.
Bevor Suchoi sich auf dem Markt als ernstzunehmender Konkurrent für die etablierten Konzerne wie Airbus, Boeing
, Bombardier
oder Embraer wirklich etablieren kann, muss der russische Hersteller aber erst einmal etwas anderes beweisen, sagt Heinrich Großbongardt. Suchoi und sein westlicher Partner, das italienische Luft- und Raumfahrtunternehmen Alenia, müssten dafür sorgen, "dass der technische Support läuft und die Ersatzteilversorgung weltweit in der Geschwindigkeit funktioniert, die moderne Fluggesellschaften heute benötigen".
Außerdem musste der russische Konzern schon bei der Entwicklung Rückschläge verkraften: Der Superjet 100 wurde mit einer Verspätung von zweieinhalb Jahren ausgeliefert, zudem war er deutlich schwerer als versprochen. Die Kunden handelten großzügige Rabatte aus. Die Gewinnzone rückt immer weiter in die Ferne. Branchenkenner sehen das allerdings als kleinstes Problem - der Kreml werde so lange Geld nachschießen, bis sich das Flugzeug gut verkauft. Nach dem Absturz in Indonesien dürfte das noch deutlich länger dauern.
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