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Nach Todesfall bei Zurich: Ackermanns rätselhafter Rücktritt

Von manager-magazin.de-Redakteur

Josef Ackermann: "Rufschädigung vermeiden" Zur Großansicht
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Josef Ackermann: "Rufschädigung vermeiden"

Das bietet Stoff für neue Diskussionen: Nach dem Tod des Zurich-Finanzvorstands tritt Verwaltungsratschef Josef Ackermann ab. Die Erklärung des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs wirft viele Fragen auf.

Hamburg - Eine solche Rücktrittserklärung eines Konzernführers hat es wohl noch nicht gegeben. Josef Ackermann begründete seinen sofortigen Abgang als Verwaltungsratschef des Schweizer Versicherers Zurich am Donnerstag mit dem Tod des Finanzvorstands Pierre Wauthier. Die Polizei geht von Freitod aus - und Ackermann bringt sich selbst mit der Tragödie in Verbindung: "Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag."

Der langjährige Chef der Deutschen Bank Chart zeigen wolle "eine Rufschädigung zu Lasten von Zurich Chart zeigen vermeiden". Doch nun kommt der traditionell konservative Versicherungskonzern, der möglichst wenig von sich reden macht, erst recht in die Schlagzeilen. Der seit Tagen schwächelnde Aktienkurs rutschte am Donnerstag um weitere bis zu vier Prozent ab.

Ackermann ist als Machtmensch bekannt. Ein Entscheider, der Gegenwind gewohnt ist. Und so einer gibt nun seinen wichtigsten Posten auf - einfach so?

Der Todesfall scheint Eindruck gemacht zu haben. Ein anderer Grund, der möglicherweise hinter dem Rücktritt stehen könnte, drängt sich nicht auf. Dass Ackermann von der Münchener Staatsanwaltschaft im Fall Leo Kirch vorgeladen wurde, wie die "FAZ" berichtet, könnte zwar zu einer Verurteilung wegen Falschaussage führen. Die Ermittlungen laufen aber seit zwei Jahren. Da wäre der mutmaßliche Freitod Wauthiers der denkbar ungeeignetste Vorwand und Zeitpunkt, um einem unangenehmen Konflikt zwischen Amt und Gerichtsprozess zu entgehen.

Neben seinem Zurich-Mandat hat Ackermann noch Posten bei Siemens, Shell, in mehreren Beiräten und laut russischen Medienberichten demnächst bei einem geplanten russischen Staatsfonds. Aber der im Juni 2012 angetretene Job bei Zurich war für den Schweizer die Kernaufgabe. Ein Verwaltungsratspräsident hat im Schweizer Gesellschaftsrecht eine stärkere Stellung als ein deutscher Aufsichtsratsvorsitzender. Und Ackermann hat den Job deutlich aktiver ausgeübt als seine Vorgänger.

In der Schweizer Öffentlichkeit wird nun über die Gründe für den Rücktritt gerätselt. Laut "Handelszeitung" kursieren Gerüchte, die Witwe Wauthiers habe auf Ackermanns Rücktritt gedrängt. "Die Pressemitteilung kann so verstanden werden, dass die Familie Wauthier nicht nur der Zurich etwas vorwirft, sondern Ackermann persönlich", sagte ein Schweizer Kommunikationsexperte, der anonym bleiben möchte, der Zeitung. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen früheren Kollegen: "Pierre stand unter Druck von oben. Das kam von der Entwicklung des Aktienkurses her. Das war ein offenes Geheimnis." Konzernchef Martin Senn hingegen erklärte: "Wir haben keine Konflikte festgestellt, die zu einem solchen Tod führen könnten oder sollten".

Der Fall Wauthier befeuert die Debatte, ob der Druck auf Manager im Job zu hoch geworden ist. Erst im Juli war Carsten Schloter, Chef des Telefonkonzerns Swisscom Chart zeigen, tot aufgefunden worden. Damals waren zwar vor allem private Motive wie eine Jahre zurückliegende Scheidung genannt worden, aber es gab auch Berichte über das Burnout-Syndrom. Laut dem Wirtschaftsmagazin "Bilanz" berichteten Vertraute, Schloter habe von einem "Zermürbungskrieg" mit Verwaltungsratschef Hansueli Loosli gesprochen und am Tag vor seinem Tod die Kündigung einreichen wollen.

Zurich als Underperformer

Auch im Fall Zurich wird nun nach dem Betriebsklima in der Top-Etage gefragt. Ackermann soll den Verwaltungsrat ruhig geführt haben, aber auch mit starkem Fokus auf die Zahlen. Und die sehen nicht gut aus: Im ersten Halbjahr sank der den Aktionären zustehende Reingewinn um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, das Eigenkapital schrumpfte um ein Zehntel. Das ist zum Teil Faktoren zuzuschreiben, für die das Management nichts kann: teure Naturkatastrophen in Europa und Nordamerika, außerdem das weiterhin niedrige Zinsniveau, das die Finanzanlagen aller Versicherer leiden lässt. Es liegt aber auch an der bewussten Strategie Zurichs, beim Neugeschäft lieber zu bremsen.

Trotz der Losung "Sicherheit vor Profit" tauchten immer wieder neue Bilanzlöcher auf. Im Herbst 2012 musste Zurich im deutschen Geschäft, vor allem in der Haftpflichtversicherung, Rückstellungen erhöhen und Abschlusskosten abschreiben, was eine halbe Milliarde Dollar kostete. In diesem Frühjahr wiederholte sich das Spiel in den USA.

Der Zurich-Aktienkurs Chart zeigen legte in Ackermanns Amtszeit immerhin um 18 Prozent zu. Die anderen großen Versicherungskonzerne schlugen sich allerdings noch besser - mit Kursgewinnen von meist mehr als 50 Prozent. Ackermanns Konzern ist ein Underperformer. Aus Sicht eines Bankers ist das ein Problem.

Die Zurich-Führung stand unter Druck, die konservative Strategie aufzugeben. Ausgerechnet von der Deutschen Bank, die dem Konzern nicht nur über die Person Ackermann verbunden ist, sondern auch über eine noch zehn Jahre laufende Vertriebspartnerschaft, kam im April ein besonders bissiger Kommentar. In der Versicherungsbranche herrsche "das Gesetz des Dschungels", schrieb Analyst Robin Buckley. "Die Starken werden stärker, die Schwachen werden schwächer." Am Ende der Liste von A bis Z stand Zurich. So etwas lässt kein Top-Manager auf sich sitzen.

Hinzu kommt, dass Ackermanns in der Schweiz eigentlich guter Ruf zuletzt gelitten hatte. "Mit Ackermann ist eine neue Führungskultur bei der 'Zurich' eingezogen", kommentierte "Bilanz" im März. Der Manager habe in Frankfurt "jene überhöhte Prestige- und Machtsymbolik kennengelernt, die in deutschen Teppichetagen üblich ist." Als Beleg dient, dass Ackermann sich bei seinem Antritt eine ganze Büroflucht auch von hochrangigen Mitarbeitern habe freiräumen lassen, um am noblen Konzernsitz am Mythenquai freien Blick auf den Zürichsee zu genießen. Vorher habe der Verwaltungsratschef einen einfachen grauen Raum gehabt.

Eigentlich sollte der Job bei Zurich für Ackermann eine Heimkehr nach bewegtem Berufsleben sein. Der Rücktritt zeigt nun: Zur Ruhe gekommen ist der 65-Jährige nicht.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Druck zu hoch?
_rasenmäher 29.08.2013
Diese Diskussion um "zu hohen Druck" ist angesichts der gezahlten "Schmerzensgelder" lächerlich. Keiner wird gezwungen einen solchen Posten anzunehmen. Wer, wenn nicht die Top-Manager eines Unternehmens müssen mit Druck umgehen können. Nur (!) dies rechtfertigt die exorbitanten Gehälter. So tragisch eine Selbsttötung in jedem Fall auch ist, die Verantwortung hierfür trägt der handelnde selbst.
2. ...
Newspeak 29.08.2013
Neben seinem Zurich-Mandat hat Ackermann noch Posten bei Siemens, Shell, in mehreren Beiräten und laut russischen Medienberichten demnächst bei einem geplanten russischen Staatsfonds. Aber der im Juni 2012 angetretene Job bei Zurich war für den Schweizer die Kernaufgabe. So, so. Wann soll er denn die Kernaufgabe erfüllen, bei so einem Postenportfolio? Ist ein Vollzeitjob kein Vollzeitjob mehr? Ein Großteil der Korruption und sonstigen unhaltbaren Zustände in der Wirtschaft ist dieser Inzucht in den Aufsichtsräten geschuldet. Ein Großteil der Bereicherung auch. Herr Ackermann mag Fähigkeiten haben, die überdurchschnittlich sind, das mag man jedem Topmanager zugestehen, aber Herr Ackermann hat keine übermenschlichen Fähigkeiten. Wenn man so viele Posten wahrnimmt, muß klar sein, daß man keinen richtig wahrnehmen kann. Wie gesagt, es ist vor allem Bereicherung. Der Fall Wauthier befeuert die Debatte, ob der Druck auf Manager im Job zu hoch geworden ist. Die armen Manager. Ein Tipp, weniger Aufsichtsratsposten annehmen, siehe oben. Oder einfach aufhören. Ein Topmanager mit Millionengehalt kann das, ein normaler Arbeitnehmer nicht. Aber das Gejammer dient wahrscheinlich dazu, nur noch mehr Geld abgreifen zu wollen. Das sollen sie ruhig machen, aber dann sollen sie auch bitte kein Mitleid erwarten, wenn es der eine oder andere nicht mehr aushält.
3.
breguet 29.08.2013
Rasenmäher, ich bin da ganz bei Ihnen. Für jährliche Millionengagen darf es keine Gefühlsduselei geben.
4. Ja, seltsam
singpat 29.08.2013
Jemand, der sich zum Finanzvorstand bei einer der groessten Versicherung hochgearbeitet hat, sollte mit Druck umgehen koennen. Insofern seltsam, dass Ackermann den Selbstmord zum Anlass nimmt zurueck zu treten.
5.
wakaba 29.08.2013
Zitat von NewspeakNeben seinem Zurich-Mandat hat Ackermann noch Posten bei Siemens, Shell, in mehreren Beiräten und laut russischen Medienberichten demnächst bei einem geplanten russischen Staatsfonds. Aber der im Juni 2012 angetretene Job bei Zurich war für den Schweizer die Kernaufgabe. So, so. Wann soll er denn die Kernaufgabe erfüllen, bei so einem Postenportfolio? Ist ein Vollzeitjob kein Vollzeitjob mehr? Ein Großteil der Korruption und sonstigen unhaltbaren Zustände in der Wirtschaft ist dieser Inzucht in den Aufsichtsräten geschuldet. Ein Großteil der Bereicherung auch. Herr Ackermann mag Fähigkeiten haben, die überdurchschnittlich sind, das mag man jedem Topmanager zugestehen, aber Herr Ackermann hat keine übermenschlichen Fähigkeiten. Wenn man so viele Posten wahrnimmt, muß klar sein, daß man keinen richtig wahrnehmen kann. Wie gesagt, es ist vor allem Bereicherung. Der Fall Wauthier befeuert die Debatte, ob der Druck auf Manager im Job zu hoch geworden ist. Die armen Manager. Ein Tipp, weniger Aufsichtsratsposten annehmen, siehe oben. Oder einfach aufhören. Ein Topmanager mit Millionengehalt kann das, ein normaler Arbeitnehmer nicht. Aber das Gejammer dient wahrscheinlich dazu, nur noch mehr Geld abgreifen zu wollen. Das sollen sie ruhig machen, aber dann sollen sie auch bitte kein Mitleid erwarten, wenn es der eine oder andere nicht mehr aushält.
Ueberdurchschnittliche Fähigkeiten hat da keiner. Diese Kaste besteht aus Wadenbeissern, Arschkriechern und sobald man den Rücken zuwendet - steckt ein Messer im Kreuz. Ein Weichei gleicht dem Anderen.
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