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Hilfsfonds für Billiglöhner: "Adidas ist nicht besser als die Discounter"

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Adidas plant einen Hilfsfonds für asiatische Billiglöhner. Die Idee klingt gut, doch was steckt dahinter? Internationale Organisationen sind skeptisch: Sie vermuten, dass es sich nur um eine Imagekampagne handelt.

Arbeiterin bei einem Adidas-Zulieferer in Indonesien: "Ergebnisoffene Diskussion" Zur Großansicht
REUTERS

Arbeiterin bei einem Adidas-Zulieferer in Indonesien: "Ergebnisoffene Diskussion"

Hamburg - Arbeiter in Billiglohnländern wie Bangladesch oder Indonesien haben nur wenige Rechte. Und selbst diese werden ihnen häufig verwehrt. Zum Beispiel, wenn eine Fabrik geschlossen wird. Dann haben die Arbeiter das Anrecht auf eine Abfindung. Doch die Bosse machen sich nicht selten aus dem Staub, ohne zu zahlen. Adidas hat nun versprochen, etwas dagegen zu tun. Der Sportartikelkonzern plant einen Hilfsfonds für Arbeiter in Zulieferbetrieben. Er soll einspringen, wenn die Geschäftspartner in Asien Löhne oder Abfindungen nicht zahlen. Für Ende Oktober hat Adidas die Konkurrenz eingeladen, um über Details zu sprechen.

Der Plan klingt zunächst mal ehrenwert. Man könnte meinen, da sei nun endlich ein Unternehmen, das sich seiner Verantwortung stellt. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Bei dem Projekt des zweitgrößten Sportartikelherstellers der Welt sind Zweifel angebracht. Zum einen ist es noch völlig offen, ob der Fonds überhaupt zustande kommt. Adidas gibt zu, man stehe noch ganz am Anfang, die Diskussionen würden "ergebnisoffen" geführt. Einzelheiten sind bislang nicht bekannt.

Noch wichtiger aber: Internationale Organisationen wie die Kampagne für saubere Kleidung (CCC) warnen energisch davor, die Versprechen des Konzerns für bare Münze zu nehmen. Die Diskrepanz zwischen solchen Initiativen und dem Ist-Zustand bei den Zulieferfirmen sei enorm. CCC-Experte Lars Stubbe: "Adidas ist beim Umgang mit Zulieferbetrieben nicht besser als Discounter wie Aldi, Lidl oder Kik."

Seine Vermutung: Der Hilfsfonds könne eine hektische Reaktion auf den Druck sein, den US-Universitäten derzeit auf Adidas ausüben. Mitte September hatte die Cornell University, eine der größten Hochschulen in den USA, den Sponsorenvertrag mit dem deutschen Konzern gekündigt. Colleges in den USA sind wegen ihrer Basketball- und Footballteams mit europäischen Sportvereinen vergleichbar. Zu Spielen der Top-Mannschaften kommen häufig mehr Zuschauer als zu Partien der Profis. Entsprechend wichtig ist der Markt für die Hersteller.

Der Hintergrund des Streits: Adidas weigert sich, Abfindungen für rund 2800 Mitarbeiter von PT-Kizone, einem Zulieferer in Indonesien, zu zahlen. Offen ist derzeit noch eine Summe von 1,8 Millionen Dollar. Adidas verteilte Lebensmittelgutscheine im Wert von 525.000 Dollar, weist aber die Verantwortung für die Abfindungen ansonsten zurück. Als die Fabrik geschlossen wurde, habe man dort schon länger nicht produzieren lassen. Zudem habe Adidas die Arbeiter dabei unterstützt, einen neuen Job zu finden.

"Adidas stiehlt sich aus der Verantwortung"

Der Kampagne für saubere Kleidung reicht das nicht aus. "Adidas stiehlt sich aus der Verantwortung", sagt CCC-Aktivist Stubbe. Die Lebensmittelgutscheine seien eine Beleidigung für die Indonesier und auch nicht geeignet, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. "Miete und das Schulgeld ihrer Kinder können sie davon nicht bezahlen. Außerdem empfinden viele das Angebot als würdelos."

David J. Skorton, Präsident der Cornell University, bezieht sich in seinem Schreiben an Adidas explizit auf PT-Kizone. Er fordert das Unternehmen auf, sich stärker für die indonesischen Arbeiter einzusetzen. Wenn der Konzern dies tue, sei man "gerne bereit, die Geschäftsbeziehungen wieder aufzunehmen". Wegen desselben Falls in Indonesien streitet auch die Universität Wisconsin mit Adidas. Die Hochschulleitung ist vor Gericht gezogen.

Adidas weist den Vorwurf zurück, der Konzern reagiere jetzt auf den Druck der US-Hochschulen. "Der Plan ist nicht über Nacht entstanden", sagte eine Sprecherin. Man denke schon länger darüber nach, wie man die Bedingungen bei den asiatischen Zulieferern verbessern könne. Insgesamt arbeitet der Konzern mit 1232 Firmen in 63 Ländern zusammen.

Adidas verweist auf Verhaltensnormen für Zulieferer

Schätzungen zufolge kommen 60 Prozent der europäischen Kleidung aus asiatischen Billiglohnländern. Kritik an den Zuständen in Indonesien und Bangladesch gibt es immer wieder. Für CCC-Aktivist Stubbe ist das Hauptproblem, "dass die Löhne nach wie vor viel zu niedrig sind". Ein Arbeiter könne selbst mit einer vollen Stelle keine vierköpfige Familie ernähren. Daraus folgten letztlich weitere Probleme wie Kinderarbeit und 16-Stunden-Schichten. Eine Beteiligung der Beschäftigten über Betriebsräte und Gewerkschaften werde zudem systematisch verhindert.

Stubbe zufolge ist die Lage bei Zulieferern von Markenherstellern wie Adidas oder Nike nicht besser als bei jenen, die für Aldi oder Kik produzieren. "Von den höheren Preisen kommt bei den Arbeitern nichts an", sagt er. Zwar gebe es auch Fabriken mit höheren Standards. Doch die seien die absolute Ausnahme, so Stubbe.

Adidas verweist dagegen auf seine Verhaltensnormen, die man mit jedem Zulieferer vereinbare. "Dadurch sind Standards beim Arbeitsrecht gewährleistet. Und diese werden regelmäßig von der Fair Labor Association (FLA) kontrolliert", sagte eine Sprecherin.

Die CCC kritisiert jedoch, dass die Kontrollen der FLA häufig als einziger Nachweis für korrektes Verhalten herhalten müsse. "Anstatt also systematisch Arbeiter zu beteiligen und für vernünftige Löhne zu sorgen, wird ausschließlich auf das Auditing gesetzt", sagt Stubbe. Auch von dem groß angekündigten Hilfsfonds verspricht er sich wenig. "Das klingt alles sehr nach einer Imagekampagne."

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1. Perfides Spiel!
Benjowi 04.10.2012
In den Industriestaaten -z.B. in Europa- wird das Märchen verbreitet, dass die mehrfach höheren Prise der Markenartikler gegenüber den No-Name-Produkten unter anderem mit fairen Bedingungen für die Zulieferer in der dritten Welt sorgen würden. Man versucht, den No-Name-Produkten ein Schmuddel- und Ausbeuterimage anzuhängen. In Wirklichkeit sind die Markenartikler im Grunde noch viel schlimmer. Ihre Handelsmarge ist um vieles höher-für ärmere Schichten in den Industriestaaten sind ihre Produkte fast unerschwinglich- und gleichzeitig werden ihre Produkte offensichtlich zu fast gleichen unmenschlichen Randbedingungen hergestellt, wie die der Billigkonkurrenz. Zudem spannen sie den Zoll ein, um wirkliche oder eingebildete Produktpraterie zu verfolgen, damit ja ihre gewaltigen Gewinnmargen nicht in Gefahr geraten. Mit Arbeitsplätzen in den Abnehmerstaaten -wie immer suggeriert- dürfte das eher nix zu tun haben! Im Grunde sind die Billigheimer daher viel ehrlicher. Sie kaufen billig ein und verkaufen billig-die Arbeiter in den Herstellerländern sind in beiden Fällen die Dummen!
2. gibt es
jamesbrand 04.10.2012
eigentlich eine internationale Firma, welche die Arbeiter nicht ausbeutet?
3.
Thorsten1 04.10.2012
Zitat von jamesbrandeigentlich eine internationale Firma, welche die Arbeiter nicht ausbeutet?
Na ja, Ausbeutung gehört irgendwie zum Geschäftsmodell Kapitalismus aber wenn man bewußt einkauft, kann man sich schon ziemlich sicher sein das kein Kinderblut an den Waren klebt. Ich kaufe z.B. Fair Trade Kaffee der oft nicht teurer als ein normaler Markenkaffe ist. Dann Sportsbekleidung von Trigema, welche in D und somit zumindest gemäß den deutschen Bedingungen produziert wurde. Ich denke der nächste Fernseher kommt von Loewe oder Metz (Franken) und die Waschmaschine von Miele. Das Auto kommt aus England welches denk ich mal auch noch OK sein sollte usw. Man kann zwar nie ausschließen, das Komponenten dann doch aus Billiglohnländern kommen, aber es ist zumindest ein Zeichen. Allerdings muss man sagen, das solange es noch genug Leute gibt die 30-50€ für z.B. ein Addidas T-Shirt ausgeben welchen es bei Kik ohne Aufdruck für nen 10er im Dreierpack gibt, werden sich die Geschäftspraktiken nicht ändern.
4. Laufmasche
spygley1n 04.10.2012
Habe jetzt den Aldi Laufschuh und sehe fast keinen Unterschied zu Asics und Brooks: fast 100€ billiger
5. Ungerechte Welt? Pech gehabt!
Andreas Rolfes 04.10.2012
Zitat von Thorsten1Na ja, Ausbeutung gehört irgendwie zum Geschäftsmodell Kapitalismus aber wenn man bewußt einkauft, kann man sich schon ziemlich sicher sein das kein Kinderblut an den Waren klebt. Ich kaufe z.B. Fair Trade Kaffee der oft nicht teurer als ein normaler Markenkaffe ist. Dann Sportsbekleidung von Trigema, welche in D und somit zumindest gemäß den deutschen Bedingungen produziert wurde. Ich denke der nächste Fernseher kommt von Loewe oder Metz (Franken) und die Waschmaschine von Miele. Das Auto kommt aus England welches denk ich mal auch noch OK sein sollte usw. Man kann zwar nie ausschließen, das Komponenten dann doch aus Billiglohnländern kommen, aber es ist zumindest ein Zeichen. Allerdings muss man sagen, das solange es noch genug Leute gibt die 30-50€ für z.B. ein Addidas T-Shirt ausgeben welchen es bei Kik ohne Aufdruck für nen 10er im Dreierpack gibt, werden sich die Geschäftspraktiken nicht ändern.
Sie kriegen 10 T-Shirts bei AMAZON für 20 Euro... Wer zahlt da noch die Wucherpreise von Kik? Ob die Dinger dann von Kindern hergestellt wurden oder nicht ist mir erstmal egal. Klar wäre es schön, wenn die in Asien an den Nähmaschinen alle gut verdienen würden - für mich (und Milliarden anderer Konsumenten) aber nicht, weil ich (diese) die Produkte dann teurer kaufen müßte(n). UND NICHT JEDER HAT DAS GELD UM MIT SEINER KAUFENTSCHEIDUNG AUCH NOCH SEIN GEWISSEN BEFRIEDIGEN ZU KÖNNEN/WOLLEN.
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