Adidas und der DFB Gute Freunde kann niemand trennen

Im Skandal um die schwarze Kasse beim DFB fällt immer wieder der Name Adidas. Dem Unternehmen selbst wird nichts vorgeworfen. Doch der Fall zeigt, wie eng die Bande zwischen dem Fußballverband und seinem Ausrüster sind. Ein Überblick.

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Adidas-Chef Hainer, DFB-Ikone Beckenbauer: enge Bande
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Adidas-Chef Hainer, DFB-Ikone Beckenbauer: enge Bande


Da sage noch jemand, beim Fußball gehe es nur ums Geld: Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 2007 einen über zehn Jahre laufenden Ausrüstervertrag mit Adidas abschloss, war die Aufregung groß. Schließlich hatte der US-Sportkonzern Nike dem DFB mehr als 60 Millionen Euro pro Jahr geboten, Adidas hingegen nur rund 25 Millionen Euro.

"Es ist eine Partnerschaft, die sich früher nicht in D-Mark und Pfennig rechnen ließ und heute nicht in Euro und Cent", sagte knapp sechs Jahre später Wolfgang Niersbach, inzwischen DFB-Präsident.

Auch von dem DFB-Skandal um die mutmaßliche Schwarze Kasse bei der Bewerbung für die WM 2006 ist Adidas Chart zeigen nun betroffen, wenn auch indirekt. Schließlich war es der damalige Konzernchef und Anteilseigner Robert Louis-Dreyfus, der das Geld nach SPIEGEL-Informationen aus seinem Privatvermögen vorgestreckt hat. Der DFB bestreitet die Existenz einer solchen Kasse.

Tatsächlich ist die Verbindung zwischen dem DFB und Adidas seit Langem eng, sehr eng. Spätestens seit dem "Wunder von Bern", dem Sieg im WM-Finale 1954, an dem nicht zuletzt die Schuhe des Adidas-Gründers Adi Dassler ihren Anteil hatten.

Ein Überblick über mehr als sechs Jahrzehnte einer innigen Beziehung zwischen DFB und Adidas:

Der DFB und Adidas – eine enge Verbindung
1954 – Adidas und das Wunder von Bern

Wohl kein Ereignis hat den Ruf von Adidas so geprägt wie das Finale der WM 1954: Die Ungarn gelten als haushohe Favoriten gegen die Auswahl der Bundesrepublik Deutschland, fußballerisch weit überlegen. Doch am 4. Juli 1954, dem Finaltag, regnet es in Bern aus allen Kübeln – und die Deutschen haben Adolf "Adi" Dassler als Zeugwart auf ihrer Seite. Dassler ist Gründer und Chef von Adidas, zudem ein herausragender Tüftler. Er hat die Nationalelf mit Schuhen ausgestattet, die der damaligen Zeit weit voraus sind: Leicht, biegsam – und mit geschraubten Stollen, die sich je nach Umständen wechseln lassen. Für das Finale wählt Dassler lange, schmale Kunststoffstollen. Die DFB-Elf gewinnt sensationell 3:2. Die unterlegenen Ungarn machen auch die überlegenen Schuhe der Deutschen dafür verantwortlich. Spätestens von da an sind Adidas und der Deutsche Fußball-Bund engste Partner.

Der Schuh, der Adi Dassler berühmt macht

Dasslers Schuhe – leicht, biegsam und vor allem mit Schraubstollen – sind ein Riesenunterschied zu den Lederstiefeln mit festen Korkstollen, die damals üblich sind. (Auf dem Foto hält Adi Dassler im Jahr 1975 einen gängigen Fußballschuh der frühen Fünfzigerjahre in der linken Hand.) Fritz Walter, 1954 Kapitän, ist Dassler seit Längerem verbunden und hat sich vor dem Turnier bei Trainer Sepp Herberger für die Adidas-Schuhe eingesetzt.

Uwe Seeler – Fußball-Amateur, Adidas-Profi

Uwe Seeler, Spitzname "Uns Uwe", war nicht nur beim Hamburger SV, sondern auch in der Nationalelf ein Superstar – was in den Sechzigerjahren allerdings noch lange nicht mit einem entsprechendem Einkommen verbunden war. Selbst Seeler konnte nicht vom Fußballspielen leben und baute sich nebenbei eine Existenz als Geschäftsmann auf. Anfang der Sechzigerjahre vermittelte Bundestrainer Sepp Herberger ihm eine neue Verdienstmöglichkeit: Seeler fungierte von da an als Generalvertreter für Adidas. 1970 vermerkt der SPIEGEL, Seeler sei meist zwei Tage in der Woche für den Sportartikelhersteller unterwegs. Später wird Seeler Generalbevollmächtigter von Adidas.

Warnung an Puma-Abweichler

Nicht alle Nationalspieler waren begeistert davon, in Schuhen und Trikots von Adidas spielen zu müssen. Das galt bereits in den frühen Sechzigerjahren. 1962 erdreistete sich ein gewisser Wolfgang Solz, Linksaußen bei Eintracht Frankfurt (auf dem Foto also im gestreiften Trikot), bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft gegen Frankreich in Schuhen von Puma anzutreten – der bei Adidas besonders verhassten Konkurrenz aus der Dassler-Familie. Bundestrainer Sepp Herberger ließ Solz damals wissen, es sei "sein erstes und letztes Länderspiel gewesen", sollte er die Adidas-Schuhe noch einmal verschmähen wollen.

1974 - Weltmeister mit drei Streifen am Fuß

7. Juli 1974, München: Zum zweiten Mal wird die Bundesrepublik Deutschland Weltmeister. Auch wenn damals niemand eine Überlegenheit der Deutschen in Sachen Ausrüstung dafür verantwortlich macht (schließlich spielen auch die Finalgegner aus den Niederlanden in Adidas-Schuhen), sind Adidas und die deutsche Nationalmannschaft längst wie selbstverständlich miteinander verbunden. Es ist die Zeit, in der gute Fußballspieler wie Franz Beckenbauer oder Günter Netzer zu Stars aufsteigen – die auch durch Werbeverträge ordentlich verdienen. Beckenbauer etwa hat einen Kontrakt mit Adidas.

Horst Dassler – Big Business und Netzwerke

Nach dem Tod von Gründer Adi Dassler 1978 wird sein Sohn Horst nach und nach zur bestimmenden Kraft bei Adidas. Der knüpft schon in den Siebzigerjahren zahlreiche Kontakte im Weltfußball und erkennt das Potenzial des Fußballs als Marketingmaschinerie. Ab 1982 baut er eine Sportrechtefirma auf, die später als ISL bekannt wird. 2001 wird öffentlich, dass ISL in zahlreiche Schmiergeldzahlungen verwickelt ist. Hervorgegangen war die Firma wiederum aus der SKK Rofa AG, an der auch Franz Beckenbauer beteiligt war. Als Konzernchef von Adidas ist Horst Dassler wenig Erfolg beschieden: Unter seiner Ägide verliert das Unternehmen rapide Marktanteile an den US-Newcomer Nike, die Deutschen verschlafen Trends wie Aerobic, ihr Design gilt bald als dröge, ihre Produktion in Deutschland als zu teuer. Horst Dassler stirbt 1987 mit 51 Jahren an Krebs.

1990: Deutschland gewinnt WM-Turnier – die Dasslers verlieren Adidas

Am 8. Juli 1990 ist die Bundesrepublik zum dritten Mal Weltmeister – und diesmal wird sie allgemein als verdienter Sieger des Turniers anerkannt, anders als noch 1954 und 1974. In den Vorjahren war die Nationalelf bei den großen Turnieren zwar ebenfalls recht erfolgreich, aufgrund sehr robuster Spielweise allerdings weltweit eher unbeliebt. Nun, 1990, ist die Truppe um Matthäus, Völler und Buchwald für den DFB-Ausrüster Adidas eigentlich ein perfekter Werbeträger. Doch die Freude am Konzernsitz wird durch eine schlechte Nachricht getrübt: Einen Tag vor dem Finale haben die Dassler-Erben ihre Adidas-Anteile an den französischen Unternehmer Bernard Tapie verkauft, für umgerechnet nicht einmal 500 Millionen D-Mark.

Die Ära RLD beginnt

Nach dem Verkauf der Dassler-Familienanteile an Tapie wird es turbulent. Der schillernde Franzose verkauft die Anteile alsbald, kauft sie wieder zurück, geht pleite. 1994 landet Tapies Paket letztendlich bei Robert Louis-Dreyfus, einem französisch-schweizerischem Unternehmer. Seit 1993 ist Adidas eine AG, von 1995 an werden ihre Aktien an der Börse in Frankfurt gehandelt.

1996: DFB-Elf Spitze in Europa

Im Londoner Wembley-Stadion werden die Deutschen Europameister, 30 Jahre nach dem WM-Finale gegen England und dem denkwürdigen Wembley-Tor. Diesmal gelingt der Titelgewinn per Golden Goal, erzielt von Oliver Bierhoff. Der wird die Nationalmannschaft in den kommenden Jahren als Teammanager weiter prägen – und er ist einer der ersten Adidas-Skeptiker unter den DFB-Kickern. Persönlich hat er einen Werbevertrag mit Hauptkonkurrent Nike.

1998: Aufstand der Spieler, Drohbrief vom DFB

Die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich ist für die deutsche Nationalmannschaft eine sehr unerfreuliche Angelegenheit. Nach einem blamablen 0:3 gegen Kroatien fliegen Matthäus und Co. bereits im Viertelfinale aus dem Turnier, es ist zugleich das Ende der Ära Berti Vogts als Bundestrainer. Für sieben Profis stellt Frankreich gleich eine doppelte Pleite dar: Sie hatten im Vorfeld durchsetzen wollen, mit Schuhen ihres Werbepartners Nike auflaufen zu dürfen. Der DFB reagiert mit einem Brief, in dem er klarstellt: Wer nicht in Adidas spielen will, spielt gar nicht in der Nationalmannschaft. Die sieben Profis geben klein bei, auch sie tragen auf dem Platz Schuhe mit den drei Streifen.

2001: RLD übergibt an Hainer

Adidas ist seit Mitte der Neunzigerjahre unter der Führung von Robert Louis-Dreyfus wieder auf aufstrebendem Kurs. Als er den Vorstandsvorsitz im Jahr 2001 an Herbert Hainer abgibt, ist Adidas wieder ein ernstzunehmender Konkurrent für Nike. Die deutsche Nationalmannschaft dagegen steckt nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 in der Krise.

2006: Kloses Blasen

Die WM im eigenen Land wird für Deutschland zum Sommermärchen, die Nationalmannschaft erlangt ungeahnte Beliebtheit. Während des Turniers läuft die DFB-Elf noch brav geschlossen in Adidas-Schuhen an, kurz danach ist es vorbei mit der Folgsamkeit. Mehrere Spieler drohen mit Boykott, sollten sie nicht in Schuhen ihrer Werbepartner antreten dürfen. Der Musterprofi Miroslav Klose beschwert sich darüber, in Adidas-Tretern Blasen zu bekommen. Am 16. August erzielt er im EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden in Nike-Schuhen ein Tor (Foto). Ende August gibt der DFB endgültig klein bei: Er kippt den "Schuhzwang", die Spieler müssen sich zwar weiter in Adidas kleiden, haben beim Schuhwerk aber nun freie Wahl.

2007: Wer bietet mehr? Egal!

Im August 2007 ist Theo Zwanziger Präsident des DFB und Herbert Hainer ist Konzernchef bei Adidas. Sie schließen einen Ausrüstervertrag über zehn Jahre, der bereits in den Monaten zuvor heftig umstritten war. Konkurrent Nike hatte mit aller Macht versucht, die Nationalmannschaft an sich zu binden – und dem DFB einen Vertrag angeboten, der für den Verband einen Wert von rund 60 Millionen Euro im Jahr gehabt hätte. Nationalmannschaftsmanager Bierhoff soll sehr für das Nike-Paket gewesen sein. Dennoch erhält Adidas den Vertrag, obwohl der deutsche Konzern sein Angebot lediglich auf rund 25 Millionen Euro jährlich aufgestockt hat. 2013 wird DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in einem Interview dazu sagen: "Es ist eine Partnerschaft, die sich früher nicht in D-Mark und Pfennig rechnen ließ und heute nicht in Euro und Cent."

2014: Vier Sterne, drei Streifen

13. Juli, Finale in Rio, 0:0 nach regulärer Spielzeit, Verlängerung, Flanke Schürrle, Schuss Götze, Tor!, Schlusspfiff – Deutschland ist Weltmeister, zum vierten Mal. In den Wochen zuvor hatte die DFB-Elf weltweit enorme Popularität erlangt, so schön spielte sie, so fair verhielt sie sich. Dementsprechend begehrt sind die Deutschland-Trikots. Manch einer kauft gleich zweimal – einmal vor und einmal nach dem Turnier. Denn selbstverständlich sollen dann bereits vier Sterne darauf genäht sein, für jeden WM-Titel einen. Insgesamt setzt Adidas mehr als drei Millionen der DFB-Trikots ab. Nach Berechnungen der Firma PR Marketing gehen von rund 85 Euro, die jedes Trikot kostet, 5,10 Euro an den DFB und 16,26 Euro als Gewinnspanne an Adidas.



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insgesamt 89 Beiträge
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hallo??? 20.10.2015
1. die ungarn machen auch...
doping für die niederlage verantwortlich. bekanntlich zu recht. sie beklagten das vorsätzliche wegtreten von puskas im vorrundenspiel, von dem dieser sich bis zum finale nicht erholen sollte und angeschlagen nur die hälfte wert war. und natürlich beklagten sie sich über das gestohlene 3-3, das nach allem, was es an bildmaterial gibt, mit allerhöchster wahrscheinlichkeit kein abseits war. mit fairen mitteln hätte man der damals mit abstand besten mannschaft der welt ihre einzige niederlage in sieben jahren sicher nicht beibringen können
wolf-prange 20.10.2015
2. Ja und? Müssen wir den Titel von 2006 zurückgeben?
Da gab es doch mal einen Baulöwen namens Schneider, bei dessen Vorhaben plötzlich ruchbar wurde, dass Rechnungen für Handwerksbetriebe in existenzbedrohender Höhe nicht bezahlt waren. Das hat die Deutsche Bank elegant gelöst, indem sie die Verbindlichkeiten getilgt hat. Auf die Frage an den damaligen Chef Dr. F.Wilhelm Christians, wer denn nun geschädigt sei, lautete die Antwort sinngemäß 'niemand'. Im Falle der WM 2006 dürfte das nicht anders sein. Das Geld ist zwar nicht mehr da, aber ein Schaden ist ja wohl nur in Form eines Kratzers am Image des DFB und dem des Ausrüsters Adidas entstanden. Wozu die ganze Aufregung!
simon.meister6 20.10.2015
3.
Interessant ist die Reaktion der meistern deutschen Medien auf die Anschuldigungen gegen Ihre Fussballgötter. Da wird beschwichtig, man konnte lesen, dass in einer verrotteten FIFA, in welcher alle korrupt sind, halt der DFB und seine Granden auch ein bisschen.... Diese deutsche Doppelmoral nervt. Während auf alles und jeden ausserhalb Deutschland geschossen wird, sich allen und jeden moralisch überlegen fühlt, beginnt bei eigenen Verfehlungen das Relativieren. Willkommen liebe Deutsche in der Realität. Ob Sommermärchen, VW-Skandal, Waffenlieferungen an Saudi Arabien... Wir sind nicht besser als alle anderen. Darum bitte das Fernglas weglegen, die Horchposten an der Grenze abziehen und mal in den Spiegel schauen und mit der Selbstreflexion beginnnen..
teekaysevenfive 20.10.2015
4. Standpunkt
Sollten sich alle vagen Behauptungen des Spiegels am Ende als haltlos erweisen, wünsche ich mir eine knallharte Bestrafung aller Organe des Verlages, die daran beteiligt waren. Das wäre einmal ein Zeichen. Im weiteren würde ich mich dann freuen, wenn man auch die BILD Zeitung dabei zukünftig nicht vergisst. Pressefreiheit bedeutet nicht, behaupten zu können, was man möchte. Da gilt noch immer, behaupten, begründen, belegen. Und nicht nur ersteres liebe Spiegelredaktion.
bruno47 20.10.2015
5. So geht Vertrieb
Kontaktpflege, insbesondere in der Bestandskundenbetreuung, gehört zum Handwerkszeug jedes Verkäufers. Das funktioniert bei keinem Unternehmen und nirgends auf der Welt anders. Bis in die 90er Jahre hinein waren Zuwendungen, um sich einen vertrieblichen Vorteil zu verschaffen, als sog. nützliche Abgaben in DE von der Steuer absetzbar. Auf Druck der US-Amerikaner hat die Bundesregierung aus einem bis dahin völlig normalen Geschäftsgebaren einen Straftatbestand gemacht. Heute kann man nur jedem raten sich auch daran zu halten. Die persönlichen Kontakte sind natürlich geblieben. Einen Skandal kann ich daran nicht erkennen.
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