Ärger um Biogasanlage Kalter Krieg in Ostfriesland

Ein Bauer in Ostfriesland bringt seine Dorfnachbarn gegen sich auf - weil er eine Biogasanlage bauen möchte. Kollegen sorgen sich um die Bodenpreise, Nachbarn fürchten Gestank, Naturschützer warnen vor Umweltschäden. Das Problem: Mit Energiepflanzen lässt sich mehr Geld verdienen als mit Milch.

DPA

Aus Holtrop berichtet Daniela Schröder


Der Kriegsgrund soll einmal hinter den Kuhställen stehen. Jann Aden kennt die Pläne fast auswendig: Alle Prognosen, Berechnungen und Kosten, säuberlich abgeheftet stecken sie in dicken Ordnern. Mit dem Projekt Biogasanlage beschäftigt sich der junge Landwirt seit Jahren, es ist seine Hoffnung für eine sichere Zukunft. Jetzt soll der lang gehegte Plan endlich Wirklichkeit werden. Wenn da nur nicht Adens Nachbarn wären. Hier darf keine Biogasanlage stehen, wettern sie und organisieren eine Protestaktion nach der anderen.

Friedliches Dorfleben, das war einmal. Im ostfriesischen Holtrop herrscht kalter Krieg.

Jann, 29, sitzt im Wohnzimmer seiner Eltern, rechts neben ihm der Vater, links von ihm seine Mutter. Jann verkörpert die sechste Generation der Adens, die in Holtrop von der Landwirtschaft lebt. Siebzig Milchkühe plus eine Handvoll Mastbullen gehören zum Hof, was sie fressen, das wächst auf 70 Hektar Feldern und Wiesen. Für die Milchregion Ostfriesland hat der Betrieb eine durchschnittliche Größe. Aden könnte so weiter machen, wenn er mit Milch gutes Geld verdienen würde. Doch dafür müsste er expandieren, denn im globalen Wettbewerb konkurriert sein Hof mit den ganz Großen.

"Klar", sagt er, "wir könnten ordentlich aufstocken und drei Mal so viel Milchvieh in den Stall stellen." Doch warum sollte man sich mehr Kühe anschaffen, wenn die Milchpreise so verdammt mies sind und die Aussichten so unsicher?

3500 Tonnen Energiepflanzen plus 2000 Tonnen Gülle

Trotz künstlich gesteuerter Produktion bekommen die Bauern derzeit nicht viel mehr als zwanzig Cent pro Liter Milch, von der erfolglosen Quotenregel will sich die Europäische Union denn auch in wenigen Jahren verabschieden. Überhaupt sind Lebensmittel in Deutschland viel zu billig, findet Aden, einem Landwirt bleibe daher keine Wahl: "Heutzutage ist man gezwungen, sich noch ein anderes Standbein zu suchen."

Zum Beispiel eine Biogasanlage. Im Herbst hat Aden zum ersten Mal Gras und Mais auch als Futter für die Anlage eingeholt. Jetzt lagern die Pflanzen unter großen weißen Plastikplanen und im Silo. Bald sollen sie in klimafreundliche Energie verwandelt werden. Aden sagt, die geplante 190-Kilowatt-Anlage wird 3500 Tonnen Energiepflanzen plus 2000 Tonnen Gülle pro Jahr brauchen. Der dabei entstehende Strom soll ins öffentliche Netz eingespeist werden. Außerdem lasse sich auch Holtrops Grundschule und Sporthalle mit Wärme beliefern, hat Aden angeboten. Nicht alle Holtroper aber wollen davon etwas wissen. Eine emsige Bürgerinitiative hat in der Gemeinde mehr als 350 Unterschriften gegen Adens Vorhaben gesammelt.

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Grafiken: Bioenergie in Deutschland

Einer der zwanzig Aktivisten ist Thomas Lengen, 31, Planer in einer Spedition. In der Schule war er eine Klasse über Aden, zusammen gingen sie zur Landjugend und fuhren am Wochenende auf Partys. "Wir waren gut befreundet", sagt Lengen. Die beiden wohnen nur zwei Minuten Fußweg voneinander entfernt. Genau an dieser Nähe zerbrach nun das Verhältnis. Denn für eine Biogasanlage direkt um die Ecke, fürchtet Lengen, werden Massen an Mais und Gülle heran gekarrt. Das wiederum bedeute mehr Verkehr und Gestank, "und darunter leidet die Lebensqualität ganz erheblich". Doch weil Aden eben nicht findet, dass unter seiner Zukunftshoffnung irgendjemand leiden wird, reden die Familien der beiden kein Wort mehr miteinander. "Ich will es eigentlich nicht Krieg nennen", sagt Lengen. "Aber innerhalb weniger Monate haben sich die Fronten verhärtet."

Niedersachsen ist eine Biogashochburg

Noch hat die Kreisverwaltung Aurich Adens Plan nicht genehmigt. Dabei ist die Angst der Nachbarn vor Lärm und Geruch nur eines von vielen Problemen. Die Holtroper Bürgerinitiative macht auch aus anderen Gründen gegen die Biogasanlage mobil: Umweltschutz und Pachtpreise.

Es geht vor allem um den Mais, angebaut in gigantischen Monokulturen. Weil der Staat nachwachsende Rohstoffe beim Erzeugen von Energie seit 2004 besonders fördert, vergären Biogasbauern in ihren Anlagen vor allem Silomais. Niedersachsen steht bei der Biogasproduktion in Deutschland unangefochten an der Spitze. Entsprechend breitet sich der Mais aus: Im ganzen Bundesland wuchs die Anbaufläche für Energiemais in den vergangenen fünf Jahren um rund 120.000 Hektar. Mittlerweile wandern ein Viertel der Maiserträge in Biogasanlagen. Vor allem die ohnehin an Futtermais reichen Fleischerzeuger-Hochburgen rund um Cloppenburg und Vechta sahen in den vergangenen Sommern aus wie ein einziges großes Maisfeld.

Die Entwicklung könnte auch Ostfriesland drohen. Rolf Bünte, Chef der Auricher Zweigstelle der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, beziffert den Maisanbau in der Region auf 30.000 Hektar, davon entfielen 40 Prozent auf Biogas. "Es ist eindeutig", sagt er, "dass der Ausbau der Maisflächen am Biogas-Boom liegt." Auch der Naturschutzverband Nabu schlägt Alarm: "Ostfriesland verändert sich rasant, die Landschaft vermaist." Das schadet dem Ökosystem. Umweltschützer warnen vor den Folgen großer Maismonokulturen und vor Belastungen für das Grundwasser durch Dünger und Schädlingsgifte.

"Nirgendwo steht geschrieben, dass ich mein Geld mit Milch verdienen muss."

Was vielen Landwirten am meisten stinkt, sind jedoch die nach oben geschossenen Pachtpreise. Wegen der hohen Vergütung für Strom aus nachwachsenden Rohstoffen können Biogasbauern oft bis zu 1000 Euro Jahrespacht pro Hektar Land zahlen - drei Mal so viel wie ihre Kollegen, die Milch, Fleisch oder Getreide produzieren. Es bestehe "ein Ungleichgewicht in den Wettbewerbsbedingungen", formulierte jüngst der Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Im Agrarministerium in Hannover heißt es zwar, der Anteil der Energiepflanzen liege mit derzeit elf Prozent noch unter dem Bundesdurchschnitt von 15 Prozent, eine "Koexistenz von Nahrungsmittelerzeugung und Bioenergie" sei in Niedersachsen möglich.

Doch das beruhigt die Landwirte kein bisschen. Für das an Grünland reiche und an Ackerland arme Ostfriesland ist der Kampf um Flächen völlig neu. "Bisher waren wir ein geschützter Bereich", sagt Karl Hedden, Geschäftsführer des Ostfriesischen Landvolks. Wer den Hof aufgeben wollte, der habe vor wenigen Jahren nur schwer neue Pächter für seine Wiesen finden können. Heute dagegen seien nicht nur die Milchpreise im Keller, sondern wegen des Biogas-Booms auch noch die Flächen knapp. Da müsse sich ein Landwirt eben Alternativen aufbauen, sagt Hedden. "Nirgendwo steht geschrieben, dass ich mein Geld mit Milch verdienen muss."

Moralisches Grundproblem

Ob nun aber die Biogasbauern die Gewinner sind, ist offen. Denn nicht nur das Auf und Ab der Preise für die Energiepflanzen spielt eine Rolle. Auch der politische Kurs kann sich schnell ändern. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition hat bereits angedeutet, dass sie den Biogasbonus für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe wieder runter schrauben wird. Kein Wunder, denn Experten warnen schon lange vor einer Fehlentwicklung.

Das Grundproblem ist ein moralisches: Lässt es sich rechtfertigen, dass das reiche Deutschland Nahrungsmittel verbrennt - während in armen Ländern Menschen hungern? Hinzu kommen Umweltschutzbedenken. Neuere Studien belegen, dass Bioenergie längst nicht so klimafreundlich ist wie früher gedacht.

Von der Vorgänger-Regierung war der Boom der Biogasanlagen gewollt, angesichts der ausgehenden Öl- und Gasvorräte und im Kampf gegen den Klimawandel galt es als Hoffnungsträger in der Energieversorgung. Landwirte werden die Energiewirte und die Ölscheichs des 21. Jahrhunderts sein, prophezeite schon vor Jahren der Politikwissenschaftler Franz Alt. Statt Weizen zu ernten und Kühe zu melken, würden sie bald Windräder, Biogas- und Solaranlagen bauen. Nicht zuletzt schien Biogas den gebeutelten Landwirten ein zusätzliches Einkommen sichern zu können.

Mögliche Probleme aber wurden beim Entwerfen der Gesetze nicht einkalkuliert. Jetzt baden es die Menschen auf dem Land aus. "Die Politik hat gepennt, die Bauern bauen Biogasanlagen, und dann gibt's Zoff", sagt Lengen von der Bürgerinitiative Holtrop. "So eine Situation hatten wir im Dorf noch nie."



Forum - Kann Biomasse das Energieproblem lösen?
insgesamt 295 Beiträge
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Seite 1
Stefanie Bach, 08.12.2009
1.
Zitat von sysopBiomasse steht immer öfter in der Kritik. Darf man Nahrungsmittel verfeuern, um Energie zu gewinnen?
Kein einzelner Energieträger kann für sich alleine genommen das Energieproblem lösen. Entscheidend ist letztlich ein sinnvoller Mix. Dass es "Nahrungsmittel" sind, die zur Gewinnung von Energie "verfeuert" werden, dürfte überwiegend unzutreffend sein. Insbesondere werden organische Abfälle und eigens zur Energiegewinnung angebaute Stoffe genutzt. Ein Beispiel: Erdgas mit Bio-Erdgas als Kraftstoff der Zukunft (http://www.plantor.de/2009/erdgas-mit-bio-erdgas-als-kraftstoff-der-zukunft/)
Thomas Müntzer, 08.12.2009
2.
Zitat von Stefanie BachKein einzelner Energieträger kann für sich alleine genommen das Energieproblem lösen. Entscheidend ist letztlich ein sinnvoller Mix. Dass es "Nahrungsmittel" sind, die zur Gewinnung von Energie "verfeuert" werden, dürfte überwiegend unzutreffend sein. Insbesondere werden organische Abfälle und eigens zur Energiegewinnung angebaute Stoffe genutzt. Ein Beispiel: Erdgas mit Bio-Erdgas als Kraftstoff der Zukunft (http://www.plantor.de/2009/erdgas-mit-bio-erdgas-als-kraftstoff-der-zukunft/)
Den guten alten Hanf. Das Milliarden -Euro-Kraut. Hemp for Victory oder Hanf für den Sieg. Würde auch den Reichtum zum kleinen Mann bringen. Merkwürdig, dass Politiker die das verhindert haben jetzt bei den grossen Energiekonzernen untergekommen sind. Haben wohl Clemensmässig ihren Schröderauftrag erfüllt. Leider zu Lasten der Umwelt, und dem Volksvermögen!
icabaru 08.12.2009
3.
Zitat von Stefanie BachKein einzelner Energieträger kann für sich alleine genommen das Energieproblem lösen. Entscheidend ist letztlich ein sinnvoller Mix. Dass es "Nahrungsmittel" sind, die zur Gewinnung von Energie "verfeuert" werden, dürfte überwiegend unzutreffend sein. Insbesondere werden organische Abfälle und eigens zur Energiegewinnung angebaute Stoffe genutzt. Ein Beispiel: Erdgas mit Bio-Erdgas als Kraftstoff der Zukunft (http://www.plantor.de/2009/erdgas-mit-bio-erdgas-als-kraftstoff-der-zukunft/)
Natuerlich werden keine Nahrungsmittel zur Energiegewinnung verfeuert! Aber die Anbauflaechen fuer Nahrungsmittel werden zum Anbau von Energietraegerpflanzen anstatt zur Nahrungsmittelproduktion genutzt. Da verhungern Millionen und die Nahrungsmittelpreise in vielen Laendern steigen so weit, dass sie von vielen gar nicht bezahlt werden koennen. In Europa merkt man das sicherlich wegen Milchseen und Butterbergen noch nicht. Ausserdem ist die Energiebilanz dieser Brennstoffe negativ, weil zu ihrer Erzeugung oftmals mehr Energieaufwand erforderlich ist als ihr Brennwert betraegt! Und dass soll ein Beitrag sein der den CO2 Ausstoss verringern soll. Erdgas ist ebenso eine endliche Resourche wie Oel und deshalb ist es nur ein Brennstoff der zur Ueberbrueckung dienen kann, bis wirklich langfristig funktionierende Loesungen gefunden sind. Da gibt es eine Menge Leute mit guten Ideen. Und biogas kann schon deshalb kein Enbergietraeger der Zukunft sein weil es einfach zu wenig davon gibt bzw. weil es ein minderwertiger Brennstoff ist (niedrige Methanzahl!). Dennoch ist es sinnvoll diesen Brennstoff als Beitrag zum Energiemix zu nutzen, weil er sonst in die Atmossphaere entweichen und das Klimaproblem verstaerken wuerde.
Jochen Binikowski 08.12.2009
4.
Beim derzeitigen Preisniveau fossiler Energien ist neben der Biomasse auch praktisch jede andere alternative Energieerzeugung unwirtschaftlich. Bei einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Preise dürfte Biomasse der Energieträger mit dem größten Potenzial sein. Dann würde es sich nämlich rechnen, riesige Steppen, Savannen und Wüsten künstlich zu Bewässern und damit landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Für eine komplette Welt-Energieversorgung durch Biomasse würde eine Fläche von der Größe Australiens benötigt. Da es zahlreiche Energiepflanzen gibt die gleichzeitig auch einen Nahrungsmittelanteil produzieren (z.B. Früchte oder Blätter) könnte auch die Ernährungssituation verbessert werden.
Hagbard 08.12.2009
5.
Zitat von Stefanie BachKein einzelner Energieträger kann für sich alleine genommen das Energieproblem lösen. Entscheidend ist letztlich ein sinnvoller Mix. Dass es "Nahrungsmittel" sind, die zur Gewinnung von Energie "verfeuert" werden, dürfte überwiegend unzutreffend sein. Insbesondere werden organische Abfälle und eigens zur Energiegewinnung angebaute Stoffe genutzt. Ein Beispiel: Erdgas mit Bio-Erdgas als Kraftstoff der Zukunft (http://www.plantor.de/2009/erdgas-mit-bio-erdgas-als-kraftstoff-der-zukunft/)
Danke, genau so sehe ich das auch.
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