Ärger um Sponsor Indische Sportler erwägen Olympia-Boykott

Den Organisatoren von Olympia 2012 in London droht eine Blamage: Indische Sportler wollen die Sommerspiele boykottieren, weil sie den Sponsor Dow Chemical in der Verantwortung für die tödliche Chemie-Katastrophe von Bhopal sehen. Olympia-Chef Coe bleiben nur wenige Tage, um die Inder zu überzeugen.

Olympia-Organisator Sebastian Coe: Ärger um Sponsor Dow Chemical
DPA

Olympia-Organisator Sebastian Coe: Ärger um Sponsor Dow Chemical


Hamburg - Dabeisein ist alles lautet der olympische Gedanke. Doch dieses Motto könnte sich bei den Olympischen Spielen 2012 in London nicht für alle erfüllen. Denn Athleten aus Indien drohen mit einem Boykott der Sommerspiele. Grund ist ein heikler Sponsorendeal von Sebastian Coe, dem Chef des Organisationskomitees.

Der britische Mittelstrecken-Olympiasieger hat den US-Chemiekonzern Dow Chemical als Geldgeber angeworben. Es soll um 100 Millionen Dollar gehen. Doch der Konzern steht in Verbindung mit einer der weltweit größten Umweltkatastrophen: Am 3. Dezember 1984 waren im indischen Bhopal etwa 46.000 Tonnen Giftgas aus einem Werk des amerikanischen Chemie-Riesen Union Carbide entwichen. Dabei kamen mehr als 20.000 Menschen ums Leben. Seit 2001 ist Union Carbide eine Tochterfirma von Dow Chemical Chart zeigen.

Seit der Konzern im Juli 2010 als Großförderer in das Sponsorenprogramm des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufgenommen wurde, gibt es in Indien Protest. Inzwischen melden sich auch Menschenrechtsgruppen zu Wort, die ein Eingreifen der indischen und britischen Regierung fordern. Der Streit zieht immer weitere Kreise.

Laut dem britischen "Independent" mischte sich nun die Labour-Politikerin Tessa Jowell ein. Als Olympia-Ministerin kümmerte sie sich von 2005 bis 2010 gemeinsam mit Coe um die Organisation der Spiele. Jowell rief den Organisationschef nun an und drängte ihn, den Sponsorenvertrag mit Dow Chemical aufzulösen. "Man sollte dieses Risiko des Image-Verlusts nicht eingehen", sagte sie der Zeitung. Die Politikerin will nun selbst nach Indien reisen, um die Wogen zu glätten.

Die Organisatoren haben den Image-Schaden unterschätzt

Der Zeitung zufolge hat Coe nun bis zum 5. Dezember Zeit, dem olympischen Sportverband Indiens den Boykott auszureden. An diesem Tag wollen sich die Funktionäre und Athleten des Landes treffen, um zu entscheiden, ob sie zu den Sommerspielen nach London reisen.

Würde Indien die Spiele boykottieren, wäre das für das IOC ein enormer Image-Schaden. Immerhin wäre dann das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde nicht mit von der Partie. Zudem leben in Großbritannien viele indischstämmige Menschen und die beiden Länder haben enge wirtschaftliche Beziehungen.

Zwar ist die Katastrophe von Bhopal fast 30 Jahre her, doch Olympia-Organisator Coe hat offenbar unterschätzt, wie tief verwurzelt die Ereignisse im indischen Gedächtnis sind.

Viele Inder wollen nicht akzeptieren, dass Dow Chemical sich nun bei seiner weltweiten Werbung mit den olympischen Ringen schmücken darf. Besonders groß ist die Empörung im Bundesstaat Madhya Pradesh, dessen Hauptstadt Bhopal ist. Ein Unternehmen, das in solch eine Tragödie verwickelt sei, dürfe keine Fairplay-Veranstaltung wie Olympia als Hauptsponsor finanziell unterstützen, schrieb der Regierungschef von Madhya Pradesh, Shivraj Singh Chouhan, der Führung in Neu-Delhi laut der Agentur IANS.

Das Sponsorengeld solle besser für Entschädigungen für die zahlreichen Opferverbände des Giftgas-Unglücks ausgegeben werden, schrieb Chouhan. Er rief die Regierung zu Protest gegen das Sponsoring und auch zum Boykott der Spiele auf, sollte das IOC seine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chemie-Giganten nicht beenden. Chouhan will auch die Chefin der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, mit ins Boot holen.

Dow Chemical sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt

Dow Chemical jedoch will bisher von einem Rückzug nichts wissen. Union Carbide sei erst mehr als 16 Jahre nach dem Unfall erworben worden, erklärte das Unternehmen in einer Mail an die indische Zeitung "Economic Times". Darum habe Dow Chemical nichts mit dem Unglück zu tun. Auch Gerichtsurteile hätten dem Konzern 2007 keine Haftung für den Unfall auferlegt. Es sei traurig, dass einige Leute dennoch versuchten, der Firma eine Verantwortung zuzuschieben.

Dow Chemical verweist stets darauf, dass Union Carbide 1991 rund 500 Millionen Dollar an Opfer des Bhopal-Unglücks zahlte und hält die Sache damit für erledigt - obwohl der indische oberste Gerichtshof die Entschädigungsfrage noch nicht endgültig für geklärt hält. Dow Chemical selbst hat einen weiteren dunklen Fleck in der Firmengeschichte: Der Konzern stellte das Entlaubungsmittel Agent Orange her, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde und als Auslöser von Gesundheitsschäden Tausender Vietnamesen und US-Soldaten gilt.

"Die Menschen in Bhopal sind erschüttert"

Trotz aller Kritik: Olympia-Organisator Coe will seinen Großsponsor nicht einfach aufgeben. "Ich habe mir die Sache gut angeschaut, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Dow Chemical zum Zeitpunkt des Unglücks und während der entscheidenden Auseinandersetzungen nicht verantwortlich war", sagte er dem "Independent".

Doch die indischen Sportler wollen noch nicht aufgeben. Der frühere Hockeyspieler und olympische Goldmedaillen-Gewinner Aslam Sher Khan sagte der Zeitung, er werde Sonia Gandhi einen Brief schreiben, damit sie Druck auf die britische Regierung mache. Diese solle die Verbindungen zu Dow Chemical im Rahmen der Olympischen Spiele überdenken. "Der Jahrestag am 3. Dezember naht wieder und die Menschen in Bhopal sind erschüttert davon, was passiert ist und dass die Verseuchung anhält."

mmq



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Emil Peisker 26.11.2011
1. Nuke Them?
Ihre Haltung ist wohl in kräftigem Braun gehalten? Hier fand ich eine weiteres "Bonmot" Ihres Standpunktes: http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=8392118&postcount=72 Sehr kurz, aber sehr schmerzvoll: Nuke Them!
Shivon 26.11.2011
2. Geld vs Sport
Das ist der endgültige Beweis, dass Olympia zu allererst keine Sportveranstaltung ist, sondern eine Sponsorenveranstaltung. Klar braucht man Geld um Personal usw. zu bezahlen, aber ich denke wenn eine Nation (die 2. größte der Welt) ein berechtigtes Problem mit dem Sponsor hat, dann sollte man doch die bitte respektieren...
hdwinkel 26.11.2011
3. Verluste
Es sind trotz allen erlebten Kommerz' die Spiele der Sportler und nicht irgendwelcher Firmen. Ihr Kommentar zeigt, daß sich Ihre Relationen offenbar etwas verschoben haben, leider in die falsche Richtung.
dirk.kunkel.ronnenberg 26.11.2011
4. Quark!
Zitat von Emil PeiskerIhre Haltung ist wohl in kräftigem Braun gehalten? Hier fand ich eine weiteres "Bonmot" Ihres Standpunktes: http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=8392118&postcount=72 Sehr kurz, aber sehr schmerzvoll: Nuke Them!
Nö. Eher in knackigem Gelb oder Grün.
frank4979 26.11.2011
5. /////
Zitat von sysopDen Organisatoren von Olympia 2012 in London droht eine Blamage: Indische Sportler wollen die Sommerspiele boykottieren, weil sie die Sponsorfirma Dow Chemical in der Verantwortung für die tödliche Chemie-Katastrophe von Bhopal sehen. Es bleiben nur noch ein paar Tage, um die Inder zu überzeugen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,800121,00.html
Ist doch irgendwie verstaendlich, das die Inder die 100 Mio. Sposorengelder lieber der "Selbstnutzung" zufuehren wollen. Zumal sie ja einen aeusserst "trifftigen", 30 Jahre alten Grund dafuer anfuehren koennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.