Klinikkonzern Asklepios Ärzte warnen vor Risiken durch Personalmangel

Engpässe in der Notaufnahme, alleingelassene Berufsanfänger: Beim Klinikkonzern Asklepios schlagen Internisten in Brandbriefen Alarm. Eine sichere Patientenversorgung sei "nicht mehr uneingeschränkt möglich".

Asklepios Klinik St.Georg in Hamburg
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Asklepios Klinik St.Georg in Hamburg

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Es ist kurz nach 13 Uhr an einem Mittwoch, und es fehlt nicht viel zur Katastrophe im Krankenhaus. "Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen versucht, die Patientenversorgung aufrechtzuerhalten", schreibt eine Ärztin am 12. September an die Leitung der Hamburger Asklepios-Klinik St. Georg. Verzweiflung spricht aus ihrer E-Mail, die sie im Auftrag der Abteilung für Innere Medizin sendet. "Dringende Gefährdungsanzeige mit dringendem Handlungsbedarf", überschreibt sie ihre Nachricht. Zuvor hatte sie die Zentrale Notaufnahme für internistische Neuaufnahmen gesperrt - wegen Ärztemangel.

Wenn sie jetzt ihren Dienst beende, seien rund 20 Patienten auf der internistischen Station noch nicht in einer Visite von einem Arzt gesehen worden, schreibt die Ärztin. Das sind rund zwei Drittel. Zurück bleibe auf der Station eine Honorarärztin, die Asklepios zuletzt häufig zum zeitweisen Personalausgleich eingekauft hat, und Medizinstudenten im Praktischen Jahr. Die Honorarkraft sei nicht ausreichend in das IT-System eingearbeitet, könne "nicht allein arbeiten", medizinische Entscheidungen "nicht in einem adäquaten Zeitraum" umsetzen, hatte die Internistin schon am Morgen in einer ersten E-Mail gewarnt. Sie könne die Verantwortung für die Patientensicherheit "unter diesen Umständen nicht übernehmen".

Direktorium und Personalmanagement kündigen an diesem Tag Kollegen anderer Abteilungen als Hilfe an. Doch eine habe schon mittags zu ihren eigenen Patienten zurückkehren müssen, ein anderer sei nie erschienen, schreibt die Internistin bei Dienstübergabe.

So prekär die Lage, so verwunderlich ihr Auslöser: Lediglich eine leitende Ärztin hatte sich krankgemeldet. Das reichte, um die ganze Abteilung ins Chaos zu stürzen. Ein anderer Oberarzt hatte Urlaub.

"In solchen Situationen passieren Fehler"

Seit Monaten senden Ärzte des großen Klinikums an der Hamburger Alster intern Warnrufe aus. In Gefährdungsanzeigen schlagen die Mediziner Alarm und beschreiben desaströse Zustände in dem für seinen Renditehunger bekannten Klinikkonzern. E-Mails, Brandbriefe und Dienstpläne, die dem SPIEGEL vorliegen, dokumentieren, wie Asklepios das Ärztepersonal teils bis an die Schmerzgrenze ausdünnt und damit das Patientenwohl riskiert. Gerichtsurteile zeigen, dass der Konzern wegen mehrerer vom Betriebsrat nicht akzeptierter Dienstpläne sogar immer wieder hohe Ordnungsgelder zahlen musste.

Die Dokumente ergeben ein erschreckendes Bild: Der beschriebene Mittwoch im September ist symptomatisch für viele davor und danach.

Es gebe "aktuell niemanden, der die Verantwortung für unsere Patienten trägt", warnt die Ärztin in ihrer E-Mail. Am 2. Oktober erreicht eine weitere Gefährdungsanzeige die Geschäftsleitung: In der Notaufnahme arbeite am Morgen die erfahrenste Ärztin gerade in ihrem ersten Arbeitsjahr, von den zwei weiteren Medizinern besitze der eine seinen Uni-Abschluss seit drei Monaten, seine Kollegin seit zwei Tagen. "Wir haben aktuell keinen verantwortlichen Facharzt, Oberarzt oder Chefarzt für unsere Patienten." Ähnlich schreiben es Kollegen am 8. und 12. Oktober: Maximal ein Facharzt sei greifbar.

Während Pflegekräfte sich schon längst gegen zu wenig Personal wehren, hielten sich die Ärzte bislang zurück. Doch nun geraten auch sie an ihre Grenzen.

"Die Patienten schreien, haben Schmerzen, und man kommt nicht mit der Arbeit hinterher. In solchen Situationen passieren Fehler", sagt eine Asklepios-Ärztin. Viele Mediziner fühlen sich alleingelassen mit ihrer Not, sich nicht um jeden Kranken intensiv genug kümmern zu können. "In vielen Kliniken bundesweit gibt es häufig keinen Facharzt auf der Station, obwohl das gefordert wird", sagt ein Arzt, der in St. Georg und anderen Häusern gearbeitet hat.

Auch offizielle Ärztevertreter sehen die Lage kritisch. "In St. Georg findet sich die Vollendung der katastrophalen Entwicklung, die wir an vielen Kliniken bundesweit sehen. Es wird immer zuerst am Personal gespart", sagt Pedram Emami, Vorsitzender des Landesverbands Hamburg der Ärztevereinigung Marburger Bund, dem SPIEGEL auf Anfrage. Viele Stellen in der Asklepios-Klinik seien über lange Zeiträume nicht besetzt worden.

Zentrale Notaufnahme der Asklepios-Klinik St. Georg
DPA

Zentrale Notaufnahme der Asklepios-Klinik St. Georg

50.000 Euro Ordnungsgeld wegen Dienstplänen

Wie ignorant der Asklepios-Konzern teilweise reagiert, zeigen diverse Gerichtsprozesse. Im August etwa brummte das Arbeitsgericht Hamburg dem Klinikkonzern 50.000 Euro Ordnungsgeld auf. Asklepios hatte von März bis Juli die Ärzte der Kardiologie in St. Georg mit Dienstplänen arbeiten lassen, obwohl der Betriebsrat diese wegen übermäßig häufiger Nacht- und Spätdienste nicht akzeptiert hatte.

Am Klinikum St. Georg ringt der Betriebsrat seit Jahren gerichtlich mit Asklepios wegen der Dienstpläne. 2013 hatte das Gericht angeordnet, Asklepios müsse die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter erhalten. Da der Konzern "nun zum wiederholten Male" nicht Folge leistete, hob das Gericht das Ordnungsgeld von zuerst 1000 Euro auf 3000 Euro und mittlerweile auf 10.000 Euro pro Fall an.

Die Situation in der Kardiologie sei im Zusammenhang mit dem Ordnungsgeld inzwischen bereinigt, sagt ein Asklepios-Sprecher auf Anfrage. Auf welche Weise, lässt er offen. Komme es in Einzelfällen zu Engpässen, würden umgehend Gegenmaßnahmen ergriffen, sagte er mit Blick auf die Klinik St. Georg. Dies sei dort "in jeder einzelnen entsprechenden Situation geschehen, die es in der jüngeren Vergangenheit gegeben hat."

Die Berichte der Ärzte zeichnen ein anderes Bild. Immer wieder meldeten die Internisten in den vergangenen Monaten gravierende Probleme in der sogenannten ersten Medizinischen Klinik für Innere Medizin, Diabetes und Gastroenterologie, weil die Kapazität für weitere Patienten erschöpft sei, die Notaufnahme wegen Personalmangel gesperrt werden müsse, Patientenwohl gefährdet werde. Im Sommer wurde bekannt, dass Asklepios Notaufnahmen von Kliniken aufgrund von Personalmangel länger schließen musste.

Vertrauliche Informationen

Anfang August sandten Ärzte der Abteilung Innere Medizin eine Beschwerde an die Geschäftsleitung. Frei gewordene Stellen seien nicht nachbesetzt worden, kritisierten die Mediziner darin. Dabei hätten seit Frühjahr 2017 rund ein Dutzend Kollegen die Abteilung verlassen. Eine sichere Patientenversorgung sei "nicht mehr uneingeschränkt möglich". Wiederholt müsse ein Arzt allein 30 Betten auf der normalen Station und sechs mit zu überwachenden Patienten betreuen. Unvorhergesehene Ausfälle seien nicht auszugleichen. "Erkennbare Reaktionen zur Änderung der Situation gab es nicht", schrieben die Ärzte.

Fast drei Wochen später bat Klinikleiter Michael Schmitt zwar zum klärenden Gespräch. Doch darin, das zeigen Protokolle, wurde den Medizinern vorgehalten, dass sich die Leistung der Abteilung verschlechtert habe. Die Logik der Manager: Wenig lukrative Patienten bedeuten auch wenig Personal. Personalchef Holger Steinmayer formulierte es nach dem Gespräch in einem Brief an die Ärzte so, als wäre die Misere ihre Schuld: "Wir hoffen, dass es gelungen ist, zu vermitteln, dass die Entwicklung der Personalzahlen mit der Entwicklung der Fallzahlen und der belegten Betten verbunden ist."

Den Sparkurs überspannt

Solche Argumentationskunst verstärkt den Unmut. Mittlerweile fühlen sich viele Ärzte nicht nur zu wenig gehört und mit beschwichtigenden Worten abgefertigt. Sie sehen ihre Stationen systematisch ausgehungert. Das Leistungsniveau der Inneren Medizin sei unter anderem aufgrund radikaler Einschnitte durch Asklepios gesunken. "Der Konzernvorstand hat dabei zugesehen, wie die Innere Abteilung klein gehackt wurde", wirft eine Ärztin Asklepios vor.

Ohne Vorwarnung sei im Sommer 2017 eine Station der Inneren mit 17 Monitorbetten für überwachungspflichtige Patienten geschlossen worden. "Das war der Absturz unserer Abteilung. Nun haben wir nur noch eine Station mit einer Handvoll solcher Betten", sagt eine Ärztin. "Seither fehlt uns die Chance, Patienten aus der Notaufnahme schnell weiterzuverlegen." Als die Klinikleitung vor wenigen Monaten verstanden habe, dass der Sparkurs übertrieben gewesen sei, sei neues Personal schwer zu gewinnen gewesen.

Die Ärzte von Asklepios bekommen auch einen Grundfehler des Gesundheitssystems zu spüren. Für Behandlungen werden Fallpauschalen gezahlt, die Kliniken zum strengen Haushalten zwingen sollen. Konzerne wie Asklepios steuern daher ihre Abteilungen nach strikten betriebswirtschaftlichen Vorgaben - etwa nach Zahl der Fälle und statten sie entsprechend mit Personal aus.

Die Innere Medizin kommt dabei schlecht weg. Dorthin gelangen viele alte Menschen, die manchmal vor allem Zuspruch brauchen, Obdachlose, aufzupäppelnde Patienten nach einer Operation. Sie binden mehr Personal als in anderen Fachrichtungen, ohne große Erlöse einzubringen. "Die Innere Medizin wirft kein Geld ab", klagt eine Ärztin. "Es fehlen Therapien mit technischen Geräten, über die man in anderen Abteilungen absahnen kann. Wir machen Medizin am Menschen, doch das lohnt sich nicht für die Kliniken."

Patienten über das Klinikgelände verstreut

Um sich Gehör zu verschaffen, haben sich die Asklepios-Ärzte in St. Georg Mitte November in einem Brief mit 60 Unterschriften an den Marburger Bund gewandt. "Die prekäre Situation in unserer Klinik erlaubt seit geraumer Zeit keine sichere Patientenversorgung mehr", schreiben sie dort. Und weiter: "Seit März 2018 haben wir in der ersten Medizinischen Klinik weniger Assistenzärzte als das Dienstplanmodell erfordert." Assistenz-, Ober- und Chefarztstellen würden verspätet oder unzureichend nachbesetzt.

Die Einhaltung des Facharztstandards sei aufgrund einer desolaten Organisationsstruktur nicht möglich. Erschwerend komme hinzu, dass Patienten der Inneren auf bis zu acht verschiedene Stationen auch anderer Fachrichtungen verstreut liegen müssten. So kann die Klinik ihre Betten effizient auslasten - doch die Ärzte müssen teils quer über das Klinikgelände zu den Patienten laufen. Das spannt die Lage zusätzlich an.

Ärztebrief an den Marburger Bund

Ärztebrief an den Marburger Bund

Verbandsfunktionär Emami vom Marburger Bund mahnt: "Asklepios reagiert anscheinend nur auf Druck." Teils habe das Unternehmen auf die Bitten, Beschwerden und Überlastungsanzeigen des Personals überhaupt nicht geantwortet.

Es gebe keinen generellen Sparkurs für Abteilungen der Klinik St. Georg, betont der Konzernsprecher. Bei personellen Engpässen habe die Klinikleitung "unverzüglich und verantwortungsvoll reagiert", indem Kollegen anderer Abteilungen hinzugezogen worden seien oder durch den Einsatz von Kooperationsärzten. Der notwendige Facharztstandard sei in allen Schichten eingehalten worden.

Für die Innere Medizin in St. Georg gebe es sogar eine "sehr erfreuliche Entwicklung", verweist der Sprecher auf den Start des neuen Chefarztes Ulrich-Frank Pape von der Berliner Charité, der ab Januar 2019 seinen Dienst in Hamburg antreten soll. Ihm werde ein neuer Oberarzt folgen, und der Vertrag mit einem weiteren leitenden Oberarzt sei fast geschlossen. In den vergangenen Monaten sei das ärztliche Personal der Abteilung deutlich aufgestockt und eine zusätzliche Stelle für einen ärztlichen Leiter der Zentralen Notaufnahme geschaffen worden.

Allerdings verließ der frühere Chefarzt Dirk Müller-Wieland bereits vor drei Jahren das Haus. Seither gab es keinen Nachfolger. Dass nun endlich ein neuer kommt und weitere Ärzte da sind, beruhigt die Mediziner der Abteilung daher nicht. Skepsis überwiegt. Denn die Internisten sehen sich mehr denn je wegen ihrer Renditeschwäche am Pranger.

Die Not der Internisten trifft längst auch andere Abteilungen, die Personallücken stopfen müssen. So beschwerte sich im Juni ein Hämatologe, die Ärzte der Abteilung sollten in ihrer Rufbereitschaft Dienste in der Notaufnahme kompensieren und gleichzeitig ihren Dienst in der eigenen Abteilung leisten. In einer E-Mail an die ärztliche Klinikleitung warnte er: "Dies ist in keinster Weise tragbar."

Im Video: Überlastete Notaufnahmen - Lebensretter am Limit

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lausemann 24.11.2018
1. Rendite!
Das Krankenhäuser wirtschaftlich arbeiten müssen, ist selbstverständlich. Wenn aber Konzerne wegen der Rendite die Versorgung der Patienten gefährden, muss der Staat eingreifen. Schließlich werden die Gesundheitsausgaben von der Solidargemeinschaft finanziert. Es darf doch nicht sein, dass die ohnehin hohen Krankenkassenbeiträge zur Dividendenausschüttung für Aktionäre genutzt werden. Bei Gemeinschaftsaufgaben muss die freie Marktwirtschaft hintanstehen.
K:F 24.11.2018
2. Rendite von 8 Prozent minimum
Ob Pflegeheime oder Kliniken, alle sind auf Rendite getrimmt. Und die kann man beim Personal einfahren. Die Investoren interessieren sich nicht für die Gesundheit der Menschen sondern nur wie sich das eingesetzte Kapital rentiert. Und da die Personalkosten je nach Klinik oder Pflegeheim bis zu 70 Prozent betragen kann man nur am Personal sparen. Die Privatwirtschaftlich kann es ja besser. Freie Marktwirtschaft zum Vorteil Weniger und Nachteil Vieler.
frau_lehrerin 24.11.2018
3. Erst die Bildung
jetzt die Medizin. Macht's doch wie die Schulen: Quereinsteiger einstellen. Es gibt genug Abbrecher in Chemie und Bio, diese könnte man in 1,5 jährigen Seminaren schulen, parallel könnten sie schon arbeiten gehen. Mit dem Sprung ins kalte Wasser lernt man doch immer noch am Besten. Dann werden halt ein paar Brüche mal nicht korrekt diagnostiziert, Entzündungen falsch behandelt, Blinddärme drinnengelassen...so what? Wird schon schiefgehen.
Bibs1980 24.11.2018
4.
Hauptsache, der Konzern hat seinen Besitzern im letzten Jahr 191 Mio. Euro Gewinn in die Kassen gespült. Da freut sich der gehobene Mittelschichtler über die super Rendite von 6%...wo gibt es sowas noch?
Dracul91 24.11.2018
5.
Ich arbeite selbst als Arzt in der Inneren Medizin. Bei uns geht es noch einigermaßen mit dem Personal. Aber sobald zwei Leute krank werden, wird es auch eng. Die innere Medizin ist wie beschrieben leider Auffangbecken für alles mögliche, z.B. Obdachlose, Alkoholiker, psychisch Kranke. Außerdem viele Patienten, die auch der Hausarzt mit ein wenig Engagement behandeln kann. Aber die sind halt auch überlastet. Insgesamt finde ich das Problem, dass wir viel nicht-ärztliche Tätigkeiten übernehmen müssen, die auch die Pflege machen könnte. Aber die haben ja auch einen personellen Mangel.
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