Agrarspekulationen der Deutschen Bank: "Jain und Fitschen haben keinen Stil"
Die Deutsche Bank bleibt stur. Trotz massiver Kritik will das Geldhaus weiter auf die Preise von Agrarrohstoffen wetten. Foodwatch-Chef Thilo Bode hält das für einen schweren Fehler. Im Interview wirft er den Bankchefs vor, die Risiken der Spekulation mit Nahrungsmitteln herunterzuspielen.
Hamburg - "Die Deutsche Bank verfolgt eine Strategie des Aussitzens": Thilo Bode, Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch, kritisiert das größte deutsche Geldhaus mit deutlichen Worten. Hintergrund seiner Attacke ist, dass die Bank auch in Zukunft auf Nahrungsmittelspekulationen setzt. Konzernchef Jürgen Fitschen erklärte kürzlich, es gebe kaum stichhaltige Belege für einen Zusammenhang dieser Geschäfte mit dem Hunger in der Welt.
Unterstützung bekam die Bank im Dezember von einer Gruppe Wissenschaftler unter der Leitung des Wirtschaftsethikers Ingo Pies. Ihre Argumentation: Die Zocker hätten kaum Einfluss auf die Lebensmittelpreise und würden Bauern sogar helfen, sich gegen Preisschwankungen abzusichern.
Foodwatch und zahlreiche andere internationale Organisationen werfen den Banken und Versicherungen dagegen vor, mit den Wetten die Lage für die Hungernden zu verschärfen. Im Interview weist Bode die Kritik der Wissenschaftler zurück und erklärt, warum er von der Doppelspitze der Deutschen Bank noch weniger hält als von Vorgänger Josef Ackermann.
SPIEGEL ONLINE: Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies wirft Ihnen vor, Ihre Kampagne sei der eigentliche Skandal. Sein Vorwurf: Foodwatch vertrete wissenschaftlich nicht haltbare Thesen und führe die Öffentlichkeit in die Irre. Sind Sie zu weit gegangen?
Bode: Herr Pies liegt gleich doppelt daneben. In seiner sogenannten Meta-Studie stellt er die wissenschaftliche Debatte falsch dar. Er behauptet, es sei wissenschaftlicher Konsens, dass Spekulationen an den Rohstoffterminmärkten keinen negativen Effekt hätten. Genau das wird aber kontrovers diskutiert. Deshalb spricht die Wissenschaft ja auch dafür, dass Investmentbanken und Versicherungskonzerne aus Vorsorgegründen aus der Nahrungsmittelspekulation aussteigen. Wir haben neben den wissenschaftlichen auch Argumente aus der Praxis zusammengetragen, von Händlern, von der Weltbank, von den Vereinten Nationen. Es gibt bemerkenswerte Veröffentlichungen, die unsere Sichtweise bestätigen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Pies steht nicht alleine. 40 Wissenschaftler, darunter vor allem Agrarökonomen, schreiben in einem offenen Brief an Bundespräsident Joachim Gauck, es lasse sich nicht belegen, dass die Spekulation die Preise von Nahrungsmitteln treibe.
Bode: Der Brief basiert auf der Meta-Studie von Herrn Pies. Unterschrieben haben im wesentlichen Agrarökonomen, die nicht zu diesem Thema forschen. Dem gegenüber steht ein Appell von 461 Wissenschaftlern, die die Finanzminister der G-20-Staaten im Oktober 2011 aufgefordert haben, im Kampf gegen den Hunger dringend gegen exzessive Agrarspekulation vorzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie zu dem Argument, eine negative Wirkung der Agrarspekulation sei empirisch nicht nachweisbar?
Bode: Herr Pies lässt wesentliche Arbeiten außen vor. Vor allem bringt er aber zwei Sachen durcheinander: die Volatilität, also kurzfristige Preisschwankungen, und die Entstehung von Preisblasen. Schwankungen sind natürlich auch schlecht für Märkte. Aber für Hungerkrisen sind Preisblasen das entscheidende Thema - und für spekulative Blasen auf den Terminmärkten gibt es stichhaltige Belege. Auf diese Literatur geht er gar nicht wirklich ein.
SPIEGEL ONLINE: Zur Rolle der Deutschen Bank: Vor 15 Monaten hat der damalige Chef Josef Ackermann gesagt, kein Geschäft sei es wert, den Ruf der Bank aufs Spiel zu setzen. Nun sagt sein Nachfolger Jürgen Fitschen, Finanzderivate rund um Agrarprodukte böten zahlreiche Vorteile und man halte daran fest.
Bode: Dass die Deutsche Bank die Strategie des Aussitzens verfolgt, war schon Anfang 2012 klar. Was mich schon überrascht, ist das niedrige Niveau ihrer Argumentation bei einem Thema, bei dem es um Leben und Tod geht. Die Deutsche Bank hatte versprochen, eine eigene "umfassende Studie" zu dem Thema vorzulegen und auf dieses Basis über Konsequenzen zu entscheiden. Das haben sie nicht getan. Fitschen hat auf der Grünen Woche einfach verkündet, weiterzumachen.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin sagt die Bank, sie habe kaum stichhaltige Beweise für Preissteigerungen durch Spekulation gefunden.
Bode: Ja, aber was heißt denn "kaum"? Das heißt doch, es gibt offenbar sehr wohl Belege, die Herr Fitschen anerkennt. Ist das Geschäft dann zu verantworten oder nimmt die Deutsche Bank billigend den Tod von Menschen in Kauf? Bereits kurzfristige Preissteigerungen und Lebensmittelknappheit können für unterernährte Kinder fatale Auswirkungen haben.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bank argumentiert, auf den Finanzmärkten würden nur Wetten auf zukünftige Preise abgeschlossen. Und da jeder Wette auf höhere Preise eine auf niedrigere entgegenstehen muss, gäbe es keine Auswirkungen auf die realen Preise. Klingt logisch, oder?
Bode: Das ist einfach falsch. Diese Wetten haben Einfluss auf die Preise an den Terminbörsen, und diese wiederum beeinflussen die realen Preise. Auch wenn am Ende jedem Verkauf selbstverständlich ein Kauf gegenübersteht: Setzen an den Terminbörsen zunächst mehr Akteure auf Kauf statt auf Verkauf, steigt der Terminpreis. Und wenn der Terminpreis für Getreide in drei Monaten deutlich höher ist als gegenwärtig, dann wird doch kein vernünftiger Produzent oder Händler heute billiger verkaufen. Dieser Übertragungseffekt auf die realen Preise ist wissenschaftlich belegt. Das heißt: Spekulative Blasen können sich auf die Nahrungsmittelpreise übertragen.
SPIEGEL ONLINE: Die Spekulanten übernehmen aber auch Preisrisiken der Bauern. Damit bieten sie Sicherheit, die Bauern können losgelöster von Preissprüngen kalkulieren.
Bode: Das ist eine ganz wichtige Funktion, und die darf man den Terminmärkten auch nicht nehmen. Kein Mensch will die Versicherungsfunktion abschaffen, ein gewisses Maß an Spekulation ist nötig. Die Börsen sind erst Anfang des Jahrtausends im Zuge einer großen Deregulierung für Finanzanleger geöffnet worden, seither ist der Anteil der Spekulanten auf den Rohstoffmärkten von 30 auf 80 Prozent gestiegen. Aber auch ohne dieses Übermaß haben Terminmärkte zur Preisabsicherung funktioniert. Deshalb wollen wir auch kein Verbot aller Spekulation, sondern ein Ende der Exzesse - eine Re-Regulierung, wenn Sie so wollen.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bank argumentiert, jede Regulierung würde den Märkten Liquidität entziehen. Woher wollen Sie wissen, wie viel Spekulation angemessen ist?
Bode: Niemand hat darüber geklagt, dass vor dieser Ausweitung Anfang des Jahrtausends zu wenig Liquidität in den Märkten war. Also scheint das richtige Maß eher bei 30 denn bei 80 Prozent zu liegen. Dazu kommt der Unterschied zwischen Liquidität und Volumen. Indexfondsspekulanten schließen beispielsweise immer nur Kauf-Kontrakte ab, wetten also auf steigende Preise - dadurch entziehen sie dem Markt Liquidität. Damit ein Markt richtig funktioniert, muss es Spekulanten geben, die auch auf Verkauf setzen, also auf sinkende Preise wetten. Sonst kann der Produzent seine Ware nicht zu vertretbaren Preisen versichern. Durch die Indexfonds wird also die Versicherungsfunktion sogar eingeschränkt.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bank sagt, sie habe das Thema intensiv geprüft und sei zum gegenteiligen Schluss gekommen.
Bode: Die Bank hat nur ein dünnes Frage-Antwort-Papier zum Thema veröffentlicht. Die großangekündigte eigene Studie? Fehlanzeige. Wir haben Herrn Fitschen einen Brief geschrieben und ihn aufgefordert, die Fakten zu veröffentlichen, die ihn zu seiner Entscheidung bewogen haben. Da kam keine Antwort. Die Nachfolger von Herrn Ackermann, die Herren Jain und Fitschen, haben überhaupt keinen Stil.
SPIEGEL ONLINE: Was soll denn das heißen?
Bode: Herr Ackermann hat auf unsere Kritik zumindest noch geantwortet. Seine Nachfolger halten es offenbar nicht einmal mehr für nötig, Argumente in einer so weitreichenden Frage vorzubringen.
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- Donnerstag, 31.01.2013 – 06:05 Uhr
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- Thilo Bode, 66, gründete 2002 die Verbraucherorganisation Foodwatch, deren Chef er auch ist. Von 1995 bis 2001 war Bode Geschäftsführer von Greenpeace. Seine Kampagnen sind gefürchtet. Kürzlich bekam er aber sogar Lob von einem Gegenspieler. Stephan Becker-Sonnenschein, neuer Geschäftsführer des Lobbyvereins der Lebensmittelindustrie, sagte, Bode mache "einen guten Job" und stelle Punkte pointiert dar, "die man miteinander diskutieren sollte".
dapd
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