Geplante Teilübernahme durch Lufthansa Air-Berlin-Mitarbeiter kritisieren Regierung

Air-Berlin-Mitarbeiter proben den Widerstand: In einem Brandbrief wirft der Kabinen-Betriebsrat der Bundesregierung vor, "einseitig deutsche Wirtschaftsinteressen" zu vertreten - und die der Beschäftigten zu vernachlässigen.

Flugzeuge von Air Berlin und Eurowings in Düsseldorf
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Flugzeuge von Air Berlin und Eurowings in Düsseldorf


Unter den Beschäftigten der insolventen Fluglinie Air Berlin formiert sich massiver Widerstand dagegen, unter Gehaltseinbußen zum Lufthansa-Billigableger Eurowings zu wechseln. Das geht aus einem offenen Brief des Kabinen-Betriebsrats an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hervor, der dem SPIEGEL vorliegt.

In dem Schreiben wirft die Mitarbeitervertretung der Regierung vor, "im Zuge einer Aufspaltung der Air Berlin einseitig deutsche Wirtschaftsinteressen" zu vertreten und die "soziale Schutzwürdigkeit" der Angestellten zu vernachlässigen. Es dränge sich "der Eindruck auf, dass die Übernahme der Air Berlin durch die Lufthansa lange vorbereitet war; und dies mit dem Wohlwollen der Bundesregierung".

Anlass für den Brandbrief mit Datum vom Mittwoch dieser Woche ist die Entscheidung der Lufthansa, noch vor der Übertragung von Teilen des Wettbewerbers in Stellenausschreibungen nach Personal für die Maschinen zu suchen - allerdings zu deutlich schlechteren Bedingungen. "Hierdurch sollen ganz offensichtlich die gesetzlichen und tariflichen Mechanismen eines Betriebsübergangs ausgehebelt werden", wirft die Kabinen-Personalvertretung dem Lufthansa-Management und der Bundesregierung vor.

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Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Air Berlin hatte Anfang voriger Woche Insolvenz angemeldet. Seitdem wird um die einzelnen Teile der Fluglinie geschachert. Ein großer Teil soll offenbar an die Lufthansa gehen - so wünscht es sich auch die Bundesregierung, die mit einem 150-Millionen-Euro-Kredit den Flugbetrieb von Air Berlin bis mindestens zum Oktober gesichert hat. Andere Wettbewerber, wie die irische Ryanair, hatten der Bundesregierung und Lufthansa deshalb ein abgekartetes Spiel vorgeworfen. Denn auch sie würden gerne attraktive Start- und Landerechte von Air Berlin übernehmen.

Insolvente Fluglinie

Nach den einschlägigen europäischen und deutschen Vorschriften muss der Käufer bei der Übernahme eines Unternehmens oder von Teilen davon die dazugehörigen Mitarbeiter weitgehend unter ihren angestammten Arbeitsbedingungen weiterbeschäftigen. Für Air-Berlin-Angestellte, die aus freien Stücken einen Vertrag mit Eurowings in Deutschland unterschreiben, ginge dieses Schutzrecht verloren.

Indirekt würde die Bundesregierung mit ihrer Unterstützung der Lufthansa und ihrem Überbrückungskredit für Air Berlin zum Sozialdumping bei den Mitarbeitern beitragen, kritisiert der Betriebsrat der Flugbegleiter. Gerade in Wahlkampfzeiten sollten CDU und SPD ihre Sprüche "Gute Arbeit auch für morgen" sowie "Sichere Arbeit" beherzigen - und "die aufnehmenden Unternehmen in die Pflicht nehmen, die bestehenden Arbeitsbedingungen beizubehalten".

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dirk1962 25.08.2017
1. Recht haben sie,
die Beschäftigten von Air Berlin. Ist die Merkel erst mal gekauft, interessiert sie nur noch der, der gezahlt hat. Das würde schon bei den Autobauern deutlich, wo vermutlich kurz nach der Wahl die Verhandlungen über Massenentlassungen anstehen und jetzt bei Air Berlin wieder. Eine korrekte Kanzlerin dellitiert vor sich hin. Das einzige was mich wundert ist noch kein Staatsanwalt gegen die ermittelt. Das ist mehr als überfällig.
newest_2 25.08.2017
2. Protektionismus..
..pur! Abgekartetes Spiel zugunsten der Lufthansa und genau der "Staatskapitalismus ", den man anderes, z.B. den Franzosen gerne vorwirft. Die übliche Heuchelei also, da hat der Betriebsrat recht. In einem anderen Punkt aber denkt er zu kurz: Wue wären denn die Bedingungen für die Beschäftigten, wenn RyanAir, easyjet oder Herr Wöhrl zum Zuge kämen?! Nich viel unterirdischer! Also: Besser nicht meckern, sondern froh sein über den Deal. Wirtschaftlich unfair, aber noch das Beste , was für die Arbeitnehmer rauskommen kann!
sail118 25.08.2017
3. Nichts gelernt?
Die Kabinencrews sollten sich das Beispiel Alitalia ansehen. Da haben die Mitarbeiter auch gegen einen Sanierungsplan gestimmt und der Laden ist jetzt Pleite. Was glaubt man wird ein anderer Investor als Lufthansa machen? Eine komplett defizitäre Airline übernehmen und dann die alten Gehälter weiterzahlen.......... Macht Ryan Air sicher
the_master 25.08.2017
4. Wer bezahlt, schafft an
Liebe Beschäftigte, eure Konkurs-Airline fliegt nur deswegen noch, weil der Staat einen riesigen Kredit gegeben hat (was er z.B. bei Locomore nicht tat). Ich würde also mal ruhig sein mit Forderungen.
volucer 25.08.2017
5. sofort zahlungen aussetzen
was denken denn die mitarbeiter wer sie sind? die können froh sein, dass sie noch gehalt bekommen und nicht arbeitslos sind. ebenso können sich die urlauber glücklich schätzen noch heimfliegen zu können. air berlin war unwirtschaftlich, hatte zu hohe kosten und zu geringe erträge. natürlich müssen manche arbeitnehmer nun eventuell abstriche hinnehmen, aber es zwingt sie keiner, den neuen arbeitsvertrag zu unterschreiben. der flugverkehr hat nunmal eine hohe konkurrenz und die deutschen anbieter können schon jetzt kaum mithalten. also liebe air berlin mitarbeiter, seid froh, dass ihr überhaupt eine perspektive habt
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