Kampf um die Reste von Air Berlin Die Überbieter

Der Verkauf der Air-Berlin-Reste ist auch ein Kampf um die Vormacht in der deutschen Luftfahrtindustrie. Um 14 Uhr läuft die Frist für Gebote ab. Wer sind die Favoriten im Bieterstreit?

Air Berlin-Maschinen auf dem Flughafen in Stuttgart
DPA

Air Berlin-Maschinen auf dem Flughafen in Stuttgart

Von


Noch bis Freitag 14 Uhr können Interessenten für die Überbleibsel der insolventen Air-Berlin-Gruppe ihre Gebote abgeben. Dann geht der Schlussverkauf in seine letzte Phase. Der Gläubigerausschuss wird die Offerten prüfen - und beschließen, was mit den zuletzt 144 geleasten Flugzeugen, 8000 Mitarbeitern sowie den mehr als 250.000 Start- und Landrechten der Pleitegesellschaft geschieht. Diese "Slots" sind knapp und gelten als das begehrteste Überbleibsel.

Fest steht bereits jetzt: Die Entscheidung über Air Berlins Zukunft wird umstritten sein. Seit Wochen prangern Mitbewerber die vermeintliche Bevorzugung der Lufthansa-Gruppe an. Der Verdacht liegt nahe: Sowohl Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als auch Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) haben sich dafür ausgesprochen, dass die deutsche Nummer eins große Teile der insolventen Nummer zwei übernimmt. Obwohl die Kranichlinie und ihre Schwestergesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines dann auf vielen Routen im deutschsprachigen Raum und Mitteleuropa ein De-facto-Monopol hätten.

Die Zusammensetzung des Gläubigerausschusses habe "Schlagseite", höhnt ein Lufthansa-Konkurrent. Sitzen doch in dem Entscheidergremium neben Repräsentanten von Air Berlin, der Commerzbank und dem Anwalt der Leasinggesellschaften auch Vertreter der Bundesagentur für Arbeit sowie der Lufthansa-Billigflugtochter Eurowings. Die Arbeitsagentur, die das Insolvenzgeld für die deutschen Air-Berlin-Mitarbeiter zahlt, untersteht der Bundesregierung - die die Lufthansa favorisiert. Eurowings darf mitentscheiden, weil sie schon vor Längerem 38 Jets mitsamt Crews von Air Berlin angemietet und dafür bezahlt hat.

Schon allein wegen dieser Kräfteverhältnisse ist es fast unvorstellbar, dass die Lufthansa-Gruppe leer ausgeht. Allerdings haben auch andere Bieter realistische Chancen, zumindest einen Teil der Slots und Jets abzubekommen, wie die folgende Übersicht zeigt.

Carsten Spohr
AFP

Carsten Spohr

Für Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist die Air-Berlin-Pleite ein Glücksfall. Sein Konzern könnte nicht nur große Teile seines einst größten deutschen Wettbewerbers schlucken - die Übernahme käme auch zum perfekten Zeitpunkt. Gerade jetzt, wo Spohr die Eurowings zu einem führenden Billiganbieter in Europa aufbauen will, bekäme Eurowings die begehrten Slots, plus die dazu passenden Flugzeuge und Crews. Und das alles zum Schnäppchenpreis.

Die Lufthansa-Gruppe bietet Insidern zufolge für die Ferienflugtochter Niki und insgesamt bis zu 90 der 144 Jets. Die Chancen sind hoch, dass sie einen großen Anteil der Verteilungsmasse bekommt. Der Konzern könnte Maschinen und Personal relativ problemlos in die bestehenden Strukturen integrieren. Und er könnte den Gläubigern mehr Geld offerieren als die Mitbewerber.

Denn während diese genau rechnen müssen, ob eine bestimmte Route Profit verspricht, kann Lufthansa einen strategischen Aufschlag bieten, um den Wettbewerb draußen zu halten - und anschließend die Preise heraufsetzen. So war es bereits mehrmals, wenn die Kranichlinie einziger Anbieter wurde. Bekäme sie den Zuschlag für die gesamte Air-Berlin-Flotte, hätte sie im innerdeutschen Flugverkehr weit mehr als 90 Prozent Marktanteil. Daher ist kaum zu erwarten, dass Lufthansa alle ihre Wünsche erfüllt kriegt.

Flugzeug von Easyjet
DPA

Flugzeug von Easyjet

Dies öffnet vor allem Easyjet gute Chancen auf einen Teil der Überbleibsel. Der britische Billigflieger will im deutschsprachigen Raum kräftig expandieren - auch weil sein Heimatmarkt wegen des Brexit in Gefahr gerät. Easyjet hat erst kürzlich in Wien die Tochterfirma Easyjet Europe gegründet, um im Fall eines harten Brexit weiter Flüge innerhalb der EU anbieten zu können. Laut einem Bericht der "Rheinischen Post" buhlt Easyjet vor allem um Air-Berlin-Routen von und nach Düsseldorf. Und weil die Lufthansa hier ohnehin sehr stark vertreten ist, haben die Briten gute Chance, diesen Teil des Streckennetzes zu bekommen.

Hans Rudolf Wöhrl
DPA

Hans Rudolf Wöhrl

Der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl hat in den vergangenen Wochen wieder und wieder Schlagzeilen produziert: mit seinen Offerten wie auch seinen Klagen über das vermeintlich "abgekartete Spiel" beim Schlussverkauf.

Für ihn spricht, dass er schon mehrmals Fluglinien profitabel betrieben hat - unter anderem die Deutsche BA, die dann von Air Berlin geschluckt wurde. Gegen Wöhrl spricht, dass er wochenlang nicht einmal die Bücher von Air Berlin geprüft hat. Und vor allem, dass sein Angebot unausgegoren erscheint. Nur 50 Millionen Euro will er zunächst zahlen, später dafür noch einmal bis zu 450 Millionen Euro - sofern er geschäftlichen Erfolg hat. Die Gläubiger werden sich kaum auf so einen unsicheren Deal einlassen. Dazu will Wöhrl unter anderem Flugzeuge mitsamt Crews verchartern. Das kann in der Hochsaison funktionieren, wenn der Bedarf auf dem Markt groß ist. Aber was macht Wöhrl mit den teuren Jets im Winter? Den Zuschlag dürfte er mit diesem Gebot eher nicht kriegen.

Website von LinkGlobal

Website von LinkGlobal

Der chinesische Investor Jonathan Pang hat laut "Bild"-Zeitung mit seiner Gesellschaft LinkGlobal eine schriftliche Absichtserklärung eingereicht. Bis Freitagmittag soll ein verbindliches Angebot folgen. In Parchim, Mecklenburg-Vorpommern, hat sich Pang bereits einen Namen gemacht: 2007 übernahm er einen örtlichen Militärflughafen - mit dem Ziel, ihn zu einem mitteleuropäischen Drehkreuz zu machen und "in den nächsten 20 Jahren Geschichte" zu schreiben. Nach der Hälfte der Zeit macht noch immer kein einziges Passagierflugzeug in Parchim Station. Pang gilt daher als krasser Außenseiter.

Utz Claassen
DPA

Utz Claassen

Utz Claassen hat schon alles mögliche gemanagt: Seat, den Energieversorger EnBW, die Solarfirma Solar Millennium. Mit wechselndem Erfolg. Er war Präsident von Hannover 96 und Real Mallorca, zurzeit ist er Aufsichtsratschef der Medizintechnikfirma Syntellix. Mit Luftfahrt hatte er bisher nichts zu tun - was ihn aber nicht daran hindert, mitzumischen im Bietergerangel.

Nach SPIEGEL-Recherchen hat er dem Insolvenzverwalter mitgeteilt, er habe "hochpotente und hochseriöse Investoren" kontaktiert. Und nach eigenen Angaben hat er auch Geldgeber gefunden: Wie das "Handelsblatt", berichtet, bietet Claassen 100 Millionen Euro, dazu will er für Air Berlin 600 Millionen Euro an Liquidität bereitstellen und die gesamte Belegschaft übernehmen. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Zumal Claassen die Namen seiner Kapitalgeber partout nicht verraten will. So lange er nicht offenbart, wer seine Partner sind, sind seine Chancen gering.

Iberia-Flugzeuge
AP

Iberia-Flugzeuge

Dem Luftfahrtkonzern IAG, zu dem unter anderem British Airways und Iberia gehört, wird nachgesagt, Interesse am Ausbau seines Deutschlandgeschäfts zu haben. Würde IAG das Gros der Air-Berlin-Slots bekommen, würde die Gruppe hierzulande zu einem ernstzunehmenden Rivalen für die Lufthansa. Allerdings hat IAG bislang kein Gebot abgegeben.

Niki Lauda
AFP

Niki Lauda

Niki Lauda war nicht nur ein großer Autorennfahrer, sondern auch ein erstklassiger Flugzeugpilot. Und er hat zwei größere Linien aufgebaut: Lauda Air und Niki. Was läge näher, als nun die Niki zurückzuholen, die er einst an Air Berlin verkaufte?

Lauda hat starke Partner zur Seite: den Tourismuskonzern Thomas Cook und dessen Ferienfluggesellschaft Condor. Sein Konzept ist einfach: ausschließlich touristische Ziele anfliegen und nicht zu groß werden. Insgesamt will das Konsortium bis zu 100 Millionen Euro und knapp 40 Maschinen der Niki und von Air Berlin übernehmen, hauptsächlich innereuropäische Routen und einige wenige Langstrecken. Das klingt schlüssig. Und vor allem wäre es gut für den Wettbewerb am Himmel über Deutschland und Österreich.



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
weltenbummler20 15.09.2017
1. Wöhrl wäre eigentlich der Richtige
Für ihn spricht, dass er schon mehrmals Fluglinien profitabel betrieben hat - unter anderem die Deutsche BA, die dann von Air Berlin geschluckt wurde. Ebenso Lauda, derebenfalls 2 Airlines erfolgreich betrieben hatte. LH würde nur marktbeherrschend werden durch eine Übernahme, deshalb sind deren Aussichten bei den Kartellbehörden sicherlich schlecht
bauigel 15.09.2017
2. Reißerischer Artikel
Der Artikel erweckt den Eindruck, als Wenn Lufthansa bevorzugt würde. Wenn man sich aber die Bieter ansieht, kommt eigentlich nur Lauda in Frage einen Teil zu übernehmen. Alles will er ja gar nicht. Die anderen "Bieter" haben entweder noch gar kein Angebot abgegeben, oder ein inakzeptables. Was soll also diese Polemik, dass LH bevorzugt würde?
fuenf6 15.09.2017
3. der kommende größte Wirtschaftskrimi der neuen deutschen Zeit
Vor zwei Tagen bin ich im Forum noch angfeindet worden, das die Rücknahme des Leasinggebers der Langstreckenflugzeuge auf Druck von Lufthansa geschah. Damit schaltete Lufthansa wohl das Angebot der IAG mit internen Absprachen (Transatlantikflüge) ab. IAG wollte in Deuitschland die Arbeitsplätze erhalten. Das ca 8000 Mitarbeiter plus ihre Familie ihre bisherige Existens verlieren, ist allen Marktteilnehmern plus der Politik und den Medien egal. Gestern hat sich Lufthansa mit Hilfe alle Leasinggeber einen Zugang zu allen Flugzeugakten verschafft (mitnehmen, kopieren). Es sollen also weitere Flugzeuge mitten im Insolvenzverfahren abgezogen werden, um die Airline für andere Biete uninteressant zu machen. Die für das Milliarden Gewinn Unternehmen lästigen Betriebsübergänge, also Z.B. einer alleineinziehenden 36 Jährigen Mutter das Gehalt weiter zahlen entfällt und man vergütet wie frisch von der Schule. Geltendes Recht (mindestens in der Insolvenz aber auch in der Flugsicherheit) wird immer und wieder gebrochen. Die Diminson übertrifft Arcandor und Schlecker längst! Das Schweigen der Politik und umgeleitet Beschuldigungen schockieren mich. Die Medien werden sich am den aufzudeckenden Skandal noch lange erfreuen können aber auch ihr habt die Menschen im Stich gelassen. Die Hexe muss erst brennen, bis der Unschuldsbeweis veröffentlicht wird.
spon-facebook-10000253305 15.09.2017
4. Wöhrl bietet zu wenig
Kein Gläubiger wird sich auf die 50Mio von Wöhrl einlassen. auch die Frage, ob Lufthansa alle erkauften Slots und Mannschaften weiter übernehmen darf, würde ich stark bezweifeln. Da wird die EU genau prüfen. Wahrscheinlich wird ein großteil an die LH gehen, die dann einen Teil des Deutschlandsgeschäfts an einen anderen Anbieter verkaufen muss. Die Langstrecken werden am interessantesten, wer sich das antut
jh2015 15.09.2017
5. Deutsche Sandkastenspiele
Man ist geneigt , sich verwundert die Augen zu reiben. Noch vor kurzem konnte man ueberall ( also auch hier) lesen , wie sich die internationalen Luftfahrtkonzerne aufstellen und LH massiv Konkurrenz machen - teilweise sogar mit Staatshilfe. Just eine solche Airline wie Etihad will nun nicht mehr weitere Verluste einfahren und schon kommen diverse " Sandkastenspieler" und wollen es - mit offensichtlich weit weniger Kapital - einmal selbst versuchen. Alle ausser LH , Easyjet und ThomasCook/Condor sind doch keine serioesen Mitbieter mit Aussicht auf eine stabile Operation und Geschaeftstaetigkeit. Waere also nicht ueberraschend , wenn es genau so kommt: LH uebernimmt die Langstrecke , Easyjet einige europaeische Strecken , TC/Condor die Touristikstrecken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.