Angeschlagene Fluglinie Air Berlin meldet Insolvenz an

Das Finanzdesaster ist perfekt: Nach jahrelangen Verlusten ist die Fluggesellschaft Air Berlin insolvent. Mit einem Kredit über 150 Millionen Euro will der Bund den Flugbetrieb zumindest für die nächsten drei Monate sichern.

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Air Berlin hat einen Insolvenzantrag gestellt. Nachdem Hauptaktionär Etihad erklärt habe, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass "keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht", teilte Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft am Dienstag mit.

Das Insolvenzverfahren soll in Eigenverwaltung erfolgen. Der Flugbetrieb wird laut Air Berlin fortgeführt. Die Bundesregierung unterstütze die Fluglinie dabei mit einem Übergangskredit über 150 Millionen Euro. Er sichere den Flugbetrieb der insolventen Fluggesellschaft für ungefähr drei Monate, sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) in einer ersten Stellungnahme.

Zugleich äußerte Zypries sich zuversichtlich, dass in den nächsten Monaten eine Übernahme von Teilen Air Berlins durch die Lufthansa gelingen könnte. Der Kredit schaffe für den Übergang einen Rahmen. Zypries schloss jedoch aus, dass der Bund Schulden von Air Berlin übernehmen könnte, um eine Übernahme zu ermöglichen. Auf die Frage nach möglichen weiteren Krediten des Bundes sagte sie, über diese Frage werde entschieden, wenn es an der Zeit dafür sei.

Dobrindt sieht keine kartellrechtlichen Bedenken

Der Flugbetrieb von Air Berlin soll laut Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bis Ende November aufrechterhalten werden. "Air Berlin hat Eigenmittel, nach wie vor, und in Kombination der verfügbaren Mittel und dem Kredit des Bundes gehen wir davon aus, dass der Flugverkehr bis Ende November gesichert ist", sagte Dobrindt.

Kartellrechtliche Bedenken sehe er derzeit nicht, weil es nur um den Verkauf von Unternehmensteilen der Fluglinie gehe und nicht um eine Komplettübernahme. Neben der Lufthansa gebe es weitere Airlines, mit denen Air Berlin in Verhandlungen stehe. Kartellfragen müssten im Laufe des Verfahrens aber noch genauer geprüft werden.

Der Überbrückungskredit für Air Berlin sei in Brüssel bei der EU angemeldet worden, sagte Dobrindt weiter. Die offizielle Genehmigung brauche aber einige Tage. Dobrindt verwies darauf, dass die insolvente Fluggesellschaft täglich 80.000 Passagiere transportiere. Die Genehmigung für den Flugbetrieb sei weiter gültig.

Air Berlin schreibt seit 2008 fast ununterbrochen Verluste. Lediglich 2012 hatte es einen kleinen Gewinn gegeben, nachdem man das eigene Vielfliegerprogramm an den Großaktionär Etihad verkauft hatte. 2016 verbuchte Air Berlin mit gut 780 Millionen Euro einen Rekordverlust. Zusammen mit den Verlustvorträgen der vergangenen Jahre hat sich auf diese Weise ein Schuldenberg von rund 1,2 Milliarden Euro angehäuft.

Video: Brigitte Zypries zur Insolvenz von Air Berlin

Zuletzt hatten auch die Passagiere die dramatische Lage der Airline immer deutlicher zu spüren bekommen Seit der Umstellung auf den Sommerflugplan Ende März häuften sich Verspätungen und Flugausfälle. In der Folge blieben auch die Passagiere weg: Im Urlaubsmonat Juli sank ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent.

Allein Großaktionär Etihad hatte Air Berlin zuletzt noch am Leben gehalten. Die arabische Fluglinie besitzt seit 2011 gut 29 Prozent am Unternehmen - und hatte eigentlich versprochen, vorerst weiter für Air Berlin zu zahlen. Zumindest so lange, bis sich eine andere Lösung für das Problem mit dem unglücklichen Investment in Deutschland finden sollte.

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Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Nun zog Etihad aber die Reißleine. Am Mittwoch überwies der arabische Partner nach Angaben aus Unternehmenskreisen eine vereinbarte Kredittranche von 50 Millionen Euro nicht. Zwei Tage später wurde den Berlinern dann intern die Unterstützung aufgekündigt. Am Dienstag bezeichnete der Großaktionär die bisherige Entwicklung als "äußerst enttäuschend für alle Beteiligten, vor allem, da Etihad in den vergangenen sechs Jahren weitreichende finanzielle Unterstützung für Air Berlin während früherer Liquiditätskrisen und für deren Sanierungsbemühungen gewährt hat."

Erst im April hatte Etihad weitere 250 Millionen Euro zugeschossen. "Doch das Geschäft von Air Berlin hat sich in einer beispiellosen Geschwindigkeit verschlechtert", hieß es weiter. Als Minderheitsaktionär könne Etihad kein weiteres Geld beisteuern und damit das eigene Risiko erhöhen.

"Wir haben große Sorge um die Arbeitsplätze der Beschäftigten", teilte die Gewerkschaft Ver.di mit. "Unsere Priorität liegt jetzt auf der Sicherung der Arbeitsplätze", sagte Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Im Insolvenzverfahren brauche es Transparenz und Einbeziehung der Gewerkschaften in die weiteren Planungen.

"Dass die Bundesregierung mit der Überbrückungsfinanzierung den laufenden Betrieb sichert, ist wichtig für Air Berlin und für die Piloten", sagte Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit SPIEGEL ONLINE. "Aber diese Kredite sind endlich. Das Management muss jetzt schnell mit einem Plan kommen, der die Zukunft der Beschäftigten sichert."

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo spricht sich gegen eine Zerschlagung von Air Berlin aus. Alle Bereiche inklusive des Bodenpersonals und der Technik müssten gesichert werden, verlangte Tarifvorstand Nicoley Baublies am Dienstag: "An einer Filetierung oder einem Komplettausverkauf der Bedingungen werden wir uns nicht beteiligen."

Gespräche mit Lufthansa laufen schon

Lufthansa könnte zumindest Teile des insolventen Unternehmens übernehmen. Entsprechende Gespräche liefen bereits, hieß es in einer Mitteilung des Marktführers. "Lufthansa beabsichtigt, diese Verhandlungen zu einem schnellen und positiven Ergebnis zu führen". Das biete "auch die Möglichkeit zur Einstellung von Personal".

Schon in der Vergangenheit hatte Lufthansa Interesse an einem Kauf Air Berlins signalisiert, wollte aber die immense Schuldenlast nicht tragen. Lufthansa hat bereits Flugzeuge von Air Berlin geleast, die für ihre Töchter Eurowings und Austrian Airlines fliegen

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Die seit Jahren nur noch für Centbeträge gehandelte Air-Berlin-Aktie Chart zeigen wurde am frühen Nachmittag vom Handel ausgesetzt. Zuletzt lag sie mit 1,81 Prozent im Minus bei 0,76 Euro. Für die Lufthansa-Aktie Chart zeigen ging es hingegen um 1,96 Prozent auf 20,45 Euro nach oben.

stk/dab/asa/che/Reuters/dpa



insgesamt 208 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 15.08.2017
1. na toll...
...dann werden meine Flüge demnächste wieder hoffnungslos überfüllt sein, weil man die Air Berlin Fluggäste übernehmen muss....
realplayer 15.08.2017
2.
Zu hoch geflogen und abgestürzt.
Andreas P. 15.08.2017
3. Endlich dicht machen
Der schleichende Tod ist schon seit Jahren gekennzeichnet und Ergebnis andauernden Mismanagements. Die Airline ist nicht systemrelevant. Also macht sie endlich dicht. Das freut auch die Umwelt!
jonnyohneh 15.08.2017
4. Noooin
Was wird aus meinen 7000 Meilen? Im Ernst, das ist schade, bin immer gern mit geflogen
tkedm 15.08.2017
5.
Quelle surprise... Ein paar Jahre zu spät, um für neue Investoren interessant zu sein.
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