Zehnjähriges Börsenjubiläum Air Berlin geht die Luft aus

Es begann holprig, danach wurde es nicht viel besser: Vor zehn Jahren ging Air Berlin an die Börse. Großspurig attackierte das Unternehmen Platzhirsch Lufthansa. Heute kämpft es ums Überleben.

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Als kritischste Phasen eines Fluges gelten der Start und die Landung. Der Börsenstart von Air Berlin missglückte schon mal: Am 11. Mai 2006 stieg die neue Aktie nur zeitweise über ihren Ausgabepreis von zwölf Euro. Am Tagesende schloss sie mit einem fetten Minus von 6,25 Prozent. "Ich bin ein Air Berliner", sagte Werbe-Testimonial Johannes B. Kerner damals in Spots noch sein Sprüchlein auf. Doch die Zusammenarbeit wurde nach Kritik bald wieder beendet.

Zehn Jahre später wirkt der Auftakt wie ein böses Omen. Nach einem kurzzeitigen Anstieg gingen Air-Berlin-Aktien Chart zeigen auf jahrelangen Sinkflug und notieren mittlerweile bei unter 80 Cent. Deutschlands zweitgrößte Airline schleppt inzwischen so viele Probleme mit sich, dass eine Notlandung immer wahrscheinlicher wird.

1. Zu viele Chefs

Air Berlin wurde lange geprägt von Joachim Hunold. Der setzte zunächst erfolgreich auf günstige Charterflüge zu Ferienzielen, verzettelte sich aber später mit einer zunehmend unübersichtlichen Expansion zu Linienflügen und Kurz- wie Langstrecken. Seit Hunold 2011 zurücktrat, hatte Air Berlin drei weitere Häuptlinge.

Am ehesten in Erinnerung blieb davon Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn. Der trat ähnlich großspurig auf wie sein Freund Hunold, verordnete dem Unternehmen umgehend ein Sparprogramm und holte die Golf-Airline Etihad als Großinvestor ins Boot. Doch das Verhältnis zu Etihad-Chef James Hogan kühlte schnell ab, und Mehdorn trat zurück. Seine Nachfolger Wolfgang Prock-Schauer und der heutige Chef Stefan Pichler blieben blass. Das liegt auch daran, dass Etihad dank einer Beteiligung von knapp 30 Prozent mittlerweile de facto das Sagen hat.

2. Kein klarer Kurs

Air Berlins Vielfalt von Geschäftsmodellen ist bis heute nicht entwirrt worden. "Das ist ein verschlepptes strategisches Problem", sagt Guido Hoymann, Luftfahrtanalyst bei der Privatbank Metzler. Denn so muss sich Air Berlin sowohl mit aggressiv kalkulierenden Billigfliegern messen als auch mit Premiummarken.

Mit ähnlichen Problemen kämpft auch Lufthansa Chart zeigen. Doch der deutsche Marktführer hat seine Billigflieger inzwischen in die Sparte Eurowings ausgegliedert. Air-Berlin-Chef Pichler will nun mit Langstreckenverbindungen, Kostensenkungen und dem Fokus auf Geschäftskunden die Wende schaffen. Das gleiche Rezept hatte sein Vorgänger ebenfalls, ohne dass ihm eine Lösung für den Spagat zwischen den Geschäftsmodellen gelang.

3. Ewige Finanznot

Seit sieben Jahren in Folge schreibt Air Berlin rote Zahlen, 2015 brachte einen neuen Rekordverlust von 446 Millionen Euro. Die ewige Finanznot hat das Eigenkapital aufgezehrt, stattdessen sitzt Air Berlin auf Schulden von mehr als 800 Millionen Euro. Deshalb hängt das Schicksal der Berliner inzwischen an Etihad. Die Finanziers aus Abu Dhabi garantieren für Darlehen und subventionierten Air Berlin kaum versteckt - etwa indem sie den Berlinern ihr Meilenprogramm Topbonus abkauften. Analyst Hoymann hält die Schulden nicht nur wegen der Abhängigkeit von Etihad für ein Problem. "Das könnte auf Dauer auch Kunden verschrecken, die im Voraus bezahlen."

4. Blockierter Kurswechsel

Nicht alles läuft schlecht bei Air Berlin. "Es gibt gut funktionierende Konzernteile wie den Tourismus und weniger gut funktionierende wie die Linienflüge", sagt Hoymann. "Doch Etihad hält an den weniger gut funktionierenden fest. Das ist ein Dilemma." Denn für Etihad-Chef James Hogan ist Air Berlin vor allem ein Türöffner: Durch die deutsche Tochter haben die Araber Zugang zu Start- und Landerechten, die ihnen sonst verwehrt blieben. Über das sogenannte Codesharing können beide Airlines zusammen Verbindungen unter unterschiedlichen Flugnummern anbieten.

5. Verkorkstes Marketing

Der Schlingerkurs zeigt sich auch bei der Reklame von Air Berlin. Seit Kurzem bewirbt die Fluglinie ihre Business Class in schicken Spots als "Smart Alternative" mit Limousinenservice und À-la-carte-Menüs. Adrett kam auch eine Osteraktion daher, bei der Stewardessen mit Schokohasen posieren. 2015 dagegen warb Air Berlin in seiner Heimatstadt noch mit einer großflächig tätowierten Frau im Unterhemd, dazu der Slogan: "Not established since 1978". Dazu will das Unternehmen aber schon heute nicht mehr stehen: Fotos der Kampagne werden nicht länger herausgegeben.

6. Kampf um jeden Euro

Im Ringen um höhere Einnahmen liefern sich Fluglinien in Europa seit Jahren einen Preiskampf, der immer schärfer wird. Laut dem internationalen Luftfahrtverband Iata können Airlines derzeit im Schnitt für Hin- und Rückflug zusammen 330 Euro einnehmen - 90 Euro weniger als noch vor zwei Jahren. Innerhalb von 20 Jahren haben sich die Preise sogar mehr als halbiert.

Die Billigflieger Easyjet Chart zeigen und Ryanair Chart zeigen ziehen einen immer größeren Teil des Geschäfts an sich. Ryanair-Chef Michael O'Leary kündigte kürzlich sogar einen neuen Preiskrieg in Europa an - und ein "Blutbad" für die meisten Airlines. Fluglinien ohne klares Konzept wie Air Berlin, deren ausufernde Strategie die Kosten hochhält, können dem nichts entgegensetzen.

Anschläge in Paris, Brüssel und Ägypten sowie Streiks von Fluglotsen haben darüber hinaus viele Menschen verunsichert und halten sie von Flugbuchungen ab. Deshalb können die Airlines noch schwieriger höhere Preise durchsetzen.

7. Verzockt beim Öl

Ein Segen hätte für Air Berlin der niedrige Ölpreis werden können, einfacher lassen sich die Kosten kaum senken. Doch die Airline konnte das Geschenk nicht nutzen. Air Berlin hatte sich für 2015 in großen Teilen gegen steigende Ölpreise abgesichert und damit die weit höheren Kerosinkosten aus dem Vorjahr für fast drei Viertel des Einkaufs festgeschrieben. Jetzt will Firmenchef Pichler zumindest dieses Jahr den Preisverfall für Öl nutzen und dadurch "in Höhe von 250 Millionen Euro profitieren".

8. Ärger mit dem Staat

Air Berlins Verbindung zu Etihad wird schon lange kritisch beäugt. Das liegt zum einen am Verdacht innerhalb der Branche, dass die Golf-Airline de facto längst Air Berlin beherrscht - was ihr nach EU-Regeln untersagt ist. Zudem stellte das Luftfahrtbundesamt, das Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) untersteht, nach Beschwerden von Konkurrenten wie Lufthansa und Condor wiederholt die Codesharing-Flüge mit Etihad in Frage. Nach einem Grundsatzurteil sind mittlerweile alle Gemeinschaftsflüge erlaubt. Doch die Abhängigkeit von politischen und behördlichen Entscheidungen bleibt groß.

9. Pech mit dem BER

Die meisten Fluglinien haben ein zentrales Drehkreuz. Für Air Berlin soll dieses am Hauptstadtflughafen BER entstehen, von hier aus will die Airline ihre Langstreckenverbindungen ausbauen. Doch durch die immer wieder verschobene Eröffnung liegen auch diese Pläne auf Eis. Immerhin ist Air Berlin als Kunde des BER so wichtig, dass dadurch auch das politische Interesse am Überleben der Airline steigt.

10. Die Aktie als Last

Nach zehn Jahren ist die Börsennotierung für Air Berlin vor allem eines: unangenehm. Schließlich verpflichtet sie den Konzern dazu, regelmäßig seine schlechten Zahlen offenzulegen. Schon länger wird deshalb spekuliert, Etihad könnte Air Berlin gemeinsam mit anderen Großaktionären von der Börse nehmen. Doch das wäre schwer, da Etihad nicht als Kontrolleur der Berliner erscheinen darf. Ein möglicher Umweg könnte sein, dass die Golf-Fluglinie Air Berlin zunächst mit anderen Beteiligungen wie Alitalia verschmilzt.

Dabei könnte eine neue Managementstruktur helfen, die Etihad am Dienstag bekannt gab. Ziel sei "eine kontinuierliche Zukunftsplanung, um die Emiratisierung voranzutreiben, zu stärken und zu vertiefen", so Konzernchef Hogan. "Etihad Airways ist kein isoliertes Unternehmen mehr."

Zusammengefasst: Vor zehn Jahren ging die Fluglinie Air Berlin an die Börse. Die damit verbundenen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Aktie ist nur noch einen Bruchteil wert, und das Unternehmen plagen zahlreiche Probleme. Dazu gehört die Abhängigkeit von der Golf-Airline Etihad, die Air Berlin einerseits am Leben erhält, andererseits aber einen echten Kurswechsel verhindert.



insgesamt 51 Beiträge
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realplayer 11.05.2016
1.
Johannes B. Kerner, das konnte nichts werden. Am besten Ethiad übernimmt die restlichen Anteile und macht Air Berlin zu.
el_jefe 11.05.2016
2. Der rote Faden...
...die viele Probleme Air Berlins verbindet, heißt doch am Ende Mehdorn. Er hat die Etihad an Bord geholt - die heute sinnvolle Änderungen blockiert. Er hat auch das BER-Desaster mit zu verantworten. Schon zu Deutsche Bahn-Zeiten hatte er ein schuldenbefreites Unternehmen übernommen und sie dann mit Schulden in Milliardenhöhe wieder verlassen. Dieser Mann hat Milliardenwerte zerstört. Dass einer, der mehrfach so gründlich versagt hat, immer wieder auf verantwortungsvolle Posten gehievt wird, ist ein ganz schlechtes Omen für den Industriestandort Deutschland.
Izmir..Übül 11.05.2016
3.
Habe 2012 - also noch in der Ära Mehdorn - mal 6 Monate als "Kundenbetreuer" für AB gearbeitet. Tatsächlich war ich aber gezwungen, die Leute nach Strich und Faden zu verarschen, sodass ich irgendwann selbst hingeschmissen habe.
INGXXL 11.05.2016
4. Air Berlin
wird nicht überleben. Es gibt ja genug andere Airlines
marsman 11.05.2016
5. Schade um die LTU
Die LTU war ein guter Ferienflieger, das hätte man gut ausbauen können. Von der Verwässerung der Marke und der Konzeptlosigkeit haben andere wie TUI profitiert und jetzt ist es wahrscheinlich zu spät. Es siegt nicht immer das Bessere, sondern das Laute, Billige und Bunte. Siehe Ryanair.
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