Air-Berlin-Insolvenz Wettbewerbshüter sehen Übernahmepläne kritisch

Air Berlin verhandelt mit drei Interessenten über eine Übernahme. Das Engagement der Lufthansa sehen Wettbewerbshüter skeptisch. Die Insolvenz könnte derweil mehrere Flughäfen treffen.

Maschinen von Air Berlin am Flughafen Tegel
DPA

Maschinen von Air Berlin am Flughafen Tegel


Wettbewerbshüter haben die Pläne der Lufthansa hinterfragt, Teile der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin Chart zeigen zu übernehmen. "Air Berlin und Lufthansa sind auf vielen Flugstrecken direkte Konkurrenten", sagte der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, der "Rheinischen Post". Er warnte zudem: "Der 150-Millionen-Kredit des Staates könnte beihilfenrechtlich kritisch sein."

Die Lufthansa Chart zeigen müsse für eine Genehmigung der Fusion deshalb "mit strengen Bedingungen und Auflagen rechnen", sagte Wambach dem Blatt. Dazu zähle der Verzicht auf weite Teile der Landerechte von Air Berlin. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, sagte der "Süddeutschen Zeitung", die Wettbewerbsbehörde werde sich die Lufthansa-Pläne "gegebenenfalls sehr genau ansehen".

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte zuvor gesagt, er sehe keine kartellrechtlichen Bedenken. SPD-Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig hatte zudem den staatlichen Kredit verteidigt, mit dem die seit Langem defizitäre Fluggesellschaft die nächsten drei Monate überbrücken soll und um die Maschinen in der Luft zu halten.

Air Berlin spricht mit drei Interessenten

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, es sei darum gegangen, eine "nationale Krise" abzuwenden. Sonst hätten "pro Tag 80.000 Menschen in der Urlaubszeit an Flughäfen gestanden". Zugleich liegt aber die Vermutung nahe, dass die Politik sich mit den Staatshilfen vor der Bundestagswahl Wählerstimmen sichern will. CDU-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer sprach von einem ordnungspolitischen Sündenfall. (Lesen Sie hier die ausführliche Analyse "Gute Pleiten, schlechte Pleiten".)

Derweil erneuerte die Billigfluglinie Ryanair Chart zeigen ihre Kritik an der Staatshilfe: "Unserer Meinung nach ist es offensichtlich, dass die Bundesregierung mit Lufthansa Hand in Hand daran arbeitet, Konkurrenz für Deutschland fernzuhalten", sagte Marketingchef Kenny Jacobs der "Bild"-Zeitung. "Die Tatsache, dass Verkehrsminister Alexander Dobrindt betont, dass hier keine kartellrechtlichen Verstöße vorliegen, bestätigt, dass dies ein abgekartetes Spiel ist."

Air Berlin hatte am Dienstag Insolvenz angemeldet. (Lesen Sie mehr zum Niedergang der Fluggesellschaft hier.) Das Unternehmen verhandelt nach eigenen Angaben über einen Verkauf ihrer Teile, das formelle Insolvenzverfahren könne am 1. November beginnen. Unter anderem soll Ryanair-Konkurrent Easyjet Chart zeigen an Teilen von Air Berlin interessiert sein. Auch die Thomas-Cook-Tochter Condor hat Interesse angemeldet. Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Neben der Lufthansa stehen wir mit zwei weiteren Interessenten aus der Luftfahrt in Kontakt."

Maas fordert verpflichtende Insolvenzabsicherung für Airlines

In der "Bild"-Zeitung warb Dobrindt indirekt für eine deutsche Lösung. Die Abwicklung der insolventen Fluglinie sei eine gute Möglichkeit für die deutsche Luftfahrt, sagte der Minister. "Jetzt sollte die Chance ergriffen werden, die 140 Maschinen, Kapazitäten und Mitarbeiter von Air Berlin strategisch aufzustellen, um die Stellung der deutschen Luftverkehrswirtschaft im internationalen Markt zu stärken."

Fotostrecke

20  Bilder
Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Air-Berlin-Chef Winkelmann ist zuversichtlich, dabei viele der rund 8600 Arbeitsplätze retten zu können. "Ich glaube, trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und einen Großteil der Jobs zu sichern. Das kriegen wir hin", sagte Winkelmann der "Zeit". Im Gespräch mit "Bild" und "B.Z." sagte er aber auch: "Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Marke Air Berlin verschwindet."

Eigener Terminaltrakt für Air Berlin am BER geplant

Bundesverbraucherschutzminister Heiko Maas forderte angesichts der Insolvenz eine EU-weite Pflicht für alle Fluggesellschaften zur Absicherung vor einer Pleite. "Weder die Reisenden noch die Steuerzahler dürfen am Ende die Kosten dafür tragen", sagte der SPD-Politiker dem "Handelsblatt".

Die Air-Berlin-Insolvenz könnte derweil auch Auswirkungen für die Zukunft mehrerer großer deutscher Flughäfen haben. Die Airline ist der größte Kunde am Berliner Flughafen Tegel. "Air Berlin ist ein sehr wichtiger Partner", sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Mehr als jeder vierte Passagier hebt dort mit den Maschinen der Fluggesellschaft ab, die als einzige Airline ein nennenswertes Langstrecken-Angebot ab Berlin anbietet.

Air Berlin sieht sich als Opfer der BER-Pannen

Im neuen Hauptstadtflughafen BER sollte für Air Berlin ein Drehkreuz für mehr Umsteigeverbindungen entstehen - ein ganzer Terminaltrakt ist dafür reserviert. Die Insolvenz dürfte damit ein weiteres großes Problem für den im Bau befindlichen Airport sein - auch wenn Minister Dobrindt versichert "Die Slots werden weiterhin geflogen werden."

Auch am Flughafen Düsseldorf dürfte die Insolvenz zu spüren sein. Der Airport hatte zuletzt von Kapazitätsproblemen in Berlin profitiert, sodass Air Berlin Langstreckenflüge etwa in die USA ab Düsseldorf anbot. Dort fliegt knapp jeder dritte Passagier mit Air Berlin.

Bundeswirtschaftsministerin Zypries bescheinigte der Firmenleitung "Fehler in der Unternehmensstrategie". Man habe sich nicht entscheiden können, ob man Ferien-Flieger oder Geschäftsreisen-Anbieter sein wolle. "Es fehlte sicher eine klare Strategie", sagte die SPD-Politikerin der "Passauer Neuen Presse".

Laut Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte sein Unternehmen aber auch unter den Verzögerungen des Hauptstadtflughafens BER gelitten: "Natürlich ist Air Berlin auch ein Opfer der dauernden Verschiebungen um den neuen Flughafen BER", sagte der Manager der "Zeit". Der Neubau ist wegen Baumängeln, Planungsfehlern und Technikproblemen seit 2011 überfällig - Eröffnungstermin ungewiss.

apr/dpa/AFP



insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
erst nachdenken 17.08.2017
1.
Und wenn es Ärger vom Kartellamt gibt, kommt halt die Ministererlaubnis.
laermgegner 17.08.2017
2. Immer diese Nebelkerzen
Es wird immer sugeriert, dass "Flieger" der einzige Wirtschaftsmotor der Nation ist. Dabei wird Geld in die Welt hinausgetragen und Billig bis zum Umfallen pratiziert. In der Luftfahrtbranche gibt es Menschen, die von ihrem Verdienst nicht leben können. Alles für Nebenkerzen - wobei bekannt ist, dass es Überkaäazitäten weltweit gibt. Auf der anderen Seite wird jetzt nach dem Kartell gerufen - Lachen kann man da - denn die sind auf allen drei Augen blind - Warum ? Der Bau des BER - hat keinen interessiert , alles durchgewunken . Also ist doch alles nicht ehrlich !
Kein Besserwisser 17.08.2017
3. WArum solld er Steuerzahler für Missmanagement haften?!
"Ich glaube, trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und einen Großteil der Jobs zu sichern. Das kriegen wir hin". Einen größeren Unfug konnte Winkelmann gar nicht sagen. Warum hat er das dann nicht schon vorher "hinbekommen"??????? Anscheinen ging es ihm nur darum Steuergelder zu bekommen um einen LH-Konkurrenten ins jenseits zu befördern damit sein früherer Arbeitgeber freies Feld für eine Quasi-Monopolstellung bekommt.
globaluser 17.08.2017
4. Was ist da los? Warum konnte SPON noch nicht beweisen,
das Trump der Hauptschuldige ist?
wolle0601 17.08.2017
5. Ryanairs niedrige Sozialstandards
sollten Grund genug sein, dass zumindest die SPD eine Übernahme durch LH oder andere Firmen mit mehr sozialer Verantwortung unterstützen. Ich hoffe, dass diese Punkte schwerer wiegen als die Hoffung, im Wahlkampf ein paar billige Punkte zu machen. Und wenn nicht, hoffe ich, dass dann ganz klar Ross und Reiter benannt werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.