Air-Berlin-Demo in der Hauptstadt Wut auf die Bosse, Wut auf die Politik

Auch Monate nach der Insolvenz von Air Berlin ist die Zukunft großer Teile der Belegschaft ungewiss. Hunderte Mitarbeiter fordern eine Weiterbeschäftigung - und machen ihrem Ärger vor dem Bundeskanzleramt Luft.

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Bewerben wolle sie sich ganz sicher nicht, sagt Chantal Meyer, als die Trillerpfeifen für einen Moment still bleiben. Weshalb solle sie sich auf ihren eigenen Arbeitsplatz bewerben? "Es kann nicht sein, dass Slots und Flugzeuge übernommen werden, die Mitarbeiter aber nicht", sagt die Flugbegleiterin aus Düsseldorf.

Und weil auch die Bundesregierung diese Botschaft hören soll, ist Meyer gemeinsam mit mehreren Hundert Air-Berlin-Mitarbeitern vor das Bundeskanzleramt gezogen. Seit der Insolvenz der Fluggesellschaft ist die berufliche Zukunft der Belegschaft ungewiss.

Zwar beteuert der Generalbevollmächtige der Airline, Frank Kebekus, dass nach der Übernahme 70 bis 80 Prozent der etwa 8000 Arbeitsplätze erhalten bleiben würden. Doch das sehen nicht nur die Air Berliner vor dem Bundeskanzleramt skeptisch. Auch die Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass sich 4000 Mitarbeiter arbeitslos melden werden.

Ungewissheit bei den Tausenden Beschäftigten

Und selbst bei jenen, denen der Weg in die Arbeitslosigkeit erspart bleibt, ist vieles weiter unklar: Die Lufthansa, die einen Großteil der Flugzeuge übernimmt, führt die Zahl von 3000 neuen Mitarbeitern an. (Einen Überblick über die Folgen der Air-Berlin-Pleite für Mitarbeiter und Kunden finden Sie hier.) Fest übernommen werden allerdings wohl nur etwa 1700, die bei den Air-Berlin-Töchtern LGW und Niki beschäftigt waren. Bis zu 1300 weitere könnten hinzukommen. Sie sollen sich aber bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings neu bewerben.

Bei diesem Bewerbungsverfahren wäre nicht nur der Ausgang offen. Viele Air Berliner fürchten auch Lohneinbußen und schlechte Arbeitsbedingungen. "Dumping Wings", lautet der Schriftzug auf einem der Plakate, die die Demonstranten hochhalten.

Eurowings ist in Österreich ansässig - und damit nicht an die Tarifverträge des Mutterkonzerns Lufthansa in Deutschland gebunden. Und tatsächlich wurde die Airline in der Vergangenheit mehrfach für schlechte Arbeitsbedingungen kritisiert. Arbeitnehmervertreter prangerten 2016 Dumpinglöhne und Tarifflucht bei der Airline an, etwa Verträge ohne Kündigungsschutz und Fixgehalt für Flugbegleiter. Zuletzt warnten Eurowings-Mitarbeiter ihre Air-Berlin-Kollegen in einem offenen Brief sogar vor den schlechten Konditionen, unter denen sie arbeiten.

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Air-Berlin-Demo: Dicke Luft vor dem Kanzleramt

Die Demonstranten vor dem Bundeskanzleramt, die aus ganz Deutschland angereist sind, fordern hingegen eine Übernahme zu gleichen Bedingungen wie bei Air Berlin. In der Übernahme wesentlicher Teile von Air Berlin durch die Lufthansa sehen sie einen geordneten Betriebsübergang gemäß Paragraf 613a des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Die Gewerkschaft Ver.di hat eine entsprechende Klage schon angekündigt.

Doch ein solcher Rechtsstreit könnte sich über Jahre hinziehen. So viel Zeit wird den Air-Berlin-Mitarbeitern nicht bleiben. Etwa 3500 von ihnen sind seit dem 1. November freigestellt, bekommen also kein Gehalt mehr.

Ihre Forderungen richten sie nicht nur deshalb auch an die Politik. Von dieser sind die Demonstranten genauso enttäuscht wie von Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann und seinem Lufthansa-Kollegen Carsten Spohr. "Merkel, Spohr, Winkelmann haben uns das angetan", hallt es über den Platz vor dem Bundeskanzleramt.

Der Vorwurf: Die Bundesregierung stützte die insolvente Fluggesellschaft im August mit einem Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro. Die Interessen der Mitarbeiter seien dabei aber völlig ignoriert worden. "Ich verstehe nicht, weshalb man den nicht an die Bedingung geknüpft hat, dass die Mitarbeiter übernommen werden", sagt Chantal Meier.

Wütend auf die Politik

Die Mitarbeiter von Air Berlin seien zu Recht wütend auf die Politik, sagt Katharina Dröge. Die Grünen-Politikerin ist eine von drei Abgeordneten, die an diesem Nachmittag vor den Demonstranten sprechen. Die Bundesregierung habe schon lange vor der Insolvenz immer wieder Gespräche mit Spohr und Winkelmann geführt. "Durch den Kredit hat sie den perfekten Deal für Lufthansa ermöglicht", sagt Dröge. "Für die Beschäftigten ist das Ganze im Desaster geendet."

Diese wollen sich mit einer Petition Gehör verschaffen. Darin verlangen sie den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und Tarifverträge sowie die Prüfung eines Betriebsübergangs. Die Forderungen haben nach Angaben der Initiatoren bisher 46.000 Unterstützer gefunden.

Einer von ihnen ist Gregor Gysi. Er kündigte an, die Petition Bundeskanzlerin Angela Merkel zukommen zu lassen - gemeinsam mit einem von ihm verfassten Brief. Diesen las Gysi den Versammlungsteilnehmern vor: Es sei überhaupt nicht nachvollziehbar, weshalb die Bundesregierung nicht auf einer Übernahme der Beschäftigten bestanden habe, schreibt der Linken-Politiker. Die Belange der Air-Berlin-Mitarbeiter seien auch im Zuge der Jamaika-Verhandlungen vernachlässigt worden, sagte Gysi nach dem Verlesen des Briefes.

Das Scheitern der Sondierungsgespräche hat diese Regierungssituation nicht einfacher gemacht. Fraglich ist, wie viel Gehör die Air-Berlin-Mitarbeiter in dieser Lage finden werden.



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