Rekordverlust bei Air Berlin Die Geldverbrennungsmaschine

So mies waren die Zahlen noch nie: Air Berlin meldet 782 Millionen Euro Verlust. Der neue Chef will die Altlasten loswerden, doch die Kernprobleme bleiben ungelöst.

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Ginge es nicht um Air Berlin, würde man sagen: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Erst verschiebt die marode Fluglinie am Mittwoch die für Donnerstag geplante Bekanntgabe ihres Geschäftsberichts auf Freitag.

Am Freitagmorgen dann weiß nicht einmal die Pressestelle, wann genau ihr eigenes Unternehmen das Resultat veröffentlicht. Und als es dann um kurz nach halb elf passiert, gibt Air Berlin Horrorzahlen bekannt: 782 Millionen Euro Verlust, 1,175 Milliarden Euro Nettoverschuldung, 1,47 Milliarden Euro negatives Eigenkapital - alles Rekorde.

Aber was passiert mit der Air-Berlin-Aktie? Sie steigt. Wie das geht? Mit 0,53 Euro liegt der Kurs ohnehin nahe beim bisherigen Niedrigstand. Und die Katastrophenbilanz war vorhersehbar.

Der neue Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte kein Interesse an guten Zahlen. Er hat seinen Job erst Anfang Februar angetreten; als früherer Germanwings-Vorstand kann er nichts für das Air-Berlin-Desaster des Jahres 2016 und der Zeit davor. Also macht er eine Art Kassensturz, wie ein Politiker nach der Machtübernahme. Je desaströser die Verluste jetzt sind, desto weniger erschreckend sieht der nächste Quartalsbericht im Vergleich dazu aus.

Doch die strukturellen Probleme der Geldverbrennungsmaschine Air Berlin hat Winkelmann damit nicht gelöst. Und so läuft immer mehr darauf hinaus, dass am Ende nur der Steuerzahler das marode Unternehmen retten kann.

Pro Stunde vernichtet die Airline derzeit 135.000 Euro

"Air Berlin ist alleine in dieser Form nicht überlebensfähig", sagte der Luftfahrtexperte Gerald Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. "Entweder findet die Linie einen neuen starken Partner, oder sie geht den Bach runter."

Nach SPIEGEL-Informationen will Lufthansa-Chef Carsten Spohr kommende Woche nach Abu Dhabi reisen, um Vertreter des Air-Berlin-Großaktionärs Etihad zu sprechen. Allerdings hat Spohr bereits vor Wochen erklärt, es gebe große Hindernisse für eine Übernahme der deutschen Nummer zwei.

Aber welcher Investor will bei diesem überschuldeten Unternehmen einsteigen, das zur Zeit im Schnitt jede Stunde 135.000 Euro vernichtet? Sechsmal in den vergangenen sieben Jahren hat Air Berlin dreistellige Millionenverluste verkünden müssen, fünf Konzernchefs haben in dieser Zeit die Fluglinie geführt - und ihr immer neue Rettungskurse aufgedrückt. Mal sollte das Touristikgeschäft gestärkt werden, mal sollten mehr Passagiere nach Abu Dhabi befördert werden: zum Drehkreuz von Etihad.

Neuerdings ist Schrumpfen angesagt: Air Berlin verleast 38 selbst geleaste Jets samt Besatzung an die Lufthansa weiter - und hat das Ferienfluggeschäft an die Tochter Niki übertragen. 1200 Mitarbeiter sind gegangen oder sollen gehen. Nur noch in 75 Air-Berlin-Maschinen verteilen die Crews die roten Schokoherzen.

Doch für so ein überschaubares Liniennetz ist das Unternehmen mit seinen immer noch fast 8000 Mitarbeitern viel zu groß. Hohe fixe Kosten, etwa für Verwaltung, Marketing, Vertrieb oder die IT, verteilen sich auf immer weniger Flugverbindungen. Und auf vielen Strecken innerhalb Europas und nach Nordamerika, dem Kerngeschäft der umgebauten Air Berlin, lässt sich ohnehin nicht mehr viel verdienen. Die Kosten seien zu hoch, räumt Winkelmann bei der Vorlage der Geschäftszahlen ein. "Das müssen wir ändern", und dies werde auch geschehen.

"Doch um wirklich zu restrukturieren, müsste Winkelmann Arbeitsplätze abbauen", sagt Experte Wissel. "Und das ist kaum durchsetzbar: weder unternehmens- noch bundespolitisch."

Am absoluten Tiefpunkt

Schon jetzt ist die Belegschaft völlig verunsichert. "Täglich werden wir mit neuen, chaotischen Situationen und Entwicklungen konfrontiert", zitiert der Fernsehsender rbb aus einem Brief der Personalvertretung der Kabinenbesatzung vom 10. April an das Management. "Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr fliegendes Personal planen und betreuen." Die Unterstützung für die Flugbegleiter sei an "einem absoluten Tiefpunkt" angelangt. Dort sehen auch viele Passagiere Air Berlin. In den sozialen Netzwerken ergießt sich ihre Wut über Verspätungen, unfreundliche Behandlung und ignorierte Beschwerden.

Noch hinderlicher für Investoren sind die Schulden von mehr als einer Milliarde Euro, die Winkelmanns Vorgänger aufgetürmt haben. "Sie schrecken viele potenzielle Käufer ab: ob easyjet oder auch die Lufthansa. Und eine Restrukturierung würde auch noch einmal Hunderte Millionen kosten", sagt Wissel. "Wenn Air Berlin nicht noch mal einen Retter findet - etwa einen chinesischen Investor, der bereit ist, alles mitzumachen - dann wird wohl der Steuerzahler einspringen müssen."

In Italien ist es schon soweit. Dort hat die Alitalia die Einleitung eines Insolvenzverfahrens angekündigt. Die Regierung in Rom will Air Berlins noch marodere Partner-Airline nun mit Brückenkrediten über 300 bis 400 Millionen Euro stützen, andernfalls müssten die grün-weißen Maschinen bald am Boden bleiben.

Verglichen damit geht es Air Berlin noch einigermaßen. Die Deutschen haben ihren Umbau früher eingeleitet als Alitalia. Sie haben eine bessere Perspektive: als führende Airline an den Flughäfen Düsseldorf und Berlin-Tegel. Und sie verfügen nach eigenen Angaben noch über ausreichend Liquidität, denn noch hält Etihad das Tochterunternehmen mit Geldspritzen über Wasser.

Aber auch die vom sinkenden Ölpreis gebeutelten Scheichs sind es satt, ihr gutes Geld dem schlechten Geld hinterherzuwerfen. Und Air Berlin macht auch im Umbau Miese: von Januar bis März waren es 293,3 Millionen Euro.

Es kann sehr wohl noch schlimmer kommen.


Zusammengefasst: Air Berlin meldet für das vergangene Jahr einen Rekordverlust - und das liegt bei Weitem nicht nur daran, dass es dem seit Februar amtierenden neuen Konzernchef Thomas Winkelmann gelegen kommt, die Vergangenheit so desaströs wie möglich darzustellen. Tatsächlich sind die strukturellen Probleme der Fluggesellschaft groß: Viel zu hohe Fixkosten für ein deutlich geschrumpftes Streckennetz, wenig gewinnträchtige Verbindungen, hohe Schulden. Auch die Aussichten, von einem Konkurrenten wie der Lufthansa oder einem finanzstarken Investor übernommen zu werden, sind gering. Air Berlin muss darauf hoffen, dass der Großaktionär Etihad nicht die Geduld verliert.

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
jberner 28.04.2017
1. Steuerzahler
Warum sollte der Steuerzahler AirBerlin retten?
solapgir 28.04.2017
2. Ich war mal Kunde
Und werde es nie wieder sein Stewardessen völlig Inkompetent im Umgang mit Kunden und Kleinkindern
Freundschafter 28.04.2017
3. Steuerzahler?
Warum soll der Steuerzahler unrentable Unternehmen retten? Insolvenz und Abwicklung bitte! Ging bei Schlecker, geht bei Air Berlin.
mocodelpavo 28.04.2017
4. Das Wahljahr wird sie retten...
Normalerweise sollte man meinen, dass unprofitable Unternehmen vom Markt verschwinden sollten, anstatt den seriösen Anbietern die Preise kaputt zu machen. Beim Bäcker oder Friseur ums Eck kommt auch keiner auf die Idee, Steuergelder zu investieren um die Arbeitsplätze zu erhalten und bei diesen KMUs sind deutlich mehr Arbeitnehmer beschäftigt, als bei den Großkonzernen. Außerdem finde ich Air Berlin regelmäßig in Vergleichsportalen unter als billigsten Anbieter der jeweiligen Strecke. Man könnte ja auch einfach einen kostendeckenden Preis verlangen anstatt die Tickets zu verschenken, nur um die Maschinen voll zu bekommen. Aber ich fürchte, dass im Wahljahr notfalls die Politik eingreift und die Hängepartie bis nach der Wahl und dann eben einer späteren Pleite weiter geht. die Philipp Holzmann AG lässt grüßen.
alsterherr 28.04.2017
5.
Das Problem ist u.A. die unklare Marke. Eine billigairline die gleichzeitig Urlaubsflieger und Pauschalreisecharter ist, aber ebenso VFR-Reisende und Geschäftsreisende ansprechen will .... der Phaeton hat bei VW aus ähnlichen Gründen auch nicht funktioniert.
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