Air-Berlin-Mitarbeiter "Der Abschied fällt schwer"

Am Freitag soll der letzte Air-Berlin-Flieger abheben - was aus den Mitarbeitern der insolventen Fluglinie wird, ist offen. Wie gehen Flugbegleiter, Piloten und Techniker damit um? Drei Beschäftigte berichten.

Protokolle von , und Antonia Schaefer


Alina Lemrich, Kien Hoang Le/DER SPIEGEL

Sonja Bolte, 51,
Flugbegleiterin Kurz- und Langstrecke, Frankfurt am Main

"Ich habe vor 18 Jahren als Flugbegleiterin bei der LTU angefangen und bin seit 2009 bei Air Berlin. In den nächsten zwei Wochen erwarte ich meine Kündigung. Die wird wohl uns alle treffen. So ist der letzte Stand.

Als die ersten Neuigkeiten von der Insolvenz bei uns ankamen, dachten wir noch, dass es schon irgendwie weitergeht. Wir haben gehofft, dass die Lufthansa uns übernimmt. Aber das Gegenteil ist passiert. Die wollen, dass wir uns komplett neu bewerben.

Die Bedingungen der Lufthansa sind für viele keine Alternative. Einige müssen wohl wieder beim Grundgehalt beginnen. Für mich würde der Wechsel schätzungsweise ein Drittel weniger Gehalt bedeuten. Lufthansa sieht Teilzeit und Langstrecke offenbar für uns erst mal nicht vor, zumindest gibt es keine Ausschreibung für derartige Jobs.

Das kann ich mir nicht leisten. Ich habe zwei Kinder, die studieren. Andere trifft es noch härter als mich: Eine Kollegin ist alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern. Die ist schon 25 Jahre dabei. Sie kann mit den Kindern nicht Vollzeit fliegen. Damit hat sie dann keine Chance.

Viele von uns haben den Verdacht, dass da ein Betriebsübergang verschleiert wird. Eurowings und Lufthansa übernehmen unsere Langstrecken. Nach außen hin sagen sie, das seien nicht unsere Flieger, aber die Strecken nehmen sie doch. Warum können sie dann das Personal nicht auch zu vernünftigen Bedingungen einstellen?

Ich hätte mir vor allem gewünscht, dass wir besser informiert werden. Es ist ja immer noch komplett offen, wer im November noch fliegt und wer mit der Kündigung freigestellt wird. Auch Versicherungsfragen sind weitgehend ungeklärt. Ich hänge in der Luft. Das ist ziemlich frustrierend.

Lange hatte ich noch gute Laune, aber als ich diese Woche zum Dienst gefahren bin, wäre ich fast in Tränen ausgebrochen. Am liebsten wäre ich wieder umgedreht. Man fragt sich einfach, wie man die Zukunft finanziell stemmen soll.

Ich werde wohl aus der Fliegerei aussteigen und zu meinem alten Beruf als Gymnastiklehrerin zurückkehren. Ganz aufgegeben will ich die Hoffnung aber noch nicht. Beim Fliegen gibt es in der Crew ein einzigartiges Gruppengefühl. Gerade bei denen, die damals von der LTU gewechselt sind, ist der Zusammenhalt groß. Da fällt der Abschied schwer."


Michael Englert/DER SPIEGEL

Sven Klottka, 54,
Air Berlin Technik in Düsseldorf

"Ich bin Fluggerätemechaniker und seit 1990 in der Luftfahrt. Zunächst habe ich bei LTU gearbeitet, 2007 wurden wir von Air Berlin übernommen. Seitdem wurde immer mehr Personal abgebaut, von 1500 sind hier in Düsseldorf gerade mal noch 450 Mitarbeiter übrig geblieben. Wir sind davon ausgegangen, dass durch die eingeleiteten Maßnahmen die Technik saniert sei. Als Air Berlin pleiteging, hieß es überall wieder, es sehe gut für uns aus. Wir gingen davon aus, dass uns Lufthansa oder Eurowings übernimmt. Denn die brauchen uns. Der Markt für Techniker ist leergefegt. Die Mitarbeiter können nur von uns kommen, die Lufthansa will aber keinen Betriebsübergang, weil sie uns dann weiter so bezahlen müsste wie bisher.

Ein Flugzeugprüfer, das ist der Techniker, der das Flugzeug wieder für den Betrieb freigibt, verdient zwischen 3300 und 4400 Euro, hinzu kommen Schichtzulagen. Wenn wir zu einem anderen Arbeitgeber wechseln müssen, bedeutet das bis zu 30 Prozent weniger Gehalt, weil unsere Berufserfahrung wohl nicht angerechnet wird.

Die Stimmung ist im Keller, viele blasen Trübsal. Wir arbeiten im Dreischichtsystem, doch aktuell ist wenig zu tun. Die Langstreckenflugzeuge sind schon weg, die waren sehr wartungsintensiv. Wir stürzen uns nun alle auf die Airbus A320- und die Turboprop-Maschinen, man versucht, Arbeiten hier und da in die Länge zu ziehen. Viele von uns sind älter als 50 Jahre, wir haben Familie. Ich habe zwei Töchter, meine Frau arbeitet in der Gegend. Wer jung und ungebunden ist, bekommt sicher irgendwo einen Job. Wir müssen schlimmstenfalls bei einer Billigfirma arbeiten, Lufthansa will uns bisher nicht direkt anstellen.

Jeder gibt hier nach wie vor alles, damit die Jets sicher in die Luft gehen. Ich bin mit Flugzeugen groß geworden, es ist ein faszinierender Job. Die allerletzte Freigabe kommt von uns. Wenn wir am Boden nicht den Daumen heben, geht der Flieger nicht vom Hof."

Fotostrecke

26  Bilder
Chronik in Bildern: Aufstieg, Sinkflug und Absturz von Air Berlin

Airbus-A320-Kapitän, 39,
bei der Air Berlin in Frankfurt

"Ich bin seit 15 Jahren Pilot bei Air Berlin. Wir fliegen seit Februar 2017 fast nur noch für Eurowings, ich selbst habe noch einen wirklichen Air-Berlin-Flug auf dem Plan. An Bord herrscht Endzeitstimmung. Normalerweise unterhält man sich im Cockpit auch mal privat, heute geht es nur noch darum, wie es weitergeht und welche Existenzängste den jeweils anderen quälen. Wir sollen alle die Kündigung bekommen, das ist die Drohkulisse. Es ist ein Psychokrieg. Wir werden zu Entscheidungen gedrängt, die wir gar nicht treffen können.

Als Pilot ist man ausgebildet, Entscheidungen auf Grundlage von belastbaren Fakten zu treffen. Aber die gibt es nicht. Niemand weiß, wie es nächste Woche aussieht. Wir sollen uns wohl alle um unsere Arbeitsplätze neu bewerben. Genommen wird nur der, dessen Nase passt, es gibt eine neue Probezeit, Teilzeit wird nicht angeboten, man muss vielleicht umziehen oder viel Zeit auf der Autobahn verbringen. Ist man Co-Pilot und bei Air Berlin schon lange dabei, kann man bis zu 120.000 Euro verdienen. Bei Eurowings Europe in Österreich sind das bis zu 60 Prozent weniger, vorrausgesetzt man müsste wieder von vorn beginnen. Auch Flugbegleiter kommen ins Cockpit und heulen sich aus. Die haben oft wenigstens einen Beruf gelernt, wir haben nur unsere Pilotenlizenz.

DER SPIEGEL

Als Pilot kann man nach Katar, Dubai oder China gehen und gutes Geld verdienen, aber was macht man, wenn man Familie hat? Ryanair bietet eine Wechselprämie von 10.000 Euro und 30 Prozent mehr Gehalt als bei Eurowings Europe in Wien, aber die Beschäftigungsbedingungen dort sind ebenfalls mies. Am Ende braucht Eurowings uns, sonst stehen die von Air Berlin gekauften Flugzeuge am Boden. Bekommen wir die Kündigung, werden 1100 Piloten dagegen klagen.

Wir wollen deutsche Arbeitsverträge und nicht bei einer windigen österreichischen Firma angestellt sein, wie es Eurowings plant. Unsere Situation ist demütigend. Vor allem wenn man sich den Vertrag von Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann ansieht. Er bekommt 4,5 Millionen Euro, egal, ob er nun bis 2021 arbeitet oder nicht. Ganz unabhängig von der Insolvenz. Ich finde das zynisch. Hoffentlich wird da der Staatsanwalt tätig. Viele von uns sind sicher, dass die Insolvenz ohnehin ein abgekartetes Spiel war."

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Seite 1
quark2@mailinator.com 24.10.2017
1.
Frage: Wieviele Menschen werden im Schnitt täglich ohne eigene Schuld arbeitslos und warum berichten die Medien immer nur, wenn es um Leute aus Großunternehmen geht, die ohnehin eher zu denen zählen, die es durchschnittlich leichter haben. Bei kleinen Firmen gibt es keine Sozialpläne, Auffanggesellschaften, etc. Ich finde diese Art Berichterstattung fragwürdig. Wenn man sagen will, daß Kapitalimus z.T. menschenverachtende Folgen hat, dann soll man das klar so schreiben und Verbesserungsvorschläge machen. Ansonsten ist das hier nur ein Reiten auf dem Leid der anderen. Die AB-MAs verlieren ihre Jobs und die Presse verdient damit Geld, wie mit den anderen alltäglichen Katastrophen.
hasselblad 24.10.2017
2.
Wirklich schade. Ich bin viel und gern Air Berlin geflogen, wenn man regelmäßig auf den gleichen Strecken fliegt hat man irgendwann „seine“ Crews und es wird mir fehlen, ungefragt den Rotwein vor dem Start gereicht zu bekommen. Leider fordert die Billig-Kultur am Himmel ihre Opfer nicht unter ihresgleichen, ich hätte gern mit den Air-Berlinern auf eine Ryanair- oder Easyjet-Pleite angestoßen, anstatt künftig auf die Schokoherzen zu verzichten. Und Schande, auch die Lufthansa hat mit den Resten nichts besseres zu tun als sie in ihre Eurowings-Billigflotte einzugliedern. Je schlimmer sich der Geiz der Touris auf das gesamte Drumherum und vor allem auf anspruchsvollere und kaufkräftigere Passagiere negativ auswirkt, desto mehr bin ich überzeugt, dass es einen Markt für einen reinen Premium-Anbieter gibt. Trotz Status und Business Class muss man ja dennoch mit denen, die in Shorts ins Flugzeug steigen, im Bus zum Flieger fahren, weil das Preismodell die Kosten für die Fluggastbrücke am Gate nicht mehr hergibt, und das wird proportional eher noch schlimmer, je mehr ehemals hochwertige Anbieter sich dem Diktat der Geizhälse beugen. Bye bye, Air Berlin - vielleicht treffe ich eine „meiner“ Crews ja auf den zukünftigen Eurowings- und Lufthansa-Flügen wieder, wäre schön.
iffelsine 24.10.2017
3. Täglich gehen Firmen in die Insolvenz !
Und hier soll es nun eine Sondertour auf Kosten von uns Steuerzahlern geben ? Die Löhne&Gehälter sollen aus dem Insolvenzgeld kommen, nicht aus Extrageld unserer Steuern ! Und: AirBerlin hatte deutlich zu hohe Personalkosten und das war mit Schuld - vielleicht ein Hauptgrund - für die Insolvenz. Nein, hier muss gleiches Recht für alle gelten !
INGXXL 24.10.2017
4. Das die Lufthansa bei
dem Verfahren bevorzugt würde ist offensichtlich. Die gerichtliche Klärung kann Jahre dauern. Als Mitarbeiter würde ich darauf nicht warten, sondern mir so schnell wie möglich einen neuen Job suchen, ggf. im Ausland. Die Familie muss dann halt umziehen.
tbline67 24.10.2017
5. Das wirkliche Problem ist nicht die Berichterstattung
Eigentlich müssten gerade die Medien Noch deutlicher mehr über diese Insolvenz, den unsäglichen Staatskredit und vor allem zum Thema Winkelmann sagen. Der ganze Fall Air Berlin stinkt zum Himmel. Und ja über die Insolvenz von kleinen Firmen und dem Verlust von wenigen Arbeitsplätzen muss man auch nicht unbedingt berichten. Hier geht es aber darum dass neben einem Staats-Kredit, der unmöglich hohen Abfindung einer Managerpfeife noch ein Schaden am Gemeinwohl (ALG Zahlungen etc) entsteht. Diese „Insolvenz“ ist sicherlich von langer Hand vorbereitet!
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