Mitarbeiter, Maschinen, Linien Last Call für Air Berlin - so geht's jetzt weiter

Millionen für den Kurzzeit-Chef - aber für eine Mitarbeiter-Auffanggesellschaft fehlt das Geld: Air Berlin fliegt ein letztes Mal, und Tausende Beschäftigte blicken ungewiss in die Zukunft. Die Folgen der Zerschlagung im Überblick.

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Wenn am späten Abend Flug AB6210 von München kommend in Berlin-Tegel landet, gehen bei Air Berlin endgültig die Lichter aus. Die insolvente Fluglinie, Nummer zwei nach Marktführer Lufthansa, stellt den Flugbetrieb ein. Das Unternehmen wird zerschlagen.

Viele der zuletzt 8000 Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft. Einen Einblick in die Gefühlswelt der Belegschaft gibt ein Video, das anonym auf YouTube hochgeladen wurden. "Dear Mr CEO" heißt die Coverversion eines Hits der US-Sängerin Pink - und ist eine Abrechnung mit dem Management der Fluggesellschaft. "Lieber Herr Vorstandsvorsitzender", heißt es in dem Lied, "lass uns doch mal so tun, als wärst du nicht besser als wir."

Ein klarer Seitenhieb auf Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann, der erst im Februar von der Lufthansa kam, das Ruder übernahm und sich ein Salär von 4,5 Millionen Euro auch im Insolvenzfall garantieren ließ. Damit könnte Winkelmann 2017 sogar mehr verdienen, als sein ehemaliger Vorgesetzter: Lufthansa-Chef Carsten Spohr bekam 2016 "nur" 3,1 Millionen Euro ausgezahlt.

Für Mitarbeiter und Kunden hingegen hat das Ende von Air Berlin finanziell deutlich unangenehmere Folgen. Der Überblick:

Wo kommen die Mitarbeiter unter?

Sehr unterschiedlich. Frank Kebekus, Generalbevollmächtigter der insolventen Fluglinie, beteuert, "dass wir am Ende des Tages 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise neu überleiten können". Der Betriebsrat hält das für extrem unwahrscheinlich - und macht seinem Unmut drastisch Luft: "Die 80 Prozent sind der größte Beschiss."

Tatsächlich gibt es große Fragezeichen, wie viele der zuletzt etwa 8000 Air Berliner beispielsweise tatsächlich bei der Lufthansa landen werden. Der Konzern übernimmt 81 der 144 Air-Berlin-Flieger- und führt stets die Zahl von 3000 neuen Mitarbeitern an. Fest übernommen werden allerdings wohl nur rund 1700, die bei den Air-Berlin-Töchtern LGW und Niki beschäftigt waren. Hinzu könnten bis zu 1300 weitere kommen. Sie sollen aber bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings erst mal einen Bewerbungsprozess durchlaufen, Ausgang offen.

Mitarbeiter-Struktur von Air Berlin
DER SPIEGEL

Mitarbeiter-Struktur von Air Berlin

Unklar ist noch immer, ob andere Konkurrenten weitere Flugzeuge von Air Berlin übernehmen - und zu welchen Konditionen. Verhandlungen mit Condor und Easyjet über den Verkauf von 25 Maschinen kommen seit Wochen nicht recht vom Fleck. Im Falle einer Einigung glaubt Sanierungsexperte Kebekus, "dass wir da möglicherweise weitere 1000 Arbeitsplätze anbieten können". Laut einem Sprecher von Air Berlin liefern sich Condor und Easyjet gerade "ein knappes Rennen".

Wie groß sind die Gehaltseinbußen?

Die Lufthansa-Tochter Eurowings spricht davon, dass Piloten bei ihr im Durchschnitt rund acht bis zehn Prozent weniger verdienen werden. Eurowings-Chef Thorsten Dirks hatte allerdings vorgerechnet, in Einzelfällen könne das Jahresgehalt auch von rund 250.000 Euro auf 154.000 Euro sinken, etwa wenn Piloten noch einen alten Vertrag der 2007 von Air Berlin geschluckten Gesellschaft LTU haben. Das wäre ein Minus von rund 40 Prozent.

Was passiert mit dem Bodenpersonal?

Für die Techniksparte von Air Berlin ist offenbar eine Lösung gefunden worden - auch wenn diese vielen Mitarbeitern wenig hilft: Die Berliner Wartungsfirma Nayak und der Berliner Logistiker Zeitfracht kaufen das Geschäft, übernommen werden sollen rund 330 Mitarbeiter. Die Mehrzahl - rund 550 Beschäftigte - kommen in eine Transfergesellschaft, "zur Abfederung sozialer Härten", heißt es.

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Chronik in Bildern: Aufstieg, Sinkflug und Absturz von Air Berlin

Was erwartet die übrigen Mitarbeiter?

Die Verhandlungen für eine große Auffanggesellschaft für bis zu 4000 Mitarbeiter sind am Mittwoch krachend gescheitert. Air Berlin, die Bundesregierung und die Bundesländer Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin konnten sich nicht einigen, wie die veranschlagten Kosten in Höhe von rund 50 Millionen Euro aufzubringen wären. Die Bundesregierung - die für Air Berlin noch vor Kurzem mit einem Kredit von 150 Millionen Euro eingesprungen war und damit auch die Übernahme durch Lufthansa ermöglicht hatte - lehnte eine Beteiligung offenbar ab.

Eine Transfergesellschaft sei Sache von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Beteiligen würde sich daran lediglich "die Bundesagentur für Arbeit mit dem Transfer-Kurzarbeitergeld", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte mit, Transfergesellschaften seien "grundsätzlich" Aufgabe des Unternehmens und der Länder mit Firmensitzen "und nicht Aufgabe des Bundes".

Kritik daran äußert vor allem Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er könne nicht verstehen, "dass zwar die Bereitschaft vorhanden ist, einem Unternehmen zu helfen, nicht aber den Menschen, die dieses Unternehmen über Jahrzehnte am Leben gehalten haben", so Müller. Am Donnerstag unternahm der Berliner Bürgermeister einen letzten Versuch, ein breites Bündnis für eine Auffanggesellschaft zu zimmern. In Briefen an Lufthansa und Easyjet mahnt Müller die "moralische Verpflichtung" der Firmen an, Verantwortung für die Mitarbeiter zu übernehmen. Die Schreiben liegen dem SPIEGEL vor.

Nachruf auf Air Berlin: Einfach eine Nummer zu groß

In Berlin sind besonders viele Mitarbeiter vom Ende Air Berlins betroffen. Der Senat hat deshalb angekündigt, zur Not in Eigenregie eine regionale Auffanggesellschaft zu gründen. Profitieren könnten davon rund 1200 Berliner Mitarbeiter des Bodenpersonals.

Worauf müssen sich Kunden einstellen?

Die Rechnung ist einfach: Ein wichtiger Konkurrent weniger, gestrichene Flüge - das führt zu höheren Preisen. Auf zahlreichen innerdeutschen Verbindungen fällt mit Air Berlin der wichtigste Konkurrent der Lufthansa weg - entsprechend knapp könnten die Plätze auf diesen Strecken in den kommenden Monaten werden. Betroffen sind beispielsweise Flüge von Berlin nach Düsseldorf, ebenfalls ein wichtiges Drehkreuz von Air Berlin.

Das Problem ist, dass andere Airlines nicht einfach die frei werdenden Start- und Landeplätze von Air Berlin übernehmen können. Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr werden diese erst auf einer internationalen Konferenz im November für den Sommerflugplan ab Ende März 2018 koordiniert (mehr zum Hintergrund: Das Schachern um den Schatz von Air Berlin).

Kurzfristig hat die Lufthansa angekündigt, etwa auf der Strecke Berlin-Düsseldorf größere Flugzeuge als bisher einzusetzen. Bei der Lufthansa steigen die Ticketpreise allerdings bereits seit Sommer.

Das ist durchaus im Sinne des deutschen Marktführers. Konzernchef Spohr hofft, bald "Investitions- und Wachstumsfähigkeit zu erlangen". Die Lufthansa streckt bereits die Fühler nach dem nächsten Übernahmekandidaten aus: der italienischen Fluglinie Alitalia.

Im Interview mit dem "Tagesspiegel" geben die Schöpfer das Air-Berlin-Songs "Dear CEO" übrigens an, sie hätten das Gefühl, bei der Insolvenz habe maßgeblich "die Führung der Lufthansa Group die Fäden gezogen". Sie bleiben allerdings sowohl im Interview als auch im Video lieber anonym. Sie haben Angst, keinen neuen Job zu finden.

mit Material von dpa

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mortimer2 27.10.2017
1. Forderungen der Mitarbeiter...
..sind zwar verständlich, jedoch nicht zu akzeptieren. Fragen sie doch mal einen Mitarbeiter eines kleinen mittelständischen Betriebes der aus welchen Gründen auch immer seinen Job verloren hat. Kein Mensch kümmert sich um den, kein Medienaufruf, kein öffentliches Auftreten von Politikern und Gewerkschaften. Einfach nur Pech gehabt. Das Air Berlin zum Insolvenzgericht gehen würde musste jedem Beobachter seit langem bekannt sein. Nein, der Steuerzahler darf nicht in Haftung genommen werden. Aus und vorbei! Um mit Schäuble zu sagen: Isch over!
joG 27.10.2017
2. Wichtig wäre gewesen.....
.....dass die Untetnehmensteile nicht a den größten deutschen Anbieter sondern an mehrere ausländischen gegangen wären. Die Leute finden Jobs aber die Anhebung des Grads der Monopolisierung lässt sich kaum verbessern.
Amadablam 27.10.2017
3. Man muss es leider immer wiederholen
1. Als Vorstandsvorsitzender ist Winkelmann "Arbeitgeber", aber nicht Arbeitnehmer. 2. Sein Salär finanziert der Hauptaktionär, nicht die Insolvenzmasse oder gar die Arbeitnehmer. 3. Winkelmann hat sich nicht bei Air Berlin beworben, sondern umgekehrt. 4. Auch der Insolvenzverwalter bekommt jeden Cent, den er berechnet.
Nonvaio01 27.10.2017
4. tja
in anderen laendern ist es so das die mitarbeiter erst geld bekommen, dann der rest. Auch wie die die zahlung an den kurzzeit chef gerichtlich geprueft werden ob das denn auch so richtig ist.
bierzelt 27.10.2017
5. Und alle, die sich jetzt aufregen ...
.... und CDU, CSU, FDP und die Grünen gewählt haben, sollten jetzt mal die Luft anhalten. Diese Parteien - und dazu gehört in der letzten Legislaturperiode auch die SPD - werden einen Dreck dagegen tun, dass Ausbeutung und Maßlosigkeit beendet werden. Schönen Freitag noch, das Fliegen wird teurer!
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