Hartmut Mehdorn und Air Berlin Eine verhängnisvolle Partnerschaft

Es ist so weit: Nach 38 Jahren stellt Air Berlin an diesem Freitag den Flugbetrieb ein. Wer sich fragt, wie das passieren konnte, kommt um einen Namen nicht herum: Hartmut Mehdorn.

Früherer Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn (Archivbild)
DPA

Früherer Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn (Archivbild)


Sie wolle nicht die "Totengräberin von Air Berlin sein", soll Angela Merkel vor einigen Jahren in einer Kabinettssitzung einmal gesagt haben. Die Kanzlerin hat Wort gehalten. Mit 150 Millionen Euro Staatsgeld wurde die finanziell ausgeblutete zweitgrößte deutsche Fluglinie seit Mitte August künstlich am Leben gehalten, ein einmaliges Experiment in der europäischen Luftfahrtgeschichte.

Nun ist Schluss. An diesem Freitag geht der letzte Air-Berlin-Flug. Ab Samstag bleibt der größte Teil der Maschinen am Boden, Tausende Arbeitnehmer werden wohl in der nächsten Woche ihre Kündigung bekommen.

In solchen Fällen ist die Suche nach Schuldigen unvermeidlich. Der frühere Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn hat einen der Hauptverantwortlichen bereits ausgemacht: die Bundesregierung. Die habe Air Berlin mit der Einführung der Luftverkehrssteuer Anfang 2011 nämlich die Chance genommen, dauerhaft Gewinne zu erwirtschaften.

Fotostrecke

17  Bilder
Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Das klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber ernst gemeint. Ausgerechnet der Mann, der mit der Anwerbung der arabischen Fluglinie Etihad als Großaktionär Ende 2011 wohl einen entscheidenden Anteil am Ableben von Air Berlin hatte, schiebt die Verantwortung nun auf andere.

Es war von Anfang an naiv, ja, grob fahrlässig, anzunehmen, dass die Scheichs endlich zur dauerhaften Sanierung des schon damals finanziell klammen Sammelsuriums aus Kurz-, Langstrecken-, Städte- und Urlaubsfliegern beitragen könnten.

Etihad wollte seine Neuerwerbung vor allem dazu nutzen, sein eigenes Drehkreuz in Abu Dhabi auszulasten und ankommende Gäste über ganz Europa weiterzuverteilen. Air Berlin wiederum verdiente, wenn überhaupt, nur auf Strecken von und zu Ferienzielen wie Mallorca Geld. Daran aber hatten die neuen Herren aus dem Nahen Osten kein Interesse. Was nicht zusammenpasste, konnte deshalb auch nicht zusammenwachsen.

Nachruf auf Air Berlin: Einfach eine Nummer zu groß

Obwohl Etihad ständig weitere Millionen in seine Beteiligung pumpte, rutschte Air Berlin immer tiefer in die Verlustzone. Harte Sanierungsschritte lehnten die Araber ab, weil die zusätzlich Geld gekostet hätten - Geld, das sie lieber für die weitere Expansion einsetzen wollten. Es kam, wie es kommen musste: Vergangenen Sommer drehte Etihad den Geldhahn zu und besiegelte damit das Ende der fatalen Partnerschaft.

Nun ist der Schaden groß - und manch einer gibt sich noch immer überrascht. Dabei ist an dem Ganzen nur eines überraschend: dass sich die Araber so lange Zeit ließen, bis sie endgültig den Stecker zogen.

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bernd.Brincken 27.10.2017
1. Schuldfrage
"Harte Sanierungsschritte lehnten die Araber ab, weil die zusätzlich Geld gekostet hätten." Vielleicht auch, weil die betroffenen Arbeitnehmer diese nicht so einfach akzeptiert hätten, Arbeitskämpfe inbegriffen. Treffender als die Kritik an einem Mehdorn wäre doch die Einsicht: Das Zusammenspiel von niedrigen Flugpreisen und deutschen Löhnen wurde vom Markt nicht angenommen. Oder kurz gesagt: Billig und deutsch passt nicht zusammen. Umgekehrt wäre die passende Kommunikation z.B.: "Wir sind etwas teurer als andere, aber dafür zuverlässiger."
funkhero 27.10.2017
2. Mehdorn
Ist generell der am meisten überbewertetste Manager Deutschlands, die Bahn hatte er ja auch schon fast an die wand gefahren. Und beim BER gibts auch nichts gutes über ihn zu berichten. Air Berlin allerdings hatte mal grundsätzlich andere Probleme, es hat sich einfach durch den Börsengang viel zu schnell viel zu groß aufgebläht und das jetzt ist die logische Konsequenz. So lange Unternehmen an Umsatz und nicht an der Rentabilität (zumindest der absehbaren) bewertet werden, wird unser Finanzsystem immer kränkeln und solche Zusammenbrüche produzieren. Next candidate: rocket Internet
katiamobil 27.10.2017
3. Erwartungshaltung
Von einem Top Manager erwarte ich aber das sie vorausschauend handeln, die Marktgegebenheiten und die Marktteilnehmer gut kennen, sich qualifizierte Berater ins Team holen. Herr Mehdorn hat sicherlich nicht persönlich draufgezahlt, kurzfristig gedacht hat er allemal und so grandios versagt. Wie so einige der sogenannten Elite Manager. Und dann wandern sie ab zum nächsten Projekt, ohne Reputationsschaden für die eigene Person und mit viel Geld in der Tasche.
thelix 27.10.2017
4.
Eigentlich ist es ja so, daß mit steigendem Gehalt auch die Verpflichtung bzw. Bereitschaft wächst, Verantwortung zu übernehmen. Tja, nun ist das Gegenteil der Normalfall.
Campioni 27.10.2017
5. "Schuld" ist zu einfach.
Air Berlin ist gescheitert, weil Air Berlin seit der Übernahme der LTU zu keiner Zeit auf den sich ständig ändernden Markt die richtigen Antworten hatte. Harmut Mehdorn dafür verantwortlich zu machen, ist sicherlich ein Teil der Tragödie, aber eben nur ein Teil. Air Berlin war so lange erfolgreich, wie sie einen Markt bediente, den sie bedienen konnte. Schon die Übernahme der LTU mit ihren viel zu hohen, seinerzeit in der Branche mit die höchsten, Gehälter, war ein Fehler, von dem sich AB ohne eine geeignete Strategie nie erholt hat. Um AB profitabel zu machen, hätte man entweder ganz auf Urlauber setzen müssen oder auf Netzwerk. Für ersteres fehlte AB die Kostenstruktur, um mit den Low-Cost Wettbewerbern mitzuhalten, um Lufthansa als Netzwerkcarrier etwas entgegensetzen zu können, fehlte AB der geeignete Hub. Zu lange hat man am BER als einziger Option festgehalten, als die Verzögerungen eintraten keinen Plan B gehabt. Als Etihad einstieg, war es eigentlich schon zu spät. Mehdorn hat dann immer noch auf dieses Pferd gesetzt, wobei er als ehemaliger Verantwortlicher des BER die Gefahr hätte kennen müssen. Viele Optionen hatte er aber nicht, außer dem Langstreckengeschäft, welches unter den Umständen ohne einschneidende Maßnahmen niemals hätte profitabel werden können, konsequent zu entsagen. Statt dessen hat man versucht, mit 17 Langstreckenfliegern zwei Hubs zu betreiben, etwas was die Lufthansa mit einer über sechs mal so großen Langstreckenflotte und erheblichen eigenen Investitionen in die Flughäfen MUC und FRA gerade mal auf die Beine stellen konnte. Diese Strategie war von vornherein eine Totgeburt. Mehdorn hätte das erkennen müssen, aber selbst dann war es eigentlich schon zu spät.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.