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Fluglinie in Geldnot: Luftfahrtbranche fürchtet Strohmann bei Air Berlin

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Air Berlin sucht einen Retter, doch Großaktionär Etihad darf die Fluglinie nicht komplett übernehmen. Nun wird spekuliert, Ex-Boss Hunold könnte als Mittelsmann der Araber einsteigen. Die deutsche Luftfahrtbranche ist empört.

Auch auf Galas unterwegs: Ex-Air-Berlin-Chef Hunold mit Frau Michaela Zur Großansicht
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Auch auf Galas unterwegs: Ex-Air-Berlin-Chef Hunold mit Frau Michaela

Hamburg - In seiner Jugend arbeitete Joachim Hunold als Roadie für Marius Müller-Westernhagen, der gerade erstmals seit langem wieder auf Tournee geht. Auch Hunold könnte vor einem Comeback stehen - als Finanzier der über 20 Jahre von ihm geführten Fluggesellschaft Air Berlin Chart zeigen.

Die Airline braucht dringend frisches Kapital, sie schreibt Verluste und hat gut 800 Millionen Euro an Schulden angehäuft. Doch wer soll Air Berlin retten? Großaktionär Etihad hätte zwar das nötige Kleingeld, darf aber als ausländischer Investor höchstens knapp die Hälfte der Anteile halten. Nun häufen sich Spekulationen, wonach Air Berlin von der Börse genommen werden soll und eine Aktionärsgruppe unter Führung von Hunold die restlichen Anteile übernimmt. Nach Informationen des "Handelsblattes" soll Hunold dabei sogar einen "Milliardenbetrag" einbringen.

Das allerdings wäre mehr als ein Comeback, es wäre eine kleine Sensation. Schließlich hatte Hunold seinen Posten 2011 wegen anhaltender Erfolglosigkeit aufgegeben. Anschließend gründete der 64-Jährige bei einem Treffen in seiner Zweitheimat Sylt zusammen mit anderen Unternehmern und Managern den Mittelstandsfonds Rantum Capital. Dass er zwischenzeitlich zum Milliardär geworden wäre, ist nicht überliefert. Bislang hält Hunold nur knapp 1,95 Prozent der Air-Berlin-Aktien mit einem Wert von rund vier Millionen Euro.

Damit drängt sich der Verdacht auf, dass Hunold und seine Mitstreiter nur Mittelsmänner für Etihad wären. Den Milliardenbetrag könnten sie sich laut "Süddeutscher Zeitung" selbst in Abu Dhabi leihen. Der dortige Staatsfonds IPIC ist seit 2009 auch an Daimler beteiligt.

Doch solch eine offensichtliche Umgehung der Hürden für ausländische Investoren würde auf große Widerstände treffen. Deutsche Fluglinien und Flughäfen fühlen sich gegenüber den staatlich gepäppelten Golf-Airlines ohnehin schon benachteiligt. Bei der Lufthansa legen nach dem Bodenpersonal gerade die Piloten den Betrieb weitgehend lahm. So etwas könnte Etihad nicht passieren: In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Streiks gesetzlich verboten.

"Das lassen wir uns nicht gefallen", sagt ein deutscher Branchenvertreter über eine mögliche Übernahme von Air Berlin mit arabischem Geld. Selbst wenn die Politik das Konstrukt durchwinken sollte, würden Wettbewerber sofort dagegen vorgehen. "Das bricht zwei Minuten später zusammen."

EU droht, Italien hofft

Allerdings ist fraglich, ob es überhaupt so weit kommt. Nach deutschem Recht muss Air Berlin jederzeit belegen können, dass es sich mehrheitlich in der Hand von europäischen Investoren befindet - was bei einer Finanzierung aus Abu Dhabi schwierig werden dürfte. Auch die EU kündigte kürzlich eine schärfere Kontrolle der Eigentumsverhältnisse an. "Wir ziehen die Schraube an", sagte EU-Generaldirektor Matthias Ruete. In den vergangenen Jahren habe man Staaten gelegentlich "warnen müssen, dass sie sich in Handlungsrahmen bewegen, die das EU-Recht nicht erlaubt".

Das lag daran, dass keineswegs alle Politiker einen stärkeren Einfluss der Golf-Airlines ablehnen. So setzte sich der italienische Ex-Premier Enrico Letta bis zu seinem Rücktritt im Februar intensiv für einen Einstieg von Etihad bei Alitalia ein - schließlich musste die mehrheitlich staatliche Airline wiederholt vor der Pleite gerettet werden. Durch eine ebenfalls diskutierte Verschmelzung von Air Berlin mit Alitalia könnte Etihad denn auch politische Fürsprecher gewinnen.

Ein anderer Gegner möglicher Umbaupläne von Air Berlin zeigt sich mittlerweile schon zurückhaltender. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wollte am Montag Vorwürfe eines Sprechers vom Wochenende nicht wiederholen, wonach die Fluglinie mit der Verschiebung ihrer Bilanzvorlage gegen Berichtspflichten verstößt.

"Es gibt keine gesetzliche Regelung, die Air Berlin verpflichtet hätte, bis heute einen Abschluss vorzulegen", sagte SdK-Vorstandsmitglied Daniel Bauer SPIEGEL ONLINE. Zudem sei die SdK nicht wirklich für die nach britischem Recht organisierte Fluglinie zuständig und besuche nicht deren Hauptversammlungen in Großbritannien. Die Fluggesellschaft hatte den Anlegerschützern nach ihrer Kritik mit rechtlichen Schritten gedroht.

Viel zu verlieren haben die Air-Berlin-Aktionäre ohnehin nicht mehr. Die zu Hochzeiten mit fast 20 Euro gehandelten Papiere sanken allein in der vergangenen Woche um acht Prozent und sind mittlerweile nicht einmal mehr zwei Euro wert.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Was für ein begnadeter Redakteur
sirmika 31.03.2014
Die Aktionäre haben nicht viel zu verlieren? Nein, nur 100% ihres derzeit eingesetzten Kapitals.
2. streikfreies Arabien
syracusa 31.03.2014
Warum dürfen staatliche Fluglinien aus Staaten, in denen Streiks gesetzlich verboten sind, überhaupt Flüge aus der EU anbieten und so EU-Linien unlauteren Wettbewerb liefern?
3. Arabische Piloten-Sklaven ...
ihawk 31.03.2014
Arabische Piloten-Sklaven werden fürstlich bezahlt und erhalten eine Unzahl an Privilegien - dafür dürfen sie im Cockpit kein privates Wort wechseln und streiken schon garnicht.
4. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Streiks gesetzlich verboten
BettyB. 31.03.2014
Das ist ja traurig, aber die Air Berlin bleibt wohl trotz geänderter Aktionärsstruktur ein deutsche Unternehmen. Oder meint Böcking, die Aktionärsstruktur hätte Einfluss auf deutsches Recht? Das aber wäre äußerst seltsam..
5. Es gibt eine Spur der Verwüstung...
hanfbauer2 31.03.2014
...von der Deutschen Bahn über Air Berlin bis zum Bau des Berliners Großflughafens. Und unsere Politiker sind so beratungsresistent, dass sie den Mehdorn immer weiter "machen" lassen. Andrerseits: irgendjemand hat diese Politiker gewählt...
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