Air-France-Streik Franzosen streiten härter

Der Chef muss gehen, der Kurs bricht ein: Schon seit 15 Tagen wird bei Air France-KLM gestreikt. Dabei geht es um einen Konflikt, der das ganze Land betrifft.

Anzeigetafel mit gestrichenen Air-France-Flügen
AP

Anzeigetafel mit gestrichenen Air-France-Flügen

Von , Paris


Es ist ein Streit, der ganz Frankreich und viele Teile Europas bewegt. "Air France wird verschwinden, wenn der Konzern nicht das Notwendige zur Verbesserung seiner Wettbewerbsfähigkeit tut", droht der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. "Air France ist eine sehr, sehr, sehr profitable Gruppe. Deshalb wird dort gestreikt", antwortet der Abgeordnete Alexis Corbière von der französischen Linkspartei LFI.

Hinter dem Streit bei Frankreichs größter Fluggesellschaft steckt die Frage, wieviel Opfer internationale Großkonzerne ihren vergleichsweise gut bezahlten Mitarbeitern in Europa zumuten können. Und wann diese berechtigt sind, einen größeren Teil der Gewinne einzufordern.

Bei Air France läuft schon der 15. Streiktag in diesem Jahr. Dabei hat Konzernchef Jean-Marc Janaillac bereits seinen Rücktritt für den 15. Mai angekündigt, nachdem er vergangene Woche eine betriebliche Abstimmung verlor. Da votierten 55 Prozent der Beschäftigten für die Fortsetzung des Streiks. Deshalb werden am Dienstag nur rund 80 Prozent aller Air-France-Flüge abheben.

Vierzehn Prozent der Piloten und 18 Prozent des Kabinenpersonals nehmen am Streik teil. Auch an den vorherigen Streiktagen lag die Beteiligung nicht bedeutend höher. Dennoch reicht das, um Air France pro Streiktag bis zu 25 Millionen Euro Verluste zu bescheren. Das hat laut der Konzernleitung in den letzten drei Monaten bereits zu Kosten von mehr als 300 Millionen Euro geführt. Dabei fordern die Streikenden nur etwa 120 Millionen Euro mehr pro Jahr als ihnen die Konzernführung anbietet. Hört sich verrückt an. Aber es geht um mehr als nur die Gehälter.

Es geht zum Beispiel auch um die Frage, wie Air France seinen überraschend hohen Gewinn von 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2017 ausgibt. Fünf Jahre lang hatten die Mitarbeiter aufgrund einer schwierigen Geschäftslage keine höheren Löhne bekommen. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, den Gewinn fair zu teilen?

"Was für eine enorme Verschwendung!" ärgert sich der scheidende Air-France-Chef Janaillac über den Streik. "Das kann nur unsere Konkurrenten erfreuen." Janaillac sieht vor allem, dass die europäischen Konkurrenten Lufthansa und British Airways 2017 noch höhere Gewinne einflogen. Also will er weiter Kosten sparen.

Ein berühmtes zerrissenes Hemd

Zerfleischen sich die Franzosen nun selbst? Wie immer, so scheint es, wird die Auseinandersetzung im Konzern in Frankreich härter ausgetragen als etwa in Deutschland oder Großbritannien. Schon vor vier Jahren gab es eine berühmte Episode bei Air France, als Gewerkschaftsvertreter einem Vertreter der Geschäftsführung das Hemd zerrissen, weil sie dessen Auftreten für unverschämt hielten.

Später mussten die Gewerkschafter vor Gericht, wo sie der heutige Streikführer der Piloten, Philippe Evian, verteidigte. Heute nun freut sich Evian, dass sich die Mitarbeiter von Air France nicht vom "angsteinflößenden Klima", welches die Geschäftsführung verbreitet habe, irritieren lassen und weiterstreiken. Doch hilft das dem Unternehmen?

Mehr als 10 Prozent verlor die Aktie des Gesamtkonzerns Air France-KLM Chart zeigen am Montag an der Pariser Börse, mehr als 40 Prozent seit Jahresbeginn. Setzt sich der Trend fort, ist das Unternehmen bald nur noch ein Viertel des Lufthansa-Konzerns wert, obwohl sein Umsatz nur rund 30 Prozent unter dem des deutschen Konkurrenten liegt. Auch dürfte der französische Streik die Stimmung gegenüber den niederländischen KLM-Partnern beeinträchtigen, die nicht streiken und zudem größere Gewinne in das Unternehmen einbringen.

Ist Air France-KLM also tatsächlich auf der Verliererstraße, wie der französische Wirtschaftsminister befürchtet? Immerhin hat sich die Airline im vergangenen Jahr drei neue weltweite Verbündete verschafft. Delta Airline steigt mit 9 Prozent des Aktienkapitals bei Air France-KLM ein, China Eastern ebenfalls, dafür wird Air France-KLM zum größten Teilhaber von Virgin Atlantic mit 31 Prozent der Aktien.

Mit ähnlich kunstvoller Konzerndiplomatie haben sich die französischen Autokonzerne Renault und Peugeot in den letzten Jahren aus scheinbar schwachen Positionen heraus konsolidiert und im Falle Renaults sogar an die Weltspitze geschoben. Ähnliches könnte auch Air France-KLM gelingen. Ein Grund dafür: Französische Top-Manager wie Janaillac verschaffen sich aufgrund ihrer traditionellen Arroganz leicht Ärger mit den Gewerkschaften, sind aber trotzdem brillante Diplomaten.

Der Konflikt bei Air France wird also weitergehen, auch wenn die Gewerkschaften weitere Streiktage ausschlossen, solange noch keine neue Konzernführung benannt ist. Tatsächlich tobt der Streit im ganzen Land.

Denn Präsident Emmanuel Macron führt Frankreich seit einem Jahr wie ein Top-Manager, der die Wettbewerbsfähigkeit seines Landes verbessern will. Dafür hat er schon den Kündigungsschutz gelockert und die Unternehmenssteuern gesenkt. Aber es gibt Protest. Die Piloten von Air France und mit ihnen die seit Wochen streikenden Eisenbahner haben auch die Regierung im Visier. Bei Air France ist sie mit 14 Prozent der Anteile immerhin noch größter Aktionär.

Wie aber endet der Streit? Schon gilt Macron zu Hause als harter Hund, in Übersee aber als überzeugender Staatsmann. Vielleicht ist das die französische Masche: Druck von unten spornt die Chefs im Ausland zu Höchstleistungen an. Dann sähe es für Air France jetzt gar nicht so schlecht aus.

insgesamt 12 Beiträge
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cautious_analyst 08.05.2018
1. AF am Scheideweg
Bei AF muss entschieden werden, ob der Weg der von Alitalia und Iberia sein wird, oder der von BA und LH. Zum Tableau der Misstände sollte man hinzufügen, dass AF in den letzten 7 Jahren 5 Jahre Verlust gemacht hat, und dass dei Brutto margen auch im "guten" Jahr 2017 gering sin im Vergleich zu LH. Und dass der Allianz-Partner KLM stinksauer ist. Bei KLM sind die Gehälter deutlich niedriger, die Margen und die Produktivität deutlich höher. Die AF-Piloten sind die Streikführer, und ihr Durchschnittsgehalt (Berufsanfänger eingeschlossen) ist bei über 200.000€ (Quelle: Le Monde). Neu ist, das die Regierung nun Wettbebwerbsfähigkeit (gemessen an LH und BA) einfordert. Wettbebwerbsfähigkeit war das Unwort, das kein Minister in den Mund nahm unter Sarkozy und Hollande. Es tut sich etwas in Frankreich, und es wird, wie bei der SNCF ein spannender Konflikt, der hoffentlich gut ausgeht für die Wettbebewerbsfähigkeit und für Europa.
thenovice 08.05.2018
2. Ein Mal...
nur ein einziges Mal wünschte ich mir die französische Streikkultur in Deutschland. Die - gepaart mit Gewerkschaftern, die sich trauen Zähne zu zeigen... Dann wäre unser Lohnniveau deutlich höher und der im Ausland kritisierte Exportüberschuss entsprechend geringer... Ich werde es wohl nicht erleben...
skygirl 08.05.2018
3.
Zitat von cautious_analystBei AF muss entschieden werden, ob der Weg der von Alitalia und Iberia sein wird, oder der von BA und LH. Zum Tableau der Misstände sollte man hinzufügen, dass AF in den letzten 7 Jahren 5 Jahre Verlust gemacht hat, und dass dei Brutto margen auch im "guten" Jahr 2017 gering sin im Vergleich zu LH. Und dass der Allianz-Partner KLM stinksauer ist. Bei KLM sind die Gehälter deutlich niedriger, die Margen und die Produktivität deutlich höher. Die AF-Piloten sind die Streikführer, und ihr Durchschnittsgehalt (Berufsanfänger eingeschlossen) ist bei über 200.000€ (Quelle: Le Monde). Neu ist, das die Regierung nun Wettbebwerbsfähigkeit (gemessen an LH und BA) einfordert. Wettbebwerbsfähigkeit war das Unwort, das kein Minister in den Mund nahm unter Sarkozy und Hollande. Es tut sich etwas in Frankreich, und es wird, wie bei der SNCF ein spannender Konflikt, der hoffentlich gut ausgeht für die Wettbebewerbsfähigkeit und für Europa.
Le Monde ist auch nicht mehr dass, was sie mal war.... der Erste Offizier bei Air France auf dem A320 verdient unter 65k € im Jahr. Nach ca. 30 Jahren (und wenn man es bis dahin zum Kapitän auf der Langstrecke geschafft hat, kommt man tatsächlich auf die 200k € und ggf. noch leicht darüber. Rechnerisch wird es bei einer dann noch verbleibenden Karriere von max. 10 bis 15 Jahren schwer auf das von le Monde angegebene Durchschnittsgehalt zu kommen. Auch über das Pilotencorps hinweg kommt man da nicht hin, denn so überaltert ist der Laden nicht. Bei KLM werden die 200k beim Langstreckenkapitän nach 20 Jahren erreicht, und dann geht es noch bis 250k hoch. Wie gesagt, Le Monde halt...
J.Corey 08.05.2018
4.
Wie sich immer die Hintergründe bei Air France aussehen, fakt ist, dass Normalverdiener sofort verzichten müssen wenn es knapp wird, aber in besseren Zeiten bestenfalls mit erheblichen Abzügen und Verzögerung etwas von Kuchen abfällt. man kennt das, denn das Prinzip ist, dass Gewinne privatisiert und möglichst auch an der Steuert vorbei gebracht werden, während Verluste sozialisiert werden. Die Folge ist die bekannte Verschiebung von Vermögen in die Hände von ein paar wenigen, also die weitere Spreizung der Schere zwischen Arm und Reich. Daraus resultiert dann die fehlende Kaufkraft in der Mittelschicht, somit fehlt es an Konsumbereitschaft und darunter leidet dann auch die Wirtschaft. Wenn sich der Arbeitet am Band die von ihm hergestellten Produkte nicht leisten kann, funktioniert das nicht auf Dauer, das ist eine alte Weisheit. Aber sie stimmt immer noch und die Politik der letzten Jahre hat tatenlos zugesehen das es immer so weiter geht. Irgendwann ist dann der soziale Frieden in Gefahr - darüber muss man sich im klaren sein, wenn man das Lied der Börsen pfeift! Insofern finde ich die Streikkultur in Frankreich gut und wurde mir wünschen, dass man auch hierzulande den gutbetuchten Managern oder mal klar machen würde, dass Grenzen überschritten wurden und werden.
ingnazwobel 08.05.2018
5.
Hier offenbart sich wieder die Ignoranz und Scheinheiligkeit der Unternehmen. Ich hoffe sie Streiken weiter und dies bis zu bitteren Ende. Ein Unternehmen das 1,5 MRD Euro Gewinn macht kann auch problemlos die Gehälter so anpassen das nur noch eine Mrd. Gewinn gemacht wird oder die Mitarbeiter am Gewinn angemessen (mit50%) beteiligen.
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