Schmiergeldaffäre Airbus-Chef Enders verstrickt sich in Widersprüche

Airbus-Chef Tom Enders war nach SPIEGEL-Informationen tiefer in die Affäre um mögliche Schmiergeldzahlungen verwickelt: Er wusste offenbar mehr über eine dubiose Firma, als er heute wahrhaben will.

Airbus-Chef Tom Enders (2015)
DPA

Airbus-Chef Tom Enders (2015)

Von , , , Gunther Latsch, und


Im Korruptionsskandal bei Airbus präsentiert sich Konzernchef Tom Enders weiterhin als Aufklärer. Er schiebt die Verantwortung für undurchsichtige Geschäftspraktiken weit von sich, auf eine längst aufgelöste Vertriebsabteilung in Paris.

Doch damit macht es sich der Konzernchef womöglich zu einfach: Er selbst war offenbar tiefer in die Affäre um eine Firma mit Namen Vector verwickelt, über die möglicherweise Schmiergelder verteilt wurden. Enders hatte erst kürzlich im Zusammenhang mit einem Kampfjet-Projekt in Österreich behauptet, mit dieser Firma in London "gar nichts" zu tun gehabt zu haben. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Offiziell hatte diese Firma den Auftrag, nach Geschäften für die österreichische Wirtschaft zu suchen, um den Verkauf von 18 Eurofightern zu unterstützen. Das war damals die etwas merkwürdige Bedingung der österreichischen Regierung für den Deal: Die Flugzeugbauer sollten dem Land nebenher Geschäfte für vier Milliarden Euro besorgen. Österreichs Führung wollte Argumente, um den Eurofighter-Kauf vor den eigenen Bürgern zu rechtfertigen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft vermutet allerdings, dass die Firma Vector vor allem Schmiergeld an Entscheider in Österreich durchleiten sollte, was Airbus bestreitet.

Wie aus einem Gesprächsprotokoll hervorgeht, das dem SPIEGEL vorliegt, räumte Enders selbst im Jahr 2013 gegenüber internen Ermittlern ein, dass er sich 2004 sehr dafür interessiert habe, wie der Konzern die Bedingungen der Österreicher erfüllen und die österreichische Wirtschaft ankurbeln könnte. Das habe für ihn hohe Priorität gehabt; er habe sich dazu auch unterrichten lassen.

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Aus den Papieren geht zudem hervor, dass er die Londoner Firma nicht nur kannte, sondern sich im Vorfeld der Gründung persönlich dafür eingesetzt hatte, dass die französische Vertriebsmannschaft beim Aufbau eines solchen Konstrukts behilflich sein sollte. Dieses Team in Paris steht heute im Zentrum der Korruptionsaffäre, weil mit seiner Hilfe Aufträge für Jets in aller Welt gekauft worden sein sollen.

Ebenso war Enders laut Protokoll offenbar bekannt, dass zwei Manager des Konzerns zunächst ausscheiden sollten, um sich um eine Briefkastenfirma auf Zypern zu kümmern. Beide stammten aus der französischen Vertriebstruppe. Aus dem Zypernkonstrukt wurde dann nichts. Dafür steuerte einer der beiden später offenbar eine ganz ähnliche Londoner Firma: Vector. Enders behauptet dagegen, der Konzern habe keine Kontrolle über die Londoner Firma gehabt.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
joG 20.10.2017
1. So organisiert, wie das....
....diese Firmen sind, ist es unwahrscheinlich, dass bei Grossaufträgen Unregelmässigkeiten nicht auffallen. Nur wissen will niemand davon haben, weil Protokolle usw verändert wrrden, wie jeder weiss, der je mit Vorstandsprotokollen zu tun hatte. Aber wichtug ist neben dem Täterkreis und der Verurteilung, wie man jene entschädigt, die betrogen wurden. Das sind Dr ie Konkurrenten und Aktionäre kaufender Unternehmen sowie die Steuerzahler kaufender Länder. Hier geht es um viel Geld und um die Arbeitsplätze, die Länder wie die USA wegen der deutschen Korruption verloren haben.
lrtnick 20.10.2017
2. @#1 "joG"
Sie denken, dass US-Amerikanische Unternehmen in Bezug auf schmiergelder und korruption besser/unschuldig sind? Naiv.... Bestes Beispiel ist die Ausschreibung zur Entwicklung eines Tankflugzeugs für die US-Streitkräfte, die Airbus zuerst gewonnen hatte und auch auf massiven Druck von Boeing geändert wurde. Von Verhandlungen mit anderen Staaten und Airlines (sei es der zivile Sektor oder die Rüstungssparte) ganz zu schweigen.... Ich lehne mich mal soweit aus dem Fenster und behaupte, das jedes große, global agierendes Unternehmen Dreck am Stecken hat. Und von den Arbeitsplätzen in Europa, die Airbus hier schafft, die sind Ihnen natürlich auch egal... Scheint das Trumps mantra, "Amercia First", auch inzwischen bei uns angekommen ist...
bold_ 20.10.2017
3. Man nenne mir irgendein Geschäft im Militärbereich,
bei dem es ohne offene Hände, aka Korruption, abging. Mag sein, daß es solche gegeben hat, und von legalen Geschäften hört man ja normalerweise auch nichts. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich aber davon aus, das Waffenhandel ohne Korruption offensichtlich nicht machbar ist. Die ist praktisch "systemimmanent", wie es mir scheint.
tomy1983 20.10.2017
4. So sind Manager!
Sie nötigen die Untergebenen in mitunter fragwürdige bis illegale Operationen. Bei Erfolg lassen Sie sich feiern. Fliegt's auf, wussten Sie nichts. Sie haben es ja nie eindeutig artikuliert oder unterschrieben. Aus Mafiafilmen kennt man das "lass ihn verschwinden". Jeder weiß, der soll mit Betonschuhen baden gehen. Aber vor Gericht heiß es dann, das war eine Aufforderung ihn nach Hause zu Frau & Kind zu bringen.
guayaquil 20.10.2017
5. US-Beispiel
Ich mag mich erinnern, daß vor Jahren während des Siemens-Skandals der Spiegel selber über US-Gesetze schrieb, die den amerikanischen Firmen Straffreiheit bei Schmiergeldzahlungen im Ausland zusichern. Wie schon Andere schrieben, kann wohl niemand so naiv sein und wirklich glauben, daß Boeing absolut sauber arbeitet und grundsätzlich keine Schmiergelder zahlt, ebensowenig die amerikanischen Hersteller von Militärgütern, die in zig-Milliardenhöhe gehandelt werden und zu der Familie gehören sicherlich auch die Erdölfirmen, die ebenso schmieren müßen, um weltweit Öl fördern und einkaufen zu können. Wieder einmal sind es die dummen Deutschen (Strafverfolger und Zeitungen), die solche Fälle an die große Glocken hängen. ?Wen gab es zuerst? ?Denjenigen der Schmiergeld verlangt oder den, der Schmiergelder anbietet?
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