Flugzeugbau-Rivalen: Warum Boeing Airbus übertrumpft

Von Maria Marquart

Der US-Flugzeugbauer Boeing hat bei den Jet-Auslieferungen erstmals nach zehn Jahren wieder die Nase vorn. Der europäische Konkurrent Airbus fällt zurück. Experten machen dafür strategische Fehler verantwortlich - die auch von der Politik mitverursacht wurden.

Dreamliner von Boeing auf der Luftfahrtmesse in Farnborough: Airbus fällt zurück Zur Großansicht
REUTERS

Dreamliner von Boeing auf der Luftfahrtmesse in Farnborough: Airbus fällt zurück

Hamburg - Für die Luftfahrtmesse im britischen Farnborough hatte sich Boeing im Juli vergangenen Jahres etwas Besonderes einfallen lassen. Fast 30 Jahre lang hatte der Konzern bei den zentralen Flugshows der Branchentreffen seine Passagiermaschinen auf dem Boden gelassen. Doch in Farnborough dröhnte eine Boeing 787 mit dem Logo von Qatar Airways über den Köpfen der Zuschauer. Die Darbietung passte zur Gesamtperformance von Boeing: Der Konzern sammelte auf der Luftfahrtmesse milliardenschwere Aufträge ein und stahl Airbus damit die Schau.

Für Boeing lief es 2012 sogar so gut, dass das US-Unternehmen den europäischen Rivalen Airbus abhängte und sich laut Analystenberechnungen den prestigeträchtigen Titel des weltgrößten Auslieferers von Passagierjets sicherte. Ausgerechnet die 787, auch Dreamliner genannt, soll dafür ausschlaggebend gewesen sein. Jahrelang galt das Modell als Pannenflieger.

Der Langstreckenflieger sollte mit seinem hohen Verbundstoffanteil im Rumpf den Flugzeugbau revolutionieren. Doch die ersten Dreamliner wurden erst 2011 mit mehr als drei Jahren Verspätung ausgeliefert. Dann sorgten Triebwerksprobleme und lose Teile am Heck für Schlagzeilen. Noch im Dezember 2012 ordnete die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA eine Überprüfung aller Flugzeuge des Typs 787 an, weil bei einigen Dreamlinern die Treibstoffleitungen leckten.

Doch insgesamt scheint Boeing den Dreamliner inzwischen im Griff zu haben. Allein zwischen Juli und September 2012 wurden zwölf dieser Maschinen ausgeliefert, denn die Produktionskapazität konnte gesteigert werden. "Boeing hat die Probleme beim Dreamliner weitgehend aus dem Weg geräumt", sagt der Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt. Nun könne die Bestellliste abgearbeitet werden. Auch beim Mittelstreckenflieger 737 hat Boeing die Produktion hochgefahren.

Auch bei den Bestellungen liegt Boeing vorn

Alle Modelle zusammengerechnet hat Boeing von Januar bis Ende November bereits 537 Maschinen an Kunden übergeben, Airbus dagegen nur 516. Damit hätte der US-Konzern erstmals seit 2002 mehr Maschinen an Airlines übergeben als Airbus. Der europäische Flugzeugbauer hatte 2002 aufgeholt und sich seitdem jedes Jahr den Spitzenplatz bei den Auslieferungen gesichert. 2011 etwa übergab Airbus 534 Maschinen an Kunden, Boeing dagegen nur 477.

Doch nun macht der US-Konzern den Rückstand wett. Auch bei den Bestellungen hat Boeing Airbus im vergangenen Jahr offenbar übertrumpft. Während Boeing bis 18. Dezember 1115 bestellte Maschinen meldete, waren es bei Airbus bis Ende November erst 585.

Luftfahrtexperte Großbongardt macht strategische Fehler bei Airbus dafür verantwortlich, dass der Konzern zurückfällt. Der europäische Hersteller setzte vor allem auf den Riesenflieger A380. Doch auf der Luftfahrtmesse in Farnborough konnte das Unternehmen kein einziges Exemplar verkaufen. Airbus hält die Probleme mit Rissen in den Tragflächen für die Ursache der Zurückhaltung der Airlines. Doch Verkaufschef John Leahy räumte auch ein, dass sich der Markt für die großen Flugzeuge abgeschwächt hat.

Anders als Airbus bewertete Boeing den Markt für die großen Maschinen von Anfang an wesentlich vorsichtiger. Das US-Unternehmen möbelte zwar sein Großraummodell 747 mit der Neuauflage 747-8 auf, setzte aber zugleich auch auf flexiblere Modelle. Diese Strategie werde nun belohnt, sagt Großbongardt. So entwickelte sich die Boeing 777 zum Verkaufsschlager. Im vergangenen Jahr wurde bei den Auslieferungen dieses Typs die Tausender-Marke geknackt.

"Mit der 777 hat Boeing Airbus bei den großen zweistrahligen Maschinen abgehängt", sagt Großbongardt. Mit beinahe 400 Sitzen bietet die 777 den Fluggesellschaften viel Kapazität und große Reichweite zu den Betriebskosten eines zweistrahligen Flugzeugs. "Die Fluggesellschaften können viel flexibler planen, da Riesenflugzeuge ihren Vorteil nur ausspielen können, wenn sie voll besetzt sind", erklärt Großbongardt den Erfolg des Boeing-Modells.

"Bei der Konzeption des A380 war viel Testosteron im Spiel"

Zwar kann Airbus auf seinen Bestseller A320 zählen, doch diese Maschine ist kleiner als die Boeing 777. Die Europäer wollen nun ein Konkurrenzmodell mit zwei Antrieben und besonders leichten Materialien anbieten, den A350. Doch das neue Langstreckenflugzeug verzögert sich und kann voraussichtlich erst ab 2014 ausgeliefert werden. Seinen strategischen Vorteil mit der 777 könne Boeing somit wohl bis zum Ende des Jahrzehnts sichern, sagt Großbongardt.

Dass Airbus so einseitig auf den Riesenflieger A380 setzte, sei auch auf den Einfluss der Politik beim Mutterkonzern EADS zurückzuführen. "Bei der Konzeption des A380 war viel Testosteron im Spiel", sagt Großbongardt. "Politiker wollten es den USA zeigen und beweisen, dass die Europäer das größte Flugzeug bauen können." Letzteres ist zwar gelungen, doch ein Verkaufsschlager ist der A380 bisher nicht.

Auch wenn der Titel des weltgrößten Auslieferers von Passagierjets für 2012 vergeben ist, habe das vergangene Jahr für Airbus eine wichtige und positive Weichenstellung gebracht, sagt Großbongardt. Denn beim Mutterkonzern EADS wurde die Aktionärsstruktur neu geregelt, damit wurde vor allem der Einfluss der deutschen und französischen Regierung zurückgedrängt.

EADS-Eigentümerstruktur bisher und künftig
Bei den Anteilseignern des führenden europäischen Flugzeugbau-, Raumfahrt- und Rüstungsunternehmens EADS dominieren bisher Deutsche und Franzosen. Das soll sich mit der Einigung auf eine Neuordnung der Machtverhältnisse künftig ändern. Die Verteilung im Überblick:
Deutsche Seite
Bisher vertritt Daimler die deutsche Seite im Aktionärskreis und steht für einen Kapitalanteil von 22,35 Prozent. Selbst halten die Stuttgarter noch 15 Prozent Kapitalanteile. An Stimmrechten vertritt Daimler noch 22,45 Prozent, einschließlich der Dedalus-Gruppe. Diese hält den Rest der deutschen Seite. Dahinter stehen private Investoren wie Banken und Versicherungen. Auch mehrere Landesbanken sind dabei sowie die staatliche Förderbank KfW. Künftig wird Deutschland mit 12 Prozent - und damit in gleicher Höhe wie Frankreich - an EADS beteiligt sein. Daimler wird seinen Anteil "weitgehend reduzieren".
Französische Seite
Bisher hält die französische Dachgesellschaft SogeadeE 22,35 Prozent der Aktien und vertritt die gesamte französische Seite, bestehend aus den Anteilen des Staates (15 Prozent) sowie der Lagardére-Gruppe, die auch knapp 7,5 Prozent hält. Künftig wird der französische Staat - ebenso wie Deutschland - mit 12 Prozent beteiligt sein. Lagardère wird seinen Anteil ebenso wie Daimler "weitgehend reduzieren".
Spanien
Die spanische Staatsholding Sepi hält 5,45 Prozent. Künftig wird Spanien 4 Prozent halten.
Freie Aktionäre
Die restlichen Anteile von rund 49,4 Prozent befinden sich bisher überwiegend in Streubesitz, dabei sind institutionelle Investoren, private Anleger und andere. Der Anteil der freien Aktionäre soll am Ende der Neuordnung, zu der auch ein Rückkauf von 15 Prozent der Aktien durch EADS gehört, auf mehr als 70 Prozent steigen.
"Die Entscheidungen bei EADS werden künftig mehr auf dem unternehmerischen Fokus liegen", sagt Großbongardt. Dies sei auch notwendig. So könne Boeing Chart zeigen eine Umsatzrendite zwischen neun und zehn Prozent vorweisen, Airbus dagegen nur eine solche von zwei Prozent.

Der europäische Flugzeugbauer werde bei den Passagierjets wieder aufholen, prophezeit Großbongardt. "Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Boeing, und Airbus und das wird es auch bleiben."

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Auch die Journalisten sind kapitalisiert ??????
Surgeon_ 02.01.2013
Hat die Konkurrenz zwischen Boeing und Airbus eine Bedeutung, und wer mal gerade wieder die Nase vorn hat ?? Nein ! Das sind alles Marginalitäten ! Es geht auf dieser Erde um andere Dinge, um den Menschen u.a !
2. Firmen in Staatseigentum ...
dunnhaupt 02.01.2013
... können es niemals mit Privatunternehmen aufnehmen, weil sie von Politikern abhängig sind. Wenn Zypern sich in Privatbesitz befände, wäre es jetzt nicht bankrott.
3. Endlich ...
Max Kellermüller 02.01.2013
... haben wir Passagiere die Chance, bei Interkontinentalflügen wieder etwas mehr Komfort zu geniessen als in den Airbussen mit ihren unsäglich unbequemen Sitzen und ihren aggressiven Klimaaanlagen. Einfach nur noch grauenhaft. Am besten alle Airbusse durch Boeings ersetzen.
4. Oho...
saftfrucht 02.01.2013
da sprach der Experte Max Kellermüller. Dass die Sitze nicht von den Flugzeugherstellern produziert oder konzipiert werden, weiß er offenbar nicht oder ignoriert es. Ob ein Sitz unbequem ist oder nicht, hängt nicht damit zusammen, ob es ein Airbus ist oder eine Boeing, sondern damit, welchen die Fluggesellschaft für das Flugzeug ausgewählt hat - betreibt sie beide, ist es auch bei beiden Herstellern oft der gleiche Sitz. Und dass die Klimaanlage bei Airbus 'aggressiv'(er) sein soll als bei Boeing, kann man wohl nur als schlechten Witz verstehen. Bei beiden kommt die Luft aus der gleichen Quelle (noch), und bei beiden kommt sie über ein quasi-identes System in die Kabine. Wer keine Ahnung hat, sollte nicht so eine Hasspredigt halten. Armselig.
5. Auch Politik ist entscheidend
swiss_willy 02.01.2013
Wenn die EU-Politiker freundlicher, ehrlicher und positiver der Türkei gegenüber wären, hatte Airbus die hunderte neue Flugzeugbestellungen nicht an Boeing verloren. Aber dafür hat die EU die beiden konkursiten Mitglieder Zypern und Griechenland glücklicher gemacht.
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Boeing
Der Konzern
Boeing ist mit einem Umsatz von fast 70 Milliarden Dollar und rund 170.000 Mitarbeitern der größte Flugzeughersteller der Welt. Neben Passagierflugzeugen ist das Unternehmen auch im Verteidigungssektor und in der Raumfahrt aktiv.
Die Geschäftsfelder
Boeing erzielt jeweils rund die Hälfte seines Umsatzes mit den beiden Bereichen "Kommerzielle Flugzeuge" und "Verteidigung, Raumfahrt & Sicherheit". Zu den bekanntesten Produkten des Konzerns gehören der Jumbojet (B747) und die AWACS-Aufklärungsflugzeuge.
Der Chef
Jim McNerney ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender von Boeing. Nach einem Studium in Yale und Harvard arbeitete er unter anderem beim Konsumgüterhersteller Procter & Gamble, der Unternehmensberatung McKinsey und dem Mischkonzern General Electric.

EADS
Der Konzern
Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) wurde 2000 gegründet. EADS ist der größte Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern in Europa und der zweitgrößte Branchenvertreter der Welt. Das Unternehmen setzt gut 40 Milliarden Euro pro Jahr um und beschäftigt fast 120.000 Mitarbeiter.
Die Geschäftsfelder
Rund drei Viertel seines Umsatzes erzielt EADS mit dem Flugzeughersteller Airbus, der sowohl zivile (u. a. A 380) als auch militärische (A400M) Modelle im Angebot hat. Der restliche Umsatz verteilt sich auf das Geschäft mit Hubschraubern ("Eurocopter"), die Raumfahrt ("Astrium") sowie die Produktion von Eurofigthern und Co.
Der Chef
Seit Juni 2012 steht der Deutschen Thomas Enders an der Spitze von EADS. Zuvor hatte der Franzose Louis Gallois den Konzern geführt.

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