Korruptionsskandal bei Airbus Major Tom, jetzt sind Sie dran

Schwarze Kassen und Bakschischzahlungen - damit sieht sich Airbus nach SPIEGEL-Informationen konfrontiert. Nun liegt es an Konzernboss Enders aufzuräumen.

Airbus-Chef Tom Enders
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Airbus-Chef Tom Enders


Der 15. November 2006 markiert eine Zäsur in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 200 Polizisten, Staatsanwälte und Steuerfahnder durchsuchten bei einer Razzia Büros und Wohnungen von aktiven und ehemaligen Siemens-Mitarbeitern, um einen der größten Korruptionsskandale aufzuklären. Im Anschluss gab es Verhaftungen, Urteile, hohe Millionenbußen und eine wichtige Erkenntnis: Die Zeiten, in denen deutsche Firmen im Ausland großzügig schmieren und die Kosten auch noch von der Steuer absetzen konnten, waren vorbei.

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Heft 41/2017
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Fast alle wichtigen Großunternehmen bildeten im Nachgang Compliance-Abteilungen. Ihre Aufgabe: die Anti-Korruptionsregeln ausarbeiten, anmahnen, überwachen und im Notfall personelle Konsequenzen ziehen. Fast alle - einer der wichtigsten Konzerne fehlte zunächst offenbar: der europäische Luftfahrtriese EADS, der heute als Airbus-Group firmiert.

Nur so ist zu erklären, was nun an Vorwürfen gegenüber dem Unternehmen an die Öffentlichkeit dringt und wie ein Nachhall aus längst überwunden geglaubten Zeiten klingt: Bakschischzahlungen, dubiose Berater, schwarze Kassen soll es gegeben haben - ganz wie bei Siemens, auch wenn Airbus das zumindest teilweise bestreitet. Dabei hat sich andernorts längst herumgesprochen, dass derartige Verkaufsmethoden nicht nur Aufträge, sondern auch Gefängnisstrafen einbringen können. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL Plus).

Verkaufserfolge womöglich mit Schmiergeld erkauft?

In einem Fall soll sogar Firmenchef Tom Enders informiert gewesen sein, was er zurückweist. Ähnlich wie einst die Siemens-Oberen versucht nun auch er, einen Deal mit den ermittelnden Behörden zu erzielen. So will Enders verhindern, dass womöglich er selbst und amtierende oder ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder vor Gericht gestellt werden.

Fragen wird er trotzdem beantworten müssen, etwa: Wie kann es sein, dass ausgerechnet bei Airbus, wo es häufig um Milliardenaufträge öffentlicher Auftraggeber geht, bei der Compliance geschlampt wurde? Wurde ein Teil der angeblichen Verkaufserfolge gegenüber dem Erzrivalen Boeing womöglich mit Schmiergeld erkauft? Und: Welche Rolle spielt er selbst? Ist Enders tatsächlich der brutalstmögliche Aufklärer, wie er nun vorgibt? Oder war er ein Zauderer und Mitwisser, der zu lange wegschaute?

Vielleicht sollte sich Enders einmal mit Ex-Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann unterhalten. In dessen Amtszeit bei der Deutschen Bank wurden massenhaft Rechtsverstöße begangen. Ob er dafür die Verantwortung übernehme, wurde er dieser Tage gefragt. Ackermanns Reaktion war deutlich: "Jeder Unternehmenschef trägt die Gesamtverantwortung für das, was zu seiner Zeit in dem Unternehmen passiert", antwortete er.

NDR-Doku über Airbus-Fabrik Finkenwerder


insgesamt 12 Beiträge
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mystyhax 08.10.2017
1. Verantwortlich
Ist Herr Enders nicht Teil des Problems. Hat er seinen Laden überhaupt im Griff? Warum soll dann derjenige der dafür verantwortlich ist noch den Laden aufräumen? Ich bin grundsätzlich der Meinung das die Verantwortlichen ganz genau Bescheid wissen. Das wird natürlich nicht schriftlich mitgeteilt was da passiert. Wär ja noch blöder. Das Millionen Beträge ohne Wissen der Verantwortlichen einfach so verteilt werden ist absurd.
Farhad 08.10.2017
2. Warum gerade EU-Firmen
wie Airbus, damals Siemens, Deutsche Bank, zuletzt VW etc. stehen häufig unter Korruptionsverdacht und meistens auch mit handfesten Anhaltspunkten? Sind EU-Firmen im Vergleich mit z.B. US-Firmen korrupter? Oder gibt es Interessen, dass entsprechende Leaks/Informationen nur über Aktivitäten der EU-Riesen bekannt und gegen diese eingesetzt werden? Wer verfügt über derartige Technologien/Möglichkeiten, Telekommunikation solcher EU-Konzerne anzuzapfen und an sensible Daten zu gelangen? Wer würde davon profitieren? Kann es sein, dass die EU-Leute dermaßen naiv oder unmächtig sind, sich zu schützen?
tkedm 08.10.2017
3.
Zitat von Farhadwie Airbus, damals Siemens, Deutsche Bank, zuletzt VW etc. stehen häufig unter Korruptionsverdacht und meistens auch mit handfesten Anhaltspunkten? Sind EU-Firmen im Vergleich mit z.B. US-Firmen korrupter? Oder gibt es Interessen, dass entsprechende Leaks/Informationen nur über Aktivitäten der EU-Riesen bekannt und gegen diese eingesetzt werden? Wer verfügt über derartige Technologien/Möglichkeiten, Telekommunikation solcher EU-Konzerne anzuzapfen und an sensible Daten zu gelangen? Wer würde davon profitieren? Kann es sein, dass die EU-Leute dermaßen naiv oder unmächtig sind, sich zu schützen?
Korruption ist ein uraltes "Geschäftsmodell", dass es schon seit Anbeginn der Menschheit gibt. Um so etwas aus dem Unternehmen an die Öffentlichkeit zu bringen, braucht es keine besonderen Technologien. Es braucht nur jemanden, der plaudert. Gerade in großen Unternehmen funktioniert Flurfunk abteilungsübergreifend dermaßen gut und trotzdem ist man als Einzelperson recht anonym. Dazu kommen dann noch ehemalige Mitarbeiter, die nach ihrer Tätigkeit ohnehin offener über ihre Erfahrungen beim Arbeitgeber reden. Dauerhaft kann man so etwas einfach nicht geheimhalten, so etwas klüngeln die Bosse schließlich nicht alleine aus. Wie es beispielsweise bei US-Firmen läuft, wissen wir ja auch nicht. Über den Teich gelangt so etwas doch nur, wenn das Unternehmen international bekannt ist und eine gewisse Größe hat. Ich denke aber nicht, dass es dort anders ist.
spiegelleser987 08.10.2017
4.
Bei Schmiergeldzahlungen werden immer nur die kritisiert und bestraft, die das Geld gezahlt haben, Die es gefordert und sich in die Tasche gesteckt haben, werden weggelassen. Ich denke da z.B. an die Kölner Spendenaffäre: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21662455.html https://de.wikipedia.org/wiki/Kölner_Spendenaffäre Der Geschäftsführer vom zahlenden Unternehmen kam zu 3 Jahren und 9 Monaten in Haft. Die Kölner SPD-Kommunalpolitiker wurden nur zu 21 und 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. In Griechenland war es z.B. auch so. Die Politiker haben für sich selbst das Geld gefordert, Siemens hat es bezahlt, Arbeitsplätze in Griechenland geschaffen und wurde dafür in den Medien kritisiert. Die Gewerkschaften haben auch gefordert, dass die , die die Korruptionsgelder entegen genommen haben, nicht entlassen werden dürfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-radikale-gewerkschaften-wirtschaften-das-land-kaputt-a-876979.html
schorri 08.10.2017
5. Aufräumen?
Herr Enders soll "aufräumen"? Wenn es Korruption und schwarze Kassen in seiner "Firma" gibt, dann ist er dafür verantwortlich und muss gehen. Er ist zwar ein Darling der Wirtschaftspresse, aber da hört der Spaß auf. "Major Tom"! Auch mit solchen Floskeln kann man ihn nicht von der Verantwortung reinwaschen.
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