Chinesischer Aixtron-Investor Herr Liu versteht die deutsche Angst nicht

Putzmeister, Kuka - und jetzt der Maschinenbauer Aixtron: Erneut befeuert eine Übernahme die Sorge vor einem Ausverkauf deutscher Technologie nach China. Investor Liu Zhendong spricht erstmals über seine Pläne.

Fujian Grand Chip Investment Fund LP

Ein Interview von


Leser von großen deutschen Tageszeitungen kommen derzeit kaum an ihnen vorbei: große Anzeigen mit einer Botschaft an die Aktionäre des Maschinenbauers Aixtron aus Herzogenrath bei Aachen: "Handeln Sie jetzt. Verpassen Sie nicht ihre Chance." Absender ist der chinesische Investmentfonds Fujian Grand Chip (FGC), der Aixtron übernehmen will. Am Freitag endet sein Angebot.

Der Deal hat Misstrauen geweckt. Zwar wird FGC zu 51 Prozent von dem Privatinvestor Liu Zhendong kontrolliert. Der Rest jedoch ist indirekt in staatlichem Besitz, durch ein kompliziertes Firmengeflecht, über das als erstes das Wirtschaftsmagazin "Capital" berichtete. Wie zuletzt schon beim Roboterhersteller Kuka gibt es deshalb die Sorge, der chinesische Staat wolle sich deutsches Know-How einverleiben.

Solches ist bei Aixtron zweifellos vorhanden. Zwar steckt der Maschinenbauer für die Halbleiterproduktion schon länger in der Krise. Aixtrons Aktienkurs Chart zeigen stürzte aber besonders ab, als Ende 2015 das chinesische Unternehmen San'an einen Großauftrag stornierte. Zwischen San'an und FGC gibt es geschäftliche Verbindungen. Schufen sich die Chinesen also ihr eigenes Schnäppchen?

Liu Zhendong hat zu solchen und anderen Vorwürfen bislang geschwiegen und blieb auch sonst ein Phantom. Kurz vor Ablauf des Angebots sucht er nun die Öffentlichkeit. Gegenüber SPIEGEL ONLINE betont Liu, trotz der staatlichen Co-Finanzierung werde allein er die Entscheidungen über Aixtrons Zukunft treffen. Das Interview wurde schriftlich geführt und anschließend von diversen Anwälten begutachtet - denn Finanz- und Börsenaufseher haben Liu derzeit genau im Blick.

Herr Liu, in einigen Tagen möchten Sie ein wichtiges deutsches Technikunternehmen übernehmen. Wir wussten bisher noch nicht einmal, wie Sie aussehen. Warum so schüchtern?

Ich bin überhaupt nicht schüchtern. Ich war wegen des Deals mehrere Male in Deutschland. Der Punkt ist, dass ich kein Deutsch spreche. Deshalb gehe ich nicht auf Roadshow und gebe auch keine Pressekonferenzen. Ich habe gute Berater in Deutschland, beispielsweise die Deutsche Bank, die für mich tätig sind. Und ehrlich gesagt hatte ich auch nicht erwartet, dass ich für die deutsche Öffentlichkeit so interessant sein würde.

Erzählen Sie ein wenig von sich. Woher kommen Sie, wie alt sind Sie, was für eine Ausbildung haben Sie und womit haben Sie Ihr Geld verdient?

Ich bin 49 Jahre alt, in Quanzhou geboren und lebe derzeit in Xiamen. Nachdem ich 1985 die Schule abgeschlossen hatte, gründete ich ein Handelsunternehmen. Damals hatten die Wirtschaftsreformen den Chinesen viele neue Chancen eröffnet, und ich beschloss, mein Glück zu versuchen. Tatsächlich hatte ich Glück, insbesondere nachdem ich 2000 begonnen hatte, zu investieren. Ich habe Anfang des Jahrtausends einige sehr profitable Investitionen getätigt. Später war ich mit anderen Investitionen in China recht erfolgreich.

Warum möchten Sie Aixtron kaufen?

In meinem Land gibt es eine steigende Nachfrage nach Halbleitern. Aixtron ist spezialisiert auf Hightech-Maschinen, die eben diese Halbleiter herstellen. Es ist logisch, diese beiden Dinge zusammenzubringen und Aixtrons Wettbewerbsfähigkeit und Wachstumschancen in China zu verbessern.

Warum ist die deutsche Industrie generell so interessant für chinesische Investoren?

In Deutschland gibt es viele Mittelständler mit hohem Ansehen, insbesondere im Produktions- und Technologiesektor. Unter ihnen sind einige sogenannte "hidden champions", also unbekannte Weltmarktführer. Da ist es doch klar, dass man sich als Investor Deutschland und seine Unternehmen anschaut.

Bisher haben Sie primär in die Bergbauindustrie investiert. Was qualifiziert Sie zum Investor für Hightech-Unternehmen?

Als Investor ist es meine Aufgabe, Geschäftsmöglichkeiten zu entdecken. Es ist nicht meine Aufgabe, ein Unternehmen zu leiten. Im Fall von Aixtron vertraue ich voll und ganz dem Management.

Wie lange wollen Sie Aixtron behalten?

Ich bin bereit, für eine lange Zeit in Aixtron zu investieren. Meine Investmentphilosophie ist es, Unternehmen mit nachhaltigem Wachstumspotential ausfindig zu machen und als langfristige Finanzanlage zu halten. Ich möchte, dass die Unternehmen sich nachhaltig entwickeln und an Wert gewinnen.

Sie haben versprochen, Aixtrons Hauptsitz in Herzogenrath zu belassen und keine Forschung und Entwicklung oder Arbeitsplätze von den aktuellen Standorten zu verlagern. Was sollte Sie davon abhalten? Letztlich will auch China seine Halbleiterindustrie weiterentwickeln, mit Xiamen als einem seiner Zentren.

Die Aixtron-Mitarbeiter sind hochqualifiziert und sehr erfahren. Diese Experten sind unabhängige Leute, die man nicht dazu zwingen kann, ihr Zuhause 7000 Kilometer nach Osten zu verlagern. Sie würden sofort kündigen. Generell verstehe ich nicht, warum einige Leute ständig Angst davor haben, dass chinesische Investoren Arbeitsplätze nach China verlagern könnten. Schauen Sie sich an, was chinesische Investoren mit Volvo gemacht haben! Schauen Sie, was sie mit dem deutschen Betonpumpenhersteller Putzmeister gemacht haben! Meines Wissens haben sie weder Jobs noch Technologie verlagert - sie haben diese Unternehmen in blühende Firmen verwandelt.

Einer von Aixtrons größten Anteilseignern, Argonaut Capital, hat im Mai davor gewarnt, dass es "anscheinend nichts gibt, was Fujian Grand Chip davon abhält, das Unternehmen zu zerschlagen und Aixtrons Vermögen zu verkaufen". Was sagen Sie zu solchen Befürchtungen?

Noch mal - warum sollte ich so etwas tun? In China gibt es eine große Nachfrage nach Halbleitern, und Aixtron hat die Technologie, um diese Nachfrage zu befriedigen. Wenn ich Aixtron zerschlage, würde ich meine eigenen Geschäftsoptionen zerstören. Und letztlich habe ich laut der Geschäftszusammenschlussvereinbarung mit Aixtron eingewilligt, Aixtron so zu belassen, wie es ist.

49 Prozent von FGC ist im Besitz von Xiamen Bohao Investment Ltd., das wiederum indirekt der lokalen Regierung in Xiamen gehört. Welche Rolle spielt der chinesische Staat bei der Entscheidung, Aixtron zu übernehmen?

Die chinesische Staatsregierung und die Kommunalverwaltungen haben bei meiner Entscheidung, in Aixtron zu investieren, keine Rolle gespielt. Ich habe die Investition nicht mit chinesischen Regierungsbeamten besprochen. Ich gehe allerdings davon aus, dass meine Investitionsentscheidung zu ihrer Politik passt.

Und welche Rolle wird der chinesische Staat nach der Aixtron-Übernahme spielen?

Gar keine. In meiner Firma FGC treffe ich die Entscheidungen alleine.

Die chinesische Regierung hat ihren ambitionierten Plan "Made in China 2025" angekündigt, der darauf abzielt, das Land in einen führenden Fertigungsstandort zu verwandeln. Ist die Aixtron-Übernahme Teil dieses Plans?

Wie ich bereits sagte, haben chinesische Regierungsbeamte keinerlei Rolle gespielt bei meiner Entscheidung, in Aixtron zu investieren. Meine Berater haben diese Gelegenheit entdeckt, und wir haben festgestellt, dass die Nachfrage nach Aixtrons Technologien weltweit da ist, nicht nur in China. Viele Länder stellen Gelder bereit, um Investitionen zu unterstützen, die Technologie ins Land bringt. Ich nutze das aus, in Verbindung mit einem großen Investment aus meinem eigenen Vermögen.

Sie bieten sechs Euro pro Aixtron-Aktie. Lange Zeit wurde sie zu einem höheren Preis gehandelt, bevor sie im Dezember 2015 massive Verluste erlitt. Warum sollten Aktienbesitzer ein Angebot annehmen, das für die meisten von ihnen einen Verlust bedeuten würde?

Die Zeiten des boomenden Neuen Markts sind vorbei, in denen Aixtrons Aktien mit bis zu 20 oder gar 30 Euro gehandelt wurden. Die heutige Realität sieht so aus: Am 30. März lag der Schlusskurs bei 3,91 Euro. Am 8. Februar ging der Schlusskurs sogar runter auf 2,95 Euro. Daher denke ich, sechs Euro sind ein guter und fairer Preis.

Der Crash der Aixtron-Aktie im Dezember folgte auf die Auftragsstornierung des Kunden San'an Optoelectronics. Dieser hat seinen Firmensitz ebenfalls in Xiamen und ist Anteilseigner von Sino IC Leasing, die ihre Übernahme kofinanziert. Das hat in Deutschland Verdacht erregt. Hatten Sie oder Leute in Ihrer Umgebung in irgendeiner Weise mit der Stornierung des Auftrags zu tun?

Die Antwort ist sehr einfach: Nein. Meines Wissens wurde der Auftrag storniert, weil Aixtron nicht die speziellen Qualifizierungsanforderungen erfüllt hat. So steht es in Aixtrons Ad-hoc-Mitteilung vom 9. Dezember 2015. Es stimmt, dass eine Tochterfirma von Sino IC Leasing mein Angebot kofinanziert. Sino IC Leasings Kapital stammt von verschiedenen Firmen, Banken, staatlichen Fonds und privaten Investoren. San'an ist einer davon und hält eine Beteiligung von 5,282 Prozent. Ich glaube nicht, dass dieser Anteil groß genug ist, um auf irgendeinen Deal Einfluss zu nehmen.

Nach den letzten verfügbaren Zahlen ist Ihr Angebot bislang von weniger als 17 Prozent der benötigten 60 Prozent der Aktionäre angenommen worden. Sind Sie besorgt, dass Ihr Angebot abgelehnt wird?

Wenn Sie sich andere Übernahmeangebote anschauen, werden Sie feststellen, dass institutionelle und private Anleger dazu tendieren, bis zuletzt damit zu warten, bis sie ihre Aktien anbieten. Natürlich würde es mir nicht gefallen, wenn das Angebot abgelehnt würde. Ich habe sehr viel Zeit und Geld in diese Sache investiert.

Wenn Ihre Übernahme erfolgreich ist - wann können wir dann erwarten, Sie in Deutschland zu sehen?

Sehr bald. Ich gehe davon aus, dass es viele Dinge gibt, die das Management von Aixtron mit mir besprechen möchte.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
lynx2 04.10.2016
1. Er nennt die Deutsche Bank..
.. als gute Beraterin???!!! Gerade die, die sich verzockt hat , keine Strategie hat und vom Maschinenbau keine Ahnung hat.
romeov 04.10.2016
2. Die Frage ist doch einfach
...gelten die gleichen Spielregeln auch für deutsche Investoren in China und lassen die anderen Europäer sich auch eine Firma nach der anderen wegkaufen? Auf Frau Merkel und ihre Mannschaft würde ich in diesem Spiel nicht bauen, den traue ich nicht zu, dass sie die Tragweiten solcher Vorgänge bewerten können.
bibberbutzke 04.10.2016
3. Die German Angst...
...ist bei solch einem Wirtschaftsminister auch angebracht. Und, bei dieser Bückling Politik sowieso. Und wie die Entindustrialisierung von statten geht und wer die Gewinner und Verlierer sein werden, kann schön in England beobachtet werden.
hman2 04.10.2016
4. Frage an Herrn Liu
Er wird hier nicht mitlesen, aber ich nehme mir dennoch die Frage: Herr Liu, wenn China als Land nicht vor hat, Ideenklau zu betreiben, weshalb behaart die chin. Regierung dann darauf, dass a) eine Chinese Geschäftsführer sein muss b) kein Grund und Boden gekauft werden darf, sondern nur Pacht möglich ist? c) dass die Forschungs- und Entwicklungsarbeit nach China zu verlegen ist? Wer sagt, dass bei ihm da nicht alle Alarmglocken schrillen, der muss blind und taub zugleich sein...
portlana 04.10.2016
5.
Zitat von romeov...gelten die gleichen Spielregeln auch für deutsche Investoren in China und lassen die anderen Europäer sich auch eine Firma nach der anderen wegkaufen? Auf Frau Merkel und ihre Mannschaft würde ich in diesem Spiel nicht bauen, den traue ich nicht zu, dass sie die Tragweiten solcher Vorgänge bewerten können.
naja, die frage was jetzt wirklich so besonders dabei ist. viele Firmen(Konzerne sind schon lange nicht in deutscher Hand. eine zeitlang waren es amis, dann japaner, jetzt sind halt die chinesen. Die welt hat sich immer weiter gedreht. bayer macht es ja auch umgekehrt. willkommen in der globalen welt und nicht erst seit kurzem. Da würde ich schon sagen, nix neues.
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