AKW-Laufzeiten Stadtwerke starten Kampagne gegen Energie-Riesen

Das ist eine Kampfansage: Mehr als 50 Stadtwerke sprechen sich in einer großen Anzeigenkampagne gegen die von der Koalition geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken aus - davon profitierten allein die vier großen Energieversorger.

Kühltürme des Atomkraftwerks im niedersächsischen Grohnde: Mehrheitlich in E.on-Besitz
AP

Kühltürme des Atomkraftwerks im niedersächsischen Grohnde: Mehrheitlich in E.on-Besitz


Berlin - Die Worte sind scharf gewählt: "Vier gewinnen. Millionen verlieren." Unter diesem Titel ist am Donnerstag in vielen Tageszeitungen eine ganzseitige Anzeige erschienen - von der Initiative "Pro Wettbewerb und Klimaschutz". Dahinter stecken mehr als 50 Stadtwerke, auch einige Landesminister gehören zu den Unterzeichnern. Etwa die rheinland-pfälzische Umweltministerin Margit Conrad und der thüringische Wirtschaftsminister Matthias Machnig, beide SPD.

Am Donnerstag will der Bundestag über die von der schwarz-gelben Koalition geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken entscheiden. Von dem Gesetz profitieren der Initiative zufolge allein die vier großen Energieversorger E.on, EnBW, RWE und Vattenfall, die sich "jeden Tag Millionengewinne sichern", während Länder, Kommunen und Stadtwerke geschwächt würden.

Bei den Stadtwerken seien Investitionen von sechs Milliarden Euro in eine CO2-arme Energieversorgung gefährdet, sagte Machnig der "Thüringer Allgemeinen" zur Begründung. Eine Laufzeitverlängerung mache diese Investitionen unrentabel. Zudem werde das Oligopol der vier großen Stromkonzerne gefestigt und die Innovationsdynamik bei erneuerbaren Energien ausgebremst.

Vattenfall verdreifacht Gewinn

Die Zeche zahle am Ende der Verbraucher, heißt es in der Anzeige. "Länder, Stadtwerke und unabhängige Regionalversorger bilden daher einen Schulterschluss" und fordern ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht bei der Ausgestaltung des Energiekonzepts.

Wasser auf die Mühlen der Atomgegner dürfte diese Nachricht sein: Der schwedische Energiekonzern Vattenfall gab am Donnerstag bekannt, dass sich sein Gewinn sich im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf umgerechnet 187 Millionen Euro verdreifacht hat.

Unmittelbar vor der Abstimmung des Bundestags über längere Atomlaufzeiten besetzten Umweltschützer von Greenpeace das Dach der CDU-Zentrale in Berlin. Auch im Parlament geht es in Sachen Atom hoch her.

Union und FDP wollen die Betriebszeit der vor 1980 gebauten sieben Atomkraftwerke um acht Jahre verlängern, die der zehn übrigen Meiler um 14 Jahre. Trotz mindestens fünf Abweichlern im Unionslager gilt eine Mehrheit der Koalition als sicher. Die Laufzeitverlängerung soll ohne Zustimmung des Bundesrats beschlossen werden - in der Länderkammer hat Schwarz-Gelb seit der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen keine Mehrheit mehr.

Das Energiekonzept der Regierung sieht auch den verstärkten Ausbau des Ökostroms vor, bis er einen Anteil von 80 Prozent an der gesamten erzeugten Energiemenge erreicht. Dies soll 2050 der Fall sein. Der Ausbau soll mit Abgaben der AKW-Betreiber für einen Öko-Fonds mitfinanziert werden, der ebenfalls am Donnerstag beschlossen werden soll. Die Konzerne Vattenfall, RWE, E.on und EnBW müssen zudem bis 2016 jährlich eine Kernbrennstoffsteuer von 2,3 Milliarden Euro zahlen. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) verteidigte das Konzept als zukunftsweisend und solide finanziert.

wit/dpa/Reuters



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
rplay 28.10.2010
1. ...
eigentlich ist es einfach, bei der nächsten Stromabrechnung bzw. Überprüfung als Kunde einfach ankreuzen, daß man keinen Atomstrom mehr möchte .... ok, es bleibt noch die Industrie .... aber das wäre schon mal ein Zeichen ....
21Pinto 28.10.2010
2. Mal schauen
ob auch jetzt wieder große Empörung in der Öffentlichkeit folgt. Vor gar nicht langer Zeit haben ja einige Unternehmer und Personen eine ganz ähnliche Anzeigenkampagne gestartet, allerdings pro Kernkraft. Damals war das Geschrei riesig von wegen unverschämten Lobbyismus, käuflicher Politik und dergleichen Stereotypen mehr. Und jetzt??? Oder ist es was anderes, weil die 4 großen Energieunternehmen natürlich BÖSE sind, und die kleinen Energieunternehmen sind GUT? Oder die CDU/FDU käuflich und BÖSE, wenn sie die Atomkraft verlängert, und die Grünen/SPD käuflich und GUT, wenn sie aus der Atomkraft aussteigen?
Schwede2 28.10.2010
3. Brutalst mögliche Strippenzieher am Werk
Zitat von sysopDas ist eine Kampfansage: Mehr als 50 Stadtwerke kämpfen in einer großen Anzeigenkampagne gegen die von der Koalition geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken - davon profitierten allein die vier großen Energieversorger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725846,00.html
Volkes Meinung und ökonomische Kleinbetriebe, zu denen Stadtwerke nun mal zählen, sind in den Augen derer, die hier brutalst möglich Strippen für die 4 Quasi-Monopolisten ziehen, vollkommen uninteressant. Von wegen parlamentarisch legitimiert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Souverän hat der Bundesregierung gerade und gezielt die parlamentarische Legitimation für die Laufzeitverlängerung entzogen. Der Ausgang der Wahl in NRW ist genau in dieser Weise zu interpretieren. Aber Mappus + Co. fallen bestimmt andere "Argumente" ein, warum auch dieser Weg ihrer Clique alternativlos ist. Der 27.März 2011 wird kommen. Dann wird ein weiteres Unterstützerland /BW) verloren gehen.
M. Michaelis 28.10.2010
4. ...
Zitat von sysopDas ist eine Kampfansage: Mehr als 50 Stadtwerke kämpfen in einer großen Anzeigenkampagne gegen die von der Koalition geplante Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken - davon profitierten allein die vier großen Energieversorger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725846,00.html
Stimmt von der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken profitieren deren Betreiber. Intressant isr das Argument man mache mit der Laufzeitverlängerung kommunales Energieinvestment unrentabel. Was nichts anderes heisst die Stadtwerke produzieren ihren Strom teurer als die Großkonkurrenten. Da die Stromkunden ihren Lieferanten frei wählen können werden viele nicht den teuren kommunalen Strom sondern den billigeren aus Grossanlagen kaufen. Hinzu kommt dass Kleinproduktion immer teurer ist als Grossproduktion. Das lustige ist dass die ganzen neu entstehenden Kommunalen Versorger sich in eine paar Jahren wieder zusammenschliessen müssen, weil sie zu teuer produzieren. Sie müssen Know-How von externen Dienstleistern einkaufen. Es fehlt an allem. Man beherrscht die Technik nicht, die komplizieren Kalkulationen und Abrechnungen, man braucht externe Hilfe beim Vertrieb und Service.
Fackus 28.10.2010
5. alles nicht so leicht ...
Zitat von rplayeigentlich ist es einfach, bei der nächsten Stromabrechnung bzw. Überprüfung als Kunde einfach ankreuzen, daß man keinen Atomstrom mehr möchte .... ok, es bleibt noch die Industrie .... aber das wäre schon mal ein Zeichen ....
habe grade mit meinen Stadtwerken gesprochen, daß ich ausschliesslich mit Atomstrom versorgt werden will. So auch nicht möglich. Die EEG-Lobby hat das Land (noch) im Griff.
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