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15. März 2011, 06:28 Uhr

AKW-Wende

Deutsche Atomlobby sieht schwarz-gelb

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Die Macht der Energiekonzerne schwindet. Angesichts der geplanten Abschaltung von alten Atomkraftwerken bangen die Manager um ihre Gewinnbringer. In der Branche macht sich Ernüchterung breit - den Unternehmen droht sogar eine unangenehmere Zeit als unter Rot-Grün.

Hamburg - Die Statements deutscher Energiemanager klingen derzeit schwer nach Durchhalteparolen: "Unsere Anlagen werden nach höchsten Sicherheitsstandards betrieben", beteuerte ein Sprecher von Eon. "Wichtig ist, dass es keinen deutschen Alleingang gibt", sagte RWE-Chef Jürgen Großmann der "Bild"-Zeitung - mit Blick auf einen Atomausstieg. Das Atomforum versucht, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen, indem es den Betrieb der deutschen Kernkraftwerke als "gefahrlos" bezeichnet.

Doch was immer die Energieversorger derzeit zur Nuklearkatastrophe zu sagen haben - ihre Worte verpuffen nahezu wirkungslos. Binnen Tagen schmilzt die Deutungshoheit in Energiefragen und damit der bisher legendäre Einfluss auf die Bundesregierung dahin.

E.on, RWE, EnBW und Vattenfall droht damit nicht weniger als der Verlust eines außerordentlich wichtigen Teils ihres Geschäftsmodells. So stammt etwa ein Viertel der Stromerzeugung von RWE in Deutschland aus Atomstrom, bei E.on liegt der Anteil fast doppelt so hoch.

Ausgerechnet die abgeschriebenen Kernkraftwerke, mit denen sie jedes Jahr Milliardengewinne erzielen, könnten schneller als geplant vom Netz genommen werden. Denn die Bundesregierung plant offenbar eine Kehrwende in der Energiepolitik.

Noch am Montag beschlossen die Präsidien von CDU und FDP, die Laufzeitverlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre für deutsche Atomkraftwerke für drei Monate auszusetzen. Die ältesten Meiler sollen vorübergehend abgeschaltet werden, sagte Kanzlerin Angela Merkel. Die Ereignisse in Japan seien eine "Zäsur". Bei einer Schonfrist wird es wohl nicht bleiben. Vize-Kanzler Guido Westerwelle (FDP) bekräftigte die Wende in der deutschen Atompolitik. "Das Moratorium ist keine Vertagung. Das Moratorium ändert die Dinge", sagte er.

"Die Atomlobby könnte schon bald allein im Regen stehen"

Alle Meiler sollen erneut überprüft werden, denn die Bilder der explodierenden Reaktorblöcke in Japan lassen die Beteuerungen der deutsche Konzerne in einem anderen Licht erscheinen. Auch das Hochtechnologieland Japan rühmte sich bester Standards bei Kernkraftwerken, die Atomindustrie beschwor wie die deutsche ihre hohe Sicherheitskultur.

"Die Atomlobby könnte schon bald allein im Regen stehen", sagt Analyst Theo Kitz von der Bank Merck Finck. Immerhin ist der Druck immens, unter dem die Bundesregierung steht kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. "Keines von den jetzt diskutierten Szenarien für die Atomkraft in Deutschland ist für die Industrie positiv."

Die mögliche Kernschmelze in Japan erschüttert daher auch das Vertrauen der Investoren in ihre einstigen Lieblinge. An der Börse in Frankfurt waren Energieversorger am Montag folglich die Hauptverlierer. Eon verlor bis zum frühen Nachmittag 6,1 Prozent auf 21,67 Euro, RWE rangierte knapp dahinter mit einem Minus von 5,1 Prozent. Der Dax gab nur gut ein Prozent nach.

Ihren Nimbus als zuverlässiger Dividendenlieferant dürften die Versorger endgültig einbüßen. Auf eine Million Euro schätzen Experten den Gewinn, den ein Atomkraftwerkbetreiber am Tag mit einer Anlage macht. "Das ist der Hauptgrund, warum Investoren in der Vergangenheit scharf auf deutsche Versorgeraktien waren", sagt Kitz. Er schätzt, dass vom gegenwärtigen Eon-Kurs (knapp 22 Euro) etwa sechs bis sieben Euro aus der einträglichen Stromproduktion aus Atomkraftwerken resultiert.

Es droht unangenehmer zu werden als unter Rot-Grün

Zuletzt hatten die Energieversorger mit der Bundesregierung eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken um durchschnittlich zwölf Jahre ausgehandelt. Anders als von der Opposition beklagt, handelte es sich jedoch keinesfalls um einen Kniefall von Schwarz-Gelb vor den Konzernbossen.

Zusätzliche Gewinne aus den längeren Laufzeiten sollten abgeschöpft werden, zudem quälte die Regierung die Konzerne mit einer Brennelementesteuer. Diese hatte dazu geführt, dass die Unternehmen zuletzt reihenweise verhaltenen Prognosen für das Geschäft in den kommenden Jahren abgaben.

Die Rückabwicklung des Deals könnte die Energiewirtschaft jedoch in eine noch unangenehmere Situation befördern als unter Rot-Grün. Allem Anschein nach könnte die Bundesregierung an der Brennelementesteuer auch im Fall der Rücknahme der Laufzeitverlängerung festhalten.

So rechnet Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) unabhängig von möglichen Änderungen bei den Laufzeiten der Kernkraftwerke weiter mit einer Abgabe der Atomkonzerne von jährlich 2,3 Milliarden Euro. Die sogenannte Kernbrennstoffsteuer sei eine Teilkompensation von Lasten - etwa für das Atomendlager Asse, hieß es am Montag im Finanzministerium in Berlin. "An der Asse-Problematik ändert sich durch die bedauerliche Entwicklung in Japan nichts."

Damit verlieren die Energieversorger weiter an Attraktivität für Kreditgeber und Aktionäre. "Wie schwer eine Rücknahme der längeren Laufzeiten wiegt, misst sich vor allem daran, ob auch die Brennelementesteuer zurückgenommen wird", sagt Analyst Sven Diermeier von Independent Research.

E.on, RWE und Co. stehen nicht mehr für Sicherheit im Portfolio

Längst vorbei sind die Zeiten, da E.on , RWE und Co. in Portfolios für Sicherheit und die langfristige Aussicht auf hohe Dividenden standen. "Die Versorger sind nicht mehr so ein sicheres Investment wie vor drei, vier Jahren", sagt Diermeier. Die Lage in Japan und die Folgen sei der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Angesichts des massiven Drucks weichen manche Versorger ihre Haltung bereits auf. Eine Vattenfall -Sprecherin sagte manager magazin, ihr Unternehmen werde die Ereignisse in Japan genau untersuchen, und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen. Ob das auch bedeuten könne, die Meiler Brunsbüttel und Krümmel abgeschaltet zu lassen, ließ sie offen. Die Anlagen sind Siedewasserreaktoren - wie die Katastrophenmeiler in Japan.

Auch RWE schlägt inzwischen defensive Töne an. "Das Primat liegt bei der Politik", sagte ein RWE-Sprecher mit Blick auf neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Der kurze Draht zum Kanzleramt solle aber auf jeden Fall bestehen bleiben, mahnt er. "Wir gehen davon aus, dass wir zu Gesprächen eingeladen werden." Angesichts der neuen politischen Isolation der Unternehmen dürfte dies jedoch keine Selbstverständlichkeit mehr sein.

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