Aldi-Entführung Zwölf Tage, die zwei Milliardäre zum Schweigen brachten

Milliarden-Phantom auf der Flucht vor der Öffentlichkeit: Der verstorbene Theo Albrecht lebte zurückgezogen wie kaum ein anderer Unternehmer. Seit der Entführung des Patriarchen im Jahr 1971 waren er und sein Clan traumatisiert - der Discounter-Chef verbrachte zwölf Tage in einem Kleiderschrank.

manager magazin

Von und


Essen/Hamburg - Die Überschriften aus dem Februar dieses Jahres waren symptomatisch: "Karl Albrecht vermutlich 90 Jahre", hieß es da. Oder: "Geburtstag eines Phantoms, das heute 90 werden soll". Es hieß "werden soll" und nicht "wird" - denn genau wusste niemand, ob der legendäre Gründer des Discount-Riesen überhaupt noch lebt. Das gleiche galt zum damaligen Zeitpunkt für seinen am vergangenen Samstag verstorbenen Bruder Theo Albrecht, von dem ebenfalls weder das genaue Geburtsdatum noch sein Wohnort bekannt waren.

Wohl kaum eine Unternehmerfamilie hat aus ihrem Privatleben ein solches Geheimnis gemacht wie die beiden Brüder, die den Krämerladen ihrer Mutter binnen weniger Jahrzehnte zum erfolgreichsten Handelskonzern Deutschlands machten. Und die mit ihrem radikalen Discount-Prinzip nicht nur den Einzelhandel grundlegend beeinflusst und verändert haben.

Der als scheu bekannte Apple-Gründer Steve Jobs gibt kaum Interviews, feiert dafür aber seine Produktvorstellungen als öffentliche Events. Die Queen redet mit Journalisten, und selbst der Papst meldet sich hin und wieder in der Presse - nur die Aldi-Brüder schwiegen komplett - Karl ebenso wie der nun verstorbene Theo. Und mit ihnen schwiegen der Konzern, ihr Umfeld, die ganze Region Essen.

Der Grund für die absolute Verschwiegenheit ist so einfach wie dramatisch: "Wenn Sie zwölf Tage in einem Kleiderschrank gesessen und um Ihr Leben gebangt haben, dann reduzieren Sie ganz zwangsläufig Ihre öffentlichen Auftritte", sagt ein langjähriger Vertrauter von Theo Albrecht. Er spielt damit auf das Ereignis an, das Theo, seinen Bruder Karl, aber auch die gesamte Familie für immer traumatisiert hat: die Entführung Theos im Jahr 1971.

Die dreiwöchige Leidensgeschichte des Theo Albrecht

Damals, im November 1971, begann für den Aldi-Mitbegründer ein Martyrium: Der Unternehmer wurde von zwei 47 und 39 Jahre alten Tätern entführt - einem Rechtsanwalt mit hohen Spielschulden und einem mehrfach vorbestraften Tresorknacker. Die Entführer wurden zwar wenig später gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt. Knapp die Hälfte des für damalige Verhältnisse extrem hohen Lösegelds von sieben Millionen Mark wurde jedoch nie gefunden. Und das, obwohl Theo einen Finderlohn von 600.000 Mark in Aussicht gestellt hatte.

Dreimal hatten die Kidnapper dem damals 49 Jahre alten Aldi-Gründer vor der Hauptverwaltung in Herten aufgelauert. Beim ersten Mal verließ sie im letzten Moment der Mut, beim zweiten Mal hatten sie ihre Waffen vergessen. Am 29. November 1971 verschleppten sie schließlich ihr Opfer mit vorgehaltener Pistole in die Kanzlei des 47-jährigen Anwaltes mitten in der Düsseldorfer Innenstadt.

Sie kaperten seinen Mercedes 280 SL mit dem Kennzeichen RE-AL 280, mit dem Albrecht gerade auf dem Weg nach Hause war. Weil sie zunächst nicht glaubten, dass der unscheinbare Insasse ohne Chauffeur tatsächlich der millionenschwere Unternehmensgründer war, ließen sie sich zuerst den Personalausweis zeigen. Albrecht, der einen abgewetzten Anzug von der Stange trug, schien ihnen wenig glamourös.

Lösegeldübergabe an den Bischof

"Im Unternehmen hieß es damals zunächst, Theo Albrecht bleibe wegen eines Schnupfens zu Hause", erzählt ein ehemaliger Manager, der einst zum engsten Führungsgremium des Konzerns gehörte. Aber das sorgte umso mehr für Verwunderung, weil das noch nie vorgekommen war. Wenige Tage später wurde dann auch öffentlich bekannt, dass der Newcomer aus der Handelsbranche verschwunden war.

Im Essener Polizeipräsidium lief die bis dahin größte Fahndung der Bundesrepublik an. 164 Ermittler einer Sonderkommission gingen jedem brauchbaren Hinweis nach, um das Versteck der Kidnapper aufzuspüren. Nach zähen Verhandlungen der Polizei mit den Entführern, die sich per Brief oder Telefon meldeten, erklärte sich schließlich der Ruhrbischof Franz Hengsbach bereit, "unter der Schweigepflicht des Beichtgeheimnisses" für die Lösegeldübergabe zu sorgen. Am 16. Dezember 1971 händigte der Bischof auf einem dunklen Feldweg in Breitscheid bei Düsseldorf den Entführern in zwei Koffern das Lösegeld aus und sorgte damit für die Freilassung Albrechts.

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Aldi: Die Brüder, die Erben, das Imperium

Anschließend blieb der Unternehmer - wie mit den Kidnappern vereinbart - noch 24 Stunden in der Residenz des Bischofs. Am Abend des 17. Dezember 1971 kehrte er wohlbehalten zu seiner Familie zurück. Bei den Beamten der Sonderkommission, die mehr als 10.000 Überstunden gemacht hatten, bedankte sich Albrecht mit 120 Flaschen Sekt, zwei Fässern Bier und zwölf Flaschen Schnaps.

Theo sprach nie wieder mit Journalisten

1979 wurde die Entführung noch einmal zum Thema. Damals versuchte Albrecht, die Lösegeldsumme steuerlich als "betriebliche Sonderausgaben" geltend zu machen. Das Finanzamt und später auch das Düsseldorfer Finanzgericht ließen den Milliardär jedoch abblitzen.

Aus den Tagen nach der glücklichen Freilassung Theos stammen auch die letzten Fotos von ihm. Welche Schlüsse er aus dem Erlebnis für sich selbst zog, konnten Journalisten und andere Interessierte damals noch nicht ahnen: Nie wieder sprach Theo mit Reportern, ließ sich nicht mehr fotografieren und mied die Öffentlichkeit. "Das Ganze ist ja nur passiert, weil irgendwie öffentlich geworden ist, dass da ein großer Neustarter unterwegs war", erklärt ein enger Vertrauter das Verhalten.

Die extreme Zurückhaltung habe sich dann auch auf das gesamte Unternehmen erstreckt. Deshalb haben Theo und Karl, ihre Kinder und ihre Firmen stets geschwiegen - und schweigen bis heute eisern. Egal, ob die Anfragen aus Deutschland, Europa oder den USA kommen. Die Erklärung zum Tod Theo Albrechts (siehe unten), spottet ein Aldi-Kenner, sei deshalb wahrscheinlich das längste Fax der Unternehmensgeschichte gewesen.

Todesmeldung im Wortlaut
Wie Aldi-Nord von seinem Gründer Abschied nimmt: Klicken Sie auf die Überschrift, um den Wortlaut zu lesen...
"Wir trauern um Theo Albrecht"
Wir trauern um unseren Unternehmensgründer Theo Albrecht

Die Unternehmensgruppe ALDI NORD gibt bekannt, dass ihr Gründer, Theo Albrecht, am vergangenen Samstag, 24. Juli 2010, im Alter von 88 Jahren in seinem Geburtsort Essen verstorben ist.

Als Unternehmensgründer und Pionier im Discounthandel prägte Theo Albrecht jahrzehntelang die Geschicke unserer Unternehmensgruppe, entwickelte eine Unternehmensphilosophie auf Basis klassischer Kaufmannswerte und initiierte mit dem ALDI-Prinzip „Qualität ganz oben – Preis ganz unten“ tief greifende Innovationen im deutschen Einzelhandel. Dem in den 60er Jahren von ALDI eingeführten Discountsystem ist es zu verdanken, dass hochwertige Lebensmittel und Konsumgüter für alle Verbraucher in Deutschland erschwinglich wurden.

Theo Albrecht entstammte einer traditionellen Kaufmannsfamilie. Nach einer Lehre im elterlichen Feinkostgeschäft in Essen-Schonnebeck übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder Karl 1946 das Geschäft und baute es innerhalb kurzer Zeit zu einem der erfolgreichsten Einzelhandelsunternehmen in Deutschland aus. Anfang der 60er Jahre teilten die Brüder die Vertriebsgebiete unter sich auf: Theo übernahm den Norden Deutschlands und sein Bruder Karl den Süden. Durch ihre Familien blieben die beiden Unternehmensgruppen als wettbewerbliche Einheit im ALDI-System aber miteinander verbunden. Dank des durchschlagenden Erfolgs des Discountprinzips, expandierten beide ALDI-Gruppen innerhalb von kurzer Zeit national und international.

Theo Albrecht trieb die Internationalisierung seiner Unternehmensgruppe ALDI NORD dabei stets mit Bedacht, Weitsicht und klaren Zielsetzungen voran: Nach Belgien, Dänemark, den Niederlanden und Luxemburg folgten Frankreich, Spanien, Portugal und Polen. Parallel wurde in den USA der im dortigen Markt überaus erfolgreiche Premium-Discounter „Trader Joe’s“ weiterentwickelt. In den 90er Jahren folgte, im Zuge der deutschen Einheit, ein kontinuierliches Wachstum von ALDI NORD auch in den Neuen Bundesländern.

Das ALDI-Prinzip als Grundstein des Erfolgs zeichnet sich durch die Konzentration auf das Wesentliche aus: Eine begrenzte Auswahl an Artikeln des täglichen Bedarfs, eine effiziente Struktur mit niedrigen Systemkosten bei der Ladengestaltung und Warenpräsentation sowie eine kontinuierliche Optimierung der Logistik. ALDI steht für einen kompromisslosen Qualitätsanspruch bei dauerhaft niedrigen Verkaufspreisen. Eine Unternehmensphilosophie, die sich über Jahrzehnte bewährt hat und der vier von fünf Haushalten in Deutschland regelmäßig vertrauen.

Theo Albrecht setzte seit Beginn seines unternehmerischen Handelns auf uneingeschränkte finanzielle Solidität. Aus diesem Grund hat die Unternehmensgruppe ALDI NORD bis heute keinerlei Verbindlichkeiten. Auch hat unser Firmengründer bereits zu Lebzeiten über eine vorausschauende Nachfolgeregelung die Zukunft der Unternehmensgruppe ALDI NORD und, damit verbunden, die Arbeitsplätze von weltweit über 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, abgesichert. Seit einigen Jahren wird die Unternehmensgruppe durch erfahrene ALDI-Manager geführt, die unabhängig von Theo Albrecht und seiner Familie alle operativen Entscheidungen treffen. Das Unternehmensvermögen ist in Stiftungen gebunden, die nicht auflösbar sind. Damit ist eine auf Dauer angelegte unternehmerische und vermögensmäßige Kontinuität garantiert, welche auch zukünftig den Ausbau und die Fortentwicklung von ALDI NORD sicherstellt.

ALDI trauert um einen Menschen, der gegenüber seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern bescheiden auftrat und sie immer mit großem Respekt behandelte. Wir verlieren mit ihm unseren hoch geschätzten Unternehmensgründer und aufrichtigen Menschen. Wir danken Theo Albrecht für sein stets vorbildliches, engagiertes und mutiges Handeln. Wir werden sein Vermächtnis in seinem Sinne respektvoll fortsetzen.

Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie.

Gesellschafter, Verwaltungsrat und Geschäftsführungen der Unternehmensgruppe ALDI NORD

Mit Material von dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Lietus 29.07.2010
1. nt
"Im Essener Polizeipräsidium lief die bis dahin größte Fahndung der Bundesrepublik an." Oh, welch Überraschung. Genau so überraschend wie die Wiederentdeckung des geklauten Wagens von Thomas de Maizière. Animal Farm lässt grüßen...
heinrichp 29.07.2010
2. Armer Milliardär
Zitat von sysopMilliarden-Phantom auf der Flucht vor der Öffentlichkeit: Der verstorbene Theo Albrecht lebte zurückgezogen wie kaum ein anderer Unternehmer. Seit der Entführung des Patriarchen im Jahr 1971 waren er und sein Clan traumatisiert - der Discounter-Chef verbrachte zwölf Tage in einem Kleiderschrank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708950,00.html
Armer Milliardär, lieber weniger an Geld und seine Freiheit und seinen Frieden haben. Diese Menschen haben es nicht einfach, wohnen in Häuser die wie Gefängnisse umzäunt sind, selbst ihr Privatleben in ständiger Angst entführt zu werden.
christoph. 29.07.2010
3. Zurückgezogen
Das wird immer so kolportiert, dass die Entführung der Grund für die Diskretion der Albrecht-Brüder gewesen sei. Tatsche ist, dass sie schon immer sehr zurückgezogen waren. Ein Dokumentarfilmer, der vor einigen Jahren ein mehrstündiges Gespräch mit Theo Albrecht geführt hat, ist der Meinung, dass die Kriegserfahrungen und die Gefangenschaft der Beiden der Hauptgrund dafür sind. Die Entführung hat das vermutlich noch verstärkt.
Stefan Albrecht, 30.07.2010
4. Keine sichere Erklärung aber
Zitat von sysopMilliarden-Phantom auf der Flucht vor der Öffentlichkeit: Der verstorbene Theo Albrecht lebte zurückgezogen wie kaum ein anderer Unternehmer. Seit der Entführung des Patriarchen im Jahr 1971 waren er und sein Clan traumatisiert - der Discounter-Chef verbrachte zwölf Tage in einem Kleiderschrank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708950,00.html
Nun, wie alle Forumsteilnehmer hier weiss natürlich auch ich nicht exact, warum sich die Albrecht Brüder so selten in der Öffentlichkeit zeigten, aber aus meiner Sicht gibt es doch einen guten Grund, sich wie sie zu verhalten: Sie hatten im Gegensatz zu den meisten heutigen Prominenten keinen Dachschaden und waren sich darüber im klaren, dass all die Interviewer und all jene, die in der Öffentlichkeit immer Prominente bejubeln und bewundern, keine echten Freunde sind, sondern orientierungslose Leute, die sich zwanghaft ein Idol suchen und jenes umgehend verstoßen, sobald es nicht mehr ins eigene Schema des Unfehlbaren passt. Ich wage es zu behaupten, dass 90% derjenigen, die sich heute kontinuierlich in der Öffentlichkeit zeigen, neurotisch sind und geradezu einen Zwang verspüren, immer von noch mehr bewundert zu werden, weil sie eigentlich keine Leute haben, mit denen sie sich wirklich austauschen können und die hinter ihnen stehen, wenn es ihnen mal finanziell nicht mehr so gut geht. Sie fallen ins Leere. Die Albrecht Brüder hatten vielleicht eine gute Familie und wahrscheinlich half ihnen auch der feste Glaube, den sie nach Medienberichten hatten zu verstehen, dass die reale Welt wichtiger als die Scheinwelt der Medien ist und dass nur wirkliche Freunde wichtig sind und nicht bewundernde Massen. Zusätzlich waren sie sich sicher auch des Risikos von Neidern bewußt, die bei einer starken Medienpräsenz auf den Plan getreten wären und durch ihre eventuell möglichenen Aktivitäten einen hohen Sicherheitsaufwand notwendig gemacht hätten. Alles in allem halte ich die Albrecht Brüder eher für ein positives Beispiel in dieser Hinsicht, weil sie vielleicht trotz ihrer Milliarden nicht vergessen haben, auf was es wirklich im Leben ankommt und verstanden haben, dass der Medienrummel eher das Leben versaut mit seiner Scheinwelt als es aufzuheitern. Aber wie gesagt, ich kenne und kannte keinen von beiden, und obwohl ich den gleichen Namen wie sie trage sind sie auch nicht verwandt mit mir.
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