Ex-Aldi-Manager "Das System lebt von Kontrolle und Angst"

Diskretion ist bei Aldi das oberste Gebot. Nun bricht ein ehemaliger Manager mit dieser Regel und liefert einen Blick hinter die Kulissen des Discounters. Im Interview schildert Andreas Straub Schikanen gegen Mitarbeiter und erklärt, warum der Konzern ihn dennoch faszinierte.

Aldi-Logo vor einer Filiale in Köln: Berichte über Mobbing und Kontrollwahn
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Aldi-Logo vor einer Filiale in Köln: Berichte über Mobbing und Kontrollwahn


Hamburg - Andreas Straub legte bei Aldi Süd eine steile Karriere hin. Mit 22 Jahren fing er bei dem Discounter an, bereits ein Jahr später war er als Bereichsleiter für mehrere Filialen zuständig. Als einer der Besten seines Jahrgangs hatte der Jungmanager ein Nachwuchsprogramm bei Daimler absolviert. Doch der Autokonzern erschien ihm zu träge, darum heuerte er bei Aldi an. Eigene Ideen einbringen und Innovationen umsetzen - das war Straubs Traum.

Doch die Ernüchterung folgte schnell. Nun avanciert Straub zum Feindbild des Konzerns. Er hat ein Buch geschrieben, in dem er ein dunkles Bild von Aldi zeichnet: Mit strengen Kontrollen würden Mitarbeiter gegängelt, Kritiker abserviert, knallharte Personalpolitik und Rauswürfe, so Straub, sollen die Kosten drücken. Auch er musste schließlich gehen. Im Interview berichtet er, wie Aldi tickt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Straub, wenige Wochen nach Ihrem Einstieg bei Aldi hat Sie ein Chef als "fauler Sack" beschimpft. Warum haben Sie sich das gefallen lassen?

Straub: Ich habe schon überlegt, hinzuschmeißen. Aber dann hat mich der Ehrgeiz gepackt und ich dachte: Da beißt du dich durch. Denen werde ich's zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Das Prinzip Härte statt Lob stachelt die Mitarbeiter also an?

Straub: In gewisser Weise ist das die Aldi-Art, Mitarbeiter zu motivieren. Mich hat es nicht angestachelt. Aber ich dachte damals: Aldi ist ein erfolgreiches Unternehmen. Das wird schon seine Gründe haben. Dann muss ich vielleicht mehr Leistung bringen. Ich war ja, wie die meisten meiner Kollegen, ein Frischling ohne großartige Berufserfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an Aldi fasziniert?

Straub: Es ist ein sehr verschwiegenes Unternehmen, straff und schlank organisiert. Die Inhaber sind die reichsten Deutschen. Dieser Erfolg macht das Unternehmen auch als Arbeitgeber sexy. Ehrlich gesagt auch ein verlockendes Gehalt und ein Dienstwagen. Ich dachte, in diesem Unternehmen habe ich gute Karriereaussichten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie angefangen, das System bei Aldi zu hinterfragen?

Straub: Gleich zu Beginn hatte ich starke Zweifel. An meinem zweiten Arbeitstag war ich dabei, als ein langjähriger Mitarbeiter entlassen wurde. Da habe ich erstmals erlebt, wie solche sogenannten Trennungsgespräche laufen: Es wird eine Drucksituation aufgebaut, zwei oder drei Leute von Aldi überhäufen den Betroffenen mit Vorwürfen. Er wird stundenlang erpresst, bedroht und weichgekocht, bis er nicht mehr kann. Das regelmäßige Ende solcher Gespräche ist ein Aufhebungsvertrag.

SPIEGEL ONLINE: Das kam öfter vor?

Straub: Ja, vielleicht nicht in dieser Intensität, aber Schikanen und massiver Druck sind Alltag. Wer nicht mehr ins System passt, wird gemobbt. Das System lebt von totaler Kontrolle und Angst.

SPIEGEL ONLINE: Für Aufregung sorgt das Thema Überwachung. Der SPIEGEL hat aufgedeckt, dass Aldi nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Kundinnen heimlich filmte. Haben Sie das selbst erlebt?

Straub: Ich kann mich an ein oder zwei Fälle erinnern, wo Filialleiter in diese Richtung aktiv wurden. Allerdings wurde das nicht toleriert. Im angesprochenen Fall gehe ich persönlich nicht davon aus, dass das Top-Management von den Praktiken wusste. Denn bei Aldi geht es immer um Gewinnmaximierung. Ich sehe keinen Vorteil für das Unternehmen durch solche Videos. Ich frage mich eher, wie es sein kann, dass diese hessischen Filialleiter so viel Zeit haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Überwachungskameras in Ihrem Buch als durchaus hilfreiches Mittel, um Ladendiebe und auch unehrliche Mitarbeiter zu überführen, etwa wenn es um Betrug mit Pfandflaschen geht. Ohne Überwachung geht es also nicht im Einzelhandel?

Straub: Generell ist das schon notwendig. Aber die Frage ist, wie stark man Überwachung einsetzt. Bei Aldi wurde das exzessiv betrieben, und es wurden Grenzen überschritten. Das war teilweise schon widerlich.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Straub: Man hat in einer Filiale, in der es Probleme bei der Inventur gab, versteckte Mini-Kameras über den Kassen und im Büro installiert, um lückenlos alles zu überwachen. Ein Detektiv wurde beauftragt, die Anlage heimlich zu installieren und die Filme auszuwerten.

SPIEGEL ONLINE: Wie schafft es Aldi, dass die Mitarbeiter sich anpassen? Auch Sie haben ja durchaus erfolgreich dort gearbeitet?

Straub: Aldi stellt bevorzugt jüngere Mitarbeiter ein, die formbarer sind. Die werden von Älteren eingearbeitet und auf Linie gebracht. Teilweise sehr deutlich, teilweise subtil. Bei mir lief die Anpassung etwas schleppender. Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich mich dringend angleichen sollte. Der für mich einprägsamste, weil immer wieder gehörte, Satz war: "Das Unternehmen Aldi wird sich nicht ändern, Sie müssen sich ändern."

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern haben Sie selbst auch mal Härte gezeigt?

Straub: In der Logik des Systems habe ich funktioniert. Einmal hat eine Verkäuferin Stimmung gegen mich gemacht. Dann habe ich in Absprache mit meinem Vorgesetzten dafür gesorgt, dass sie geht. Das sehen natürlich die anderen und wissen: Der greift durch. Aber ich bezweifle dennoch, dass ein System übertriebener Härte und Kontrolle nötig ist.

SPIEGEL ONLINE: Was fanden Sie nicht in Ordnung?

Straub: Es gab Testkäufe durch verdeckte Aldi-Kontrolleure, um die Arbeitsqualität an der Kasse festzustellen. Es werden etwa Waren im Wagen versteckt platziert, um zu sehen, ob die Kassierer aufmerksam sind. Diese Testkäufe finden exzessiv statt, und es wird auch manipuliert. Fast jeder Verkäufer bekommt auf diese Weise Abmahnungen, die später bei einem Rauswurf helfen können. Man konnte bei Detektiven auch extra schwierige Testkäufe für bestimmte Mitarbeiter bestellen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Kollegen sich nicht gewehrt, etwa über Betriebsräte?

Straub: Betriebsräte sind bei Aldi Süd absolut verpönt. In meiner Region gab es keinen Betriebsrat. Das Management machte klar: Wir wollen uns von niemandem reinreden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben bei Aldi ein System, langjährige und deshalb teure Mitarbeiter rauszudrängen und aus Kostengründen auf neue Leute zu setzen. Aber wie verkraftet ein so durchorganisierter Konzern wie Aldi die ständigen Wechsel?

Straub: Azubis, Verkäufer, Filialleiter und sogar Bereichsleiter sind kleine, austauschbare Lichter, die nur dazu da sind, das System auszuführen. Die Einarbeitung geht schnell, denn die Tätigkeiten sind standardisiert. Erst ab der Ebene der Prokuristen und Geschäftsführer gibt es weniger Fluktuation. Diese Leute sorgen dafür, dass es läuft. Sie sind die Wächter des Systems.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten, dass Sie am Ende ihrer Aldi-Karriere gemobbt wurden. Warum wollte man ausgerechnet Sie loswerden?

Straub: Wer sich dem System Aldi nicht anpasst, der gerät ganz schnell auf die Abschussliste. Außerdem war ich nicht mehr so billig wie anfangs. Wen man nicht sofort loswerden kann, der wird mit Schikanen und Mobbing mürbe gemacht. Aldi duldet keine Kritik. Und ich habe immer wieder kritische Hinweise gegeben. Es gab objektiv gesehen aber nicht viel zu beanstanden bei mir. Meine Leistung war anerkannt, ich habe gute Zahlen geliefert.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende hat Aldi Ihnen gekündigt. Wären Sie ansonsten heute noch dort?

Straub: Ich wäre wohl selbst ausgestiegen. Vielleicht ein paar Monate später. Auf Dauer hätte ich das nicht machen können.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Ihr Buch Aldi ernsthaft schaden wird?

Straub: Es sorgt dafür, dass viele Dinge öffentlich werden. Ich glaube aber nicht, dass sich grundlegend etwas ändern wird. Dazu funktioniert das System schon zu lange. Aber auch eine minimale Verbesserung wäre schon ein Fortschritt.

SPIEGEL ONLINE: Wen wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Straub: Die Mitarbeiter und die Verbraucher. Wenn sich etwas ändern soll, kann der Druck nur von den Verbrauchern ausgehen. Aber viele sind auf die günstigen Preise angewiesen, und manche interessieren sich auch nicht für die Hintergründe.

SPIEGEL ONLINE: Basiert das Buch nur auf Ihren eigenen Erfahrungen oder sind auch Erlebnisse von Kollegen mit eingeflossen?

Straub: Ich habe Berichte von Mitarbeitern aus allen Ebenen von Aldi Süd und Aldi Nord bekommen und Unterlagen ausgewertet. Das zeigt auch, dass die Kritikpunkte nicht wie von Aldi behauptet Einzelfälle sind. Ich selbst hatte mir noch während meiner aktiven Zeit immer wieder Notizen gemacht, wenn mir alles zu viel wurde. Aber geplant war das Buch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie eine Klage von Aldi?

Straub: Bisher habe ich von offizieller Seite noch nichts gehört. Aber ich hatte am 1. Mai einen eigenartigen Anruf mit unterdrückter Nummer. Eine männliche Stimme sagte: "Halt bloß die Klappe. Das wirst du uns noch büßen." Dann wurde aufgelegt. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich bekomme zahlreiche Zuschriften von Aldi-Mitarbeitern, die meine Erfahrungen bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihrem Buch dürfte Ihre Karriere bei sämtlichen Konzernen verbaut sein. Wie geht es nun weiter?

Straub: Im Einzelhandel werde ich keine Anstellung mehr bekommen. Aber das will ich auch nicht. Ich habe mich mit einem Öko-Mode-Label selbständig gemacht. Dieses Buch war und ist einfach eine Herzensangelegenheit.

Das Interview führte Maria Marquart

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insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
glen13 02.05.2012
1.
Zitat von sysopDPADiskretion ist bei Aldi das oberste Gebot. Nun bricht ein ehemaliger Manager mit dieser Regel und liefert einen Blick hinter die Kulissen des Discounters. Im Interview schildert Andreas Straub Schikanen gegen Mitarbeiter und erklärt, warum der Konzern ihn dennoch faszinierte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,830922,00.html
So, so, das Buch ist eine Herzensangelegenheit (kein Profit erwartet?)Da hat er die alten Kamellen alle noch mal aufgewärmt. Wieso kommt der mir so unseriös vor?
helloworld1 02.05.2012
2. Mutig mutig und mein respekt
Zitat von sysopDPADiskretion ist bei Aldi das oberste Gebot. Nun bricht ein ehemaliger Manager mit dieser Regel und liefert einen Blick hinter die Kulissen des Discounters. Im Interview schildert Andreas Straub Schikanen gegen Mitarbeiter und erklärt, warum der Konzern ihn dennoch faszinierte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,830922,00.html
Ich kann dem mutigen Autor nur meinen tiefsten Respekt bekunden. Auch mir war sofort klar, dass es schwer für ihn sein wird, was Neues jetzt noch zu finden. Meines Erachtens sollten grundsätzlich in größeren Betrieben Betriebsräte per Gesetz institutionalisiert werden. Aber hier vergleichen sich die Großunternehmen gerne mit den 5-Mannkrautern und die Politlobby hat da noch ein offenes Ohr.
lupenrein 02.05.2012
3. optional
Man muss Herrn Straub für seine faire menschliche und ehrenwerte Haltung wirklich bewundern. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass hinter diesem Kesseltreiben gegen Aldi mehr steckt als die Bekenntnisse eines altruistischen Managersder gehobenen Gutmenschen-Klasse.....
crocodil 02.05.2012
4.
Ist doch nicht Neues, dass große Unternehmen billige Arbeiter einstellen um produktiv zu wirtschaften. Quelle, Neckermann, Otto usw.usw. Mit Hände Arbeit ist noch niemand zum Miliardär geworden. Aber ich wünsche ihm viel Glück auf seiner Öko-Tour.
janne2109 02.05.2012
5. ..........
wenn der gute Mann nicht über Kontrolle und Angst schreiben würde, wer würde das Buch kaufen?
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