Lebensstil, Strategie, Macht Darüber streitet der Aldi-Nord-Clan

Aldi-Nord-Erbe Theo Albrecht junior warnt vor Gefahren für das Unternehmen durch andere Teile der Familie. Es geht um die Macht beim Discounter - und um einen Kampf der Generationen.

manager magazin

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Keine Gespräche, keine Fotos. Die Albrecht-Dynastie galt stets als personifizierte Verschwiegenheit. Nun reißen die Erben des Discount-Königs Theo Albrecht im Streit um die Macht bei Aldi Nord diese Grundsätze radikal ein. Erstmals gab sogar Gründersohn Theo Albrecht junior ein Interview, der sonst sogar jedes Foto von sich ablehnt. Er griff seine Schwägerin Babette Albrecht und ihre Kinder scharf an.

"Die - teilweise peinlichen - Auftritte meiner Schwägerin in der Öffentlichkeit und auch die zahlreichen, von ihr geführten Prozesse sind eine Belastung für unser Unternehmen", wetterte der erstgeborene Sohn des Gründers im "Handelsblatt". "Mein Bruder würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er wüsste, was hier abläuft."

Es ist ein Krieg der Generationen, ein Kulturkampf, der die Erben des Aldi-Nord-Gründers entzweit. Die alte Führungsriege will den wachsenden Einfluss und die Macht der jungen Garde unbedingt verhindern - also die der Kinder der Witwe Babette Albrecht. Sie fürchtet um die Werte, mit denen Aldi Nord zusammen mit dem Schwesterkonzern Aldi Süd zum mächtigsten Lebensmitteldiscounter Deutschlands aufstieg.

Den Aldi-Nord-Erben brachte das ein zweistelliges Milliardenvermögen ein. Was nicht nach außen drang: Eine tiefe Abneigung spaltet die Familie. Hasserfüllte Briefe, Gerichtsverfahren und ein öffentlicher Disput, der unter den Gründern undenkbar war, zeigen ein hässliches Gesicht dieses Familienteils.

Wie konnte es so weit kommen?


Die Kontrahenten


Ein tiefer Spalt zieht sich durch die Familie der Aldi-Nord-Erben.

Auf der einen Seite stehen die Gründerwitwe Cäcilie Albrecht, genannt Cilly, und ihr Sohn Theo junior - der als Einziger der Albrechts noch aktiv im Führungsgremium des Konzerns arbeitet. Sie werden unterstützt vom Rechtsanwalt Emil Huber, der einstigen rechten Hand des 2010 verstorbenen Patriarchen Theo Albrecht.

Auf der anderen Seite kämpfen die Erben von Theo juniors jüngerem Bruder Berthold, der 2012 nach schwerer Krankheit starb, um ihren Einfluss im Unternehmen. Bertholds Ehefrau Babette, die er schon in jungen Jahren heiratete, pocht darauf, dass ihr Clan beim Kurs des Unternehmens mitsprechen kann. Ihr und ihren fünf Kindern, vier Töchter und ein Sohn, hilft der Anwalt Andreas Urban.


Macht der Stiftungen


In drei Stiftungen sammelt sich die Macht des Clans. In ihnen lagern die Milliarden des Aldi-Nord-Vermögens. Mutter Cilly herrscht über die Markus-Stiftung, in der 61 Prozent der Aldi-Nord-Anteile liegen und die Hälfte der Stimmrechte. Die Brüder Theo junior und Berthold erhielten vom Vater je 19,5 Prozent der Anteile und ein Viertel der Stimmrechte, die Theo in die Lukas-Stiftung einbrachte und sein jüngerer Bruder in die Jakobus-Stiftung.

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Um die Mehrheit im Vorstand der Jakobus-Stiftung ist nach dem Tod von Berthold Albrecht der Streit entflammt, der sich nun zum Flächenbrand auswächst. Der Grund: Alle drei Stiftungen müssen einstimmig entscheiden. Wer die Macht in ihren Vorständen hat, bestimmt die Geschicke des Aldi-Nord-Imperiums. Sie speisen den Lebensunterhalt der Familienmitglieder, sie finanzieren zugleich Investitionen des Discounters. Gerade jetzt kann sich Aldi Nord keine Schwäche leisten, denn Konkurrent Lidl modernisiert mit Milliardengeldern seine Filialen.


Kampf der Generationen


Nach dem Tod Bertholds zog eine junge Riege in den Vorstand der Jakobus-Stiftung ein: Zwei seiner Töchter lenken darüber die Geschicke des Unternehmens mit. Mit Erfolg fochten die Kinder von Babette eine noch von Berthold auf dem Sterbebett unterzeichnete Satzungsänderung an, nach der nur noch zwei statt drei Familienmitglieder im Vorstand sitzen sollten und statt eines der Familie vertrauten Anwalts ein von Aldi Nord entsandter Jurist - eine Stellenbeschreibung wie gemacht für den Theo-Vertrauten Emil Huber. Bertholds Nachkommen hätten so ihre Macht verloren.

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Die Gegenseite, in diesem Fall die Stiftungsaufsicht und Huber als Beigeladener, haben Antrag auf Berufung gestellt. Babette wiederum will nun durchsetzen, dass ihr eigener Anwalt statt Huber in den Vorstand der Jakobus-Stiftung einzieht. Theo junior malt düstere Szenarien, sollte seine Seite nicht recht bekommen: "Wenn die alte Satzung gelten würde, könnten die Kinder von Berthold zusammen mit ihrem Anwalt das Unternehmen am Nasenring durch die Manege führen."

Allerdings hat sich bislang nie gezeigt, dass die Kinder von Babette und Berthold gegen die Interessen des Unternehmens handelten. Eher zeigt sich die Angst der Alten, ihr Diktat - oder ihre Diktatur, je nach Sichtweise - könnte einmal durchbrochen werden. Neue Ideen - solchen Chancen verweigern sie sich dafür lieber.


Vergiftetes Testament


In Wirklichkeit versteckt sich hinter dem Streit ein Kulturkampf. Was Aldi zum Erfolg führte, Bescheidenheit, ein zurückhaltender Lebensstil, soll weiter fortgeschrieben werden, fordern Cilly und Theo, gestützt von Anwalt Huber. Daher greifen Familienmitglieder nun auch öffentlich den lockeren Lebenswandel von Babette an, die mit ihrem Mann einen Faible für Oldtimer- und Kunstsammlungen hegte. Im März dürften die Aldi-Altvorderen erneut zornig zugeschaut haben, als Babette von der "Bild"-Zeitung im Publikum der Show "Let's Dance" gesichtet wurde.

Als Anwalt Huber, der Bertholds Testament vollstrecken soll, den Erben eine Vereinbarung zur Unterschrift vorlegte, gingen diese überhaupt erst auf die Barrikaden: Er verlangte, dass sie sich unter anderem verpflichten, "den Anforderungen eines guten Vorbildes" zu genügen und dass er "zu großzügig erscheinenden Ausgabegebaren" entgegentreten solle. Huber forderte zudem ein millionenhohes Honorar - obwohl im Testament von einer "unentgeltlichen Übernahme des Amtes" die Rede gewesen war. Daran entzündete sich der nun ausgetragene Konflikt erst richtig. Die Familie unterzeichnete nicht.

Längst ist die Kluft im Clan so tief, dass sie kaum mehr überbrückbar scheint. Weder Mutter Cilly noch Bruder Theo kamen zur Beerdigung von Berthold. Aus diesem Grund verschweigt Babette ihnen sogar, wo die Urne ihres Mannes aufbewahrt wird.



insgesamt 19 Beiträge
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Hagbard 02.06.2016
1.
Berthold wird gewusst haben, warum er den Einfluss seiner Familie begrenzen wollte. Meiner Erfahrung nach: Manchmal rettet der Einfluß der Jungen einen Laden. Oft ist es aber die Gier der Erben, die einen Betrieb zu Grunde richtet.
localpatriot 02.06.2016
2. Der Turm von Babel
Alles hat seine Grenzen und mit einem internen Machtkampf kann man erwarten dass die Konkurrenz aufholen kann. Aldi hatte unter den 'Alten' einen wunderbaren Erfolg.
hanbil 02.06.2016
3. Dallas und Denver-Clan
lassen grüssen. Die Kombattanten sollten bedenken, dass es sich nicht um sie dreht,, sondern zigtausend Angestellte, wenn es zu ernsthaften Streitigkeiten käme.
kasam 02.06.2016
4. Oh Oh, Erbenstreit in Deutschland
geht meistens bis an die Wurzeln und dann verkümmert das übrig gebliebene Pflänzlein....... Der Anfang vom Ende...... Nicht jede Schwiegertochter passt zur Familie...
tedric 02.06.2016
5. Geld und Machtstreben
Man steckt zwar nicht drin, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Menschen glücklich sind. Leben im ständigem Streit und hinter hohen Zäunen. Ok, das wär ihr Problem. Selbst schuld, könnte man sagen. Aber sie diktieren auch Lebensmittelpreise, Abnahmepreise für Produkte aus landwirtschaftlicher Herstellung, Arbeitsbedingungen in Filialen. Diese Bedingungen stehen allesamt gerade nicht so toll da. Ne prima Sache ist, dass sich immer mehr Menschen für faire Arbeitsbedingungen und Belange in der Lebensmittelproduktion bei Tieren und Pflanzen interessieren und dafür auch wieder mehr Geld ausgeben. Der Trend geht zu Klasse, statt Masse. Low and Slow. Man muss nicht alles und daswegen günstig haben. Dann sind die Macht- und Erb-Streitereien der Albrechts auch bald erledigt. ;)
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