Familienfehde vor Gericht Der Machtstreit bei Aldi eskaliert

Zwei Familienzweige kämpfen in der verschwiegenen Einzelhandelsdynastie Aldi Nord um Einfluss und Geld - es geht auch um den Lebensstil. Der Streit in dem Weltkonzern wird nun öffentlich ausgetragen.

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Die als Aldi Essen bekannt gewordene Handelskette müsste inzwischen eigentlich Aldi Nortorf heißen. So wie sich hinter Goldähren-Zwieback oder Sonniger-Orangensaft Markenhersteller verbergen, wird das Schicksal der Zentrale längst aus dem kleinen Ort in Schleswig-Holstein bestimmt. Im nahegelegenen Schleswig kämpfen am Donnerstag nun die beiden Familien des verschwiegenen Handelsriesen Aldi Nord vor Gericht. In der Provinz wird ein erbitterter Streit um Macht und Geld geführt.

Hintergrund ist das unter Theo Albrecht Senior ab Mitte der Siebzigerjahre in Nortorf diskret eingerichtete Stiftungskonstrukt. Durch die mittlerweile drei Stiftungen sollte die Zukunft des Nordteils von Albrecht Diskont (kurz Aldi) für alle Zeit gesichert werden: Keine lästigen Aktionärsversammlungen mit Berichten, kein Konzernbetriebsrat, lediglich alle 30 Jahre wird eine besondere Art Erbschaftsteuer fällig, da die Stiftungen nicht formell an die nächste Generation fallen. Das Stiftungsrecht im Norden galt damals als günstig. Doch mit der Absicherung bis in die Unendlichkeit könnte es schwierig werden.

Jährlich 25 Millionen Euro für "angemessenen Lebensunterhalt"

Der öffentlich ausgetragene Streit der sonst zurückgezogenen Familie bedroht das Erbe des Firmengründers bereits eine Generation später. Die Familien der Söhne Theo junior und Berthold Albrecht, die im Essener Stadtteil Bredeney nur Hunderte Meter voneinander entfernt beheimatet sind, treten vor dem Schleswig-Holsteinischen Oberverwaltungsgericht (OVG) an. Die Theo-Seite regiert die Lukasstiftung, die Berthold-Seite die Jakobusstiftung. Sie kontrollieren jeweils 19,5 Prozent des Aldi-Nord-Kapitals. Die Markusstiftung, in der Gründerwitwe Cäcilia "Cilly" Albrecht den Ton angibt, hält 61 Prozent.

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Streit im Aldi-Clan: Macht, Millionen, Misstrauen

Trotz der christlichen Namen der Stiftungen ist von Nächstenliebe zwischen Theo junior sowie den Hinterbliebenen des 2012 gestorbenen Bertholds nichts zu spüren. Theo junior und Familienanwalt Emil Huber kämpfen für eine Satzungsänderung der Jakobusstiftung. Offiziell klagt in dem verwaltungsrechtlichen Berufungsverfahren der Kreis Rendsburg-Eckernförde als Aufsichtsbehörde, die Theo-Seite ist beigeladen. Diese würde bei einem Erfolg mehr Einfluss und Mitsprache bei strategischen Unternehmensentscheidungen erhalten - und auch bei den Ausgaben der Stiftung.

Vor allem über die Zusammensetzung des Stiftungsvorstands gibt es Zwist. Der Theo-Zweig will den Einfluss der Manager in den Stiftungen erhöhen und die Macht der Familie senken. In der Lukasstiftung sei das bereits umgesetzt. Zwei Töchter von Berthold wiederum wollen den langjährigen, inzwischen Mitte-70-Jährigen Huber abberufen haben. Dabei sind die Töchter laut Verwaltungsgericht wegen eines nicht abgehaltenen Familientags auch "nicht in wirksamer Weise Vorstandsmitglieder der Jakobusstiftung geworden".

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In dem Verfahren geht es nur vordergründig um Formalien, allen voran jene, ob Berthold Albrecht noch kurz vor seinem Tod stellvertretend für einen inzwischen ebenfalls nicht mehr der Stiftung zugehörigen Aldi-Manager die Satzungsänderung unterschreiben durfte. Die erste Instanz sagte nein - obwohl der damals kranke Manager Hartmuth Wiesemann später versicherte, er sei "mit jeder Gestaltung einverstanden, durch welche der Einfluss des Unternehmens im Stiftungsvorstand auch nach dem Ableben von Herrn Berthold Albrecht sichergestellt war". Berthold Albrecht hätte so seine eigenen Kinder entmachtet.

Damit es in der nächsten Instanz nun nicht doch dazu kommt, zweifelte Bertholds Witwe Babette Albrecht Ende 2016 sogar die Geschäftsfähigkeit ihres damals schwerkranken Ehemannes an. Der Ruf seines Bruders werde "in unerträglicher Art und Weise" beschmutzt, klagte daraufhin Theo Albrecht junior, der sich bis vergangenes Jahr nie öffentlich geäußert hatte.

Verschwiegenheit und Demut galten als Tugend

Theo Albrecht junior, so die Interpretation der Berthold-Seite, wolle mit der Satzungsänderung einen ganzen Familienzweig federstrichartig kaltstellen. Theo Albrecht junior wiederum warf nach der Niederlage in erster Instanz den Nachkommen seines Bruders in einem "Handelsblatt"-Interview vor, sie wollten "das Unternehmen am Nasenring durch die Manege führen".

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Aldi-Geschichte: Billig, will ich

Der Stiftungszweck bei der Jakobusstiftung ist "die Förderung der Destinatäre durch laufende und einmalige Zuwendungen". Ziel ist neben unternehmerischen Tätigkeiten die "Sicherung eines angemessenen Lebensunterhalts". Aber was heißt das? Babette und ihre Vierlinge (Jahrgang 1990) sowie noch eine weitere Tochter Mitte 20 ziehen jedes Jahr 25 Millionen Euro aus der Stiftung. Theo Albrecht junior beklagte deswegen im "Stern" öffentlich eine "Selbstbedienung am Vermögen" durch die Jugend.

Angesichts eines geschätzten Jahresumsatzes von etwa zwölf Milliarden Euro allein in Deutschland 2014, sind 25 Millionen Euro nur ein geringer Betrag. Inoffiziell lässt die Theo-Seite, wie aus Prozesskreisen verlautet, daher auch den Abzug der Summen durch die Nachkommen geschehen - will aber, dass sie sich an die Aldi-Regeln halten. Und die beinhalten einen bestimmten Lebensstil.

Umfasst Versorgung Galerie und Oldtimer?

Verschwiegenheit und Demut galten in der Familie Albrecht über Jahrzehnte hinweg als Tugenden - schließlich hat man es mit Kunden zu tun, die auf jeden Cent achten. Auftritte in der Öffentlichkeit? Verpönt. Bis Berthold Albrecht mit seiner Frau Babette kurz vor seinem Tod auflebte. Sie kauften Oldtimer, (überteuerte) Gemälde vom Kunstberater Helge Achenbach. Babette und Berthold gaben kein Geld für Luxusjachten oder Flugzeuge aus. Doch sie zeigten sich fortan bei gesellschaftlichen Events - Babette später auch im TV und im kurzen Kleid im Kölner Karneval.

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Streit im Aldi-Clan: Macht, Millionen, Misstrauen

Laut Dieter Brandes, Ex-Geschäftsführer des Discounters und Mitglied des Verwaltungsrats bei Aldi-Nord, führt bereits das in der Familie Albrecht unweigerlich zur Frage: "Umfasst Versorgung auch eine Galerie und teure Fahrzeuge?" Das Leben der beiden Gründer Theo und Karl Albrecht (Aldi Süd) sei schließlich bescheiden gewesen. "Das war ihre Vorstellung - so hatte sich die Kultur in dem Unternehmen entwickelt. Theo Albrecht fuhr zwar auch Mercedes-S-Klasse, aber nur mit einer einfachen Ausstattung."

Ob dieser Konflikt der Generationen beigelegt werden kann? Dass die Jakobusstiftung im Sommer dem rund fünf Milliarden Euro schweren Umbauprojekt Aniko zugestimmt hat, spricht dafür. Die Filialen sollen mit dem Programm heller, freundlicher werden. Noch viel mehr spricht allerdings gegen einen Familienfrieden.

Die Berthold-Hinterbliebenen mit ihrem Anwalt Andreas Urban klagen in einem zweiten Verfahren auf Akteneinsicht in die Markusstiftung. Sie hätten noch nicht mal die Satzung vorliegen, beschuldigen sie die Theo-Seite - beide Zweige kommunizieren über Anwälte. In erster Instanz war zudem die Akteneinsicht mit der bezeichnenden Begründung abgewiesen worden, sie basiere ausschließlich auf "eigenen egoistischen Interessen".

insgesamt 20 Beiträge
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ambulans 21.11.2017
1. muss
wohl "neuere" mathematik a la spon sein: stiftung a + stiftung b, jeweils 19,5% (zusammen also 39%), zzgl.stiftung c mit 61,5% ergibt: I. 100%, II. 100,5%, III. irgendwas - sucht euch halt irgendwas aus ... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
PolitBarometer 21.11.2017
2.
Das kommt davon, wenn man zu viel Geld hat. Irgendwann ist dann auch mal Schluss mit dem Geldhorten. Angesichts solcher Summen kann man das eben nur noch für sinnloses Zeug verprassen. Und die einst wilden und eher unkultiviert daherkommenden Aldi-Märkte mussten sich dem Zeitgeist beugen und attraktiver werden. Denn die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht.
Havel Pavel 21.11.2017
3. Makabre Vorstellung
Interessanter Vorschlag, quasi dann so eine Art VEB daraus generieren? Die SED, äh, Linke wirds freuen und Frau Dr. Kipping kann sich einen Kindheitstraum erfüllen. Befürchte nur die deutschen Gesetze sprechen wohl eher gegen so ein Vorhaben. Nichtsdestotrotz finde ich die nun ans Tageslicht kommende Raffsucht der Aldis nicht in Ordnung, die Vorgängergeneration die den Laden aufgebauf hat war da wohl eher bescheidener und zurückhaltender und hat sich ganz gewiss auch alle ihre Wünsche erfüllt. Wenn man mit ansieht wie mühsam sich die Aldi Mitarbeiter in den Märkten sich ihre Brötchen verdienen müssen ist so ein raffsüchtiges Verhalten der Geschäftsleitung schon etwas anrüchig! Mehr Bescheidenheit käme dem positiven Ansehen des Unternehmens bestimmt eher zugute. Und übrigens wer sollte den Aldis das Unternehmen denn "wegnehmen" und mit welcher Gesetzesgrundlage?
Ossifriese 21.11.2017
4. Gg
Art.*15*GG – Überführung in Gemeineigentum/-wirtschaft 1Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.
evilynnigirlie 21.11.2017
5. Klar, ein Job bei Aldi...
ist wahrlich kein Zuckerschlecken, aber soweit ich mich erinnere, bezahlen sie immerhin uebertariflich, ganz im Gegensatz zu manch anderem Discounter, die erwarten, dass man fuer Umme Ueberstunden schiebt und das alles bei normalem Stundenlohn, der als Verkäufer/in, wie wir alle wissen, nicht wirklich hoch ist. Soweit ich weiss ist das bei Aldi nicht so.
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