Vertagter Machtkampf bei Aldi Nord Beim Wort genommen

Vor einem Gericht in Schleswig streiten sich die zwei Familienzweige der verschwiegenen Einzelhandels-Dynastie Aldi Nord um Einfluss und Geld. Die Beteiligten des öffentlichen Duells nehmen es sehr genau.

Anwälte der Aldi Jacobus-Stiftung Andreas Urban (l.) und Karl-Josef Stöhr
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Anwälte der Aldi Jacobus-Stiftung Andreas Urban (l.) und Karl-Josef Stöhr

Aus Schleswig berichtet


Der Kampf um Einfluss und Millionen bei Aldi Nord drehte sich vor Gericht stundenlang nur um wenige Worte. "Für den erkrankten Hartmuth Wiesemann" - so hatte es der 2012 verstorbene Gründersohn Berthold Albrecht zwei Jahre vor seinem Tod auf einen Vorstandsbeschluss geschrieben. Dieser sollte Einfluss und Zugriff seiner Familie auf das Unternehmen schmälern und die Macht der Manager stärken. Doch wurde der damals im Krankenhaus liegende Manager Wiesemann so wirksam vertreten?

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Schleswig hat eine Entscheidung in dem Fall vertagt, bei dem es um die Macht der Hinterbliebenen des vor fünf Jahren verstorbenen Konzernerben Berthold Albrecht geht. Doch der Prozess zeigte, eine friedliche Lösung in dem Fall ist ausgeschlossen.

In der Verhandlung begaben sich die Anwälte der zwei zerstrittenen Familienzweige des Aldi-Konzerns in gefühlt jede Windung des Prozessrechts. Die umstrittene Unterschrift galt einer Satzungsänderung der Jakobusstiftung - eine von drei Familienstiftungen mit Sitz im schleswig-holsteinischen Nortorf, in denen der Konzern diskret sein komplettes Vermögen parkt.

Die Seite des Kontrahenten Theo Albrecht junior regiert die Lukasstiftung, die Berthold-Seite die Jakobusstiftung. Sie kontrollieren jeweils 19,5 Prozent des Kapitals. Die Markusstiftung, in der Gründer-Witwe Cäcilia "Cilly" Albrecht den Ton angibt, hält 61 Prozent. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen.)

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Streit im Aldi-Clan: Macht, Millionen, Misstrauen

Emil Huber, der als Vertrauter von Theo Albrecht junior selbst die beiden jüngeren Lukas- und Jakobusstiftung entworfen hatte, lehnte sich in dem Berufungsverfahren immer wieder zu seinem Anwalt. Federführend beharrte in dem verwaltungsrechtlichen Streit der Kreis Rendsburg-Eckernförde als Aufsichtsbehörde auf der Stellvertretung. Dieser hatte die Satzung genehmigt.

"Einfach nur traurig"

Die Folgen träfen aber Aldi. "Sie glauben gar nicht, wie sehr das Unternehmen auf das schaut, was heute hier passiert", sagte Huber am Rande des Prozesses. Der Beigeladene arbeitet seit 1974 für Aldi. Den öffentlich ausgetragenen Streit findet er "einfach nur traurig".

Zweck der Jakobusstiftung ist "die Förderung der Destinatäre durch laufende und einmalige Zuwendungen". Ziel ist neben unternehmerischen Tätigkeiten die "Sicherung eines angemessenen Lebensunterhalts". Berthold Albrechts Witwe Babette und ihre Vierlinge (Jahrgang 1990) sowie noch eine weitere Tochter Mitte 20 ziehen jedes Jahr 25 Millionen Euro aus der Stiftung - und sie wollen zudem stärker im Management des Unternehmens eingebunden sein. Theo Albrecht junior beklagte deswegen im "Stern" öffentlich eine "Selbstbedienung am Vermögen" durch die Jugend.

"So weit darf man nicht gehen, auch anwaltlich nicht"

Die Anwälte von Babette Albrecht und ihren Kindern, Andreas Urban und Karl-Josef Stöhr, taten viel, um den Kindern auch in Zukunft Macht in der Stiftung zu sichern - und damit auch Kontrolle über den Geldfluss. Bis am Abend diskutierten sie darüber, ob Vorstände sich vertreten lassen dürfen und ob Berthold Albrecht es überhaupt konnte. Wegen der schweren, langjährigen Krankheit Berthold Albrechts wollten sie auch die Geschäftsunfähigkeit des verstorbenen Ehemanns und Vaters feststellen lassen. Zu den Beratungen hierzu wurde die Öffentlichkeit jedoch ausgeschlossen. Huber kommentierte: "So weit darf man nicht gehen, auch anwaltlich nicht."

Als der Anwalt des Kreises mit Wäschekörben voll Akten den Gerichtssaal betrat, hatte Urban noch gescherzt: "Wofür brauchen Sie die denn?" Am Abend waren er und Stöhr es, die noch mehr Papier einreichten: Handschriftlich, im Gerichtssaal formulierte Beweisanträge, um Wiesemann doch noch zu dem Fall zu vernehmen - unter anderem ob er Berthold Albrecht tatsächlich eine Vollmacht erteilt habe. Der wieder genesene Wiesemann hatte im Nachhinein versichert, er sei "mit jeder Gestaltung einverstanden, durch welche der Einfluss des Unternehmens im Stiftungsvorstand auch nach dem Ableben von Herrn Berthold Albrecht sichergestellt war".

Die Formalie ist entscheidend, weil sie die Zusammensetzung des Stiftungsvorstands ändern würde und dort wird außer über Geld auch über strategische Unternehmensentscheidungen entschieden, wie das zuletzt angestoßene Modernierungsprogramm Aniko. Ihm stimmte die Jakobusstiftung schließlich zu.

Sollte das OVG die Satzung gekippt lassen, könnten die Töchter von Berthold Albrecht die Stiftung dominieren. Die Stiftung will den langjährigen, inzwischen Mitte-70-Jährigen Huber im Nachgang auch abberufen haben.

Am 7. Dezember will das Gericht nun erst mal den damals kranken Wiesemann befragen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
larsmach 24.11.2017
1. Kinder, gründet doch eure eigenen Firmen!!!
Kinder, gründet doch eure eigenen Firmen! Mit dem Startkapital aus der Familienstiftung fällt das leicht (andere Gründe sind mit 500 Mark in der Tasche und einem Busticket nach Riga gestartet), und Herausforderungen gibt es mehr als genug! Energiewende, IT, Logistik usw. usw. usw.
bullermännchen 24.11.2017
2.
Ihr tut mir echt leid ihr gierigen Menschen!
holy64 24.11.2017
3. Stiftungen sind ein Verbrechen
gegen die Steuergerechtigkeit und den Steuerzahler. Stiftungen gehören in den Müll.
Joacquino 24.11.2017
4.
"In der Liebe, im Krieg und beim Erben ist alles erlaubt" Die Empfehlung zur Neugründung kann ich nur vehement unterstützen!
der_reinfelder 24.11.2017
5. Gepflegtes Vorurteil
Zitat von holy64gegen die Steuergerechtigkeit und den Steuerzahler. Stiftungen gehören in den Müll.
Mal darüber nachgedacht, daß es auch gemeinnützige Stiftungen gibt, die der Aufsicht unterliegen und der Allgemeinheit zugute kommen? Das Stiftungsrecht hat hohe Anforderungen, wenn die Gemeinnützigkeit anerkannt werden soll. Deswegen sind die wenigsten Stiftungen gemeinnützig. Wie man Stiftungen = Steuer sparen vermuten kann, bleibt Ihr Geheimnis. Im übrigen sind die im Artikel genannten Stiftungen nicht gemeinnützig. Sie werden auch nicht dazu genutzt, Steuern zu sparen, dies ist hiermit nicht möglich. Alle Ausschüttungen an die Begünstigten Personen dürften ordnungsgemäß versteuert sein, dafür sorgen Stiftungsaufsicht und Finanzamt. Und der vermeintliche Tatbestand der Umgehung der Erbschaftssteuer ist ebenfalls nicht gegeben: Alle 30 jahre fällt nämlich eine Erbersatzsteuer in geicher Höhe an, über die sich der Finanzminister des Landes SH feut. Und eine kleine Feinheit: Nicht der Konzern parkt sein Vermögen in den Stiftungen, sondern die Familienmitglieder parken Ihr Konzernvermögen in den Stiftungen.
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