Familienkrieg um Aldi-Nord "Begehrlichkeiten, die Geldtöpfe anzuzapfen"

Diffamierungen, hasserfüllte Briefe, Dispute vor Gericht: Die Erben der Aldi-Gründer bekämpfen einander, wie es früher undenkbar war. Ein Gericht schafft nun etwas Ruhe. Doch die Kluft in der Familie Albrecht ist tief.

Aldi-Familienanwalt Emil Huber (rechts) und sein Anwalt Thomas Mayen
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Aldi-Familienanwalt Emil Huber (rechts) und sein Anwalt Thomas Mayen

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Hartmuth Wiesemann bemüht sich um Fassung, seine Worte wählt er langsam, mit Bedacht. Es geht um viel an diesem Donnerstag, an dem der hagere 72-jährige ehemalige Aldi-Nord-Chef vor dem Oberverwaltungsgericht in Schleswig als Zeuge aussagt: Im Norden Deutschlands wird gekämpft um Macht und Milliarden im Albrecht-Clan und damit auch um die Zukunft des Discounters.

Wollte der 2012 verstorbene Gründersohn Berthold Albrecht den Einfluss seiner Kinder auf das Unternehmen beschneiden? Bertholds Nachfahren zweifeln es an, der Clan um seinen Bruder Theodor pocht aber darauf.

Nun haben die Schleswiger Richter entschieden: Eine 2010 erstellte Satzungsänderung seiner Familienstiftung, durch die Berthold seinen Kindern weniger Macht einräumte als diese dachten, ist doch rechtens. Berthold sei entgegen der Behauptung seiner Familie bei Unterzeichnung geschäftsfähig gewesen.

Berthold habe ihm gesagt, die Kinder seien nicht auf das Unternehmen fokussiert, sagt Wiesemann, der Aldi Nord jahrelang führte, vor Gericht. Der Sohn des Firmengründers habe die Sorge geäußert, dass seine Kinder "Begehrlichkeiten haben, die Geldtöpfe anzuzapfen." Sie sollten selbst etwas auf die Beine stellen. Wiesemann erinnert sich mit emotionaler Stimme zurück an diese Zeit vor sieben Jahren: "In diesem Augenblick hat zu mir ein Mann gesprochen, der sich Sorgen gemacht hat um den Fortbestand des Unternehmens."

Berthold Albrecht (undatierte Aufnahme)
Aldi Nord/DPA

Berthold Albrecht (undatierte Aufnahme)

Jahrelange Kämpfe

Schon mehr als vier Jahre ringen die Kontrahenten bei Aldi Nord unerbittlich miteinander. Es geht ihnen um die Kontrolle in der Jakobus-Stiftung, in der Berthold seinen vom Vater zugesprochenen 19,5-Prozent-Anteil an Aldi Nord hielt. Sie ist eine von insgesamt drei Stiftungen, die gemeinsam das Kapital und die Anteile am Discounter halten - und die einstimmig über das Schicksal des Konzerns mit mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz entscheiden müssen, und über die Finanzierung des Lebensunterhalts der Familienmitglieder des Clans.

Wiesemann ist in diesem Familienkrieg ein zentraler Faktor. Bereits schwer krank hatte Berthold im Dezember 2010 eine Satzungsänderung unterzeichnet, nach der nur noch zwei statt drei Familienmitglieder im Vorstand seiner Jakobus-Stiftung sitzen sollten, und zwei Unternehmensvertreter. Er nahm seinen Nachkommen damit die Macht über die Firma, stärkte den Einfluss seines Bruders Theo.

Babette Albrecht
DPA

Babette Albrecht

Dagegen kämpfen Bertholds Erben, seine Ehefrau Babette und ihre fünf Kinder, vier Töchter und ein Sohn. Sie wollen bei dem Discountriesen mitreden - über dessen Strategie, aber auch über die Verwendung des Vermögens. Auf der Gegenseite wollen Bertholds Mutter Cäcilie Albrecht, genannt Cilly, und ihr Sohn Theo die unliebsame Babette und ihre Nachkommen am liebsten ganz aus der Firma haben - nichts anderes legen Theos verbale Angriffe gegen Bertholds Witwe nahe.

Die Macht der Stiftungen

Mutter Cilly besitzt besondere Macht, auch wenn sie im Hintergrund bleibt. Sie herrscht über die Markus-Stiftung und damit über 61 Prozent an Aldi Nord. Die Lukas-Stiftung ihres Sohnes Theo hält wie die von Berthold 19,5 Prozent.

Vor dem Verwaltungsgericht Schleswig hatten Bertholds Erben in erster Instanz die Chance auf mehr Einfluss in der Jakobus-Stiftung erstritten - aus formalen Gründen. Das Gericht kippte Bertholds Satzungsänderung, denn es fehlte die Unterschrift von Wiesemann. Der sagt nun, er habe zuvor mit dem Gründersohn gesprochen und ihm seine Zustimmung versichert.

In Deutschlands Norden spielt sich nicht nur ein Machtkampf ab, es ist auch ein Krieg der Generationen. Die alte Garde der Familie blickt skeptisch auf die junge Truppe Ende 20-Jähriger, die sich des Erbes aktiv bemächtigen will. Der Führungstruppe ist bange, dass sie die alten Werte, die Aldi Nord zusammen mit dem Schwesterkonzern Aldi Süd zum mächtigsten Lebensmitteldiscounter Deutschlands gemacht haben, vernichten könnten.

Argwohn und Hass

Mit großem Argwohn beobachten Cilly Albrecht und ihr Sohn Theo schon jetzt den bunten Lebenswandel von Bertholds Ehefrau Babette. Sie lässt sich in Oldtimern ablichten, im Publikum der Tanzshow "Let's Dance", beim Karneval, trägt teure, auffällige Kleidung. "Der Name Albrecht verpflichtet zu einem bescheidenen Lebensstil", rügte Theo öffentlich. Die Familien müssten sich dem unterordnen. In einem Brief drohte er Babette: "Ein von Aldi völlig losgelöstes Leben ist Dir und den Kindern nur möglich, wenn Ihr eure Verbindung zu Aldi durch Kündigung der Gesellschaftsverträge … beendet".

Beide Seiten greifen einander nicht nur vor Gericht an, sondern auch mittels gepfefferter Briefe, die vor Vorwürfen nur so strotzen. Sie zeigen die hässliche Seite einer der größten Familiendynastien Deutschlands.

Letztlich hat Berthold Albrecht die Familie in diesen Streit hineinmanövriert. In einem Testament legte er fest, dass seine Kinder erst dann mehr Einfluss im Unternehmen haben sollten, wenn sie deutlich über 30 Jahre alt wären. Bis dahin sollten sie sich mit einer üppigen Apanage begnügen - und ihre eigenen beruflichen Wege finden. Sie taten es. Doch wussten sie nichts von dem Testament. Auch von der Änderung der Stiftungssatzung berichtete Berthold der Familie und vor allem den in Internaten aufwachsenden Kindern nach Aussagen von Firmenkennern nicht. So sagen sie nun, all dies habe Berthold eigentlich anders vorgehabt, teils kurz vor seinem Tod wieder ändern wollen.

Berthold Albrechts schweres Versäumnis

So programmierte der Familienvater einen drastischen Clanzwist, in dem es auch um den strategischen Kurs und damit das Schicksal von Aldi Nord geht und um viel Geld. So warnte Theo junior, würde die Satzungsänderung wieder rückgängig gemacht, könnten "die Kinder von Berthold zusammen mit ihrem Anwalt das Unternehmen am Nasenring durch die Manege führen", sie hätten ein "unbegrenztes Erpressungspotenzial". Zugleich kritisierte er heftig die Auszahlungen aus der Stiftung in Höhe von 25 Millionen Euro netto jährlich an Babette und ihre Kinder.

An sich war die Idee der Aldi-Granden sinnvoll. Die Familienmitglieder sollten das Unternehmen nicht nach Belieben dirigieren können. Manager sollten ein gewichtiges Wort mitreden. "Der Sinn der Stiftung ist es, das Unternehmen vor einem zu großen Einfluss der Familie zu schützen. Dafür kämpfe ich", sagte Theo Albrecht vergangenes Jahr. Doch die Clan-Oberen verpassten es, die nächste Generation auf diesen Machtwechsel richtig vorzubereiten und bei dem Wandel mitzunehmen.

Bislang haben Bertholds Erben wichtige Entscheidungen eben nicht blockiert, wie es Theo junior als große Gefahr ausmalt. Jüngst beschlossen die Familienstiftungen das mehr als fünf Milliarden Euro teure Modernisierungsprogramm für die Aldi-Nord-Filialen und verlängerten den Vertrag von Firmenchef Marc Heußinger.

Nun werden Bertholds Kinder nicht ganz an Einfluss verlieren. In der Stiftung sitzen zwei von ihnen nun zwei Unternehmensvertretern gegenüber. Ob es zum Friedensschluss in der Familie reicht, wird sich nach der vorausgegangenen Schlammschlacht zeigen müssen. Theos Vertrauter Emil Huber sagte nach dem Gerichtsurteil in Schleswig erleichtert: "Es kann aufgeatmet werden. Dies ist ein wichtiger Tag für das Unternehmen."

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Hartmut Schwensen 07.12.2017
1. Jede Generation ...
... sollte wieder von vorne anfangen. Was genau hat eine Babette Albrecht geleistet außer glücklich geheiratet zu haben? Was ihre Kinder? Auch hier kann man von Warren Buffet lernen: Die Kinder sollten sich selber ihren Reichtum erarbeiten oder sich in Bescheidenheit begnügen gemäß ihrer Fähigkeiten, sie sind schon durch ihre Gene und das Netzwerk privilegiert genug. Den Rest bestimmt die Evolution.
agt69 08.12.2017
2. Völlig unverständlich
Ich frage mich wirklich, woran es liegt, dass es so viele Unternehmer nicht schaffen, Nachfolgeregelungen zu treffen, mit denen alle zufrieden sind. Die Kinder bekommen jährlich 25 Millionen Euro netto. Damit steht ihnen alles offen. Sie könnten eigene Unternehmen gründen, bei ALDI mitarbeiten oder sich einfach nur auf die faule Haut legen und das Leben genießen, ohne sich je im Leben finanzielle Sorgen machen zu müssen. Aber nein, statt dessen machen sie sich ihr eigenes Leben zur Hölle und das ihrer Familien. Alles ist geprägt von Neid, Streit, Misstrauen und teuren Prozessen. Die Albrechts mögen noch so geschickte Unternehmer gewesen sein, aber als Familienväter haben sie völlig versagt. Na ja, wenigstens sind die Anwälte glücklich...
dasfred 08.12.2017
3. Berthold wußte was er wollte
Dieser Artikel erinnert mich an einen Verwandten, der vor Jahrzehnten schon sicher war, dass Frau und Tochter nach seinem Tod das angesparte Kapital in kurzer Zeit durchbringen und sich dann nur noch mit der Witwenrente bescheiden müssen. Er hat daher dafür gesorgt, dass das Geld in eine lebenslange Rente umgewandelt wird. Er wird sicher auch in Betracht gezogen haben, dass schon viele Familien Unternehmen in der zweiten oder dritten Generation dem Zerfall preisgegeben wurden. Die aufgesetzte Apanage für Frau und Kinder ist selbst aus Sicht reicher Familien als durchaus üppig anzusehen und dient ja dazu, den Kindern die Zeit zu geben, so lange zu lernen, bis sie die Verantwortung für ein Unternehmen dieser Größenordnung voll umfänglich wahrnehmen können. Als Vater wusste er, wie weit er Frau und Kindern trauen kann.
katjastorten 08.12.2017
4. Geld oder Familie
Selbst wenn Aldi nicht mehr wäre, weil die Babette Linie das Geld verprasst, was wäre daran schlimm? Aldi ist nun mal von den beiden Brüdern aufgebaut, die über ihren Tod hinaus nicht loslassen wollten. Gönnt Euch schönes Leben liebe Aldifamilie, lasst soziale Gerechtigkeit walten und geht mir einer schwarzen Null in den Tod. Soll die nächste Generation wirklich ihr eigenes Geld erarbeiten!
mazzmazz 08.12.2017
5. Gierige Erben?
Vermutlich nicht ausschließlich. Die Alten wollen bewahren, die Jungen wollen Neues tun. Je mehr Geld und Leute da sind, umso mehr muss man werben und Kompromisse schließen. Ganz ehrlich: ich würde mich auch nicht unbedingt vom Onkel gängeln lassen wollen.
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