Onlinekaufrausch in China Klick, klick, klick, klick

Chinesen lieben Onlineshopping, vor allem am 11. November. Zum Tag der Supersonderangebote ist die Volksrepublik im Kaufrausch. Marktführer Alibaba macht in 40 Minuten 1,3 Milliarden Euro Umsatz - und inszeniert die Aktion nun weltweit.

Von , Peking

Alibaba-Gründer Ma (beim Börsengang in New York): Weltweite Expansion
AFP

Alibaba-Gründer Ma (beim Börsengang in New York): Weltweite Expansion


Es ist Mitternacht, und Liu Yue sitzt im Shoppingparadies. Lange hat sie gewartet, jetzt muss sie schnell sein. Ein roter Wollschal, von 168 chinesichen Yuan auf 80 heruntergesetzt, sackt um Punkt 24 Uhr noch mal auf 67 Yuan ab, das sind rund acht Euro. Klick.

Ein zweiter Schal, runter von umgerechnet 50 auf 14 Euro, Klick. Dann: ein Filter für den Wasserhahn in der Küche, um mehr als die Hälfte reduziert. Klick, Klick, Klick. "Ist doch herrlich", sagt die 30-Jährige. "Ein Klick, und schon hat man etwas Tolles."

Liu, tagsüber Contentmanagerin im Großraumbüro, sitzt in ihrer Einzimmerwohnung in Pekings Osten und kauft begeistert im Internet ein - so wie Hunderttausende andere in dieser Novembernacht. Oder sind es gar Millionen? Die Zahlen überschlagen sich wie immer am 11. November.

Chinesen lieben Onlineshopping. Auf den Plattformen des Branchenriesen Alibaba, Marktanteil 80 Prozent, lässt sich von Eiern über Schuluniformen bis zu gefälschten Gucci-Brillen so ziemlich alles günstig und bequem kaufen. Am 11. November, dem Tag der Singles, wird aus dieser Leidenschaft auf der Jagd nach Supersonderangeboten ein wahrer Shoppingrausch. Viele, sehr viele Chinesen beschenken dann - sich selbst.

1,3 Milliarden Euro Umsatz in 40 Minuten

Am 11. November 2013 schlug Alibaba Waren im Wert von 4,7 Milliarden Euro um. In diesem Jahr meldet Alibaba, man habe allein in den 40 Minuten nach Mitternacht, als die Angebote gerade freigeschaltet wurden, 1,3 Milliarden Euro umgesetzt. Der Smartphone-Hersteller Xiaomi hat nach eigenen Angaben bis zum Mittag 720.000 Geräte verkauft. Klick, Klick, Klick.

Chinas Onlinehandel wächst und wächst. 2020 soll dort mehr Geld ausgegeben werden als in den USA, Japan, Großbritannien, Deutschland und Frankreich zusammen. Vielleicht geht es auch noch schneller. 2014 wird jede zweite Bestellung vom Handy geschickt. Günstige Smartphones, flächendeckendes 4G-Netz - auch für viele Chinesen in Wüstensiedlungen und Bergdörfern ist der nächste Einkauf nur ein paar Klicks entfernt.

Liu Yue, die ihren richtigen Namen nicht in einem westlichen Medium lesen will, bestellt sich Zahnbürsten und Duschlotion, lässt sich Bio-Reis aus dem Nordosten, Drachentee aus dem fernen Fujian in ihr Pekinger Büro liefern. Der letzte Schalkauf vor dem Doppelschnäppchen um Mitternacht liegt noch keine sieben Tage zurück. Sie sagt: "Ich bin doch nur eine Durchschnittsshopperin."

"Weltweiter Shoppingrausch"

Alibaba rief 2009 am Tag der Singles erstmals zur großen Rabattjagd, fast alle Shops auf seinen Plattformen machen mittlerweile mit. In diesem Jahr, nach dem Rekordbörsengang, sind auch die ausländischen Ableger dabei. Chinesische Analysten wähnten bereits einen ersten "weltweiten Shoppingrausch" - doch aus dem Ausland sind noch keine Zahlen bekannt.

Dieses Mal ging alles schon früher los. Seit Tagen konnte man sehen, wie günstig die Artikel am 11. November sein würden. Die 27-jährige Tina Fu kauft vor allem bei der günstigen, Ebay-ähnlichen Plattform Taobao, sie hatte ihre Liste schon am Samstag beisammen: 13 Artikel, unter anderem ein Zehnerpack Zahnbürsten, ein Kleid, zwei Handtaschen von Rebecca Minkoff. Regulär 850 Euro, jetzt weniger als die Hälfte, bezahlt per Alipay, dem Paypal-Äquivalent von Alibaba.

Selbst Frischmilch gibt es

Neuer Börsenriese
nun online

"Es ist die Bequemlichkeit", sagt Fu. "Ein paar Klicks, und man ist durch." Man könne sich ja alle Produkte aus allen erdenklichen Perspektiven anschauen. Und wenn doch mal Mist dabei ist? "Das gehört zum Spiel dazu", sagt sie. In Fus Wohnviertel werden jährlich neue Shopping-Zentren hochgezogen. Doch offline kauft sie nur noch noch Obst, Milch, Fleisch, das möge sie frisch. Wobei es auch längst große Frischmilchlieferdienste gibt.

Durch Peking ruckeln jeden Tag Abertausende Lieferpritschen auf drei Rädern. Sie sammeln an den Straßenrändern auf, was große Lieferwagen abladen, dann fahren sie damit durch die Häuserblöcke. Die meisten Onlineshopper lassen sich die Pakete ins Büro liefern, manche auch nach Hause. Fu hat eine Mitbewohnerin, die von daheim arbeitet und das Zeug Tag für Tag entgegennimmt. "Sie ist eine große Hilfe."

Alle Bekannten machen es genauso. Nur ihre Eltern würden sie immer wieder vor der neuen Shoppingwelt warnen. Sie vermuten, aus dem Netz kämen nur gefälschte Waren. Mittlerweile müsse sie schwindeln, erzählt Fu. "Als sie mich gefragt haben, woher ich meine neue Jacke habe, habe ich gesagt, ich war mal wieder in einem Geschäft."

Firmenporträt in Grafiken

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 11.11.2014
1. Alibaba
ist an sich ja eine schöne Seite. Und auf dem asiatischen Markt wohl der Hit. Die redebrechende Übersetzung in der internationalisierten Variante macht ein Einkaufen zum Vabanque Spiel. Viele Angebote sind nur rudimentär ausgezeichnet und mit Informationen versehen. Produktfotos sind meist Beispielbilder ohne das Produkt direkt zu bezeichnen. Das hilft mir als ausserasiatischem Kunden absolut nichts. Also doch weiter Ebay Amazon und andere europäische Shops.
Jasper Fetherstone 11.11.2014
2. Genau wie hier
In China ist es eben schon seit langem genau wie bei uns: Jeder noch so verblödete und überflüssige Schrott wird gekauft - nur eben in gigantischem Audsmaß.
spon-1292345938400 11.11.2014
3. clone handies ali baba
Ich habe gestern ein über Aliexpress als HUAWEI Honor 3C deklariertes bestelltes Handy bekommen. Das Ding ist ein clone, kein Huawei. Wer billig kauft kauft 2x Bitte keinen shitstorm jetzt :-)
hotnikks23 11.11.2014
4.
Ich habe durchweg positive Erfahrungen mit Aliexpress gemacht, bis heute habe ich 20 Bestellungen erhalten. Alles wie erwartet. Wer allerdings glaubt fuer 10€ einen Original Artikel zu erhalten, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Handyschalen fuer 2€ oder T-Shirts fuer 10€ und bis jetzt halten die Shirts auch die Waschmaschine aus. Nix spektakulaeres aber Preis / Leistung ist ok. Falls jemand Original Artikel bestellt hat, lese gerne Feedback.
Oberschlawutzi 11.11.2014
5. Das ist ja der Wahnsinn!
1,3 Milliarden Euro Umsatz! Dann hat ja rein rechnerisch jeder Chinese für einen Euro eingekauft! Ich bin platt!
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