Größter Börsengang der Geschichte Alibaba geht steil

Der Hype war gerechtfertigt: Bei seinem US-Börsengang hat der chinesische Onlinehändler Alibaba alle Rekorde gebrochen. Vorstandschef Jack Ma ist der neue Superstar der Tech-Branche.

Von , New York


Jack Ma, der Mann des Tages, gibt sich bescheiden. Statt, wie üblich, vom Balkon des Handelsparketts herabzuwinken, mischt er sich unter die Trader, Reporter und die chinesischen Gäste. Auch das rituelle Läuten der Börsenglocke überlässt er lieber acht seiner Kunden, während er selbst im Gewühl nur grinsend die Daumen reckte.

"Der Kunde ist Nummer eins", sagt der Chef des chinesischen Onlinehändlers Alibaba, als er sich kurz darauf ins Studio des Wirtschaftssenders CNBC am Rand des Börsenparketts setzt. "Der Angestellte ist Nummer zwei, und der Aktionär ist Nummer drei."

Das war immer schon Mas Motto, doch diesmal stimmt es natürlich nicht so ganz. Zumindest nicht an diesem Freitagvormittag, als Alibaba unter großem Hype an der New York Stock Exchange (NYSE) debütiert: Da ist der Shareholder die Nummer eins, die Person der Stunde.

Es ist nicht nur der bislang größte Börsengang in der Geschichte der Wall Street oder der größte der Tech-Branche: Es ist der größte der Welt. Chinas Web-Gigant begeistert die US-Märkte. Schon der tags zuvor bestimmte Ausgabepreis von 68 Dollar pro Aktie war ein Superlativ: Er bedeutete für Alibaba einen Marktwert von 168 Milliarden Dollar. Weil die beteiligten Banken am Freitag entschieden, noch einmal 15 Prozent mehr Papiere auszugeben, spülte der Börsengang 25 Milliarden Dollar Cash in Alibabas Kassen - mehr als die Tech-Premieren von Google, Facebook und Twitter zusammen.

Alibaba-Chef Ma an der NYSE: "Ich will die Shareholder glücklich machen"
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Alibaba-Chef Ma an der NYSE: "Ich will die Shareholder glücklich machen"

Dass Alibaba dann noch steiler starten würde, deutet sich schon an, bevor die Aktie unter dem Tickersymbol BABA fast zweieinhalb Stunden nach Börsenbeginn in den Handel kommt. Um 11.53 Uhr Ortszeit ist es schließlich so weit: Alibaba rast mit 92,70 Dollar aus der Startbox - ein kräftiger "Pop", wie ihn sich die Börsianer wünschen. Dann geht es in wildem Zickzack weiter, wie das seismische Zucken eines Erdbebens: steil aufwärts, steil abwärts.

"Ich will die Shareholder glücklich machen", sagt Ma, ein ehemaliger Englischlehrer, der Alibaba 1999 in seinem Wohnzimmer gegründet hat und damit zum reichsten Mann Chinas wurde. "Ich will sicherstellen, dass sie Geld verdienen."

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Börsendebüt von Alibaba: "Ich will die Aktionäre glücklich machen"
Da stört es für einen Augenblick nicht, dass diese furiose Premiere nur einer Clique handverlesener Insider zugutekommt, die Vorzugsaktien abstoßen: Alibabas eigene Top-Manager, Hedgefonds, gut vernetzte Großinvestoren - und der Silicon-Valley-Riese Yahoo Chart zeigen, der seinen langjährigen Alibaba-Anteil reduziert, indem er 121,7 Millionen Aktien verkaufte und damit gut elf Milliarden Dollar absahnte.

Da stört es wohl auch nicht, dass sich zunächst auch nur profilierte Börsenakteure die frischen Aktien schnappen: 80 Prozent gehen an die 40 größten NYSE-Konten. Für den Privatinvestor bleibt nur ein Bruchteil übrig. Von den rund 1700 Interessenten, die Order tätigen, gehen gut die Hälfte ganz leer aus.

Der Chinese Jiang Nan posiert vor der NYS: "Ich fühle mich extrem prächtig"
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Der Chinese Jiang Nan posiert vor der NYS: "Ich fühle mich extrem prächtig"

Und da stört es ebenso wenig, dass Alibabas mysteriöses Geschäftsmodell und seine Wachstumsaussichten weiter Fragen aufwerfen. Oder dass die Konzernmacht in der Hand von 27 "Partnern" gebündelt bleibt - während die Shareholder, dank der strengen chinesischen Börsengesetze gegen Ausländer, meist nichts zu sagen haben.

Ma versucht, den elitären Eindruck zu zerstreuen. Unter den Kunden, denen er das Rampenlicht des Börsenbalkons überlässt, sind der US-Farmer Peter Verbrugge, der Kirschen nach China exportiert, die Turmspringerin Lao Lishi, die bei den Olympischen Spielen 2004 die Goldmedaille holte, und Wang Zhiqiang, ein Einzelhändler aus der chinesischen Provinz.

Unterdessen verschwindet Ma selbst fast im Parkett-Gedrängel. Charmant beharrt er darauf, sich mit Art Cashin fotografieren zu lassen, einem der letzten legendären Trader, der seit 40 Jahren den Floor beherrscht: "Ohne ein Bild mit Art Cashin kann ich nicht gehen."

Für Cashin und für die NYSE selbst ist es vielleicht ein letzter Moment der Relevanz. Die neue Besitzerin der NYSE, die Intercontinental Exchange (ICE), will das 222-jährige Traditionshaus gesundschrumpfen - und das historische Parkett womöglich ganz abschaffen.

Wie groß will Alibaba am Ende werden? "Wir haben einen Traum", sagt der Selfmade-Milliardär Ma. "Wir hoffen, dass sich dank uns die Welt verändert."

Zumindest für ihn hat sich schon jetzt alles verändert. "Vor 14 Jahren fragte ich meine Frau: Willst du, dass dein Mann ein reicher Mann ist oder ein respektierter Geschäftsmann?", berichtet Ma. "Sie sagte: Natürlich ein respektierter Geschäftsmann. Denn sie dachte nie, dass ich mal reich würde."

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NewYork76 19.09.2014
1. Naja
Nach dem anfaenglichen "pop" sehe ich bisher keinen deutlichen Aufwaerts-Trend. Eher mal abwarten, wie das Ganze nach dem Wochenende aussieht. Auch bin ich gespannt wie die Geschaeftszahlen der naechsten Quartale aussehen und ob das Geschaeftsmodel wirklich zukunftstraechtig ist.
hubertrudnick1 19.09.2014
2. Rekorde gebrochen
Ja, sie haben Rekorde gebrochen, aber sie spielen ein falsches Spiel, denn keiner kann in ihren Karten/Finanzbücher schauen und sie haben ihren Stützpunkt auf einer dubiosen Steuerparadiesinsel und wer kann da diesen Neueinsteiger vertrauen und ihnen das Geld überlassen? Man nennt so etwas eine Zockerrbude. Auch wenn der chinesische Mark sehr groß ist, aber wer seine Bücher nicht offen darlegt, der hat was zuverbergen.
meinemeinung123 19.09.2014
3. Alibaba
Amazon, Ebay und co haben ihre Firmensitze auch in irgendwelchen Briefkästen in Steuerparadiese. Und ich möchte mal einen Aktionär sehen der in deren Bücher schauen kann. Also Alibaba ist da nicht anderes. Das einzige was anders ist, es sind chinesen und nicht die in deutschland beliebten Amerikaner.
dottore-x 19.09.2014
4. Jiang Nan
welche Euphorie! Ob es Gutgeht? Das ganze Konstrukt ist total undurchsichtig, der "Boß" hat schon eine Pleite hingelegt. Allen Anlegern:toi,toi,toi
heiko1977 19.09.2014
5.
Dies ist ein besserer Start als jeder andere westliches Unternehmen in den letzten Jahren hingelegt hat: Telekom grflopt, Facebook geflopt etc. Der Westen sollte endlich akzeptieren: seine Zeit ist vorbei, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich. Wir sollten beginnen nicht Bewahrungskämpfe zu führen sondern uns für die Zukunft positionieren. Dies bedeutet für Europa den Nationalismen der Staaten entsagen und sich vereinigen, die Wirtschaft umbauen hin zu einem kollektiven System und die politische Nähe im Osten suchen statt im niedergehenden Westen.
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