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Kohlestrategie von Finanzinvestoren: Alles öko? Von wegen

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Pünktlich zum Klimagipfel versprechen Finanzkonzerne wie die Allianz eine weitgehende Abkehr vom Kohlegeschäft. Doch es bleiben Schlupflöcher. Wie man die nutzen kann, zeigt der deutsche Braunkohleriese RWE.

Schaufelradbagger in Sachsen: "Es ist ein Symbol" Zur Großansicht
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Schaufelradbagger in Sachsen: "Es ist ein Symbol"

Der Weltklimagipfel hatte noch nicht begonnen, da trudelten die ersten Jubelmeldungen ein. Sie kamen allerdings nicht vom Tagungsort Paris, sondern aus München und später auch aus Essen.

In der vergangenen Woche gab der Versicherungskonzern Allianz Chart zeigen eine Abkehr vom Kohlesektor bekannt und folgte damit dem Beispiel anderer Großinvestoren. Am Dienstag kam dann die Nachricht, dass der Energiekonzern RWE Chart zeigen die erneuerbaren Energien in einer neuen Tochtergesellschaft bündelt und an die Börse bringt.

Die Botschaft ist in beiden Fällen die gleiche: Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe ist vorbei, die Zukunft gehört der grünen Energie. "Es gab zu wenig Veränderungsbereitschaft, und das ausgerechnet in der Energiewende", übte sich RWE-Chef Peter Terium in Selbstkritik. Allianz-Chefinvestor Andreas Gruber bezeichnete den Strategiewechsel als Zeichen "an unsere Branche und an die Kapitalmärkte".

Werden fossile Energieträger nun also von ihren Finanzierungsquellen abgeschnitten? Wohl kaum.

"Es ist ein Symbol", sagt Thomas Küchenmeister von der finanzmarktkritischen Organisation Facing Finance über die Entscheidung der Allianz. Die Klimaproblematik werde zunehmend von Investoren akzeptiert. "Substanzielle Veränderungen sind von diesem Schritt aber nicht zu erwarten."

Tatsächlich bergen Schritte wie die von Allianz und RWE auch ein großes Risiko: Unter wachsendem öffentlichen Druck könnten Bergbau- und Energiekonzerne ihre schmutzigen Geschäfte auslagern und verwässern - um auf diesem Wege weiter ihre Finanzierung zu sichern.

Problematischer Schwellenwert

BHP Billiton Chart zeigen etwa ist der weltgrößte Bergbaukonzern, allein im vergangenen Jahr hat er rund 70 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Dennoch müsste die Allianz sich ebenso wenig von BHP-Aktien trennen wie der norwegische Pensionsfonds, der bereits im Mai seinen Ausstieg aus der Kohlefinanzierung ankündigte. Denn BHP macht nur 13 Prozent des Gesamtumsatzes mit der Kohle. Sowohl die Allianz als auch die Norweger lehnen aber nur Investitionen in Unternehmen ab, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Energieproduktion mit Kohle erzeugen.

* Glencore: Anteil an industriellen Aktivitäten
Eindeutig überschritten wird diese Schwelle heute vor allem von Konzernen aus aufstrebenden Schwellenländern wie China, Indien oder Südafrika. Dagegen schaffen es auch andere westliche Rohstoffriesen wie Glencore oder Anglo American Chart zeigen locker unter die 30-Prozent-Marke (siehe Grafik). "Wer es ernst meint, sollte nicht mit Schwellenwerten arbeiten", kritisiert deshalb Experte Küchenmeister.

Und RWE? Mit einem Kohleanteil von 56 Prozent müsste der Konzern heute aus dem Portfolio fliegen. Doch praktischerweise wollen die Essener ihre Erneuerbaren-Sparte ja nun separat an die Börsen bringen - diese Papiere könnten sowohl die Allianz als auch der norwegische Pensionsfonds wohl problemlos wieder kaufen.

Die große Frage ist, was das für das herkömmliche Geschäft bedeutet. RWE-Chef Terium beteuert, man wolle sich auf diesem Weg nicht von atomaren Altlasten trennen, wie es E.on mit einer ähnlichen Aufspaltung versuchte. Vielmehr ließen sich über die neue, grüne Sparte Einnahmen erzielen, die dann in den Atomrückbau gesteckt werden könnten. "Das ist ein Zwischenschritt hin zur Abwicklung des alten Geschäfts", glaubt auch Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace.

Das Manöver lässt sich allerdings auch anders sehen: RWE erschließt sich unter einem grünem Deckmäntelchen neue Geldquellen, mit denen dann auch das schmutzige Geschäft mit der Kohle weiterfinanziert wird. "Wir brauchen Geld für Wachstum. Zur Zeit kriegen wir das nicht", räumte Terium erst vor wenigen Tagen ein. Nach der angekündigten Aufspaltung schoss die RWE-Aktie in die Höhe.

Bei der Allianz teilt man solche Befürchtungen nicht. "Man muss Unternehmen die Chance geben, sich neu aufzustellen", sagt Unternehmenssprecher Nicolai Tewes. Er verweist auf Banken, die faule Kredite nach der Finanzkrise in sogenannte Bad Banks ausgliedern konnten. Tewes macht aber auch deutlich, dass man die fossile Industrie weniger kritisch sieht als Umweltschützer. "Wir verteufeln die Bergbau- und Ölbranche nicht."

Greenpeace-Experte Smid lobt denn zwar auch die neuen Regeln der Allianz, fordert aber weitere Konsequenzen. Der Konzern müsse auch Kreditbürgschaften stoppen, die ihre Tochterfirma Euler Hermes für den Kohle-Abbau vergebe. "Das wäre nur konsequent."

Doch auch in diesem Punkt setzt die Allianz lieber auf schrittweise Veränderungen. Seit 2014 würden Bürgschaften nach ökologischen und sozialen Kriterien geprüft, sagt Sprecher Tewes. "Wir haben uns auch für Geschäfte entschieden, die uns zweifelhaft erschienen, aber bei denen wir im Dialog mit den Kunden etwas erreichen konnten."


Zusammengefasst: Finanzkonzerne wie die Allianz distanzieren sich zunehmend von fossilen Energieträgern. Doch auch die verschärften Investitionsregeln bieten noch erhebliche Schlupflöcher. Die könnte sich bald auch der deutsche Braunkohleriese RWE zunutze machen.
* Glencore: Anteil an industriellen Aktivitäten

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Mein Gott
mictann 04.12.2015
Wer glaubt denn noch an Umweltschutz? Ich nicht. Er ist lediglich ein höchst profitabler Geschäftsbereich, weil man unter dem Deckmantel des Umweltschutzes Unmengen Steuergelder in private Taschen leiten kann. Ohne jegliche Fortschritte im weltweiten Maßstab erzielen zu wollen. Die Verschmutzung wird nur umverteilt. Und das zahlen wir alle mir enorm viel Geld. Für nichts.
2. Wachstum
hansgustor 04.12.2015
"Wir brauchen Geld für Wachstum." Der Energiemarkt wird von wenigen großen Anbietern beherrscht, der Markt ist gesättigt und trotzdem ist das Ziel Wachstum? Ist das das einzige was man im BWL-Studium lernt?
3.
ir² 04.12.2015
Kohlestrom wird weltweit noch für Generationen ~ 2/3 der Leistungsbereitstellung sichern. Wenn die Deutschen es für eine gute Idee halten sich aus dieser Finanzierung zu verabschieden, kein Problem, weltweit gibt es genügend Kapital das nur darauf wartet den wegfallenden Teil zu übernehmen. Man schießt sich mal wieder in Sachen Energiepolitik in den Fuß, und fühlt sich auch noch großartig dabei...
4.
x+n 04.12.2015
Zitat von hansgustor"Wir brauchen Geld für Wachstum." Der Energiemarkt wird von wenigen großen Anbietern beherrscht, der Markt ist gesättigt und trotzdem ist das Ziel Wachstum? Ist das das einzige was man im BWL-Studium lernt?
Der weltweite Energiebedarf steigt und Prognosen gehen auch von weiterer Steigerung aus.
5.
wo_st 04.12.2015
RWE bringt ihre Kohlesparte in eine separate Aktiengesellschaft, damit man die Gesellschaft später separat abwickeln kann. Den Verlust übernehmen die doofen Aktionäre.
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Grafiken: So steht es um die globale Atomindustrie

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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