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Allianz-Vorstand zu Megatrends: "Es wird eine neue Zeitrechnung geben"

Die globale Elite trifft sich zum Weltwirtschaftsforum - mit dabei ist Davos-Urgestein Paul Achleitner. Der Allianz-Finanzvorstand, einer der mächtigsten deutschen Manager, spricht mit SPIEGEL ONLINE über Megatrends, die das Leben aller verändern.

Logo des Weltwirtschaftsforums: "Gemeinsame Normen für eine neue Realität" Zur Großansicht
REUTERS

Logo des Weltwirtschaftsforums: "Gemeinsame Normen für eine neue Realität"

SPIEGEL ONLINE: Herr Achleitner, Sie nehmen seit mehr als 15 Jahren am Weltwirtschaftsforum in Davos teil. 2011 steht es unter dem Motto "Gemeinsame Normen für eine neue Realität". Klingt wie ein neues Management-Buch vom Dalai Lama. Was erwarten Sie konkret?

Paul Achleitner: Das Problem der Blackberry-Gesellschaft ist, dass kaum noch jemand Zeit hat, sich in Ruhe über die langfristigen Entwicklungen auszutauschen, die unser Leben verändern werden. Das Weltwirtschaftsforum bietet die Möglichkeit zu Diskussionen abseits der kurzatmigen Frage, was gerade aktuell ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie prognostizieren, dass wir die Welt bald in die Zeiträume "Vor der Finanzkrise" und "Nach der Finanzkrise" unterteilen werden. Ist die Phase, die wir gerade erleben, so historisch wie die Geburt Christi?

Achleitner: Es wird eine neue Zeitrechnung geben - wenn auch nicht kalendarisch. Aber enorme Kräfte wirken auf die Welt ein, deren Bedeutung wir gar nicht genug überschätzen können. Dazu zähle ich die demografische Entwicklung, den Klimawandel, die Digitalisierung, den Aufstieg Asiens. Und am wichtigsten: das Ende des Lebens auf Pump. Wir müssen uns endlich entschulden.

SPIEGEL ONLNIE: Das sagen Politiker seit Jahrzehnten. Ohne Folgen.

Achleitner: Die Frage betrifft nicht nur die Politik, sondern auch Unternehmen und Privatleute. Wir haben das Wachstum der vergangenen 30 Jahre über Kredite finanziert. 1980 gab es auf der Welt genauso viele Schulden wie Eigenkapital, heute gibt es dreieinhalb Mal so viel geliehenes wie gespartes Geld. Diese Entwicklung müssen wir umkehren.

SPIEGEL ONLINE: Was antworten denn Ihre Kinder, wenn Sie ihnen sagen, Schulden seien schlecht? Sollten sie lieber sparen und ihre Wünsche später mit eigenem Geld finanzieren?

Achleitner: Schulden sind nicht per se schlecht. Aber ich mache meinen Kindern klar, dass sie nur so viel Kredite aufnehmen sollen, wie sie auch zurückzahlen können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das von Ihnen vorhergesagte Ende der Verschuldungsära?

Achleitner: Kredite werden teurer, es gibt weniger Geld. Entsprechend geht das Wachstum zurück. Höhere Kosten und niedrigeres Wachstum bedeuten wiederum niedrigere Gewinne. Bildlich gesprochen: Wir werden in Zukunft nicht mehr so weit laufen und so hoch springen können wie bisher.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit zwölf Jahren Vorstand für Finanzen bei der Allianz und damit auch verantwortlich für Kapitalanlagen in Höhe von 440 Milliarden Euro. Wollen Sie die Aktionäre auf geringere Renditen vorbereiten?

Achleitner: Nein, es ist völlig legitim, dass jedes Unternehmen weiter nach Wachstum und höheren Gewinnen strebt. Aber dieses Wirtschaften muss nachhaltig sein.

SPIEGEL ONLINE: Der Verweis auf Nachhaltigkeit ist meist nicht mehr als eine Floskel. Sie zeigen mit dem Finger auf andere: Wir machen weiter wie gehabt, ihr müsst euch ändern.

Achleitner: Nein, das hat die Allianz nicht nötig. Und große Teile der deutschen Wirtschaft auch nicht. Denn die Unternehmen verhalten sich bei den meisten globalen Herausforderungen vorbildlich - etwa was die Reduzierung der Treibhausgase angeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen im Aufsichtsrat von Bayer, RWE und Daimler und kontrollieren damit drei der größten deutschen Konzerne. Messen Sie das Management auch an Maßnahmen gegen den Klimawandel?

Achleitner: Ich kann keine Details aus den Aufsichtsräten ausplaudern. Aber auf diesem Gebiet passiert überall viel. Es gibt kein Unternehmen, das nicht konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des C02-Ausstoßes verabschiedet hat und sich mit der Frage der künftigen Rohstoffversorgung beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Man soll ja stets mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn das erste Ein-Liter-Auto kommt, tauschen Sie dann Ihren Dienstwagen ein?

Achleitner: Nein, aber meine Autos werden auch ständig umweltfreundlicher.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man verhält sich bereits ausreichend umweltbewusst, wenn das Auto früher 20 Liter brauchte und heute zehn?

Achleitner: Klar. Der Trend geht in die richtige Richtung, aber es muss noch viel mehr passieren. Und alle Unternehmen sind gut beraten, bei dieser Entwicklung mit dabei zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Zahlen Sie bei Flügen für die von Ihnen verursachten Treibhausgase?

Achleitner: Nein, vom Freikaufen des schlechten Gewissens halte ich nichts. Wir sollten bei der Diskussion über die Folgen des Klimawandels auch mehr Pragmatismus und weniger Glaubensbekenntnisse walten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Neben der Entschuldung und dem Klimawandel machen Sie auch die - wie Sie es nennen - Südost-Verschiebung als Megatrend aus. Welche Folgen hat der Aufstieg Asiens für Deutschland?

Achleitner: Zunächst einmal folgende Anmerkung: Mehr als 3000 Jahre haben China und Indien die Hälfte zur weltweiten Wirtschaftsleistung beigetragen. Dann hat die industrielle Revolution Nordamerika und Europa 150 goldene Jahre beschert. Unsere wirtschaftliche Dominanz ist im Langzeitvergleich eher die Ausnahme als die Regel.

SPIEGEL ONLINE: Falls das eine Beruhigung sein sollte: Sie hat nicht gewirkt.

Achleitner: Es liegt an uns, was wir aus dem Aufstieg Chinas und Indiens machen. Wir dürfen unsere Lage nicht schönreden - etwa indem wir sagen, Asien verdanke seinen Boom einem Heer von Billiglöhnern. Dort gibt es Millionen hochmotivierte und bestens ausgebildete junge Menschen. Leiter von Top-Universitäten in den USA sagen, sie hätten 100 Prozent Asiaten, wenn sie die Studenten nur nach Noten auswählen würden.

SPIEGEL ONLINE: Auch diese Aussage stimmt nicht wirklich euphorisch.

Achleitner: Ich glaube, dass unsere Jugend sehr gut mithalten kann, wenn wir unsere Schulen und Universitäten entsprechend verbessern. Zum Aufstieg Asiens kommen noch zwei andere Megatrends hinzu: die demografische Entwicklung und die Digitalisierung. Wenn wir auf diese richtig reagieren, gefährdet uns die Renaissance von China und Indien nicht.

SPIEGEL ONLINE: Fangen wir mit der Demografie an.

Achleitner: Wir Deutsche werden immer älter und immer weniger. Um unseren Sozialstaat dauerhaft finanzieren zu können, brauchen wir mehr Kinder, mehr Einwanderer und mehr Frauen, die arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Klingt plausibel. Allein: Wir bekommen immer weniger Kinder, wollen möglichst unter uns bleiben, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist noch lange nicht gewährleistet.

Achleitner: Das ist ja das Problem. Wir sollten endlich aufhören zu reden und anfangen, zu handeln.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern verändert die Digitalisierung die Welt?

Achleitner: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Außerdem ist jede Information überall zur gleichen Zeit erhältlich. Heute nutzen wir das aus, indem wir über Nacht Röntgenbilder in Indien auswerten lassen. Weil Arbeit künftig nicht nur da erledigt wird, wo sie am billigsten ist, sondern auch dort, wo sie am besten gemacht wird, werden immer mehr asiatische Firmen auf deutsches Know-how zurückgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alles global simultan erhältlich ist, mag das für die Wirtschaft von Vorteil sein. Aber welche Folgen hat dies für unsere Gesellschaft?

Achleitner: Wenn eine Nachricht zur gleichen Sekunde in jeder Redaktion der Welt ankommt, werden immer weniger Journalisten die Information überprüfen. Es könnte ja jemand anderes schneller damit raus sein. Ob die Information stimmte, will später eh kaum jemand wissen. Die unüberlegte Reaktion auf den schnellen Reiz bei einer immer größeren Datenflut lässt sich genauso bei Börsenhändlern, Managern und Politikern beobachten. Ich wage zu bezweifeln, dass dieses Verhalten zu besseren Entscheidungen führt.

SPIEGEL ONLINE: Wissen heutzutage die Facebook-Freunde von Kindern mehr über diese als deren Eltern?

Achleitner: Das glaube ich nicht. Eine Nachricht bei Facebook wird nie das persönliche Gespräch ersetzen können. Viel entscheidender ist aber, dass Facebook und Co. zu einer Vermengung früher getrennter Sphären führt. Es gibt nicht mehr das private und das öffentliche Leben. Beide verschwimmen immer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Bei Facebook geht es meist um harmlose Dinge. Bei WikiLeaks können dagegen geheime Dinge öffentlich werden. Gibt es im 21. Jahrhundert noch Vertrauen?

Achleitner: Alles, was jemand irgendwann mal gesagt oder geschrieben hat, kann in Zukunft gegen ihn verwendet werden. Und das Schlimme daran: Meist wird es aus dem Zusammenhang gerissen sein. Das ist keine schöne Vorstellung. Der Vertrauensverlust in unserer Gesellschaft ist einschneidend, daran ist aber nicht allein die Digitalisierung Schuld.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Achleitner: Ich vermag noch nicht zu beurteilen, welche Folgen der Vertrauensverlust langfristig hat. Vielleicht wird er die gravierendste Veränderung im 21. Jahrhundert sein. Vielleicht pendelt sich auch alles ein. Aber aus heutiger Perspektive sind die Folgen dramatisch.

SPIEGEL ONLINE: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos können Sie vertrauliche Gespräche führen?

Achleitner: Natürlich. Langfristig wäre es aber vertrauensbildend, wenn wir uns nicht nur in Davos die Zeit nehmen würden, die angesprochenen Trends wirklich zu verstehen, sondern wenn wir danach auch gute Lösungen finden.

Das Interview führte Sven Böll

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insgesamt 118 Beiträge
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    Seite 1    
1. Der Mann tut sich leicht
LeisureSuitLenny 26.01.2011
Sehr abgehoben und aus dem goldenen Wohnzimmer theoretisiert kommt mir das vor. Aber das mit den Asiaten ist interessant.
2. So einer leitet Allianz?
alex300 26.01.2011
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum Weltwirtschaftsforum*-*mit dabei ist Davos-Urgestein*Paul Achleitner. Der Allianz-Finanzvorstand, einer der mächtigsten deutschen Managern,*spricht mit SPIEGEL ONLINE*über Megatrends, die das Leben aller verändern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,740181,00.html
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3. Antwort
archie, 26.01.2011
Ja Herr Achleitner, man muss mal was in die Öffentlichkeit absondern, um weiterhin als kompetent wahrgenommen zu werden. Dabei muss man so wenig konkret werden wie möglich. Am besten sagt man nur, dass es so nicht weitergeht und man was tun muss. Dann denken alle, man wisse Bescheid und sei kompetent. Der Spiegel hat eine Seite gefüllt, der Leser hat nichts erfahren und alle sind zufrieden?
4. .
frubi 26.01.2011
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum Weltwirtschaftsforum*-*mit dabei ist Davos-Urgestein*Paul Achleitner. Der Allianz-Finanzvorstand, einer der mächtigsten deutschen Managern,*spricht mit SPIEGEL ONLINE*über Megatrends, die das Leben aller verändern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,740181,00.html
"SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen im Aufsichtsrat von Bayer, RWE und Daimler und kontrollieren damit drei der größten deutschen Konzerne." Das sollte eigentlich keine Frage sondern Kritik sein. Diese Vernetzung ist manchmal schon unheimlich. Vor allem wenn man weis, dass jemand, der heute in einer Familie mit 40.000 € Jahreseinkommen geboren wird, mit Sicherheit niemals in eine solche Position kommen wird. Die ganze Macht Deutschlands in wenigen Händen. Und diese Macht trifft sich nun gebündelt in nicht öffentlichen Sitzungen.
5. Glaubensbekenntnisse und endlich was tun?
GuentherX 26.01.2011
Was spricht nochmal gegen das 1-Liter-Dienstauto und CO2-Kompensation von Flugreisen? Aufhoeren zu reden, und endlich handeln, Ihre Worte Herr Achleitner! Ihr Lifestyle passt auch nicht mehr in die neue Zeitrechnung!
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Zur Person
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Paul Achleitner ist Finanzvorstand der Allianz, dem europäischen Marktführer bei Versicherungen und einem der größten Finanzkonzerne der Welt. Vor seinem Wechsel zum Dax-Mitglied war der 54-Jährige Geschäftsführer der US-Großbank Goldman Sachs in Deutschland.

Weltwirtschaftsforum in Davos
Das Treffen
Das Weltwirtschaftsforum in Davos findet in diesem Jahr zum 41. Mal statt. Von Mittwoch bis Sonntag treffen sich in dem Schweizer Nobelskiort rund 2500 Experten aus Wirtschaft und Politik, darunter Staats-, Regierungs- und Konzernchefs. Die Teilnehmer werden streng abgeschirmt, Tausende Polizisten sollen die weltweite Elite schützen.
Die Themen
Das Motto des Weltwirtschaftsforums lautet in diesem Jahr "Gemeinsame Normen für die neue Realität". Unter der "Neuen Realität" wird eine Welt verstanden, in der es mehr Machtzentren gibt und in der die Entwicklung größeren Schwankungen unterworfen ist als früher. Zu den wichtigsten Bedrohungen für die globale Wirtschaft zählen die Veranstalter etwa staatliche Zahlungsausfälle, zunehmende Ungleichgewichte zwischen boomenden Schwellenländern und nur moderat wachsenden Industriestaaten und die mangelhafte Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie.
Die Teilnehmer
Die Co-Vorsitzenden des Treffens sind unter anderem Nestlé-Chef Paul Bulcke und der Investor Jacob Wallenberg. Aus der Politik haben sich neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch der russische Präsident Dmitrij Medwedew, der britische Premier David Cameron, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der südafrikanische Staatschef Jacob Zuma und US-Finanzminister Timothy Geithner angesagt.

Aus der deutschen Wirtschaftswelt nehmen unter anderem folgende Konzernchefs teil: Josef Ackermann (Deutsche Bank), Frank Appel (Deutsche Post), Marjin Dekkers (Bayer), Christoph Franz (Lufthansa), Jürgen Hambrecht (BASF), Peter Löscher (Siemens) und Johannes Teyssen (E.on).
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