Alstom-Chef Patrick Kron Der Siemens-Hasser

In der Übernahmeschlacht um Alstom hat es Siemens-Chef Kaeser mit einem harten Gegenspieler zu tun: Patrick Kron. Der Chef des französischen Industriekonzerns hegt eine ganz persönliche Abneigung gegen den deutschen Kontrahenten.

Alstom-Chef Kron: "Mann mit Turbo-Hirn"
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Alstom-Chef Kron: "Mann mit Turbo-Hirn"

Von , Paris


Der Ausfall war bitter, der Vorwurf schwer: "Muss der Wirtschaftsminister in seinem Büro einen Lügendetektor installieren, wenn die Bosse der führenden Aktienunternehmen nicht das staatsbürgerliche Pflichtgefühl haben die Regierung zu informieren?", fragte eben dieser Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. Und während der Debatte in der Nationalversammlung bezichtigte er Patrick Kron öffentlich der Lüge.

Denn glaubt man dem aufbrausenden Sozialisten Montebourg, hätte der Alstom-Boss die Übernahme der Energietechnik durch den US-Giganten General Electric (GE) klammheimlich hinter dem Rücken der Regierung eingefädelt. "Seit Februar habe ich Patrick Kron befragt", legte Montebourg nach. "Er hat mir stets gesagt, es gäbe kein Projekt für einen Zusammenschluss."

Gab es doch. Offenbar bereits seit Herbst 2013 hatte sich der oberste Alstom-Manager nach internationalen Partnern für sein schwächelndes Unternehmen umgesehen - und dabei schnell eine Vorliebe für die amerikanischen Brautwerber um GE-Boss Jeffrey Immelt entwickelt. Gegen Siemens und seinen Chef Joe Kaeser, so Medienberichte, pflegt der gelernte Ingenieur Kron hingegen eine tiefsitzende Abneigung.

Eine Abneigung, die so weit geht, dass Kron sogar die französische Regierung brüskiert, die große Sympathien für eine Allianz zwischen Siemens und Alstom hegt. Ein riskanter Kurs für Kron, denn französische Staatsbetriebe wie die Eisenbahngesellschaft SNCF zählen zu den wichtigsten Alstom-Kunden. Da kann man sich normalerweise keinen Krach mit der Regierung in Paris erlauben. Wer ist der Mann, der da so hartnäckig mit dem Kopf durch die Wand will?

Kron, Sohn polnischer Immigranten, die die Nazi-Haft der Konzentrationslager überlebten und Ende der vierziger Jahre nach Frankreich übersiedelten, verkörpert den Aufstieg aus bitterer Armut zu einem Millionenjob. Während die fünfköpfige Einwandererfamilie in einem einzigen Zimmer an der Rue de la Goutte-d'Or lebt und zunächst in der Bekleidungsindustrie Arbeit findet, beginnt der begabte Junge nach dem Gymnasium seine Ausbildung an der Elitehochschule "Polytechnique".

Nach dem Abschluss als Bergbauingenieur arbeitet Kron für einen Ableger der französischen Firma Pechiney in Griechenland. Es folgt ein fünfjähriger Abstecher in den Staatsdienst und dann klettert Kron 14 Jahre lang bei Pechiney die Karriereleiter hoch. Ab 1998 bringt Kron die Metallfirma Imétal auf Vordermann, bevor er 2003 Alstom vor der Pleite rettet.

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Fotostrecke: Diese Hightech-Züge würde Alstom von Siemens übernehmen

"Der Mann ist begabt, manchmal sehr hart, rachsüchtig"

Vielleicht rührt Krons Feindschaft gegenüber Siemens Chart zeigen aus just jenem Abschnitt der Alstom-Geschichte. Verblüffend jedenfalls: Bereits damals sträubte sich Kron mit Händen und Füßen gegen die Übernahme des Traditionsunternehmens durch den Erzrivalen Siemens, in Frankreich präsent mit 7000 Beschäftigten. Kron spannte Nicolas Sarkozy, seinerzeit Finanzminister, als Helfer ein. Der konnte schließlich erreichen, dass der Staat ein Fünftel der Alstom-Anteile erwarb.

Die Rettung vor dem Zugriff der Deutschen zählt der spätere Präsident Sarkozy zu seinen persönlichen Erfolgen. Und Kron, den sein Bruder beschreibt als "Mann mit einem Turbo-Hirn", erwarb sich den Ruf eines "kompromisslosen Unterhändlers", so der Branchendienst "Trader-Finance": "Der Mann ist begabt, manchmal sehr hart, rachsüchtig." Sarkozy verlieh Kron 2004 den Orden der Ehrenlegion, die beiden sind seit dem gemeinsamen Alstom-Engagement befreundet.

Rund elf Jahre später ist der Noteinsatz für Frankreichs "Industrie-Juwel" Geschichte. Kron hat nun keine Skrupel, das von ihm geführte Unternehmen zu zerlegen und die wichtige Energiesparte an einen ausländischen Multi zu verkaufen.

Was die Allianz mit GE für Alstom bedeutet

Die Allianz mit dem US-Giganten, vom Alstom-Verwaltungsrat einmütig befürwortet, passt anscheinend zu Krons Zukunftskonzept: Danach würde sich Alstom Chart zeigen künftig auf die Transportsparte konzentrieren (mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV als Flaggschiff), während GE den Energiebereich fortführen würde.

Wichtig zudem: Durch den Mega-Deal würden die Amerikaner zehn Milliarden Euro in die leeren Alstom-Kassen spülen und das Unternehmen damit für künftige Investitionen wieder liquide machen. Und obendrein versicherten die GE-Bosse in einem Schreiben an Präsident François Hollande in Frankreich vier "strategische Entscheidungszentren" zu schaffen; abfallen würde eine ungenannte Zahl "hochqualifizierter Jobs".

Schließlich zählt für Kron ein weiterer Trumpf: GE beschäftigt in Frankreich bereits 11.000 Mitarbeiter an knapp zwei Dutzend Standorten. In Belfort, einem Hauptstandort von Alstom, liegen die Produktionshallen direkt nebeneinander, die Beschäftigten benutzen dieselbe Kantine.

Aus Sicht von Kron passt alles zusammen.

insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
joG 30.04.2014
1. Wir wissen, dass Siemens zumindest im Ausland ....
....mit Bestechung Aufträge einholte. Zumindest scheint das aus den Prozessen ziemlich eindeutig. Wahrscheinlich hat Kron Aufträge verloren dadurch. Der schaden ist nicht nachzuweisen und die verlorenen Gewinne und Jobs in Frankreich werden der besseren Leistung der deutschen Siemens zugesprochen. Das ist bitter.
spon-1281336460415 30.04.2014
2. optional
Ich frage mich, ob die Absage an Siemens nicht hauptsaechlich eine Botschaft an die franz. Regierung is, die sich wahrscheinlich ohne vorheriege Absprache mit Alstom eingemischt hat. Ich glaube, dass das Alstom Board sagen will, Regierung halte dich da heraus, wir sind die Lenker dieser Firma.
sossossos 30.04.2014
3. Deutsche Unternehmen haben ohne NSA Informationen über den Gegner keine Chance
Warum die Franzosen so begeistert in das US-Verderben laufen ist doch klar. Die von den französischen Eliten jahrzehntelang betriebene Verunklimpfung der Deutschen Industrie sitzt tief. Da nützen alle Schüleraustauschprogramme nichts. Geschäfte machen mit den anderen und die doofen Deutschen stehen für die Schulden gerade. Tolle Arbeitsteilung.
Pinin 30.04.2014
4. Wer glaubt dass bei Alstom ...
Zitat von joG....mit Bestechung Aufträge einholte. Zumindest scheint das aus den Prozessen ziemlich eindeutig. Wahrscheinlich hat Kron Aufträge verloren dadurch. Der schaden ist nicht nachzuweisen und die verlorenen Gewinne und Jobs in Frankreich werden der besseren Leistung der deutschen Siemens zugesprochen. Das ist bitter.
Wer glaubt dass bei Alstom weniger geschmiert wurde glaubt auch an den Weihnachtsmann. Die waren nur geschickter oder hatten mehr Unterstützung durch ihre regierung.
Hans_Kammerer 30.04.2014
5. Mhhh, mal überlegen...
Kron will also die innovative Sparte "Energieerzeugung" verscherbeln, damit er 10 mrd Euro hat um neue Züge zu entwickeln die ihm der französische Staat dann abkaufen darf. Verstehe...
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