Alternative Energien "Wir brauchen das Prinzip 'Think Big'"

Vestas ist der größte Hersteller von Windrädern - und damit Marktführer in einer Zukunftsbranche. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Firmenchef Ditlev Engel über den teuren Umbau zur grünen Wirtschaft, den kurzsichtigen Widerstand der Verbraucher und die Erosion der europäischen Dominanz.

Windräder in China: "Toll, sie erkennen ebenfalls die riesigen Potentiale"
AFP

Windräder in China: "Toll, sie erkennen ebenfalls die riesigen Potentiale"


SPIEGEL ONLINE: Das vergangene Jahr war für Vestas und die gesamte Branche mies. Ist der Chef des größten Windradherstellers der Welt für 2011 optimistischer?

Ditlev Engel: Wir mussten unsere Erwartungen nach unten korrigieren, weil unser Geschäft schwieriger geworden ist und wir für 2010 zu optimistisch waren. Die Auftragslage hatte sich bereits 2009 dramatisch verschlechtert, der Markt brach um 50 Prozent ein. Viele Investitionen wurden wegen der Finanzkrise vertagt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie für dieses Jahr nun optimistischer oder nicht?

Engel: Was mich langfristig für meine Branche positiv stimmt, ist die Tatsache, dass die großen energiepolitischen Probleme noch lange nicht gelöst sind.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Engel: Es gibt bei den traditionellen, fossilen Energieträgern irre Preisschwankungen, die niemandem helfen. Öl kostete im Sommer 2008 rund 140 Dollar, ein halbes Jahr später waren es nur noch 40 Dollar. Nun sind es wieder gut 100 Dollar. Unabhängig davon, wie sich der Preis kurzfristig entwickelt, eins steht eh fest: Die Zeiten günstiger Energie sind vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Ist die stark subventionierte Windenergie eine günstige Energiequelle?

Engel: Die Internationale Energieagentur hat berechnet, dass fossile Energieträger jährlich mit mehr als 300 Milliarden Dollar gefördert werden, alternative dagegen nicht einmal mit 20 Prozent dieser Summe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zukunft sagen Sie den regenerativen Energien voraus?

Engel: Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selbst zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Ein schöner Managerspruch.

Engel: Mag sein, aber es ist doch besser, selbst eine aktive Rolle einzunehmen anstatt herumzusitzen und zuzugucken, wie andere die Zukunft in die Hand nehmen. Ich glaube, dass die Windenergie in zehn Jahren rund zwölf Prozent des globalen Verbrauchs decken kann. Also sechsmal so viel wie heute.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie für die gesamte Branche so zuversichtlich?

Engel: Die grundlegende Frage ist doch: Wenn wir uns nicht für eine regenerative Zukunft entscheiden, was machen wir dann?

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet Ihre Antwort?

Engel: Die Deutschen wollen - wie andere auch - weder neue Kohlekraftwerke noch neue Atomkraftwerke. Und sie haben auch etwas gegen die Verspargelung der Landschaft mit Windrädern. Aber bevor die Menschen ständig sagen, was sie alles nicht wollen, müssten sie sich erstmal dazu äußern, was sie befürworten.

SPIEGEL ONLINE: Die Erfahrung lehrt, dass dies Wunschdenken bleiben wird.

Engel: Ich hoffe nicht. Dänemark und Deutschland sind bei der Windenergie Pioniere. Wir haben in Europa diese Energieform groß gemacht. Aber wir laufen Gefahr, diese Vormachtstellung zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Der mit Abstand wichtigste Markt für alternative Energien ist inzwischen China. Hat Europa seine Vorreiterfunktion nicht längst verloren?

Engel: Wir Europäer sollten stolz auf uns sein - und nicht sagen "Oh Gott, die Asiaten steigen auch in diese Industrie ein und investieren Unsummen", sondern denken "Toll, sie erkennen ebenfalls die riesigen Potentiale". Es geht bei der Windenergie nicht um ein Hobby nach dem Motto "Komm, wir machen mal ein bisschen Wind". Der Zugang zu Energie ist eine der grundlegendsten Zukunftsfragen für unsere Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft in Europa falsch?

Engel: Andere Regionen überholen uns nicht, weil sie schneller sind, sondern weil wir zurückfallen. Ich finde es frustrierend, dass die EU alle Chancen hat, die Energiefragen zu lösen, aber viel zu viel diskutiert und viel zu wenig handelt.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht, weil der Umstieg zur alternativen Energieversorgung so teuer wird?

Engel: Die dänische Regierung hat berechnen lassen, wie viel es kosten würde, bis 2050 komplett unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden. Das Ergebnis: Pro Jahr müsste Dänemark 0,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung investieren. Auf Deutschland übertragen entspräche dies gut zwölf Milliarden Euro. Das klingt viel, ist aber wenig, wenn man bedenkt, wie viele Milliarden der Anstieg des Ölpreises verschlingt.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie das Szenario einer durch und durch grünen Wirtschaft für realistisch?

Engel: Unsere Vision als Firma lautet: "Wind, Öl und Gas." Wir glauben, dass Wind die einzige Ressource ist, die neben Öl und Gas in der Zukunft als Mainstream-Energiequelle angesehen wird. Wenn wir eine grüne Revolution anzetteln wollen - und wir müssen es tun -, dann sollten wir möglichst schnell damit anfangen. Vertagen wird nur noch teurer. Das Problem ist aber, dass Politiker immer nur kurzfristige Entscheidungen treffen, weil langfristiges Denken nicht belohnt wird.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat über Jahre viel Geld in die Solarförderung investiert. Inzwischen kürzt die Regierung die Subventionen immer stärker. Fürchten Sie nicht das Ende des Booms alternativer Energien, bevor er richtig angefangen hat?

Engel: Nein, wir brauchen das Prinzip "Think Big". Die Staaten in Europa müssen mit dem nationalen Denken aufhören. Heute importiert Deutschland Öl und Gas aus aller Welt. Warum soll die Bundesrepublik nicht in Zukunft Solarenergie aus Spanien und Windenergie aus Großbritannien beziehen? Es spricht nichts dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Doch, es muss die entsprechenden Leitungen geben. Und dagegen wehren sich die betroffenen Bürger.

Engel: Es führt aber kein Weg daran vorbei. Sonst können wir eine effiziente und verlässliche Energieversorgung vergessen. Und die Menschen wollen ja auch in Zukunft Strom haben.

SPIEGEL ONLINE: Ein großes Problem bleibt aber die Speicherung von alternativen Energien. Was tun, wenn zu viel oder zu wenig Wind weht?

Engel: Zugestanden, noch gibt es keine echte Lösung. Es hat auch damit zu tun, dass in den vergangenen Jahren zu wenig im Bereich der Speichertechnologien geforscht wurde. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das ändern wird. Einen Teil des Problems werden wir bereits mit der Verbreitung von Elektroautos lösen: Die werden nachts in der Garage aufgeladen, wenn ansonsten wenig Energie verbraucht wird.

Das Interview führte Sven Böll auf dem Weltwirtschaftsforum



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Seite 1
bleifuß 07.02.2011
1. ...
Holland hats vorgemacht, erstmal die ganzen Subventionen für Wind u. Solarenergie massiv gekürzt. Im Gegenzug wird wieder fleißig in Atomkraft investiert. Wenn Wind und Solarkraft ohne Subventionen lebensfähig sind gerne aber bei den knappen Kassen zur Zeit, muß man eben die richtigen Prioitäten setzen. bleifuß
Traumflug 07.02.2011
2. .
Die Solarenergie hat der gute Mann ja mal elegant unter den Tisch fallen lassen. Natürlich sind die Solarzellen noch nicht so weit entwickelt wie Windräder, dafür sind sie aber deutlich unauffälliger. Statt an rote Dachziegel gewöhnt man sich einfach an dunkelblaue und alle sind zufrieden.
atomkraftwerk, 07.02.2011
3. .
Wenigstens ist der Mann aufrichtig und ehrlich in dem was er sagt, das hat man selten. Aber 12% globalen Verbrauch decken heisst eben nicht 12% in D. Wo sollen die Dinger in D stehen, es ist einfach kein Platz, und das wurd oft genug festgestellt. Und offshore mit gigantischen neuen Leitungen bis zur Zugspitze, das rechnet sich nicht und widerstrebt dem Prinzip das der zukünftigen Energiegewinnung zugrunde liegt, nämlich dezentral stattzufinden. Aus diesem Grund löst auch der Vorschlag Windenergie aus UK und Sonnenenergie aus Spanien zu importieren keinerlei Probleme. Da kann man auch gleich beim Gasimport aus der Sowjetunion bleiben.
Roller, 07.02.2011
4. Der Windertrag wird systematisch mehr als halbiert!
Zitat von sysopVestas ist der*größte Hersteller von Windrädern - und damit Marktführer in einer Zukunftsbranche. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Firmenchef*Ditlev Engel über den teuren*Umbau zur grünen Wirtschaft, den kurzsichtigen Widerstand der Verbraucher und die*Erosion der europäischen Dominanz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,743375,00.html
die noch nicht mal theoretisch im Ansatz geloest ist. Aber man baut erst mal drauf los, egal ob es was bringt. Es muss Zeit gewonnen werden und dafuer ist das Maerchen 100% aus EE genau richtig. Der Windenergie-Ertrag wird mit dem heutigen Energiegrab 50Hz-Verbundsystem mehr als halbiert und ist nicht speicherfaehig. Das ist kurzsichtig, aber sichert das Monopol. Die Verbraucher haben Recht, wenn sie gegen das unnuetze Geldverpulvern protestieren.
Kranken-pfleger 07.02.2011
5. Grün
Wer Grün wählt möchte Windkrafträder überall egal ob sie stören (Lärm/Lichtschatten). Wer Grün wählt will neue Überlandstromkabel egal ob sie stören. Wer Grün wählt ist gegen Individualverkehr, nur der Geld hat soll es sich leisten können. Danke Grüne
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