Altkleidermarkt: Lumpen und Sammler

Von Lillian Siewert

Die Altkleider-Sammlung ist zu einem großen Geschäft geworden. Wer Textilien spendet, kann kaum nachvollziehen, was wirklich damit geschieht. Ein junges Unternehmen aus Mönchengladbach verspricht mehr Transparenz - zu Recht?

Texforcare-Geschäftsführer Schmitz und Solá: Sie wollen mehr Transparenz Zur Großansicht
Texforcare/Giulio Coscia

Texforcare-Geschäftsführer Schmitz und Solá: Sie wollen mehr Transparenz

"Packmee" ruft der Pappkarton mit aufgemaltem Gesicht in schrillem Ton. Zwei große Kulleraugen blicken den Zuschauer erwartungsvoll an: Der sprechende Karton fordert auf, Kleidungsstücke zu spenden, die nicht mehr gefallen oder passen. Nach knapp zwei Minuten ist das Werbevideo auf der Webseite zu Ende. Und das Prinzip von Packmee erklärt: Seit Oktober 2012 können alte Kleider, Schuhe, Brillen, Hörgeräte und Haustextilien wie Handtücher oder Bettlaken an der Haustür dem Paketdienst übergeben werden.

Es reicht aus, einen alten Umzugskarton zu packen. Ab fünf Kilo ist der Versand kostenlos. Hinter Packmee steht die Betreibergesellschaft Texforcare GmbH in Mönchengladbach. Geschäftsführer sind Marco Solá, der aus der Werbe- und Marketingbranche kommt, und Paul Schmitz. Schmitz war es, der bei seiner Mitarbeit im elterlichen Textilsortierbetrieb feststellte: Das Sammelsystem in Deutschland ist nicht offen und fair gestaltet. Packmee möchte anders sein: Die Kartonspende soll ein Vorbild in Sachen Transparenz werden und "das bisherige Sammelsystem revolutionieren", wie die beiden 50-Jährigen unbescheiden formulieren. Unternehmensprofit und Spende stünden gleichermaßen im Vordergrund: Die Hälfte der Erlöse fließt in soziale Projekte.

Transparenz verbunden mit Bequemlichkeit - damit hebt sich Packmee tatsächlich von den üblichen Verwertern von Altkleidern ab. Diese versuchen hauptsächlich, mithilfe von Containern und Sammelstellen in Geschäften an die gebrauchte Kleidung zu kommen. Die Konkurrenz ist groß: Neben karitativen Organisationen buhlen viele gewerbliche Sammler und illegale Organisationen um die Gunst der Kleiderspender, auch Modeketten so wie Städte und Kommunen sammeln. Letztere dürfen das seit vergangenem Sommer im Zuge einer Gesetzesänderung. Wie die meisten wittern auch sie Einnahmen aus dem Altkleidergeschäft: Der Weiterverkauf bringt Sammlern bis zu 400 Euro pro Tonne Altkleidung. Geld, das den klammen Kommunen gut tut. Denn wenn es um Altkleiderspenden geht, ist Deutschland europäischer Spitzenreiter. Mehr als 750.000 Tonnen geben die Deutschen jährlich in die Sammelsysteme. Das entspricht einer Lkw-Schlange von Kiel bis München.

Unseriöse Sammler suggerieren Gemeinnützigkeit

Die Alttextilbranche setzt damit geschätzt 300 Millionen Euro um. Dass von ihrer Kleidungsspende oftmals nicht karitative Einrichtungen profitieren, sondern Sammler, die damit handeln, wissen viele nicht - das Geschäft mit den Lumpen ist alles andere als übersichtlich. "Wer sammelt und wohin die Kleidung gelangt, wird meist nicht kommuniziert", sagt Thomas Ahlmann von Fairwertung. In dem Verein haben sich rund 110 gemeinnützige und kirchennahe Organisationen zusammengeschlossen, die Kleidung sammeln. Seit fast 20 Jahren analysiert Fairwertung Sammlung und Verwertung von Gebrauchtkleidung und prüft Organisationen auf Transparenz und Glaubwürdigkeit.

Nach Schätzungen des Vereins werden bis zu 80 Prozent der aussortierten Kleidung in Deutschland über Altkleidercontainer erfasst. "Besonders hier wird oft getrickst", sagt Ahlmann. "Weil aus Konkurrenz längst ein regelrechter Kampf um Altkleider geworden ist."

Nicht selten stehlen illegale Sammler Kleidersäcke oder klauen sogar ganze Container, um sie woanders für eigene Zwecke wieder aufzustellen. Von den rund 120.000 Altkleidercontainern in Deutschland seien mindestens 15 Prozent nicht legal, so Ahlmann. Leider ließen sich die schwarzen Schafe von seriösen Sammlern kaum unterscheiden. "Mit religiösen Symbolen und Hilfeaufrufen suggerieren unseriöse Sammler Gemeinnützigkeit", sagt Ahlmann. Den karitativen Deckmantel würden sich aber auch gewerbliche Sammler überstülpen, die ihre Container gegen eine Lizenzgebühr mit dem Logo karitativer Einrichtungen schmücken. Für die bleibt oft nur die minimale Leihgebühr übrig.

Verschenken statt verkaufen?

Wer sicher gehen will, dass seine Spende Bedürftigen zugute kommt, wendet sich am besten direkt an Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser und karitative Einrichtungen. Die Mitarbeiter verschenken die Bekleidung oder verkaufen sie zu sozialen Preisen. Denn der weitere Weg, den die Altkleidung nach Abgabe im Container zurücklegt, ist bei allen Sammelorganisationen ähnlich undurchsichtig - bei den karitativen wie bei den gewerblichen.

Den Inhalt einer Containerladung verkaufen Sammler meist ungesehen an Textilsortieranlagen. Dort werden die Kleidungsstücke per Hand nach Qualität sortiert und in über 400 Kategorien eingeteilt. Im Schnitt landet jedes zehnte Kleidungsstück im Abfall. Etwa ein Drittel wird zu Putzlappen verarbeitet oder zu Badematten, Dämmstoff und Dachpappe recycelt. Nur rund die Hälfte der sortierten Kleidung ist noch tragbar - und wird häufig ins Ausland verkauft.

Die Sortierbetriebe finanzieren sich hauptsächlich über diese Secondhand-Ware, der an Recyclingfirmen verkaufte Teil deckt kaum die Kosten der Sortierung und Entsorgung. Hochwertige Ware landet meist in Osteuropa, die B-Ware auf afrikanischen Secondhand-Märkten. Vor Ort verkaufen lokale Händler die Ware dann weiter an zahlungsfähige Kunden.

"Im Mittelpunkt der Vermarktungskette stehen heute nicht mehr die Bedürftigen, die Kleidung benötigen, sondern diejenigen, die am meisten Geld bieten", kritisiert Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut, das zu Themen der Weltwirtschaft forscht. Wäre es dann nicht besser, die gemeinnützigen Organisationen würden die Altkleider verschenken anstatt sie zu verkaufen?

"Verschenken macht leider keinen Sinn", sagt Thomas Ahlmann. Wenn man die Kleidung umsonst verteilen würde, müsste man jedem Kleidersack rund 10 Euro beilegen, damit die Kosten für die Sortierung und der Transport in die Länder einigermaßen gedeckt seien. "Bei Hilfsgüterlieferungen entsteht außerdem oftmals auch ein Schwarzmarkt", sagt Ahlmann. Viel gewonnen wäre also nicht.

Packmee leitet Brillen und Hörgeräte kostenlos an seine Partner weiter, darunter die Stiftung RTL - Wir helfen Kindern, Lions und Care. Textilspenden und Schuhe verkauft das Unternehmen an Händler in Osteuropa. Dort arbeitet das Unternehmen mit mehreren Sortierbetrieben zusammen, um "höchste Marktpreise zu erzielen". Trotz des Transparenzversprechens nennt das Unternehmen keine Namen, "aus Wettbewerbsgründen".

Mit der Nachfrage wächst der Schwarzmarkt

Wie viel Geld Packmee mit dem Verkauf der Altkleider verdient, will Solá ebenfalls nicht exakt beziffern, aber "mehr als 400 Euro pro Tonne" seien es in jedem Fall. Das läge auch an der guten Qualität der Spenden - nur drei Prozent der Kleidung muss aussortiert werden. "Gute Sachen packt man lieber in Kartons als in Container, die womöglich klamm und feucht sind", so Solás Begründung.

Wo die Ware aber wirklich landet und ob sie korrekt sortiert und recycelt wird, ist besonders in Osteuropa oft unklar. Die weltweite Nachfrage nach Secondhand-Ware ist groß - und darum auch der Schwarzmarkt. Die Unternehmen im Osten locken mit Preisen, die Sortierbetriebe in Deutschland kaum unterbieten können. Den Machern von Packmee sind die teils dubiosen Praktiken in den osteuropäischen Ländern durchaus bewusst. "Wir arbeiten daher nur mit zertifizierten Anlagen, die anständig sortieren, den Restmüll umweltgerecht entsorgen sowie faire Löhne und Arbeitsbedingungen gewährleisten", sagt Marco Solá.

Wenn es um die Glaubwürdigkeit von Siegeln und Zertifikaten geht, rät Thomas Ahlmann von Fairwertung allerdings besonders im Ausland zur Vorsicht. "Gerade in Osteuropa achtet nicht jeder zertifizierte Betrieb auf höchste ökologische und soziale Standards." Nicht nur bei der Sortierung wird möglichst Geld eingespart, auch bei der Containerleerung und dem Transport. Viele gemeinnützige Organisationen beauftragen deshalb gewerbliche Sammler. Die Erlöse aus dem Altkleiderverkauf teilen sich das Sammelunternehmen und die Non-Profit-Organisationen.

"Wir sind das Sammelsystem mit der höchsten Spendenausschüttung", sagt Solá, bezieht sich mit seiner Aussage aber nur auf den Vergleich zu den kommerziellen Sammlern, die NGOs nur eine Gebühr für ihr Logo zahlen. "Wir wollen bei Packmee den Spendenanteil irgendwann sogar auf bis zu 80 Prozent erhöhen." Auf diesen Anspruch hin ließe sich das Unternehmen von seinen karitativen Partnern überwachen.

Sobald die ersten Zahlen Anfang 2014 erfasst und bilanziert sind, will Packmee auch Einnahmen, Ausgaben, Spendenhöhe und -verwertung offenlegen. Wie viele Kartons bisher an Packmee geliefert wurden, lässt sich noch nicht genau beziffern. Von 200 bis 400 Kartons täglich spricht Geschäftsführer Marco Solá, er rechnet damit, dass im Spätsommer das Geschäft profitabel sein könnte. Für die erste Spende sind die Geschäftsführer noch in Vorleistung getreten: Einen Monat nach Sammelstart im vergangenen Oktober hat Packmee der Stiftung RTL 100.000 Euro übergeben.

Das Geschäft mit den Gebrauchtkleidern boomt

In der Recyclingbranche wird der neue Verwerter eher kritisch beäugt. Das System der Kartonspende und auch die zusätzlichen 30.000 Annahmestellen der Logistikpartner Hermes und DHL seien zwar beachtlich. Allein der Werbeaufwand dürfte außerordentlich hoch sein, um den langfristigen Erfolg zu sichern. Die Gründer von Packmee selbst sprechen von Investitionen im siebenstelligen Bereich. Zukünftig werde man aber statt auf großes Werbebudget auf Unternehmenskooperationen setzen, etwa mit Weight Watchers. Teilnehmer an den Diätprogrammen des Unternehmens sollen ihre zu groß gewordenen Kleidungsstücke an Packmee spenden.

Ob per Karton, via Container oder als Direktspende - das Geschäft mit den Gebrauchtkleidern boomt. Und übersteigt in Deutschland längst die Nachfrage der Sozialkaufhäuser und karitativen Einrichtungen. Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut glaubt, dass das Spenden auch dazu dient, das eigene Gewissen zu beruhigen.

"Wir konsumieren viel zu viel, tun dann aber mit unseren aussortierten Stücken noch was Gutes." Gleichzeitig schmälert die sinkende Qualität der Kleidung die Erlöse. Jeans und T-Shirts von Discounter sind meist nicht mehr verwertbar und enden in der Müllverbrennungsanlage. Das kostet Geld. Rund 100 Euro pro Tonne.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

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1.
meinmein 06.07.2013
Zitat von sysopDie Altkleider-Sammlung ist zu einem großen Geschäft geworden. Wer Textilien spendet, kann kaum nachvollziehen was wirklich damit geschieht. Ein junges Unternehmen aus Mönchengladbach verspricht mehr Transparenz - zu Recht? Altkleider-Sammlung: Was passiert mit den Spenden? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/altkleider-sammlung-was-passiert-mit-den-spenden-a-908808.html)
Mangelnde Transparenz und Bequemlichkeit führten dazu, dass ich meine Altkleider bisher weggeworfen habe. Die Mülltonne ist halt näher als der Altkleidercontainer. Und für mich ist das Ergebnis gleich: weg ist weg.
2. sicher sind einige hedge sydikate da schon lange dran
micromiller 06.07.2013
und bescheren ihren lieben investoren einen geldregen ohne ende. das problem mit der sinkenden qualitaet kan man je steuern, in dem man verbietet (evl europaweit mit entsprechender EU richtlinie) billigkleidung auf diese weise zu entsorgen. es sollten fuer den billigschrott ex kick etc. sonderdeponinen auf gemeindebasis eingerichet werden und die verbringung grundsaetzlich nur im direkten weg, also konsument zur deopnie, gesetzlich geregelt werden.
3. unglaublich!
genervt! 06.07.2013
Ich finde es nicht okay, daß selbst bei caritativen Einrichtungen hinter den Spendensammlungen kommerzielle Interessen stehen und die Sachen einfach nur meistbietend verkauft werden. Wenn ich etwas spende, dann möchte ich einem bedürftigen Menschen helfen und nicht nur die Taschen eines Unternehmers füller. Der kauft sich dann mit unseren Spenden seinen Sportwagen, den wir uns nicht leisten können. Ich werde es mir zukünftig überlegen, ob ich noch meine gebrauchte Kleidung spenden werde...!
4. von wegen - Kleiderkammern seriös !
marny 06.07.2013
bei uns im Caritas-Laden holen jeden Tag Wiederverkäufer die besten Stücke ab - die dort arbeitenden Damen können niemanden daran hindern. Die Reste bekommen die Bedürftigen. Mit Haushaltsgegenständen läuft das auch so !
5.
Jochen Binikowski 06.07.2013
Vor 30 Jahren haben die Chinesen mit subventionierten Dumpingpreisexporten die Textil- und Schuhindustrien in fast allen Entwicklungsländern vom Markt gefegt. Dadurch sind Millionen Arbeitsplätze pulverisiert worden. Daran hatten die Chinesen allerdings keine lange Freude denn nun sind sie es die durch die Gebrauchtklamotten plattgemacht werden. PS: Ich lebe auf den Philippinen. In unserer Kleinstadt gibt es ca. 50 kleine Läden mit Auslandsklamotten, aber kein einziges Geschäft das reguläre Neuware verkauft.
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Zur Autorin
  • Die gebürtige Hamburgerin Lillian Siewert hat ihren BA in Angewandte Kulturwissenschaften und BWL an der Leuphana Universität Lüneburg absolviert. Nach dreijähriger Pendelei und ersten journalistischen Erfahrungen im Team des "Hochschulmagazins" und als Schreibkraft der "Lüneburger Landeszeitung" ist sie seit Anfang 2012 in der Redaktion von "enorm" angekommen.