Bericht der "Washington Post" Amazon soll keine Steuern auf Multimilliarden-Gewinn gezahlt haben

Amazon soll einem Medienbericht zufolge 2018 prozentual weniger Steuern als die ärmsten 20 Prozent der US-Amerikaner gezahlt haben. Das Unternehmen kann sich das zweite Jahr in Folge über einen negativen Steuersatz freuen.

Amazon-Büro in New York
AP

Amazon-Büro in New York


Amazon hat im vergangenen Jahr auf Gewinne von 11,2 Milliarden Dollar offenbar keine Steuern gezahlt. Dies geht aus einer Analyse des Institute for Taxation and Economic Policy (ITEP) hervor, wie die "Washington Post" berichtet. Die Zeitung gehört Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Wie viele andere große Unternehmen senkt Amazon seine Steuern jedes Jahr durch eine Vielzahl von Schlupflöchern. Das Vorgehen: Der Konzern nutzt Steuergutschriften und setzt auf eine erhebliche Steuerbefreiung durch Bezahlung in Form von Aktien und Aktienoptionen.

Auf diese Weise erhielt das Unternehmen letztes Jahr einen Steuerfreibetrag in Höhe von 129 Millionen Dollar. Das führte laut "Washington Post" zu einem effektiven Steuersatz von etwa minus einem Prozent.

Es ist offenbar das zweite Jahr in Folge, dass Amazon einen negativen Steuersatz auf einen Multimilliarden-Gewinn erhält. Der durchschnittliche Steuersatz, den die ärmsten 20 Prozent der amerikanischen Haushalte zahlen, lag 2015 laut Tax Policy Center bei 1,5 Prozent.

Amazon argumentiert mit Investitionen

"Amazon zahlt alle Steuern, die wir in den USA und in allen Ländern, in denen wir tätig sind, zahlen müssen", sagte Amazon-Sprecherin Jodi Seth in einem Statement. Man habe zuletzt Körperschaftsteuer in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar gezahlt und in den vergangenen drei Jahren Steueraufwendungen in Höhe von 3,4 Milliarden US-Dollar gehabt, so die Sprecherin, die auch auf umfangreiche Investitionen verwies.

"Wir haben seit 2011 mehr als 160 Milliarden US-Dollar in die USA investiert und ein Netzwerk von mehr als 125 Fulfillment- und Sortierzentren, Hubs und Lieferstationen sowie Cloud-Computing-Infrastruktur sowie Wind- und Solarparks aufgebaut", sagte Seth weiter.

Börsennotierte Unternehmen wie Amazon sind dafür verantwortlich, im Interesse der Aktionäre zu handeln. Dies interpretieren viele Unternehmen als Aufforderung, ihren Unternehmenswert zu maximieren, indem Steuerlasten minimiert werden.

Matthew Gardner, leitender ITEP-Mitarbeiter, bezeichnete die Situation als Fehlschlag amerikanischer Steuerpolitik. "Amazons Gewinne in den USA haben sich im letzten Jahr verdoppelt. Wenn irgendjemand der Körperschaftssteuer unterliegen sollte, würden alle hoffen, dass es sich um Amazon handelt", sagte er.

Von 2009 bis 2018 erzielte das Unternehmen seinen Angaben zufolge einen Gewinn in Höhe von rund 26,5 Milliarden Dollar und zahlte darauf Steuern in Höhe von 791 Millionen Dollar für einen effektiven Bundessteuersatz von 3,0 Prozent für diesen Zeitraum, so die Analyse des ITEP. Dies liegt weit unter dem gesetzlichen Körperschaftsteuersatz von 35 Prozent, der für den Großteil dieses Zeitraums gelte.

Amazon handelt wie die meisten Großkonzerne

Dabei nutzt Amazon nicht allein die umfangreichen legalen Steuerschlupflöcher. Frühere ITEP-Analysen hätten gezeigt, so die "Washinton Post", dass die rentabelsten 500 Unternehmen der "Fortune"-Liste zwischen 2008 und 2015 einen durchschnittlichen effektiven Bundessteuersatz von 21,2 Prozent zahlten, weit unter dem in diesem Zeitraum geltenden gesetzlichen Satz von 35 Prozent. Einhundert der Unternehmen hatten in mindestens einem profitablen Jahr null oder negative Steuern gezahlt, 58 von ihnen hatten mehrere Null-Steuerjahre und waren dabei profitabel.

Amazon hat kürzlich die Pläne zum Bau eines Campus in New York City gecancelt. Lokale Aktivisten, Gewerkschaften und Politiker haben gegen die mehr als drei Milliarden Dollar Subventionen opponiert, die dem Unternehmen versprochen worden waren, um sich in New York anzusiedeln. "Statt sich ernsthaft mit der Gesellschaft zu beschäftigen, die sie tiefgreifend ändern wollten, setzte Amazon seine Bemühungen fort, die Regierungen unter Druck zu setzen, um zum Ziel zu kommen", sagte der Senator des New Yorker Bundesstaates Michael N. Gianaris in einer Erklärung.

Am Ende gab das Unternehmen jedoch entnervt auf.

sth/jat



insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
jj2005 17.02.2019
1. Amazon ist gut
"Lokale Aktivisten, Gewerkschaften und Politiker haben gegen die mehr als drei Milliarden US-Dollar Subventionen opponiert ", dann "gab das Unternehmen jedoch entnervt auf." - mir kommen die Tränen! Bin übrigens auch Amazon-Kunde - die sind einfach toll effizient, alles funktioniert. Dennoch bin ich dafür, massivst einzugreifen zugunsten des Einzelhandels, denn ich bin gegen das Sterben der Innenstädte, und selbst Amazon kann mir die fehlende Schraube nicht so augenblicklich liefern wie der Eisenwarenhändler um die Ecke. Ganz zu schweigen von dem Genuss, in einer Buchhandlung zu stöbern, und das interessante Buch dann sofort nach Hause zu tragen. Der Buchhändler wird bald zumachen, weil die Kunden nur noch zum Stöbern kommen, die Bestellung dann aber bei Amazon machen, weil's da 15% billiger ist. Wenn die Bundesregierung sich entschliessen könnte, den "Offlineverkauf" mit 10% Mehrwertsteuer zu belasten, dafür aber den Onlineriesen 25% in Rechnung zu stellen, dann wäre ein wichtiges Stück deutscher Kultur gerettet. Und einige Mammutunternehmen würden ENDLICH Steuern zahlen wie alle anderen auch.
Fantastic 17.02.2019
2.
Die Ausnutzung von "Steuerschlupflöchern" ist legal, aber sozial kontraproduktiv. Der Gesetzgeber muß dafür sorgen, daß dieser Mißbrauch abgestellt wird. Das ist nicht die Aufgabe einzelner Unternehmen. Die handeln selbstverständlich im eigenen kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Interesse. Die Politik hat das gesamtwirtschaftliche und soziale langfristige volkswirtschaftliche Interesse zu vertreten. Wann wird das mal auch von den verantwortlichen Politikern begriffen? Es gibt halt einen Interessenkonflikt zwischen kurzfristiger persönlicher Betrachtung und langfristiger allgemeiner Betrachtung. Kann man in jedem Lehrbuch der Mikro/Makroökonomie nachlesen. Soweit überhaupt Interesse besteht, was ich mittlerweile bezweifle.
quark2@mailinator.com 17.02.2019
3.
Kunden müssen ihre Umsatzsteuer immer gleich beim Einkauf bezahlen. Warum führt man das nicht für Unternehmen ein ? In Bulgarien gab es eine Weile ein System, da hatte die Firma immer zwei Konten parallel, das normale und das Steuerkonto. An das kam nur der Staat ran, die Kunden überwiesen formal auf das normale Konto, aber ein bestimmter Prozentsatz landete zwangsweise auf dem Steuerkonto. Natürlich rettet sowas den Staat nicht davor, daß die Firmen sich Steuergutschriften erarbeiten, aber das muß dann über Gesetze geregelt werden. Wichtig ist, daß das Geld erstmal gar nicht im Zugriff des Unternehmens ankommt, sondern der Staat es ggf. erstattet.
gammoncrack 17.02.2019
4. Vielleicht könnte SPON mich ja mal in die Headline bringen?
Ich gebe nämlich zu, dass ich versuche, mein Nettoeinkommen durch Nutzung aller steuerrechtlichen Möglichkeiten zu erhöhen. Könnte es sein, dass Amazon genau das gleiche macht? Wenn man so etwas verhindern will, muss man eben die Steuergesetze entsprechend anpassen. Und der Artikel gibt ja auch her, dass Amazon nicht alleine dasteht. Das machen andere Unternehmen auch, aber wahrscheinlich pickt man sich Amazon deswegen heraus, weil dort der größte Betrag hintersteht. Ich schaffe es wohl deswegen nicht in die Headline, weil ein paar 100.- Euro nicht der Rede wert sind.
trustableman 17.02.2019
5. Amazock boykotieren!
Amazock Europa vermeidet am Headquarter Luxemburg jeden Cent Körperschaftssteuer, Mitarbeiter an den Auslieferungs-Zentren schuften zu Mindestlöhnen, Produktanbieter werden gegenseitig ausgespielt, Mehrwertsteuer-Abgabevermeidung ist der Standard und Preisabsprachen sind Routine. Alexa gehört in den Hexenkessel und Amazock in den Bannstrahl von Boykotten.
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