Amazon-Chef Jeff Bezos Der Hyper-Zocker

Seit 20 Jahren nimmt Amazon-Chef Jeff Bezos Verluste in Kauf, um schneller zu wachsen. Manche vergleichen seine Strategie mit einem Schneeballsystem, andere nennen es die Zukunft. Nun rauscht die Aktie ab. Verlieren die Investoren die Geduld?

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AP

Hamburg - Den bislang vielleicht größten Rückschlag seiner Karriere erlebte Jeff Bezos nicht diesen Donnerstag, als er den größten Quartalsverlust seit 14 Jahren verkünden musste und die Aktie seines Unternehmens Amazon um gut elf Prozent abstürzte. Viel betroffener schien ihn 2011 das vorläufige Scheitern eines anderen Projekts gemacht zu haben. Am 24. August hatte er ein unbemanntes Raumschiff ins All geschickt, einen Testflieger, um irgendwann einmal Weltraumtouristen befördern zu können. Kurz über der Stratosphäre musste das Schiff wegen technischer Probleme gesprengt werden.

Die gescheiterte Weltraummission ist ein Sinnbild für die Geschäftsphilosophie des 50-jährigen Texaners. Bezos, dessen Persönlichkeit das introvertierte Wesen des Computerfreaks mit dem hochrationalen Habitus eines Investmentbankers vereint, hat sich nie um Profanes wie Profite geschert. Solche hat sein nach einem gigantischen Fluss benanntes Internetimperium in seiner 20-jährigen Geschichte fast nie geschrieben.

Stattdessen konzentrierte sich Bezos' unersättliche Expansionsstrategie von Anfang an auf ein anderes, zentrales Ziel: Er wusste, dass sich der globale Konsum im Zeitalter des Internets fundamental verändern würde - und er versuchte von Anfang an, einen möglichst großen Anteil dieser neuen Welt durch Amazons Datenmaschine zu leiten.

Seit zwei Jahrzehnten verfolgt Bezos dieses Ziel unerbittlich. Er expandiert dafür in irrem Tempo in immer neue Geschäftsfelder. Er investiert jeden Cent von Amazons Profit - in manchem Quartal auch mal ein paar Hundert Millionen Dollar mehr.

Die Investoren haben lange an Bezos geglaubt. Der Wert der Amazon-Aktie ist seit dem Börsengang 1997 um mehr als 15.000 Prozent gestiegen. Manche sehen den drahtigen Glatzkopf als einzig wahren Erben von Steve Jobs. In seinen Präsentationen könne Bezos ähnlich stark die Realität verzerren, wie es der 2011 verstorbene Apple-Chef konnte, sagen Investoren im Silicon Valley.

Nun aber, nach dem historischen Verlust im dritten Quartal, bekommt dieses Bild Risse. Bezos' aggressive Expansionsstrategie kann nur so lange funktionieren, wie Investoren an seine Alles-oder-nichts-Wette glauben. Und dem Aktienkurs nach zu urteilen, sind sich manche Investoren inzwischen nicht mehr ganz so sicher, ob dieser Mann eigentlich noch weiß, was er tut.

Vom Zocker zum Hochstapler ist es nicht weit. Entsprechend vergleicht manch Experte Bezos' Strategie mit einem Schneeballsystem, bei dem die Geldinfusionen immer neuer Investoren über ein nicht tragfähiges Geschäftsmodell hinwegtäuschen. Andere, wie Ben Evans, Partner beim Silicon-Valley-Starinvestor Andreessen Horowitz, nennen Bezos' Strategie die Zukunft.

Selbst ein abgebrühter Risikofreak wie Evans macht jedoch eine gewichtige Einschränkung: "Die Frage ist, ob Sie glauben, dass Bezos die Zukunft erfasst", schreibt er am Ende der wohl tiefgründigsten Analyse, die derzeit über Amazons Geschäftsmodell öffentlich verfügbar ist. "Das - und wie lange Sie bereit sind zu warten."

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muellerthomas 24.10.2014
1. Recherche?
"hat sich nie um Profanes wie Profite geschert. Solche hat sein nach einem gigantischen Fluss benanntes Internetimperium in seiner 20-jährigen Geschichte fast nie geschrieben." In den 51 Quartalen seit 2002 hat Amazon in ganzen vier oprative Verluste erzielt und seit dem Börsengang 1997 in insgesamt 23 von 71 Quartalen. Das ist für SpOn also "fast nie" Profit gemacht? Die Summe aller operativen Gewinne und Verluste seit 1997 beläuft sich auf +6,145 Mrd. USD.
spon-facebook-10000015195 24.10.2014
2. Das würde ich zu gern miterleben..
Das würde ich gern miterleben, wie ein Weltkonzern wie Amazon so richtig baden geht. Das würde den globalen Internethandel komplett aus den Fugen bringen!
tanzindenmai 24.10.2014
3. glaube und hoffnung
die samwers unterscheiden sich von herrn bezos nur dadurch, daß sie noch haare auf dem kopf haben.
deepfritz 24.10.2014
4.
Zitat von spon-facebook-10000015195Das würde ich gern miterleben, wie ein Weltkonzern wie Amazon so richtig baden geht. Das würde den globalen Internethandel komplett aus den Fugen bringen!
Amazon ist klasse. Ich wünsche denen viel Erfolg.
muellerthomas 24.10.2014
5.
Wieso schreiben Sie etwas zu Apple, wenn es im Artikel um Amazon geht? Nebenbei bemerkt notiert die Apple-Aktie gerade auf Allzeithoch. Von welchen "derben Verlusten" sprechen Sie also, die irgendjemand realisieren müsste?
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