Überraschender Gewinn Amazon kann auch liefern

Ein Mini-Gewinn reicht, um Amazons Aktionäre in Ekstase zu versetzen. Sie sollten sich besser nicht an Profite gewöhnen. Der Eroberungsfeldzug des Bezos-Konzerns hat gerade erst begonnen.

Amazon-Lager in Bad Hersfeld
AP

Amazon-Lager in Bad Hersfeld


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Nimmt man Jeff Bezos' Geschäftsstrategie ernst, ist bei Amazon im abgelaufenen Vierteljahr etwas schiefgelaufen: Der Internethändler hat einen Gewinn gemacht.

Der Überschuss von 513 Millionen Dollar (452 Millionen Euro) passt nicht zum obersten Mantra des glatzköpfigen E-Commerce-Gurus Bezos: Dem Ziel, seinen Kunden günstige Preise zu bieten, ordnet er praktisch alles unter. Gewinnausschüttungen für Investoren ebenso wie faire Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter.

In seinen gut 20 Jahren irrsinnigen Wachstums vom Start-up zum globalen Konzern mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar fuhr der Konzern Verluste oder allenfalls magere Gewinne ein. So mager, dass der Silicon-Valley-Investor Benedict Evans bereits mutmaßte, dass Amazon wohl jemanden beschäftige, "der jedes Quartal sicherstellen soll, dass das Ergebnis möglichst nahe bei Null liegt".

Andere ätzten, Bezos zahle einfach nicht gerne Steuern.

So oder so, schon die hauchdünne Gewinnmarge sorgte für einen Sprung der Amazon-Aktie um rund zehn Prozent direkt nach Börseneröffnung und machte Bezos so auf einen Schlag zum viertreichsten Mann der Welt.

Amazons Anleger sind geduldig

Amazons Erfolg an der Börse spiegelt gewissermaßen den Misserfolg von Apple Chart zeigen. Dass die iCompany 2015 einen Rekordgewinn einfuhr, nützt ihr bei Investoren gar nichts. Denen graut es vor der Zukunft, vor einem weiter sinkenden iPhone-Absatz und Problemen in China.

Bei Amazon Chart zeigen tolerieren die Anleger dagegen, dass die möglichen Gewinne beständig reinvestiert werden - weil sich der Konzern damit Anteile auf neuen Märkten erobert und dabei ganze Branchen umpflügt. Einst den Handel mit Büchern und Elektronikgeräten, inzwischen baut Amazon auch Tablets und Lautsprecher, produziert preisgekrönte Serien und liefert Lebensmittel.

Der Großteil dieser Geschäfte war auch im ersten Quartal 2016 defizitär, sogar der Onlinehandel außerhalb der USA. Für den Gewinn sorgte in erster Linie die Tochter Amazon Web Services (AWS), die Entwicklern Serverkapazitäten in der Cloud bereitstellt. Die Sparte verdreifachte ihren Gewinn auf 604 Millionen Dollar.

Obwohl sich Amazon auf dem Markt einen heftigen Preiskampf mit Google Chart zeigen und Microsoft Chart zeigen liefert, treibt der Boom der Online-Dienste die Nachfrage nach Serverkapazitäten und beschert der Cloud-Computing-Sparte Amazons offenbar mehr Geld, als der Konzern ausgeben kann.

AWS ist ein gutes Beispiel für Amazons Eroberungsstrategie, wie der Tech-Journalist Brad Stone in seiner Bezos-Biografie "The Everything Store" beschreibt: Als Amazon die Konzernsparte 2006 ins Leben rief, drängte Bezos darauf, die Cloud-Dienste noch günstiger zu machen als geplant. Als ihn seine Manager warnten, dass man bei diesen Preisen Verluste schreiben würde, soll Bezos nur "Großartig!" geantwortet haben - hohe Margen zögen eh nur Konkurrenten an.

Mit dieser Billigstrategie quält Amazon seine Wettbewerber auf praktisch jedem seiner Märkte: Der Konzern aus Seattle startet eigene Modelabels und strahlt in seinem Streamingservice "Prime Video" Modesendungen aus - eine Attacke auf Zalando und Co. Oder er produziert neue Fernsehserien für "Prime Video" und rückt so Netflix auf die Pelle.

Amazon verdient an Netflix' Erfolg mit

Sein großes Netz an Produkten und Dienstleistungen ist dabei sein Vorteil: Lieferungen innerhalb weniger Stunden kosten Amazon im Zweifel weniger als Zalando Chart zeigen, weil der Amazon-Bote mit der Handtasche sicher noch ein Buch und die drei Tüten Milch für den Nachbarn ausliefern kann. Und an dem Erfolg von Netflix Chart zeigen verdient Amazon sogar mit: Wenn eine neue "Orange is the New Black"-Staffel online geht, bucht der Streaming-Anbieter zusätzliche Serverkapazitäten bei AWS.

Die Strategie birgt auch Risiken: Amazon könnte zu einem Konglomerat werden, das in jedem Bereich von spezialisierten Herstellern und Handelsplattformen besiegt wird. Nur bisher gibt es dafür keine Anzeichen - sicher auch, weil das Wachstumspotenzial riesig bleibt: In den USA werden laut einer Studie des Marktforschungsinstituts eMarketer erst acht Prozent aller Waren online verkauft, in Deutschland neun Prozent.

Die heiteren Zukunftsaussichten könnten den Amazon-Kurs auch künftig treiben - die Hoffnung, dass die Gewinne ab jetzt immer weiter zulegen, eher nicht. Finanzchef Brian Olsavsky stellte die Investoren bereits darauf ein, dass im laufenden Quartal kräftig investiert wird, etwa in neue "Prime"-Serien.

Für Amazons zahlreiche Konkurrenten ist das keine gute Nachricht. "Es gibt nichts Gefährlicheres für eine Gesellschaft als einen Menschen, der nichts zu verlieren hat", hat der amerikanische Schriftsteller James A. Baldwin gesagt.

Mit Blick auf Amazon könnte man dazu sagen: Es gibt keinen gefährlicheren Konkurrenten als den, der sich dauerhaft Verluste leistet.

Zusammengefasst: Ein Gewinn von einer halben Milliarde Dollar lässt die Amazon-Aktie in die Höhe schießen. Eigentlich ist der Onlinehändler bekannt dafür, seine Gewinne in ständig neue Geschäftsfelder zu investieren. Eine neue Strategie ist aber nicht erkennbar: Mit schnellen Lieferungen und dem Ausbau seines Streamingdienstes "Prime Video" hat sich Amazon weitere große Projekte vorgenommen. Die Strategie, seine Konkurrenten auf allen Märkten zu unterbieten, zieht Konzernchef Bezos weiterhin gnadenlos durch.

insgesamt 3 Beiträge
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warz 29.04.2016
1. Wow!
Keine Gewinne, alles wieder ausgeben, um mehr zu bekommen um es wieder auszugeben. Ist das nicht so wie z.B. Volksbanken und Raiffeisenbanken agieren? Oder alle sozialistischen Vereinigungen: Nichts für sich, sondern alles fürs weiterkommen? Schwer zu fassen das ganze Unternehmen...
muellerthomas 30.04.2016
2.
Amazon hat zwischen 2003 und 2011 in praktisch jedem Quartal Gewinne erwirtschaftet. Seitdem ist es gemischt, im Durchschnitt wurde aber auch seit 2012 ein Überschuss erwirtschaftet.
farbraum 30.04.2016
3.
Klingt wie das Vorgehen von Tesla, die quasi bei Apple und Amazon die erfolgreichsten Strategien kopieren. Nur dass es beim Thema Tesla noch einige Halbwissende gibt, die nicht kapieren dass eine sehr hohe Marge und hohe Investitionen langfristig richtig gefährlich für den Rest der Autoindustrie werden.
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